Haben nicht viele von uns dunkle Stunden, in denen weit und breit kein Gott zu finden ist?
Oder in denen uns widerspüchlichste Gefühle zu zerreißen drohen? Wo wir uns fragen, wohin die Reise überhaupt führen soll?
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So ging es mir in der letzten Zeit. Dabei habe ich gelernt…
…gerade in diesen besonders trockenen Phasen Fragen zu stellen. Was war es also, das mich so intensiv beschäftigte?
Er wollte mir einfach nicht eingehen, der Gegensatz zwischen Jesu bedingungslosen Wundern der Barmherzigkeit einerseits, und seinen oft sehr scharfen (herausfordernden) Worten zur Nachfolge andererseits.
Wir kennen barmherzige Taten des Meisters, nachdem nicht einmal ein Wort zwischen ihm und dem Empfänger seiner Gnade gewechselt war: „Als er ihren Glauben sah, sagte er zu dem Mann: Deine Sünden sind dir vergeben” (Lk 5,20).
Im Tagesevangelium las ich die folgende Stelle: „Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein“ (Mt 5,22).
Da stand ich wieder, voller Unruhe und Zerrissenheit. Sollte ich mich dem Gott der Barmherzigkeit anvertrauen, oder mich bis zur Selbstzerfleischung gemäß den harten Worten der Jesusnachfolge quälen? Im Innersten wusste ich, dass es keinen Widerspruch geben kann, höchstens eines der vielen Missverständnisse an der Natur unseres Gottes. Aber wie sollte ich ihn auflösen, diesen scheinbaren Widerspruch?
In dieser Stuation kam mir die „Stunde der Barmherzigkeit“, die ich mit meiner Frau Manuela besuchen wollte, gerade recht, um meine Frage ganz konkret und mit allem Nachdruck vor Jesus auszubreiten.
So habe ich es auch gehalten, mir fielen zahlreiche Beispiele für die bedingungslose Liebe Jesu einerseits und die oft gnadenlos wirkenden Worte zur Nachfolge ein, und ich habe sicher nichts ausgelassen. In dieser Stunde wurde mir schließlich die folgende Bibelstelle geschenkt: „Die Erniedrigten freuen sich wieder über den Herrn und die Armen jubeln über den Heiligen Israels” (Jes 29,19). Ich sah zwar keine Erklärung für meine Frage, wurde aber nach und nach ruhig, und ein tiefer Frieden war spürbar.
Auf der Rückfahrt wurde es dann deutlich und klar, die Nebelschleier wichen, und die Worte strömten nur so heraus aus mir:
Jesus ist auf eine ganz und gar bedingungslose Weise barmherzig gegenüber allen Menschen, die im Glauben stehen!
Zudem ist Jesus in aller Klarheit der Verkünder hoher Anforderungen an uns, wenn wir in seine Nachfolge eintreten wollen!
Diesen Anforderungen Gottes an uns können wir niemals voll gerecht werden!
Also müssen wir uns voll Vertrauen an Jesus wenden, uns zu seinen Füssen hinsetzen oder besser noch hinknieen, immer wieder unsere Bereitschaft zur Umkehr erklären, und seine Hilfe auf unserem Weg erbitten!
Jesus allein macht, dass wir machen können!
Jesus allein hilft, dass wir nachfolgen können!
Jesus allein liebt uns so vollkommen, dass wir seine Gnade erfahren dürfen!
Da war es also, das göttliche Dreieck, dass mir mein barmherziger Jesus geschenkt hat: LIEBE – VERTRAUEN – GNADE. Zuerst lieben und Vertrauen zeigen, schließlich Gnade finden!
Was habe ich noch mitnehmen dürfen, aus diesem kleinen – und doch so heilsamen Erlebnis an jenem Freitag Abend?
Ja, es ist gut meinem Gott Fragen zu stellen!
Ja, es ist gut, in eine „Stunde der Barmherzigkeit“ zu gehen!
Ja, es ist gut, weniger auf die anderen zu schauen und bei mir selbst anzufangen!
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Das angesprochene Tagesevangelium lautet:
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. 25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 26 Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. (Mt 5,20-26)
Dazu ein Kommentar des Hl. Augustinus (354 – 430), 357. Predigt:
„Wenn dir einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat…“
„Gott lässt die Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt es regnen über die Gerechten und die Ungerechten“ (vgl. Mt 5,45). Er zeigt sich geduldig; er entfaltet jedoch noch nicht seine Allmacht. Auch du… sehe ab von der Provokation, vergrößere nicht das Unwohlsein jener, die Verwirrung stiften. Bist du ein Freund des Friedens? Sei ruhig in dir selbst… Lasse die Streitereien beiseite und wende dich dem Gebet zu. Antworte nicht auf eine Verleumdung mit der Verleumdung, sondern bete für diesen Menschen.
Du wolltest gegen ihn sprechen: Sprich für ihn zu Gott. Ich sage nicht, dass du schweigen sollst. Wähle einen Ort, der geeignet ist, und besinne dich auf Den, zu dem du sprichst im Schweigen, durch den Schrei des Herzens. Wo dein Gegner dich nicht sieht, dort sei gut zu ihm. Diesem Widersacher des Friedens, diesem Freund des Streits antworte als Freund des Friedens: „Spricht nur aus, was immer du willst, welche Feindschaft auch immer du hegst, du bist mein Bruder“…
„Du hasst mich wohl und stößt mich zurück, doch du bist mein Bruder! Erkenne in dir das Zeichen meines Vaters. Das ist das Wort meines Vaters: Du bist ein widerspenstiger Bruder; doch du bist mein Bruder, denn auch du sprichst wie ich: „Vater unser im Himmel.“ Wir rufen den einen Vater an, doch weshalb sind wir dann nicht eins? Ich bitte dich, erkenne, was du zusammen mit mir sprichst und bereue, was du gegen mich unternimmst… Wir haben vor dem Vater nur eine Stimme; weshalb also sollten wir nicht auch in dem einen Frieden miteinander leben?
Ein Gebet an den barmherzigen Jesus
HYMNUS
Du hast, o Herr, am Kreuze
die Arme ausgestreckt,
um alle heimzuholen,
die sich von dir gewandt.
Gib, dass durch unser Wirken
die Welt erkennen kann,
was du für uns getan hast,
als du am Holze starbst.
In deinem Geist zu wirken,
hast du uns ausgesandt.
So laß uns als Erlöste
für alle glaubhaft sein.
Damit die Welt erkenne,
wie sehr du uns geliebt
und wie der Vater wartet,
bis uns dein Geist vereint.
Amen.
(Stundengebet Abtei Kellenried)

27. Februar 2010



























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