
Die Worte des kürzlich verstorbenen Kardinal Martini klingen noch im Ohr: “Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben” und sei müde, stellte Kardinal Carlo Maria Martini in seinem letzten Interview für die Tageszeitung “Corriere della Sera” fest. Dieser Tage präsentierte Kardinal Christoph Schönborn eine Reform, die er als die umfassendste der letzten 200 Jahre ansieht.
Größte Reform seit über 200 Jahren
Es ist der “größte Umbau in der Erzdiözese Wien seit Joseph II.”, so Kardinal Christoph Schönborn am vergangenen Mittwoch über geplante Neuerungen in der Erzdiözese Wien. Im Rahmen des alljährlichen Medienempfangs wurden die offiziellen Leitlinien dieser Reform, die bis 2022 abgeschlossen sein soll, präsentiert.
Was sich heute schon sagen lässt: Bestehende Pfarren sollen aufgelöst und zu größeren Pfarren mit kleineren Filialgemeinden zusammengeschlossen werden. Statt bisher einem Priester für drei Pfarrgemeinden sollen künftig drei bis fünf Priester für eine Pfarre – freilich mit mehreren Filialgemeinden – zuständig sein. So könnte im Laufe der nächsten 10 Jahre die Zahl von 660 Pfarren auf ein Drittel reduziert werden.
Dem aktuellen Reformbeschluss ging ein langer Diskussionsprozess in der Erzdiözese Wien mit drei Diözesanversammlungen und Beratungen in verschiedenen Gremien voraus. Im vergangenen Juni fand ein “Tag der Räte” statt, bei dem rund 250 Personen aus diversen Beratungsgremien der Erzdiözese Wien die Grundlinien der geplanten Diözesanreform diskutierten.
Die Ergebnisse dieser Diskussion wurden über den Sommer nochmals überarbeitet. Die Letztfassung der vorgestellten Maßnahmen wurden dann vor kurzem vor der Steuerungsgruppe des diözesanen Reformprozesses, bestehend aus Kardinal Schönborn, den Mitgliedern des Bischofsrates und dem Team des Prozesses “Apostelgeschichte 2010″, erstellt.
Kirchliche Reformen im europäischen Kontext
Aber auch der Blick über die Kirche im deutschsprachigen Raum hinaus zeige ein ähnliches Bild, sagte die Pastoralamtsleiterin. Für Aufsehen habe etwa die schon um die Jahrtausendwende gestartete Initiative der französischen Erzdiözese Poitiers gesorgt, wo Teams von ehrenamtlichen Mitarbeitern heute mehr als 320 kleine Gemeinden vor Ort leiten.
Die angegangenen Reformschritte seien auch kein katholisches Spezifikum, erläuterte die Prüller-Jagenteufel. Sie verwies u.a. auf die Schwedisch-lutherische Kirche. Diese sei in ähnlichen kleinräumigen Strukturen verfasst wie die katholische Kirche in Österreich und gehe nun einen ähnlichen Weg.
Kritik am Reformprozess
Der Stellenwert der Eucharistiefeier als zentraler katholischer Glaubensausdruck macht dem Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner im Blick auf die Wiener Diözesanreform Sorgen.
Wenn die Gläubigen lange Strecken zurücklegen müssten, um von ihren Filialgemeinden zur Sonntagsmesse in die Pfarrkirche zu gelangen, könnte das letztlich “zu einer Entwöhnung der Gläubigen von der Eucharistie führen”, so Zulehner in der Tageszeitung “Die Presse” (Freitag). Statt einer “Zentralisierung der Eucharistie” sollte diese nach Ansicht des emeritierten Theologen dort stattfinden, “wo die Leute als gläubige Gemeinde zusammenleben.”
Auch seelsorgerisch könne die Strukturreform unerwünschte Folgen haben: Wenn sich die Kirche von der Basis entferne, bekämen die Gläubigen das Gefühl, von der Kirche im Stich gelassen zu werden. Es gelte daran arbeiten, ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein zu erwirken, empfahl Zulehner.
Helmut Schüller kündigte in der “Presse” als Sprecher der Pfarrer-Initiative “Einspruch” gegen die geplante Strukturreform an. “Auf den Rückzug vieler selbst mit einem Rückzug zu antworten, ist kein guter Weg. Wir ziehen uns zurück, statt vor Ort stark zu werden”, bedauerte Schüller. Seine Befürchtung: “In einer Kirche der geografischen Großräume werden sich viele verlaufen, viele Kontakte werden verloren gehen, vieles an Nähe und Präsenz wird verloren gehen.”
„Wir sind Kirche“ sowie die Laieninitiative hoffen auf mehr Mitsprache und Verantwortung von Laien.Dennoch werden seitens der Laieninitiative Pfarrzusammenlegungen kritisiert. Die Kirche beweise damit, dass sie nicht fähig sei, Probleme wie Priestermangel und Katholikenschwund anders zu lösen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Laieninitiative, Pawlowsky.
Zu den Kritikpunkten Schüllers und Zulehners sowie der Laieninitiativen ist anzumerken, dass sie allesamt keine umsetzbaren Alternativvorschläge zu bieten haben. Das bloße Beharren auf Wunschvorstellungen (wie verheiratete Priester und Frauenordination) zeigt mangelndes Realitäts- und Verantwortungsbewusstsein der Kritiker. Und beim genaueren Lesen der neuen Leitlinien (siehe Anhang) wird deutlich, dass die verbleibenden Kritikpunkte ohnehin in den Reformvorschlägen integriert sind, wie z.B. die Förderung kleinräumiger Gemeinschaften in den neuen Pfarren.
Neues Miteinander von Priestern und Laien
Er sei sich bewusst, so der Kardinal, dass mit dieser Reform ein weitreichender Perspektivenwandel einhergehe: “Wir müssen uns lösen von dem hergebrachten Bild, dass Kirche nur dort ist, wo ein Priester ist.” Das “gemeinsame Priestertum aller Getauften” rücke damit stärker in den Mittelpunkt. Schönborn: “Träger der Mission der Kirche und damit auch der pfarrlichen Seelsorge und des Apostolats sind alle Getauften und Gefirmten.” Es gehe um ein neues “Miteinander von Priestern und Laien auf Basis ihrer gemeinsamen Berufung zum Christsein.
In der Sendung „Orientierung“ (ORF 1 am 23.09.) äußerte sich einer der betroffenen Pfarrer, Franz Herz (Pfarre St. Anton von Padua, Wien), zu den Auswirkungen aus Sicht der Pfarrer:
„Während früher die Gemeindemitglieder dem Pfarrer geholfen haben, pfarrliche Aufgaben umzusetzen, werden es in den neuen größeren Pfarrverbänden nun die Priester und der Pfarrer sein, die den Ehrenamtlichen und der Gemeinde helfen, Aufgaben umzusetzen. Das Hilfeverhältnis wird umgekehrt, mancher Pfarrer könnte sich in seiner sozialen Stellung etwas gemindert sehen. In jedem Fall ist es eine Herausforderung!“
Zu sehen sind auch neue Chancen aus der Zusammenarbeit von 3 bis 5 Priestern (darunter 1 verantwortlicher Pfarrer), die nicht mehr nur überarbeitet und einsam ihren Dienst und ihre Freizeit leben, sondern sich in der Teamarbeit stärken und bewähren. Durch diese Reform sollen in Zukunft mehr Ressourcen für die Seelsorge zur Verfügung stehen.
Für die Gemeinden – also jeden einzelnen von uns – bieten sich ebenfalls neue Chancen. Es geht dabei nicht um eine Selbstverwirklichung einer größeren Zahl von Gemeindemitgliedern, sondern um ein vermehrtes und vor allem dienendes Einbringen von Charismen (Talenten und Fähigkeiten), die im Rahmen konkreter Pfarraufgaben zum Einsatz kommen sollen.
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ANHANG:
Leitlinien für den diözesanen Entwicklungsprozess Apg 2.1
„Du, Herr, führst mich hinaus ins Weite. Du machst meine Finsternis hell.“ (Antiphon zum Psalm 18)
1. Eine Kirche, die sich in all ihren Einheiten auf Mission und Nachfolge Jesu ausrichtet, darf sich nicht selbst genügen. Sie soll sich im Dienst des Apostolats für alle Menschen verstehen. Dies gilt für die Pfarren ebenso wie für alle anderen kirchlichen Einrichtungen und Organisationsformen. Auch die ortsgebundene Gemeinde muss darauf ausgerichtet sein und durch gegenseitige Unterstützung und Ermutigung in der Nachfolge Jesu leben. An dieser Stelle kommt das gemeinsame Priestertum zum Tragen: Träger der Mission der Kirche und damit auch der pfarrlichen Seelsorge und des Apostolats sind alle Getauften und Gefirmten.
Diese Perspektive eröffnet einen vom Herkömmlichen vielfach radikal unterschiedlichen Blick auf die Aufgaben und die optimale Verfassung der Kirche vor Ort: Pfarre, Pfarrer, Gemeindeleben, Gemeindeleitung,…
Die sich daraus ergebenden Konsequenzen sind nicht bloß eine Nachjustierung des Bestehenden, sondern vielfach ein echter Neubeginn. Dieser Neubeginn spielt sich nicht unabhängig von Raum und Zeit ab, sondern will Kirche in ihren wesentlichen Vollzügen in die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts stellen.
Die Pfarre als wichtige Einheit gemeinsamen christlichen Lebens muss zu den Menschen des 21. Jahrhunderts passen. Diese leben in Weite, Offenheit, Flexibilität, Mobilität, Vernetzung, Vielfalt und Verschiedenheit sowie in großer Freiheit und in komplexen Beziehungen und Bindungen.
Der Gefahr von immer kleiner und dabei uniformer werdenden Pfarren ist entsprechend strukturell zu begegnen, um möglichst vielen Menschen die Chance zu aktivem und selbstverantwortetem Einsatz zu geben. Die konkrete Sozialgestalt von Kirche muss sich einem ständigen Wandel unterziehen, um den Menschen von heute zu begegnen und dem Anspruch des Evangeliums gerecht zu werden.
Viele haben das Bedürfnis nach Heimat und Geborgenheit in überschaubarer Gemeinschaft. Auch darauf muss die kirchliche Struktur Bedacht nehmen und beste Voraussetzungen schaffen für das Entstehen, Wachsen und Bestehen von Gemeinden vor Ort, die durchaus auch kleinräumiger sein können als viele heutige Pfarrgemeinden.
Kirche ist Gemeinschaft, auch in der Sorge und Verantwortung füreinander. Daher soll auch der Dienst der Leitung in Gemeinschaft wahrgenommen werden, gerade auch im Miteinander von Priestern und Laien auf Basis ihrer gemeinsamen Berufung zum Christsein.
Und schließlich muss eine missionarische Kirche ihre Kräfte klug und verantwortlich einsetzen. Viele der kirchlichen Ressourcen stehen nur begrenzt zur Verfügung: nicht nur die Möglichkeiten des Einsatzes von Priestern, sondern ebenso die Zeit und das Engagement aller Getauften und Gefirmten.
Dazu kommt, dass die finanziellen Mittel knapper werden und damit weniger Bauten erhalten werden können. Verantwortlicher Einsatz heißt in personalen Fragen auch, von Jesus zu lernen, der seine Jünger gemeinsam auf den Weg schickt.
2. All diese Voraussetzungen haben die Mitglieder der Steuerungsgruppe in großer Klarheit und Einmütigkeit zu einem Zielbild im Bereich der territorialen Organisation kommen lassen:
Viele örtliche von Laien geleitete Filialgemeinden bilden gemeinsam eine neue Pfarre, die von Priestern und Laien gemeinschaftlich unter der Letztverantwortung eines Pfarrers geleitet wird. Das Zusammenwirken der Charismen – der einzelnen Persönlichkeiten, aber etwa auch der Ordensgemeinschaften und Bewegungen – erhöht dabei die Wirksamkeit der Bemühungen jedes Einzelnen.
Pfarrverbände und Seelsorgeräume sind eine wertvolle Übergangsform in neue Pfarren. Dabei gilt weiterhin, dass in diesem Vorgang zwar Pfarren aufgehoben werden, nicht aber Gemeinden. Im Gegenteil:
In weiträumigen Pfarren sollen sich mehr und lebendigere Gemeinden entfalten können, die von den Hauptamtlichen der Pfarre unterstützt werden.
3. Im Einzelnen hat die Steuerungsgruppe daher festgelegt:
• Die Erzdiözese Wien wird eine neue Pfarrstruktur erhalten, in der sich Pfarren durch folgende Charakteristika auszeichnen:
– Mehrere Priester (sinnvollerweise mindestens drei bis fünf) sind aktiv eingesetzt. Einer davon ist als Pfarrer dem Erzbischof letztverantwortlich.
– Die Leitung der Pfarre wird prinzipiell gemeinschaftlich wahrgenommen und zwar von Priestern und Laien. Es gilt partizipative Führung mit klarer Aufgabenzuteilung.
– Die Filialgemeinden werden in Gemeinschaft von Getauften und Gefirmten ehrenamtlich geleitet.
– Im Mittelpunkt steht die gegenseitige Ermutigung zur Jüngerschaft, d.h. zum Leben in der Nachfolge Christi.
– Die Pfarre wird so groß sein, dass der Einsatz von Priestern wie Laien charismenorientiert erfolgen und die gesamte Pastoral stärker missionarisch ausgerichtet werden kann.
– Die Menschen im direkten Dienst der Seelsorge werden von Verwaltungsaufgaben entlastet.
– Möglichst viele Menschen sollen am Sonntag den Pfarrgottesdienst besuchen, es wird aber auch so sein, dass sich in Filialgemeinden Gebetsgemeinschaften um das Wort Gottes versammeln.
• Diese Reform wird zügig umgesetzt. In zehn Jahren sollen mindestens 80 Prozent der neuen Pfarren gebildet sein. Pfarrverbände und Seelsorgeräume stellen in diesem Prozess einen möglichen Übergang zu neuen Pfarren dar, sind aber keine Dauereinrichtung.
• Zur Einbindung der Ordenspfarren in die Struktur der neuen Pfarren werden mit den Ordensleitungen entsprechende Vereinbarungen angestrebt.
• Zum Thema Qualitätssicherung, das in den Beratungen am 22. Juni und in den Rückmeldungen zum dort diskutierten Thesenpapier breiten Raum einnahm, wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt, deren Ergebnisse ab 2013 in den diözesanen Entwicklungsprozess einfließen.
Diese Festlegungen und die vielen sich daraus ergebenden offenen Fragen werden in den kommenden Wochen mit den Dechanten, den Priestern und den Räten auf Vikariats- und Diözesanebene besprochen, um Expertise und Konkretisierungsvorschläge bzw. bisher vielleicht nicht berücksichtigte Einwände zu sammeln. Die Steuerungsgruppe arbeitet an nötigen Klärungen weiter.
Alle Vorschläge fließen in die Vorbereitung der Dechantenwoche im Jänner 2013 ein, die über die weiteren Umsetzungsschritte beraten wird.
Der Steuerungsgruppe ist bewusst, dass es sich bei der hier skizzierten Erneuerung um einen großen Schritt handelt, der viel Mut und Einsatzbereitschaft braucht. Sie sieht voll Hoffnung auf die nächsten Monate und Jahre und vertraut auf eine gute, gemeinsam getragene Entwicklung der Kirche in der Erzdiözese Wien im 21. Jahrhundert. Der Erzbischof und seine Mitarbeiter/innen bitten alle – insbesondere auch die Gemeinschaften des kontemplativen Lebens – den Weg unserer Diözese im Gebet gemeinsam zu tragen.
„Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.“ (Psalm 127)
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