zurück zu. Thema UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER
+++++++++++++++++++
DIE REGELN ZUR UNTERSCHEIDUNG
Nachdem wir gewisse Voraussetzungen zur Unterscheidung der Geister besprochen haben, können wir zum eigentlichen Thema übergehen.
Um die Regungen und Ansprüche der Geister richtig deuten zu können, müssen wir zur ignatianischen Formel zurückkehren, nach der der Mensch nur eine einzige Aufgabenstellung hat, nämlich Gott zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen, und ihm zu dienen, um dadurch das Heil unserer Seele zu erwirken.
Es tut sich tatsächlich sehr viel in unserem Inneren, und wir sind uns oft gar nicht bewusst, wie viele Engel und Dämonen um uns sind und uns zu beeinflussen suchen. So kann der Mensch neben uns, während wir vielleicht einen inneren Frieden erleben, mit einer schrecklichen Versuchung oder einer großen Finsternis konfrontiert sein.
Trost und Trostlosigkeit
Der Heilige Ignatius hilft uns zunächst eine erste Unterscheidung zu treffen, zwischen Trost und Trostlosigkeit. Tröstungen erfahren wir:
(1) Wenn sich unsere Seele in bestimmten Momenten in einem Feuer der Liebe zu Gott entflammt fühlt, sodass wir nichts mehr in dieser Welt um seiner selbst willen lieben wollen, sondern alles nur mehr in Gott lieben wollen, dann ist dies eine Form des Trostes. Diese Befreiung kann uns in der Erfahrung der heiligen Kommunion oder der tiefen Begegnung mit Menschen treffen und trösten.
(2) Eine weitere Form des Trostes sieht Ignatius, wenn wir zu Tränen gerührt sind. Dies kann im Anschluss an das Sakrament der Versöhnung geschehen: Das Weinen über die Gottesferne, über die Distanz zu Gott und die eigenen Verfehlungen ist eine Form der Tröstung.
(3) Schließlich ist immer dann von Trost zu sprechen, wenn die Seele ein Wachstum an Glaube, Hoffnung und Liebe erfährt und spürt.
Trostlosigkeit ist nach Ignatius eine Erfahrung, die dem Trost genau entgegengesetzt ist. Die Seele fühlt sich lau, träge und entfernt von Gott. Eine starke Hinneigung dagegen fühlt sie zu allen sinnlichen und erdenhaften Zuständen. Zudem löst der Gedanke an Opfer besonderes Unbehagen, an Gebete große Langeweile, und an Tugenden nur Widerwillen aus. Diese Beeinflussung in der Trostlosigkeit geschieht durch die bösen Geister, während Ignatius bei den Tröstungen vom Einfluss der Engel spricht.
Was ist der tiefere Grund dafür? Dazu müssen wir wissen, dass Gott diese Zustände des Trostes oder der Trostlosigkeit über uns bestimmt. So spricht Philipp Neri davon, dass das Leben des Christen einen ständigen Wechsel von Tröstungen und Trostlosigkeit ausmacht. Das Ziel des geistlichen Lebens ist es nicht, in einen Zustand des ständigen Trostes zu kommen!
Wenn wir Tröstungen empfangen haben, und dann nachlässig werden, vielleicht abweichen von dem bereits beschrittenen, guten Weg, dann verlässt uns der Trost, um uns aufzuschrecken und wachsamer zu machen. Wir kennen das, wenn nach einem Einkehrwochenende die guten Vorsätze rasch aufgegeben, so schwindet die geistige Freude recht schnell. Wir merken, dass etwas nicht stimmt, und genau dieses Aufgerütteltwerden ist der Sinn der neuerlichen Trostlosigkeit.
Der große Fehler ist nun, in Zeiten der Trostlosigkeit zu meinen, man mache etwas falsch. Der heilige Ignatius nennt uns Gründe dafür.
Trostlosigkeit, erster Grund
Die Überprüfung des eigenen Zustandes gestaltet sich in der einfachen Frage, ob ich (und was ich) derzeit aus Liebe zu Gott tue. Wenn die Antwort recht bescheiden ausfällt, denn nennt man das einen „lauen“ Seelenzustand.
Trostlosigkeit, zweiter Grund
Der noch viel wichtigere Grund für das Ausbleiben des Trostes ist, das Gott uns Gelegenheit gibt, die Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung (und auch alle weiteren Tugenden, wie Ausdauer etc.) „auszupacken“ und zu entwickeln.
Der Trost ist eine Gnade, die uns Gott hin und wieder schenkt. Wir wünschen uns oftmals ein trostreiches Kontinuum, das uns aber gar nicht weiterhelfen würde. Erst die Trostlosigkeit gibt uns Gelegenheit, zu wachsen, in größeren Schritten wieder auf einen guten Pfad zu gelangen.
Wir kennen das Gefühl, in der Tröstung zu beten, und schnell wundern wir uns, dass die anderen nicht so gerne beten – womit wir uns schon wieder von Gott weg bewegen. Wenn wir umgekehrt in der trostlosen „trockenen“ Phase das Gebet suchen und pflegen, dann hat der dreieinige Gott eine große Freude mit uns, und wir ergreifen die Chance zum geistigen Wachstum und der Gnade. Wobei die Gnade nicht etwas ist, das wir spüren, sondern es ist eine rein geistige Wirklichkeit, ein geistliches Geschenk, sie ist immer bei uns, so wie Gott selbst.
Die Grundregel des treuen Beharrens
Die erste Grundregel lautet also, gerade in der Trostlosigkeit nichts an der geistlichen Ausrichtung zu ändern, sondern die genannten Chancen zu ergreifen und den beschrittenen Weg erst recht fortzusetzen! Dies ist der schlechteste Moment um sich hängenzulassen (es geht mir ja schon so schlecht, jetzt sind Gebete wirklich zu schwierig), sondern wir sollen jetzt ganz besonders auf die guten Handlungen aus der trostreichen Zeit aufbauen.
Trostlosigkeit, dritter Grund
Schließlich sollen wir begreifen lernen, dass der Trost keinesfalls unser Verdienst ist, sondern ein nicht „planbares“ Geschenk Gottes. Die „heroischen“ Kräfte, die wir im getrösteten Zustand zu besitzen meinen, sind nicht unsere Kräfte, sondern die Energie des göttlichen Geistes.
Die Trostlosigkeit befreit uns also von falschem Stolz, der uns nur in die Irre führt. So gelangen wir von der Gefahr der Selbstüberschätzung zu einem gesunden Realismus, der uns eine ganz wichtige Tugend erfahren und üben lässt, das ist die Demut: Aus uns selbst heraus vermögen wir nichts.
So ist die klare Unterscheidung der Zustände Trost und Trostlosigkeit ganz entscheidend für unser Verhalten und Wachstum. In Zeiten der Tröstung sollen wir uns wappnen und Kraft sammeln für das, was unvermeidlich wieder auf uns zukommen wird. Wir sammeln Erinnerungen aus dieser Gnadenzeit, auf die wir später zurückgreifen können.
Die Grundregel des ruhigen Geistes
Ignatius gibt uns eine zweite Grundregel für unser geistliches Leben mit auf den Weg, in Form eines starken Bildes. Wenn sich unsere Seele auf eine Reise von Todsünde zu Todsünde begibt, dann befindet sie sich auf den Weidegründen des Satans. Auf seiner eigenen Weide gelangt der Böse so leicht in unsere Seele, dass wir ihn gar nicht bemerken. Seine Früchte der Verführung schmecken uns so gut, dass wir das Gefangensein unseres Lebens gar nicht wahrnehmen.
Wenn nun der gute Geist die Seele betritt, dann spürt sie dies, denn dieser Geist meldet sich mit Gewissensbissen. Die gefangene Seele ist auf den Heiligen Geist gar nicht eingestellt, und wird diesen als „unangenehmes“ Ereignis bemerken, wie Wasser, das hart und lärmend auf einen Stein fällt.
Wenn uns der teuflische Geist nicht zur Sünde verführen kann, dann verfolgt er die Strategie, uns das geistliche Leben madig zu machen, und uns in Unruhe zu versetzen. Dann hören wir Stimmen, die uns versichern, dass Gott unser Gebet gar nicht hören wird, dass Jesus unsere schmutzige Seele gar nicht bei der heiligen Kommunion haben will, und dass ein abwechslungsreiches Weekend in angesagten Nachtclubs viel angebrachter ist als ein langweiliges Einkehrwochenende, geschweige denn Exerzitien!
So wie der satanische Geist in eine geschwärzte Seele wie ein Wassertropfen in einen Schwamm (leicht und unbemerkt) eintritt, so gilt dies – mit umgekehrten Vorzeichen – auch für den guten Geist:
Dieser kommt in eine tugendhafte Seele ebenfalls wie ein Tropfen Wasser in einen Schwamm. Allerdings wird uns der Heilige Geist dabei nie in Unruhe versetzen, solange wir nach Tugend streben und uns auf seiner Wellenlänge befinden. Achten wir also auf dieses Unterscheidungskriterium: Der Geist Gottes vermittelt ausschließlich Liebe, Fülle und Frieden.
Die Regeln der zweiten Woche
Es kommt nun etwas Entscheidendes hinzu. Der böse Geist ist nicht nur in der Lage, durch seine Versuchung Tröstungen zu verhindern, sondern er kann uns wie ein Engel des Lichtes erscheinen und unwahre Tröstungen vorspielen! Ich betrete eine Kirche, und fühle mich im selben Moment getröstet. Das kann nicht sein, denn es braucht schon eine gewisse Zeit der Betrachtung und des Gebets, um zu einem Trost zu gelangen.
Wir sollen also verstehen, dass die guten Geister einen Anlass brauchen, beispielsweise ein offenes und aus der Tiefe der Seele kommendes Gebet, um in uns zu wirken. Vorsicht ist allerdings geboten, denn der Satan ist sehr wohl in der Lage, in unserer Seele einen falschen Trost zu bewirken, der mit einem bestimmten (guten) Gedanken verbunden wird. Während eines Gebetes nehme ich mir vor, zur Weiterentwicklung meines Gewissens die „Exerzitien“ vom Heiligen Ignatius zu lesen, da stellt sich plötzlich der Gedanke ein, dass es viele Bücher gibt, die Bekannte von mir ausgeliehen haben, und was sich diese Menschen einbilden, mir meine Bücher nicht zurückzugeben, und wie lobenswert meine eigene Haltung beim Zurückgeben ausgeliehener Sachen ist!
Binnen Sekunden reichen sich Zorn und Hochmut in meiner Seele die Hände. Meine Gedanken schweifen weiter und ich überlege mir, einen Großteil der Bücher am besten zu verschenken, oder doch lieber zu verkaufen. Das Geld könnte ich spenden – oder vielleicht doch für eigene Anschaffungen zu verwenden? In kürzester Zeit ist meine Seele – ausgehend von dem guten Gedanken, mein geistliches Leben weiterzuentwickeln – in ein unruhiges Meer voller Untiefen und Versuchungen verwandelt.
Unsere Waffen gegenüber Anfechtungen
In solchen Situationen rät uns Ignatius, innezuhalten, und ganz konsequent nachzudenken, an welcher Stelle diese Verirrung aufgetreten ist. Der böse Geist kennt unsere Seele sehr gut, und vielleicht gibt es da eine Stelle, wo wir stolz und zornig sind – und das ist genau der Punkt, an dem der Satan ansetzt: Mein Nachforschen ergibt, dass ich meine Jesusnachfolge doch ein wenig wie Leistungssport betrachte, nach dem Motto „möglichst viel geistliche Literatur lesen, um in diesem Punkt viel besser als andere zu sein“, und schon ergibt sich ein wunderbarer Ansatzpunkt für den Geist des Bösen.
Was können wir Grundsätzliches aus diesen Anfechtungen ableiten? Ignatius gibt uns drei wesentliche Hinweise – und eine erste Erkenntnis haben wir durch das letzte Beispiel schon gewonnen:
(1) Wir müssen wachsam sein. Der Böse umschleicht wie ein feindlicher Feldherr unsere Seelenburg, und er tut dies Tag und Nacht, um auf minutiöse Weise die Schwachstellen ausfindig zu machen.
(2) Im Falle des Angriffs benötigen wir Entschlossenheit. Nie dürfen wir meinen, dass der Satan wirkliche Macht in unserer Seele hätte. Wenn wir aber zurückweichen, so verlieren wir. „Die schlimmste Sünde ist die Verzweiflung“, versichert uns der Heilige Thomas von Aquin, und entsprechendes rät uns der Heilige Ignatius: Im Moment der Versuchung müssen wir entschlossen auftreten, und der Theaterzauber des Teufels wird zusammenbrechen.
(3) Wir müssen die Versuchung offenbaren. Für diese wichtigste Waffe im Kampf mit dem Bösen bringt Ignatius das Bild eines unwürdigen Liebhabers, der die Tochter eines fremden Mannes in dessen Lustgarten verführen will. In dem Moment, wo die betroffene Tochter den Vater um Rat bittet, weil ein Fremder sie in den Garten „entführen“ will, wird der Unbekannte bereits das Weite suchen – und ähnliches gilt für unser geistliches Leben. In solchen Momenten gilt es also, die Versuchung gegenüber einem geistlich erfahrenen Menschen auszusprechen, um den Geist des Bösen in die Schranken zu weisen.
Pater Florian Calice CO (Oratorianer), dem wir diesen Crash-Kurs für die Unterscheidung der Geister verdanken, berichtet dazu von einem Exerzitien-Erlebnis. Nach drei Tagen der für 30 (!) Tage angesetzten Einzelexerzitien habe er das quälende Gefühl gespürt, dass sein Exerzitienleiter nicht der Richtige sei und zu wenig Ahnung von der geistlichen Materie habe. Nun wusste er, dass es nur eine Möglichkeit gab, sich diesen Anfechtungen zu stellen: Er musste diese Gefühle beim betroffenen Pater ansprechen! Tatsächlich war es so, dass allein das Aussprechen der Zweifel gegenüber dem Pater genügte, um diese Anfechtungen binnen kürzester Zeit zu überwinden.
+++
EXKURS: Die Unterscheidung der Geister
(aus „Exerzitien“ von Ignatius von Loyola)
[DIE UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER]
(313) REGELN, UM EINIGERMASSEN
DIE VERSCHIEDENEN BEWEGUNGEN
ZU ERKLÄREN UND ZU ERSPÜREN,
DIE IN DER SEELE SICH VERURSACHEN;
DIE GUTEN, UM SIE AUFZUNEHMEN,
DIE SCHLECHTEN, UM SIE ZU VERWERFEN.
Sie eignen sich mehr für die erste Woche
(314) DIE ERSTE REGEL. Denen, die von Todsünde zu Todsünde gehen, pflegt der Böse Feind gemeinhin augenscheinliche Lust vorzustellen, indem er Bilder sinnlicher Ergötzungen und Lüste hervorruft, um sie jeweils mehr in ihren Lastern und Sünden zu bewahren und zunehmen zu lassen. Der gute Geist verfährt bei solchen in entgegengesetzter Weise; er stachelt sie auf und gibt ihnen Gewissensbisse im innern Instinkt der Vernunft.
(315) DIE ZWEITE. Bei denen, die entschieden voranmachen in der Reinigung von ihren Sünden und die im Dienste Gottes Unseres Herrn vom Guten zum je Besseren übergehen, hat eine Weise statt, die der ersten Regel entgegengesetzt ist. Denn nun ist es dem bösen Geiste eigen, zu beißen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter vorrücke. Und dem guten Geist ist es eigen, Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Einsprechungen und Ruhe zu geben, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man im Tun des Guten weiter voranschreite.
(316) DIE DRITTE. Vom geistlichen Trost. Ich rede von Trost, wenn in der Seele eine innere Bewegung sich verursacht, bei welcher die Seele in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn zu entbrennen beginnt und demzufolge kein geschaffenes Ding auf dem Antlitz der Erde mehr in sich zu lieben vermag, es sei denn im Schöpfer ihrer aller. Desgleichen: wenn einer Tränen vergießt, die ihn zur Liebe Seines Herrn bewegen, sei es aus Schmerz über seine Sünden oder über das Leiden Christi Unseres Herrn oder über andere unmittelbar auf Seinen Dienst und Lobpreis hin geordnete Dinge. Und endlich nenne ich Trost jede Zunahme von Hoffnung, Glaube und Liebe, und jede innere Freudigkeit, die ihn zu den himmlischen Dingen ruft und zieht und zum eigenen Heil seiner Seele, indem sie ihn besänftigt und befriedet in seinem Schöpfer und Herrn.
(317) DIE VIERTE. Von der geistlichen Trostlosigkeit. Ich nenne Trostlosigkeit alles, was zur dritten Regel in Gegensatz steht, als da ist: Verfinsterung der Seele, Verwirrung in ihr, Hinneigung zu den niedrigen und erdhaften Dingen, Unruhe verschiedener Getriebenheiten und Anfechtungen, die zum Mangel an Glauben, an Hoffnung, an Liebe bewegen, wobei sich die Seele ganz träg, lau, traurig findet und wie getrennt von ihrem Schöpfer und Herrn. Denn wie der Trost das Gegenteil der Trostlosigkeit ist, so sind auch die Gedanken, die der Trostlosigkeit entspringen, entgegengesetzt den Gedanken, die aus dem Trost entstehen.
(318) DIE FÜNFTE. Zur Zeit der Trostlosigkeit soll man nie eine Änderung treffen, sondern fest und beständig in den Vorsätzen und der Entscheidung stehen, in denen man am Tag vor dieser Trostlosigkeit stand, oder in der Entscheidung, in der man im vorausgehenden Troste stand. Denn wie uns im Trost jeweils mehr der gute Geist führt und berät, so in der Trostlosigkeit der böse, auf dessen Ratschläge hin wir den Weg nie finden können, um das Rechte zu treffen.
(319) DIE SECHSTE. Sollen wir in der Trostlosigkeit die früheren Vorsätze nicht ändern, so ist es doch sehr von Nutzen, uns selber entschieden gegen eben diese Trostlosigkeit hin zu ändern, so etwa, daß wir uns mehr dem Gebet, der Betrachtung hingeben, uns viel prüfen und in irgendeiner angemessenen Weise freigebiger Buße tun.
(320) DIE SIEBTE. Wer in Trostlosigkeit ist, erwäge, wie der Herr ihn zur Probe in seinen natürlichen Fähigkeiten gelassen hat, zu dem Zweck, daß er den verschiedenen Antrieben und Anfechtungen des Feindes widerstehe. Er kann es nämlich mit der göttlichen Hilfe, die ihm stets verbleibt, auch wenn er sie nicht deutlich spürt, da ihm der Herr zwar seine große Glut, die besondere Liebe und die intensive Gnade entzogen, ihm aber die zum ewigen Heil genügende Gnade gelassen hat.
(321) DIE ACHTE. Wer in Trostlosigkeit ist, gebe sich Mühe, in der Geduld auszuharren, die den ihn überkommenden Quälereien entgegenwirkt. Und er möge bedenken, daß er gar bald wieder getröstet sein wird; dabei aber sorgsam die Mittel gegen solche Trostlosigkeit anwenden, wie in der sechsten Regel gesagt worden ist.
(322) DIE NEUNTE. Drei Gründe sind es vornehmlich, warum wir uns trostlos finden. Der erste, weil wir lau, träge oder nachlässig in unseren geistlichen Übungen sind: so zieht sich durch unsere Schuld der geistliche Trost von uns zurück. Der zweite, damit Gott uns erprobe, wie weit wir sind und in welchem Ausmaß wir uns ausgeben in seinem Dienst und Lobpreis ohne einen so großen Sold an Tröstungen und besonderen Gnaden. Der dritte, um uns die wahre Kenntnis und Einsicht zu geben, dazuhin, es inwendig zu erleben, daß es nicht unsere Sache ist, große Hingabe, intensive Liebe, Tränen oder irgendeinen andern geistlichen Trost uns zu verschaffen oder zu erhalten, sondern daß es ganz eine Gabe und Gnade Gottes Unseres Herrn ist, und wir uns nicht in ein fremdes Haus einnisten und unsern Geist in irgendeinem Stolz oder eitelm Ruhm aufblähen, indem wir die Andacht oder andere Teile des geistlichen Trostes uns selber zuschreiben.
(323) DIE ZEHNTE. Wer im Trost ist, bedenke, wie er sich in der Trostlosigkeit benehmen werde, die später kommen wird, indem er für dann neue Kräfte sammelt.
(324) DIE ELFTE. Wer getröstet ist, sorge sich zu demütigen und zu erniedrigen soviel er kann, indem er bedenkt, wie wenig er wert ist zur Zeit der Trostlosigkeit ohne diese besondere Gnade oder Tröstung. Und im Gegenteil bedenke, wer in der Trostlosigkeit ist, daß er viel vermag mit der Gnade, die genügt, um allen seinen Feinden zu widerstehen, indem er die Kräfte bei seinem Schöpfer und Herrn sich holt.
(325) DIE ZWÖLFTE. Der Feind verhält sich wie ein Weib; seine Kräfte sind schwach, aber er will gerne stark erscheinen. Denn wie es Weiberart ist, beim Streit mit einem Mann den Mut zu verlieren und die Flucht zu ergreifen, wenn der Mann ihr die starke Stirne zeigt, wenn aber der Mann zu weichen beginnt und den Mut sinken läßt, Zorn, Rache und Wildheit des Weibes übergroß und maßlos werden, so ist es auch dem Feinde eigen, zusammenzusinken und den Mut zu verlieren, so daß seine Versuchungen die Flucht ergreifen, wenn der Mensch, der sich in geistlichen Dingen übt, die starke Stirne gegen seine Versuchungen zeigt, indem er geradenwegs das Gegenteil tut; wenn hingegen der sich Übende anfängt, Furcht zu hegen und beim Ausstehen der Versuchungen den Mut zu verlieren, dann gibt es auf der ganzen Welt keine so wilde Bestie wie den Feind der menschlichen Natur, wenn er mit ausgewachsener Bosheit seine tückische Absicht verfolgt.
(326) DIE DREIZEHNTE. Desgleichen verhält er sich wie ein eitler Verliebter: er wünscht verborgen zu sein und nicht entdeckt zu werden. Denn wie dieser falsche Mensch, der sich an die Tochter eines guten Vaters oder an die Gattin eines guten Gatten heranmacht und sie zum Bösen überredet, den Wunsch hat, daß seine Worte und Einflüsterungen geheim bleiben, und es ihm sehr mißfällt, wenn die Tochter dem Vater oder die Gattin dem Gatten seine eitlen Worte und seine verkommene Absicht aufdeckt, weil er leicht begreift, daß er sein Vorhaben nicht mehr ausführen kann, ebenso wünscht und begehrt auch der Feind der menschlichen Natur, wenn er seine Listen und Einflüsterungen der gerechten Seele einflößt, daß diese im geheimen empfangen und festgehalten werden; entdeckt sie sie aber ihrem guten Beichtvater oder einer andern geistlichen Person, die seine Betrügereien und Bosheiten kennt, so grämt ihn das sehr, denn er begreift, daß er mit seiner begonnenen Bosheit nicht zum Ziel gelangen kann, da seine klaren Betrügereien offen zutage liegen.
(327) DIE VIERZEHNTE. Er verhält sich auch wie ein Häuptling, der einen Platz bezwingen und ausrauben will. Wie ein Hauptmann oder Anführer im Feld Stellung bezieht und Kräfte und Lage der Burg ausspäht, um sie dann an der schwächsten Stelle anzugreifen, ebenso umschleicht auch der Feind der menschlichen Natur rings alle unsere theologischen, kardinalen und moralischen Tugenden, und wo er uns schwächer und ungeschützter zu unserem ewigen Heil hin findet, dort führt er seinen Schlag gegen uns und trachtet, uns einzunehmen.
+
weiter zu. Der geistliche Kampf
+


Ich habe vor 15 Jahren eine schwere Verfehlung begangen. Seither leide ich unter Verfolgung durch einen Bösen mit starken geistigen Kräften. Der hat Unglück über meine ganze Familie gebracht. Alle Beziehungen sind zerbrochen und alle haben gesündigt, jeder da, wo er anfällig ist. Der Einzige, der zu mir hält, ist mein geschiedener Mann. Seltsam ist, dass ich gerade durch den Bösen zum Glauben an GOTT gekommen bin. Gleich bei der ersten Begegnung war mir klar: wenn schon ein Mensch das und das kann, dann gibt es auch GOTT. Seitdem bin ich dabei. Ich frage mich allerdings, wie das jemals besser werden soll in unserer Familie, wenn der weiter mitmischt. In der ersten Zeit, nachdem ich mich von dem Bösen losgesagt hatte, wurde meine Stimme im Gespräch mit meiner Mutter oder meinem geschiedenen Mann oft so verzerrt, dass ich kaum zu verstehen war. Das wurde besser, als ich regelmäßig in die Andacht gegangen bin und unserem Pastor alles gebeichtet habe. Trotzdem werde ich den Bösen nicht los. Ich bin froh, dass ich Ihre Seite entdeckt habe. Da gibt es viel zu lernen für mich. Und vielleicht kann ich dann auch manches besser aushalten. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Texte. Liebe Grüße. A.A.
Es ist eine Freude – im Namen des Hl.Ignatius gesprochen – wenn die vorliegende Texte hilfreich sind!
Bei allem Trost durch “Lesen und Lernen” vielleicht noch ein kleiner Hinweis, den unser Pfarrer (und Zisterzienserpater) in der gestrigen Feiertagsmesse angesprochen hat:
Als Christen leben wir in ganz besonders glücklich Umständen, denn es ist praktisch unmöglich – trotz aller noch so schweren Verfehlungen – der Barmherzigkeit unseres Gottes zu entgehen. Nur eines wird von uns gefordert (und es gibt nichts, was den Bösen mehr in Verzeiflung stürzen könnte): An die Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu glauben!!!
LG und besonders reichen Segen Gottes!