…die Überschrift knüpft – wie Leser dieses Blogs unschwer bemerken – an das letzte Posting Ein berühmter Mann als Feuerwerfer an. Nach dem feurigen Evangelium von gestern hat der Wiener Erzbischof das Wort.
Mit der Initiative „Apostelgeschichte 2010“ will Christoph Kardinal Schönborn ein neues Kapitel Kirchengeschichte beginnen, und legt ein erstes Bekenntnis vor der heute beginnenden Diözesan-versammlung ab, im Wiener Stephansdom vor 1.500 Delgierten und Gästen aus 500 Pfarren.
Die Themen Hoffnung und Barmherzigkeit – Christus als Person gewordene Hoffnung und Gnade – ziehen sich seit vielen Jahren wie ein roter Faden durch die Verkündigung des Wiener Erzbischofs. Lesen wir im Folgenden Ausschnitte aus der Eröffnungsrede:
Ich möchte mit einem Erlebnis beginnen, das ich als Weihbischof bei meiner ersten Vikariatsvisitation hatte, im fünften Wiener Gemeindebezirk. Es war in der Pfarre „Auferstehung Christi“, Johann Pointner war damals Pfarrer und ich kam zu einem Vorgespräch zu ihm. Er hat gesagt, sie werden also kommen und wir werden einen schönen Gottesdienst feiern mit der Gemeinde und es wird einen Begegnung mit den Mitgliedern der Pfarre geben. Und dann hat er, wir standen vor der Kirche, mit einer großen Geste auf die riesigen Gemeindebauten gezeigt und gesagt: Und was werden die vielen Menschen, die da wohnen, von dieser Visitation merken?
Die Frage geht mir seither nicht aus dem Sinn. Ich glaube, sie hat meine Bischofszeit geprägt. Denn ich denke, dass wir in meiner Amtszeit als Bischof wahrscheinlich die größten Veränderungen und Umbrüche in der Kirche (und auch unserer Gesellschaft) sehen, die seit Jahrzehnten – ich würde sogar sagen seit zwei Jahrhunderten – geschehen sind. Und in diesen gewaltigen Umbrüchen möchte ich bewusst mit Ihnen gemeinsam leben und hoffentlich auch gestalten.
Mir schwebt seit langem das Modell Apostelkonzil vor, wie es in Apg 15 beschrieben wird. Auch damals gab es einen gewaltigen Umbruch, ganz am Anfang der Kirche: Soll die junge Kirche in den Grenzen des Judentums bleiben oder soll sie sich den Heiden öffnen? Sollen die Heiden, auch die Christen das jüdische Gesetz übernehmen? Statt sich in dieser dramatischen Frage von den Problemen, die riesig waren, lähmen zu lassen, haben die Apostel einen anderen Weg beschritten. Sie haben einander erzählt, was sie als Wirken Gottes erlebt haben:
Ich zitiere Apg 15: „Als man sich aber lange gestritten hatte, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ihr wisst, dass Gott vor langer Zeit unter euch bestimmt hat, dass …die Heiden das Wort des Evangeliums hörten und glaubten…“ Und dann erzählt er, was Gott gewirkt hat, wo der Heilige Geist am Werk war, und was er daraus als den Weg und Willen Gottes erkannt hat.
[...]
Die Frage der Barmherzigkeit bewegt mich seit Jahren. Sie wurde mir zur Kernfrage meines Lebens: ich möchte die Menschen (und mich selber) so sehen können wie Jesus sie (und mich) sieht! In meiner Erfahrung ist daraus ein fünffaches Ja geworden, das ich als das Ja Jesu Christi sehe, das Ja Gottes zu uns, zu unserer Zeit, und das möchte ich Ihnen kurz in Stichworten sagen.
1. Ja sagen zu unserer Zeit, zum Heute, in der wir leben.
Gott liebt diese Zeit, die Menschen heute. Mein täglicher Lieblingspsalm ist der Ps 95 (am Tagesbeginn): „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht…“ (Hebr 3,7; Ps 95). Wir leben heute. Sehen wir diese Zeit mit Jesu Augen. Lieben wir unsere Zeit im Heute, in der Gegenwart Jesu!
2. Ja sagen zu unserer Situation.
Wir sind, besonders in Wien, gewaltig geschrumpft. Wir werden weiter schrumpfen, schon allein aus demographischen Gründen. Wir müssen Abschied nehmen von vielem, das uns lieb, wichtig, heilig war. Gott aber liebt uns in dieser unserer Situation. Ja sagen auch zu dem, was wächst, was Förderung braucht, und was uns Gottes Weg in dieser Zeit zeigt. Trauen wir uns, gemeinsam hinzuschauen auf das, was wir loslassen müssen und das, was der Geist des Herrn uns für heute als neue Chancen zeigt.
3. Ja sagen zu unserer gemeinsamen Berufung als Getaufte und Gefirmte.
„Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit zu erleuchten, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint. Deshalb verkündet sie allen Geschöpfen das Evangelium“ (LG 1).
Die Kirche hat ein Antlitz. Sie hat mein Antlitz. Ich bin immer auch ein Gesicht der Kirche. Jede und Jeder von uns ist so Gesicht der Kirche, auf dem Christus, das Licht der Menschen, leuchtet. Und es leuchtet wirklich. Nicht immer ganz hell, aber doch. Wir alle sind Antlitz der Kirche für das Licht Christi. Daher ist der „Sendungsauftrag“ aller Getauften zuerst ein persönlicher. „Face to face“, von Angesicht zu Angesicht, so geht Mission. So ging es immer. Auch ein „Face book“ kann das nicht ersetzen. Wie können wir „face to face“ die erreichen, die der Herr mit seinem Evangelium erreichen will?
4. Ja zur Stellvertretung.
Dass wir wenige sind, soll uns nicht schrecken. Jeder, der glaubt, steht für viele. Niemand glaubt für sich alleine, wie auch niemand für sich alleine lebt. Als aktive Minderheit in unserer Gesellschaft wird es immer wichtiger, dass wir das Prinzip „Stellvertretung“ leben und annehmen: Wir tragen im Glauben, in unserem Beten und Feiern viele andere mit: Sagen wir es ihnen auch gelegentlich! Wenn Du am Sonntag in die Kirche gehst und der Nachbar gerade Rasen mäht, sag‘ ihm: „Ich bete auch für dich!“ „Ich nehme deine Sorgen und anliegen mit in die Messe!“ „Ich gehe für dich!“ Mission heißt immer auch Stellvertretung: Einer für den anderen!
5. Ja zum gesellschaftlichen Auftrag.
Unsere Pfarren, Gemeinden, Gemeinschaften und kirchlichen Einrichtungen bilden ein großes Netzwerk der Nächstenliebe! Wir sind in einer spannungsreichen Situation: einerseits werden unsere Mittel und Möglichkeiten weniger, andererseits werden die Nöte und Herausforderungen größer. Je dünner die sozialen Netze werden, desto mehr ist unsere Phantasie der Nächstenliebe gefordert. Es ist beeindruckend, was hier in unseren kirchlichen Einrichtungen geleistet wird, von Ihnen allen!
Ich komme zurück auf die Einleitung meiner Ansprache: Die Pfarre „Auferstehung Christi“ – zehn Jahre später. Inzwischen ist Franz Scharl dort Pfarrer. Ich feiere Gottesdienst mit der schwarzafrikanischen Gemeinde. Die Kirche ist randvoll! Es wird gesungen, getanzt! Ein Gottesdienst voll afrikanischer Temperamente, mitten in Wien.
Wien hat sich enorm verändert. Die Kirche Wiens spiegelt die Weltkirche wider. In der Stadt natürlich deutlich mehr als in den beiden „Landesvikariaten“. Sie wird sich weiter stark wandeln. Fast 30 Prozent der Priester im Diözesandienst haben eine nicht-österreichische Herkunft. Die anderssprachigen Gemeinden in Wien bilden bereits einen erheblichen Teil der Kirche Wiens. Sie sind Kirche! Sie sind wesentlicher Teil der Kirche Wiens.
Ich bin gespannt, ob es uns gelingt, gemeinsam auf das zu hören, was der Geist der Kirche heute sagt, unserer Kirche, uns persönlich, uns allen. Ja, komm, Heiliger Geist, komm und zeige uns Deine Wege!
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Die vollständige Rede gibt es bei kathweb
Fortsetzung zu den Themen der Diözesanversammlung folgt.
Konkrete Ergebnisse werden für die Abschlussversammlung im Mai 2010 erwartet.

23. Oktober 2009


























Vielen Dank!
die Nr. 1 hat mir besonders gut gefallen :)
ich denke nicht, dass alles früher besser war ;)
LG