Über den Mut, auch 2010 unpopuläre Fragen zu diskutieren

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Das kleinste Geschenk unterm Weihnachtsbaum hat mich am meisten zum Nachdenken angeregt, besonders im Zusammenhang mit der konkreten Situation einer christlichen Mutter – mehr dazu am Ende des Beitrags.

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In Fragen der Sexualität nehmen viele die Kirche als Gesprächspartnerin oder gar Lehrerin nicht mehr ernst. Am Befund, dass die Enzyklika Humanae Vitae Mitschuld daran trägt, kommt man kaum vorbei. Welche Aussichten gibt es, um diese Entwicklung neu und radikal zu beeinflussen?

In einem Dialog mit der Jugend gehen Kardinal Carlo M. Martini und Pater Georg Sporschill SJ diesen Fragen nach: Jerusalemer Nachtgespräche, Herder Verlag, 4. Auflage 2009 . Im Kapitel „Die Liebe lernen“ werden die heiklen Themen Lebensferne und Leibfeindlichkeit der Kirche von Jugendlichen, mit denen Pater Sporschill und Kardinal Martini im Kontakt stehen, hinterfragt.

Wie könnte die Kirche einen Weg für die Jugend weisen?

Schlagen wir das Evangelium auf und  hören wir die Stimme Jesu: Er ruft zur Hingabe. Wer sich hingibt, wird das Leben gewinnen. Wo gibt sich jemand hin, um andere Menschen aufzubauen? Das ist die Kernfrage im Umgang miteinander, auch im Bereich der Sexualität. Wenn Verzicht gefordert wird, kann er nur das Ergebnis von Liebe und Hingabe sein. Dabei kann ich keinen Verzicht fordern, ohne zu zeigen, wie attraktiv das Ziel ist: Für die Liebe lohnt sich der Verzicht (C.M. Martini).

Im Klartext: Viele Stellungnahmen, Einschätzungen und auch Angriffe werden den Anlagen und Möglichkeiten des Menschen überhaupt nicht gerecht. Nur um der Herausforderung zu entgehen, dass sich Menschen weniger aus Instinkt als vielmehr aus freiem Willen und vor allem der Liebe wegen hingeben, wird diese eigentliche Form der Liebe ins Lächerliche gezogen und weggewischt. Warum das so ist? Weil nur sehr wenige Menschen verzichten wollen und können. Der gesellschaftliche Fortschritt des Westens lächelt uns an und flüstert uns zu: Es gibt keinen Grund Verzicht zu üben, geh nur und genieße dein Leben ohne Grenzen…

Für mich ist grundlegend wichtig: Die Hingabe ist der Schlüssel zur Liebe. Der Mensch ist dazu berufen, über sich selbst hinauszureichen. Das bedeutet für andere da zu sein und auf sie angewiesen zu sein (C.M. Martini).

Der Mensch hat also die Fähigkeit, mit Hilfe des Geistes über sich hinauszuwachsen. Wer aber kann das ernst nehmen, der den Schlagzeilen der Naturwissenschaften (Evolutionsbiologie, Hirnforschung) folgt und zu erkennen meint, dass der menschliche Geist wissenschaftlich nicht belegbar ist, und die Freiheit des Willens nichts als eine hehre Illusion ist?

Die Hingabe betrifft darüber hinaus die Transzendenz. Wir können von einem Niveau auf ein höheres Niveau aufsteigen. Der ehelichen Liebe wohnt diese Dynamik inne, die von der Fortpflanzung der Art ausgeht, doch sie hat ein Ziel: Die Transzendenz führt über die Freundschaft und Partnerschaft, über den Schutz des Schwachen, über die Erziehung hin zum Königtum Gottes; in der Hingabe öffnen sich die Menschen für Gott (C.M. Martini).

Es sind die säkularen Teile der Gesellschaft, die ihre Ansprüche in Sachen Vorbehalte gegen christliche Erziehung, Homoehe mit Adoptionsrecht, kein Kruzifix im öffentlichen Raum und begleiteter Suizid immer aggressiver durchzusetzen beginnen und dabei das atheistische Schlagwort verinnerlicht haben: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Gott.

Nach diesem Ziel (unserem Gott und Schöpfer) strecken wir uns in der leiblichen Begegnung aus. Auf das Ziel zu schauen, ist wichtiger als danach zu fragen, ob dieses oder jenes erlaubt oder Sünde ist. Die Sexualität hat eine innewohnende Dynamik, die dich nicht zufrieden sein lässt mit dem, was du erreicht hast; du zerstörst dich und deine Beziehung, wenn du stehen bleibst, wo du gerade bist. In der Begegnung liegt eine Transzendenz, ein Wachstum der körperlichen und geistigen Liebe. Das meint Paulus, wenn er sagt: Der Leib ist nicht für die Unzucht (also primär für die Lust) da, sondern für Jesus Christus (C.M. Martini).

Kommen wir nach dieser biblischen Betrachtung der Liebe zurück in den (christlichen) Alltag, zu einer tatsächlichen Begebenheit:  Eine Familienmutter mit zwei Kindern will eine Verhütungsmethode (mit operativem Eingriff verbunden) einsetzen, und wird im Beichtgespräch vom Priester abgewiesen, mit der Begründung einer unzulässigen künstlichen Verhütungsmethode – schon wächst beim einen oder anderen Leser die Empörung, sei es aufgrund „verständnisloser Beichtväter“ oder spezifischer kirchlicher Verhütungsverbote.

Doch diese emotionalen und eingefahrenen Reaktionen greifen viel zu kurz, genau jetzt haben wir die Möglichkeit, auf die Worte des Jesuiten Martini zurückzugreifen und einige entscheidende Fragen zu stellen:

  • Sehe ich meine Partnerbeziehung, die nach christlicher Sicht nicht für sich alleine existiert, im Verhältnis zu Gott?
  • Wenn die Heilige Schrift keine direkte Hilfe für meine Frage bereithält, muss ich mich fragen: Wie hätte Jesus gehandelt?
  • Vertieft mein Handeln die Beziehung zu Gott?
  • Vertieft mein Handeln das Verhältnis zu meinem Ehepartner und den Kindern?
  • Kann ich durch Verzicht die Beziehung zu Gott und meiner Familie weiterentwickeln?

Diese Fragen sind nur von den jeweils Betroffenen im Dialog mit Gott, mit dem Wort Gottes, im Gespräch untereinander, und schließlich im Diskurs mit dem Beichtvater zu lösen. Wird ein Schritt ausgelassen, sind wir wieder am Anfang unserer Betrachtung, und dürfen sagen: Ein fehlendes Hinterfragen oder Umgehen von Fragen wird den Anlagen und Möglichkeiten des Menschen nicht gerecht.

Das Thema „Ehe und Liebe aus göttlicher Sicht“ interessiert heute nicht wirklich, also braucht es ein wenig Mut, immer wieder darauf einzugehen. Doch könnte man fragen: Gibt es denn eine relevantere Frage, wo doch die klar überwiegende Zahl der Menschen gerade in dieser Form der Partnerschaft lebt?

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Literaturtipps:

Jerusalemer Nachtgespräche: Über das Risiko des Glaubens von Carlo M. Martini und Georg Sporschill von Herder, Freiburg (Broschiert – Februar 2009)

only you – Gib der Liebe eine Chance von Gabriele Kuby von Fe-Medienverlag (Broschiert – Mai 2009)

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Über Oremus

Nach einem christlichen Aufwachsen kam eine... aber lies doch mehr zu meinem persönlichen Weg - hier!

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