Spiritualität und Praxis der Bitt-Tage

“Die drei Tage vor Christi Himmelfahrt werden liturgisch als „Bitt-Tage“ gestaltet. Es geht in den Andachten und Prozessionen um gedeihliches Wetter für eine gute Ernte. Diese Tradition wird heute noch im ländlichen Raum gepflegt. Die Menschen beten, dass Gott Seine segnende Hand schützend über Wald und Flur halte, damit die Bauern im Herbst die Früchte ihrer Arbeit ernten können.

Die Gottesdienste an den Bitt-Tage sollen aber deutlich machen, dass der Mensch in „Schöpfungsmitverantwortung“ die Natur nutzen soll. Ja, nutzen, denn sie ist für uns da. Doch ohne sie auszubeuten, denn das hieße, sie für kommende Generationen in ihrer Nutzbarkeit zu gefährden. „Nachhaltigkeit“ ist das Konzept, das in der Naturnutzung zentral sein sollte.

Die Gottesdienste an den Bitt-Tagen machen zudem deutlich, dass der Mensch bei allem, was er in der Welt tut, in Gottes Hand geborgen ist, auf Gottes Gnade setzen, mit Gottes Hilfe rechnen darf. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für jede Arbeit. So dürfen sich auch die Städter, die in Industriebetrieben, Verwaltungsgebäuden und Dienstleistungsunternehmen beschäftigt sind, mit einbezogen fühlen in das Bittgebet der Kirche.

Beten wir also in diesen Tagen – neben den persönlichen Anliegen – um gutes Wetter für eine gute Ernte, um Arbeit mit fairer Entlohnung für alle. Die Tatsache, dass die Bitt-Tage in den Marienmonat Mai fallen, mag uns daran erinnern, dass wir uns mit diesen Anliegen vertrauensvoll an die Gottesmutter wenden können: Bitt’ Gott für uns, Maria!”

(Josef Bordat)
+

***

Mamertus (r.) mit Apollinaris von Valence (l.) und Avitus von Vienne (Mitte)

+

+
An den Beitrag von Josef Bordat möchte ich noch einige Infos zu Ursprung und Gestaltung von Bittgängen anschließen. Obwohl es gerade auch in meiner Umgebung Bittgänge zu den Weinbergen gibt, war mir nicht bewusst, wie lang diese Tradition zurückreicht – dank dem Hl. Mamertus von Vienne. Schließlich sind Bitten und Beten untrennbar miteinander verbunden, also noch ein Grund mehr, auf ZEIT ZU BETEN kurz darauf einzugehen!

+

Ursprung der Bitt-Tage

Dem aus Lyon stammenden Mamertus von Vienne (400-475), Bischof von Vienne, wird die Begründung der Bitt-Tage zugeschrieben. Nach zahlreichen Feuern und Erdbeben und großen Zerstörungen in seiner Heimatstadt Vienne führte Mamertus 470 die Drei Bittgänge vor dem Fest Christi Himmelfahrt ein, Prozessionen zur Abwendung von Gefahren und zur Erflehung göttlicher Hilfe. Die hierfür erstellten Litaneien und Bittgebete verbreiteten sich in ganz Gallien und Spanien.

 

Die Feier der Bitt-Tage

I. Die Grundstruktur des Gebets: Lobpreis und Bitte

Das Gebet der Christen lehnt sich in seiner Struktur seit alter Zeit an die Tradition des Judentums an: Lobpreis und Bitte. Aus der Erfahrung des Heils, das Gott in vergangenen Tagen für sein Volk gewirkt hat und für das er zu preisen ist, erwächst die Bitte um das heilbringende Weiterwirken in der Gegenwart. Der Christ erkennt die besondere Wirksamkeit des heilschaffenden Gottes im Paschamysterium Christi. Aufgrund dieser Erkenntnis wird sein Bittgebet in Verbindung mit dem Paschamysterium stehen, das den Kern des christlichen Glaubens ausmacht.

II. Ein typisches Gebet des Christen: Für-Bitte

Auf die Bitte der Apostel hin “Lehre uns beten!” formuliert Jesus das Vaterunser (Lk 11,1-4). In diesem Herrengebet ist die Bitte für das notwendige Auskommen aller – “unser tägliches Brot gib uns heute” – ausgesprochen. Damit wird aufgezeigt, daß echtes christliches Beten von selbst zur Für-Bitte wird. Der Mensch kann sich nur im Für- und Miteinander verwirklichen. Der Christ bringt mit seinem Gebet das Für- und Miteinander in die Dimension Gottes hinein. Seine Erfahrungen im Umgang mit der Schöpfung werden vor Gott ausgesprochen. Zu seinem Erfahrungsbereich der Schöpfung gehören Pflanzen, Tiere und hauptsächlich der Mensch in seinen verschiedenen Tätigkeiten. Die Erfahrung der Unvollkommenheit und Schwachheit führt den Glaubenden hin zum Schöpfer aller Dinge. Nöte des gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Bereichs werden zur Sprache gebracht und Deutungen im Licht des Glaubens, besonders aus der Erfahrung von Tod und Auferstehung Jesu, versucht. Wer sich dem Geist Gottes öffnet, dem werden entscheidende Perspektiven klar und deutlich, und er erhält die Befähigung, im Namen Christi richtig zu bitten.

III. Formen gemeinsamen Bittgebets: Bittgottesdienste und -prozessionen

Die Tradition der Bittage und Bittprozessionen reicht bis in das 4. Jahrhundert zurück. Die “Grundordnung des Kirchenjahres und des Kalenders” vom 21. März 1969 hat an den Bittagen vor Christi Himmelfahrt festgehalten. Die Bittprozession am Fest des hl. Markus (25. April) wurde nicht mehr berücksichtigt, da sie in einem rein lokalen Brauch der stadtrömischen Kirche ihren Ursprung hat (Verchristlichung der heidnischen Flurprozession zu Ehren des Gottes Robigus und der Göttin Robigo). Dennoch wird an diesem Brauch in manchen Gebieten festgehalten.

Zusammen mit den Quatembertagen hat die “Grundordnung des Kirchenjahres und des Kalenders” von 1969 den Sinn der Bittage so umschrieben: “An den Bitt- und Quatembertagen betet die Kirche für mannigfache menschliche Anliegen, besonders für die Früchte der Erde und für das menschliche Schaffen (Nr. 45). Neben „Bewahrung der Schöpfung“ können auch Arbeit für alle, Frieden, Brot für die Welt und Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben Motive sein.” Auch eignen sich die Tage für den öffentlichen Dank.

Gestaltungselemente sind traditionell die Allerheiligenlitanei, andere Litaneien, Psalmen und Wechselgebete sowie das Rosenkranzgebet.

Der Christ vertraut in frohen und schweren Stunden Gott, von dem der Mensch letztlich abhängig bleibt. Im Gebet trägt er ihm seine eigenen Sorgen und die Not und Angst der ganzen Menschheit vor. Die aktuellen und bedrängenden Sorgen und Befürchtungen der heutigen Zeit sollen angesprochen und vor Gott ausgesprochen werden. Dabei werden wir uns aber bewußt bleibt, daß Gott das Leid und alle Unbegreiflichkeiten nicht aus der Welt nimmt und die Probleme nicht für uns löst, aber denen, die ihn lieben und ehren, alles zum Guten führt.

IV. “Wir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten”

Bittgebet und -prozession entheben die Gläubigen nicht der Verantwortung, bei der Lösung anstehender Probleme mitzuwirken. Die christliche Motivation zu solchem Tun kann wie folgt verstanden werden: “Bete so, daß du unter der Bitte um die Gabe von oben dich immer mehr selbst zur Opfergabe nach oben machst. Bete so, daß dein anhaltendes Bittgebet als Bewährung erscheint für deinen Glauben an das Licht Gottes in der Finsternis der Welt, für deine Hoffnung auf Leben in diesem beständigen Sterben, für deine Treue der Liebe, die liebt ohne Lohn. Wir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten. Weil wir noch auf Erden wandeln, laßt uns bitten um das, was wir auf dieser Erde brauchen. Da wir aber Pilger der Ewigkeit auf dieser Erde sind, laßt uns nicht vergessen, daß wir nicht so erhört werden wollen, als ob wir hier eine bleibende Stätte hätten, als ob wir nicht wüßten, daß wir durch Untergang und Tod eingehen müssen in das Leben, das in allen Bitten allein das Ziel des Lebens und Betens ist. Solange die Hände gefaltet bleiben, gefaltet bleiben auch im entsetzlichen Untergang, so lange umgibt uns die Huld und das Leben Gottes, und alle Abstürze in das Entsetzen und in den Tod sind nur ein Fallen in die Abgründe der ewigen Liebe” (Karl Rahner).

(Pastorale Einführung des Instituts für Praktische Theologie, Salzburg)

***

Heutige Praxis

Der Brauch der Bittgänge ist häufig in ländlichen Regionen erhalten geblieben und teilweise sogar wieder neu belebt worden. Landgemeinden entdecken die alten Prozessionswege neu, in den Städten werden neue Formen erprobt – nicht selten auch in den Abendstunden, dem heutigen Arbeits- und Lebensrhythmus angepasst. Gestaltungselemente sind traditionell die Allerheiligenlitanei, andere Litaneien, Psalmen und Wechselgebete sowie das Rosenkranzgebet.

Unterwegs werden in der Regel „Stationen“, etwa an Feldkapellen oder Wegkreuzen, gehalten, wo aus der Bibel gelesen und Fürbitte gehalten wird. Bei eucharistischen Prozessionen wird an diesen Unterwegsstationen der sakramentale Segen erteilt. Eucharistische Prozessionen nehmen ihren Anfang nach einer Heiligen Messe in der Pfarrkirche. Die Heilige Messe kann – als „Mittelpunkt der Prozession“ – auch an einer Unterwegsstation gefeiert werden oder auch am Ziel des Bittgangs. Als Sakramentsprozession geht es danach zur Pfarrkirche zum Schlusssegen.

Der Verlauf einer Bittprozession kann beispielsweise so aussehen:

Erste Station

An der ersten Station bittet die Gemeinde um den Segen für ihre Arbeit. Es wird die Bibelstelle Gen 1,26-29 „Macht euch die Erde untertan“ gelesen.

Zweite Station

An der zweiten Station steht die Bitte um das tägliche Brot im Mittelpunkt der Anbetung. Es wird die Perikope Mt 6,25-33 „Sorget nicht ängstlich“ gelesen.

Dritte Station

An der dritten Station bittet die Gemeinde um Sicherheit auf allen Wegen zur Arbeit und während der täglichen Arbeit. Er wird die Evangeliumstelle Mk 4,35-41 EU “Sogar Wind und Meer gehorchen ihm” gelesen.

Vierte Station

An der vierten Station steht der Frieden innerhalb der versammelten Gemeinde im Mittelpunkt. Es wird gelesen: Joh 15,9-15 „Bleibt in meiner Liebe“.

***

One thought

  1. Pingback: Habgier… oder Ernten und Danken (Ev. vom 27. So im JK) | ZEIT ZU BETEN

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: