Die Mission des Benedikt XVI., so wie er sie selbst von Berlin bis Freiburg präsentiert hat, soll uns immer wieder beschäftigen – und ZEIT ZU BETEN wird versuchen, seinen (kleinen) Teil dazu beizutragen. Wer die Reden von Benedikt XVI. nicht nur aufmerksam liest, sondern mit den Predigten im deutschsprachigen Raum vor dem Missbrauchsskandal 2010 vergleicht, der merkt sehr rasch: Dieser Papst ist seiner Zeit voraus; er reagiert nicht, er agiert.
Nehmen wir die Ansprachen zu den Seminaristen in Mariazell (2007) und Freiburg (2011). In Mariazell hat Benedikt XVI. sehr ausführlich über die evangelischen Räte (Armut, Keuschheit, Gehorsam) gesprochen – als ob er die schwarzen Wolken am Priesterhimmel vorausgeahnt hätte. Im anschließenden Priesterjahr (2009/2010) wird sein Anliegen noch dringlicher. Im Jahr 2011 dagegen legt Papst Benedikt XVI. den ganzen Schwerpunkt auf die Priesterausbildung – um dann zweierlei anzusprechen: : „Wir sind Kirche“ – ja, es ist wahr: Wir sind es, nicht irgend jemand. Aber das „Wir“ ist weiter als die Gruppe, die das gerade sagt. Das „Wir“ ist die ganze Gemeinschaft der Gläubigen, heute und aller Orten und Zeiten. Und ich sage dann immer: In der Gemeinschaft der Gläubigen, ja, da gibt es sozusagen den Spruch der gültigen Mehrheit, aber es kann nie eine Mehrheit gegen die Apostel und gegen die Heiligen geben, das ist dann eine falsche Mehrheit. Wir sind Kirche: Seien wir es, seien wir es gerade dadurch, daß wir uns öffnen und hinausgehen über uns selber und es mit den anderen sind.
Nachdem der Papst zurechtgerückt hat, wer nun Kirche und wer denn Mehrheit in der Kirche ist, wendet er sich dem Rüstzeug zu: Zum Bereitwerden für das Priestertum, zum Weg dahin gehört vor allem auch das Studieren. Das ist nicht eine akademische Zufälligkeit, die sich in der westlichen Kirche ausgebildet hat, sondern wesentlich. Wir alle wissen, daß der heilige Petrus gesagt hat: „Seid jederzeit bereit, die Vernunft, den Logos eures Glaubens als Antwort denen zu geben, die danach fragen“ (vgl. 1Petr 3,15). Unsere Welt heute ist eine rationalistische und verwissenschaftlichte Welt, wenn oft auch sehr scheinwissenschaftlich. Aber der Geist der Wissenschaftlichkeit, des Verstehens, des Erklärens, des Wissenkönnens, des Ablehnens des Nichtrationalen ist beherrschend in unserer Zeit. Das hat auch sein Großes, wenn sich auch oft viel Anmaßung und Verkehrtheit dahinter verbirgt. Der Glaube ist nicht eine Gefühlsnebenwelt, die wir dann uns auch noch leisten, sondern er ist das, was das Ganze umgreift und ihm Sinn gibt und es deutet und ihm auch die innere ethische Weisung gibt: daß es auf Gott hin und von Gott her verstanden und gelebt sei. – Nur so können wir dieser Zeit standhalten und in ihr den Logos unseres Glaubens verkünden“
So wird deutlich, dass unser Papst weniger eine “strukturkonservative” Diskussion innerhalb der Kirche will, sondern dass er in der umfassenden Priesterausbildung einen Teil des Instrumentariums sieht, das zur Verkündigung an Kirchenkritiker und Ungläubige dringend gebraucht wird: Wenn wir auf die Weitsichtigkeit von Benedikt XVI. vertrauen, dann wird die Neuevangelisierung das beherrschende Thema der nächsten Jahre sein und auch bleiben!
Damit bin ich bei einem Bloggerkollegen, Turmfalke auf Zeitfragen.at, angelangt, der eine sehr klarsichtige Zusammenfassung der päpstlichen Anliegen und der (denkbaren) Reaktionen darauf geschrieben hat, die ich empfehlen möchte und wie folgt zitieren darf:
Das, was sich BDKJ & Co. von der Zukunft der Kirche erhoffen, ist nicht die Vision des Papstes. Das ist ein Dilemma für eine katholische Organisation: Sie wollen das öffentlich wahrnehmbare Bild der Kirche verbessern, der Papst möchte die Kirche auf ihr Wesen zurückführen und es von der Wurzel her erneuern.
Ich fürchte, die weitere Strategie diverserer Verbände ist abzusehen: Der Papst ist zum Glück wieder in Rom und jetzt tun wir einfach weiter – außer darauf hinzuweisen, dass er zu wenig Ahnung von der Lebenswirklichkeit der deutschen Ortskirche hat. Daher müssen die deutschen Reformen umso dringender umgesetzt werden, um den Papst möglichst schnell von seinen Irrtümern und Ahnungslosigkeiten zu befreien und die Kirche zu retten.
Ich hoffe aber, dass ich mich irre und wirklich umgedacht wird. Was sieht Papst Benedikt denn so anders als der Mainstream der kirchlichen Angestellten in Deutschland oder Österreich? Hier meine persönlich gefärbte Interpretation der päpstlichen Aussagen seines Deutschlandbesuchs:
- Rom soll zuerst umkehren, dann können wir besser arbeiten – dagegen Papst Benedikt: Jeder von uns muss umkehren.
- Der Papst steht für Stillstand, die Kirche muss sich aus der Moderne heraus erneuern – dagegen Papst Benedikt: Die Kirche muss sich in der apostolischen Nachfolge verändern – und sich aus der Evangelisierung heraus erneuern!
- Es geht um die Struktur der Kirche, dann kommt der Glaube – dagegen Papst Benedikt: Zuerst geht es um die Vertiefung des Glaubens, daraus folgt die Erneuerung der Strukturen!
- Lasst Laien die Pfarren übernehmen – dagegen Papst Benedikt: Bildet neue Gemeinschaften, mit Freundschaft und Anbetung, die in Beruf und Familie ausstrahlen und von dort die Welt verändern!
- Katholisch und evangelisch sollen eine Kirche werden, die anderen christlichen Kirchen müssen erst modern werden, bevor das geht – dagegen Papst Benedikt: Katholisch und orthodox sollen die minimalen Hindernisse aus dem Weg räumen, die sie noch trennen – erst von dieser Einheit her, wir nochmals deutlicher werden, welche Irr- und Heilswege die Evangelischen beschreiten.
- Es ist so schwierig in der heutigen Zeit, die Kirche zu verteidigen – dagegen Papst Benedikt: Verzichtet freiwillig auf Macht und Privilegien, also wohl auch auf die Kirchensteuer!
- Hauptsache, die Leute sind dabei und zahlen Kirchensteuer/Kirchenbeitrag, damit wir für die Menschen Gutes tun können – dagegen Papst Benedikt: Es geht darum, die Heiligkeit als Gottesgeschenk zu vermitteln und aufleuchten zu lassen. Gottsuchende Agnostiker sind näher am Reich Gottes als erkaltete Glaubensroutiniers.
- Die Kirche soll von der Welt lernen und wieder anerkannter Teil dieser Welt werden! – Dagegen Papst Benedikt: Die Kirche ist in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Sie wird zu jeder Zeit und an jedem Ort etwas Fremdes behalten, weil ihre Mission darin besteht, die Welt zur Kirche zu verwandeln. Kirche ist immer auch ein Zeichen, dem widersprochen werden wird.
Sollte jemand in Österreich die Ansprachen lesen, wird er sie schnell wieder wegräumen, wie ich befürchte. Dazu enthalten sie viel zu viel Sprengstoff und wir in Österreich wollen ja eine gemütliche Kirche, in der jeder genüsslich seinen Pfarrcafe trinken kann und beim Erntedankfest seine Tracht anziehen kann. Irgendwann wird der Papst schon unsere bürgerlich so fein eingerichtete Kirchenvision als gelobtes Land anerkennen und uns vom Pilgern als Gottesvolk dispensieren… Mich hat ehrlich überrascht, wie sehr der Papst die Erkenntnisse aus dem Prozess Apostelgeschichte 2010 voraussetzt – Kardinal Christoph Schönborn hat offensichtlich das weltkirchlich überzeugendere Erneuerungskonzept (als Erzbischof Zollitsch mit dem Dialogprozess).
Dem ist nichts hinzuzufügen, außer der Hinweis auf weitere zusammenhängende Beiträge dieses Blogs:

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> Kirche im Dialog oder nicht?
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> Dialogprozess in der Erzdiözese Wien
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