Fátima – Ein Quell der Liebe gegen das Böse

Fátima bewegt Gläubige und Nichtgläubige, Fundamentalisten und selbst Atheisten, die immun sind gegen christliche oder laizistische Aufklärung.

Was aber bedeutet Fátima heute? Folgende Ansätze stehen zur Diskussion:

  • mächtiges Zeichen Mariens in einer apokalyptischen Welt
  • göttliches Wirken gegen menschliche Gleichgültigkeit
  • Quell der Liebe gegen das Böse in der Welt
  • fruchtbares Aufeinandertreffen von Volksfrömmigkeit und Theologie
  • Gespür und Spiritualität des Volkes Gottes
  • das fruchtbare Miteinander von Offenbarung, Privatoffenbarung und Gebet
  • schließlich Botschaft mit Bezug auf Leben und Wirken von Johannes Paul II.

Um die genannten Thesen besser verstehen zu können, lohnt es sich, die folgenden Auszüge aus einem Interview von Giuseppe De Carli mit Kardinal Tarcisio Bertone nachzulesen. Dieser ist durch seine enge Verbindung mit Johannes Paul II. und mit Fátima ein ganz besonderer Zeuge im Hinblick auf die Ereignisse in der Cova da Iria. Am Ende des Beitrags folgt der Hinweis auf das lesenswerte Buch, dem dieses Interview entnommen wurde.

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“Mit Fatima war die Spitze der katholischen Kirche vereint, um die Andachtsformen der Volksreligiosität zu der ihren zu machen: Fatima ist der seltene Fall, wo sich Volksfrömmigkeit und Religiosität der Gelehrten vereinen. Wie eine neue Epiphanie, ein Pfingsten des Geistes…“  - formuliert Giuseppe De Carli mit Blick auf das Phänomen Fatima im Gespräch mit Kardinal Tarcisio Bertone - „…bei Johannes Paul II. hat sich die Vermischung auf ungewohnte Weise, bis hin ins Physische, gesteigert. Der “Athlet Gottes”, der durch das Attentat und die daraus resultierenden Krankheiten zum “leidenden Diener Jahwes” geworden ist. Bestand nicht die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen, mit dieser Überfrachtung mit Symbolen, der Poesie des außergewöhnlichen statt der, wenn auch langweiligen, Prosa des Alltäglichen?

K.B: Die Religion ist ein höchst symbolisches Ereignis, eine höchst symbolische Realität. Sie ist Bestandteil der menschlichen Natur, ihrer Rationalität… Übrigens ist das Ereignis Fatima studiert, unters Mikroskop gelegt, in seine Einzelteile zerlegt worden. Über das, was in der Cova da Iria geschehen ist, haben sich Heerscharen von Forschern und Akademikern den Kopf zerbrochen. Die Hirtenkinder selbst wurden, auch seitens des Klerus, einer Reihe quälender Verhöre unterzogen. Die Artikel über das Phänomen in den zeitgenössischen portugiesischen Zeitungen blieben nicht unbemerkt. Das einfache Volk hat den direkten Weg der Ergebenheit gewählt. Das Volk Gottes besitzt ein Gespür, dass man nicht bagatellisieren darf. Die dramatischen und grausamen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts haben uns alle gezwungen, an die Grundfesten unserer Gemeinschaft zu gehen, und in Zeiten der Globalisierung sollte man eine Realität nicht unterschätzen, die Geschichte gemacht hat, die eine spirituelle Dimension, nämlich die, die die moderne Gesellschaft zu verlachen und zu ignorieren versucht, erweitert hat. Mit Büchern über Erscheinungen, und nicht nur die von Fatima, kann man ganze Bibliotheken füllen. Das Göttliche ist es, das beständig den Panzer unserer Gleichgültigkeit durchbricht. Die Erscheinungen greifen direkt in die Geschicke der Menschheit ein und begleiten den Lauf der Welt, versetzen Gläubige und Nichtgläubige in Staunen. Wenn sie echt sind, widersprechen sie dem Inhalt des Glaubens nicht und zielen ins Herz der Botschaft der Evangelien.

Den Kräften des Bösen, die sich in manchen Momenten der Geschichte zu bündeln scheinen, stellt sich eine andere Kraft entgegen, ein Quell der Liebe, die den Lauf der Ereignisse umkehrt, sie, sozusagen, zum Entgleisen bringt. Es ist eine Kraft die siegreich erscheint, weil sie in Wirklichkeit siegreich ist! Es ist geschrieben worden, das Fatima „die Gläubigen belastet“, dass das 20. Jahrhundert keine religiöse Kategorie als Siegel haben könne, da es sonst nicht als Jahrhundert des Kampfes gegen atheistische autoritäre Regimes interpretiert werden könne, dass hinter der Krise der kommunistischen Regimes ganz andere Ursachen und Impulse gestanden hätten als die spirituelle Qualität des von Johannes Paul II. verkörperten Protestes, dass man sich vielmehr vom westlichen Modell mit seinen säkularen und konsumorientierten Aspekten habe verlocken lassen… Meinungen, die im freien Austausch der Ideen durchaus ihre Berechtigung haben, aber dennoch erklären sie nur einen Teil, einen Ausschnitt, ein Segment des Ganzen. Was ich damit sagen will, ist dies: bei der Enthüllung des so eng mit Johannes Paul II. verknüpften dritten Geheimnissesvon Fatima* ging es nicht darum, den Kontakt mit dem emotionalen Ursprung der religiösen Erfahrung wiederherzustellen. Wir befinden uns hier nicht im Bereich des Mythos, wir haben es mit einer Tatsache und einer Botschaft zu tun, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, die in der schmerzlichen Erfahrung eines Papstes ihren Widerhall gefunden haben, die von dem einzigen noch lebenden Zeugen das imprimatur erhalten haben.

*1944 schrieb Schwester Lúcia (1907–2005), eines der drei Kinder und das einzige, das zu diesem Zeitpunkt noch lebte, das dritte Geheimnis auf. Papst Johannes XXIII. entschied sich gegen eine Veröffentlichung des dritten Geheimnisses von Fátima. Dieses wurde erst am 26. Juni 2000 in Rom durch Kardinal Joseph Ratzinger und Erzbischof Tarcisio Bertone bekannt gemacht. Der Inhalt bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Papstattentat vom 13. Mai 1981, welches sich am Jahrestag der ersten Erscheinung ereignete. Papst Johannes Paul II. besuchte seinen Attentäter Mehmet Ali Agca 1983 im Gefängnis. Bei dem Gespräch soll dieser sich auf die Erscheinungen von Fátima bezogen haben, indem er Papst Johannes Paul II. mehrfach gefragt habe, was das denn für eine Königin gewesen sei, die seinen Tod verhindert habe. In einem Interview am 5. September 2003 spricht Kardinal Ratzinger von der Zukunft. Er sagt: „Wir können nicht ausschliessen – ich würde sogar sagen, wir müssen damit rechnen, dass wir sogar in späteren Zeiten ähnliche Krisen in der Kirche und vielleicht auch ähnliche Angriffe auf einen Papst haben werden.“ Und am 13. Mai 2010, sprach unser Papst am Erscheinungsort selbst folgende Worte: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“

Mir scheint – und ich bin nicht der einzige –, dass sich mit Johannes Paul II. das theologische Statut der Marienverehrung verändert hat?

K.B: Sie haben den entscheidenden Punkt angesprochen: den Glauben. Der Glaube ist die radikale Frage: “Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst.” (PS 8,5). Dieser Frage kann man nicht ausweichen, denn der Glaube versucht, eine Antwort auf die Frage nach dem letzten Sinn zu suchen. Durch den Glauben entdeckt der Mensch den unendlichen Wert seines persönlichen Seins. Gott möchte mit ihm in Gemeinschaft treten, und unterdessen entdeckt der Mensch das übernatürliche Ziel, für das er geschaffen worden ist: eins zu sein mit Gott. Der Heilige Ignatius von Antiochien schreibt: “und aber lebendes Wasser und redendes ist in mir, das zu mir spricht: auf zum Vater!” Die christliche Offenbarung nimmt lediglich das natürliche Verlangen des Menschen nach Glück auf. Die Kenntnis des Glaubens und seine ständige Bereicherung sind die wesentlichen Schlüssel zum Glück des Menschen. Der Mensch ist, wie Johannes Paul II. gern gesagt hat, das einzige Geschöpf auf Erden, das Gott “um seiner selbst willen will”. Wir befinden uns in einem unendlichen Kreis und innerhalb der Dynamik eines übernatürlichen Ziels. Wenn das religiöse Gefühl schwindet, droht Aberglaube. Neue Formen psychologischer Sklaverei, denn auf die unausgesprochene Frage folgt eine ausweichende Antwort. Ein so feinsinniger Intellektueller wie Claudio Magris hat den Niedergang der christlichen und katholischen Kultur, das dürftige Wissen um die Fundamente der Religion, die mangelnde Kenntnis der Evangelien beklagt. Er schreibt: “das ist für alle eine schwerwiegende Verstümmelung, für Gläubige und Nichtgläubige, denn die christliche Kultur ist eines der großen dramatischen Gefüge, die uns helfen, die Welt zu verstehen, zu ordnen und darzustellen, ihren Sinn und ihre Werte zu benennen im grausamen und heimtückischen Durcheinander des Lebens.”

Fatima ist das Symbol einer kämpferischen, militanten Religiosität, das himmlische Fiat für Dinge, bei denen sich der Moderne gegenüber “aufgeschlossenen” Theologen die Haare sträuben? Papst Johannes Paul II. hat die Schemata durcheinander geworfen und umgekehrt. Auf der einen Seite die klare Stellungnahme des Dominus Jesus, auf der anderen die Freude, mit der er überall in der Welt Madonnenstatuen krönte.

K.B: Das Dominus Jesus war eine Antwort auf die vielen Briefe, die der Papst nach der Enzyklika Redemptoris Missio [über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages] bekam. “Wenn mittlerweile alle wie Jesus Christus das Etikett ‚Heilsbringer‘ tragen, wie zum Beispiel Mohammed, Buddha, Konfuzius, Che Guevara, was tun wir hier dann noch? Warum sollen wir unser Leben damit verbringen, bis an die Grenzen der Welt das Wort Jesu zu verkünden?” So die Einwände von Missionaren, die vor allem aus der asiatischen Welt kamen. Johannes II. war aufgewühlt und verbittert. Es schrieben die Missionare und es schrieben die Theologen. Also bat der Papst darum, eine dogmatische Erklärung über Jesus Christus, den einzigen und universalen Erlöser, zu erarbeiten. Kardinal Ratzinger übernahm die Leitung bei der Aufsetzung des Dokuments. Dieses Dokument hat, und das sage ich ein für alle Mal, der Heilige Vater gewollt.

In den ersten drei Kapiteln wurde die Lehre der katholischen Kirche über Christus als einzigem und universalem Erlöser dargelegt. Die anderen Kapitel erläuterten die Unterschiede zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinden. Mit diesem zweiten Teil waren die Ökumenisten nicht zufrieden, weil es zu viele Einschränkungen zu enthalten schien. Der ökumenische Weg heiße jedoch nicht, jede Kirchenlehre hinzunehmen. Von den Kardinälen in der Glaubenskongregation und wiederum vom Papst genehmigt, wurde die Erklärung am 6. September 2000 veröffentlicht und löste heftige Reaktionen aus. “Ich will dem Dominus Jesus ein Angelus widmen und erklären, dass ich es gewollt habe und es vollkommen in meinem Sinne ist”, sagte Papst Johannes Paul II. bei einer Versammlung im kleinen Kreis, bei der Kardinal Ratzinger, Monsignore Re und ich zugegen waren.

Fatima, ein feierliches und volkstümliches marianisches Epos…

K.B: Guiseppe de Luca definierte die Volksfrömmigkeit als “Weisheit des Herzens”. Dieselbe Interpretation findet sich im theologischen Kommentar von Kardinal Ratzinger: „Das schließt nicht aus, dass eine Privatoffenbarung neue Akzente setzt, dass sie neue Weisen der Frömmigkeit herausstellt oder alte vertieft und erweitert. Aber in alledem muss es doch darum gehen, dass sie Glaube, Hoffnung und Liebe nährt, die der bleibende Weg des Heils für alle sind. Wir können hinzufügen, dass private Offenbarungen häufig primär aus der Volksfrömmigkeit kommen und auf sie zurückwirken, ihr neue Impulse geben und neue Formen eröffnen. Dies schließt nicht aus, dass sie auch in die Liturgie selbst hineinwirken, wie etwa Fronleichnam und das Herz Jesu Fest zeigen. In gewisser Hinsicht bildet sich im Verhältnis von Liturgie und Volksfrömmigkeit das Verhältnis zwischen Offenbarung und Privatoffenbarungen ab: die Liturgie ist das Maß, sie ist der direkt aus dem Evangelium genährte Lebensausdruck der Kirche im Ganzen. Volksfrömmigkeit bedeutet, dass der Glaube im Herzen der einzelnen Völker wurzeln schlägt, so dass er in die Welt des Alltags hineingetragen wird. Die Volksfrömmigkeit ist die erste und grundlegende Weise von Inkulturation des Glaubens, die sich immer wieder von der Weisung der Liturgie her ordnen und leiten lassen muss, aber umgekehrt vom Herzen her befruchtet.” Das sind sehr scharfe und treffende Beobachtungen, die Theologie und Volksfrömmigkeit, öffentliche und private Offenbarungen miteinander verknüpfen.

Ich hatte eher den Eindruck er schwankt da ein wenig, verliert die Orientierung?

K.B: Verzeihen Sie, wenn ich sie unterbreche. Aber nennen Sie es “die Orientierung verlieren”, wenn sie Benedikt XVI. sehen, wie er nach seinem täglichen Spaziergang in den vatikanischen Gärten vor einer Grotte mit der Genueser “Madonna della Guardia“ den Rosenkranz betet? Papst Benedikt ist ein Theologe, einer der größten Theologen unserer Zeit.

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Quelle / Buchtipp:
Kardinal Tarciso Bertone, Giuseppe De Carli: Die Seherin von Fatima. Meine Gespräche mit Schwester Lucia. Heyne, München 2009, ISBN 978-3-453-64520-2

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Link zum Fatimagebet und weiteren Mariengebeten

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  1. Pingback: Fatima – die Botschaft ernst nehmen | ZEIT ZU BETEN

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