Papst Benedikt ist kein Relativist, da müssen wir doch ein paar Buchstaben weglassen: Benedikt XVI. ist ein klarsichtiger Realist. Noch etwas kann man feststellen, wenn man seine „spanischen Predigten“ durchgeht: Der Papst ist auch ein Meister der dramaturgischen Gestaltung seiner Texte. Die Einleitung seiner Predigt vor den Bischöfen und Seminaristen macht sofort klar, dass hier der Boden für eine Rede von höchster theologischer Emotion und Tiefe bereitet wird.
Diese ehrwürdige Kathedralkirche Santa María La Real de la Almudena ist heute gleichsam ein riesiger Abendmahlssaal, wo der Herr mit brennendem Verlangen sein Paschamahl mit denen hält, die sich danach sehnen, eines Tages in seinem Namen die Geheimnisse der Erlösung zu feiern.
Zur theologischen Emotionalität gesellt sich eine zweite Motivation: Der Papst will der Kirche Christi auch Mut machen und formuliert dies entsprechend.
Wenn ich euch sehe, stelle ich neuerlich fest, dass Christus weiterhin junge Jünger beruft, um sie zu seinen Aposteln zu machen, und auf diese Weise die Sendung der Kirche und das Angebot des Evangeliums an die Welt lebendig bleibt. Als Seminaristen seid ihr auf dem Weg zu einem heiligen Ziel: den Auftrag, den Christus vom Vater erhielt, weiterzuführen. Von ihm berufen, seid ihr seiner Stimme gefolgt, und angezogen von seinem liebevollen Blick geht ihr auf das heilige Amt zu. Richtet eure Augen auf ihn, der durch seine Menschwerdung der höchste Offenbarer Gottes und durch seine Auferstehung der getreue Erfüller seiner Verheißung ist. Dankt ihm für dieses Zeichen seiner besonderen Liebe, die er einem jeden von euch entgegenbringt.
Auch die Lesung wird ganz im Sinne eines dramatischen Appells gedeutet, das Leben Christi „ein Sich-Verzehren …als immerwährende Fürsprache im Namen aller beim Vater“:
Die erste Lesung, die wir gehört haben, zeigt uns Christus als den neuen und endgültigen Priester, der sein Leben ganz aufgeopfert hat. Die Antiphon des Psalms lässt sich vollkommen auf ihn anwenden, der bei seinem Eintritt in die Welt an seinen Vater gewandt sagte: „Ja, ich komme, deinen Willen zu tun“ (vgl. Ps 40,8-9). In allem suchte er, dem Vater zu gefallen: in seinem Reden und Tun, im Umherziehen und in der Aufnahme der Sünder. Sein Leben war ein Dienst und sein Sich-Verzehren eine immerwährende Fürsprache, wenn er im Namen aller als Erstgeborener vieler Brüder vor den Vater trat. Er hat – so versichert der Verfasser des Hebräerbriefes – durch diese Hingabe uns, die wir zur Teilhabe an seiner Sohnschaft berufen sind, zur ewigen Vollendung geführt (vgl. Hebr 10,14).
Folgerichtig wird der „gebrochene Leib und das vergossene Blut“ als Quelle der Eucharistie thematisiert – um mit der Kraft des heiligen Opfers all jene der säkularen Gesellschaft in die Schranken zu weisen, die nach dem Tod „das Schweigen des Nichts“ postulieren:
Der gebrochene Leib und das vergossene Blut Christi, das heißt seine hingegebene Freiheit, wurden durch die eucharistischen Zeichen zur neuen Quelle der erlösten Freiheit der Menschen. In Ihm erhalten wir die Verheißung einer endgültigen Erlösung und die sichere Hoffnung auf die künftigen Güter. Durch Christus wissen wir, dass wir nicht auf dem Weg in den Abgrund, in das Schweigen des Nichts und des Todes sind, sondern Pilger unterwegs zu einem verheißenen Land, zu Ihm, der unser Ziel und auch unser Ursprung ist.
Was bedeutet das für die Kirche? Die Kirche hat zunächst – unter sehr schwierig gewordenen Umständen – ihren Auftrag zu erfüllen. Das kann sie immer und überall, weil ihre Heiligkeit durch die Person Christi selbst in Ewigkeit besteht; gerade diese immerwährende Kirche muss jede mögliche Heiligkeit ihrer Glieder anstreben, um nicht in Widerspruch zu sich selbst zu geraten:
Kirche ist Gemeinschaft und Institution, Familie und Sendung, Schöpfung Christi durch seinen Heiligen Geist und zugleich Ergebnis all derer, die wir sie mit unserer Heiligkeit und mit unseren Sünden gestalten. So hat es Gott gewollt, der keine Bedenken hat, Arme und Sünder zu seinen Freunden und Werkzeugen für die Erlösung des Menschengeschlechts zu machen. Die Heiligkeit der Kirche ist vor allem die objektive Heiligkeit der Person Christi selbst, seines Evangeliums und seiner Sakramente, die Heiligkeit jener Kraft von oben, welche sie beseelt und anspornt. Wir müssen heiligmäßig sein, um nicht einen Widerspruch zu erzeugen zwischen dem Zeichen, das wir sind, und der Wirklichkeit, die wir zum Ausdruck bringen wollen.
Das hat Konsequenzen nicht nur für die einfachen Glieder der Kirche, sondern noch mehr für ihre Priester: Ihnen muss die radikale Treue zum Evangelium und zum Dienst im Namen Jesu Christi abverlangt werden, gleichgültig unter welchen Rahmenbedingungen.
Keiner wählt den Rahmen noch die Zielpersonen seiner Sendung aus. Jede Zeit hat ihre Probleme, doch Gott gewährt in jeder Zeit die erforderliche Gnade, um sie mit Liebe und Realismus anzunehmen und zu bewältigen. Deshalb muss der Priester in jeder Situation, in der er sich befindet – so schwierig sie auch sein mag –, in jeder Art von guten Werken Frucht bringen, während er dafür in seinem Inneren die Worte des Tages seiner Weihe immer lebendig bewahrt, mit denen er aufgefordert wurde, sein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes des Herrn zu stellen.
Für Priester gilt der höchste Anspruch: Wenn Christus sich ganz hingegeben hat im Wirken für uns alle, dann haben sich die Priester danach zu verzehren, Ihm gleichförmig zu werden:
Sich unter Christi Geheimnis zu stellen, liebe Seminaristen, schließt ein, dass man sich immer mehr mit demjenigen identifiziert, der für uns zum Diener, Priester und Opfer geworden ist. Ihm gleichförmig zu werden ist in Wirklichkeit die Aufgabe, für welche sich der Priester sein ganzes Leben lang verzehren muss. Wir wissen natürlich, dass sie uns übersteigt und es uns nie gelingen wird, sie vollkommen zu erfüllen, doch, wie der hl. Paulus sagt, streben wir dennoch das Ziel an in der Hoffnung, es zu erreichen (vgl. Phil 3,12-14).
Vom Zölibat (!) bis zum aufrichtigen Gehorsam (!) haben Priester die mit ihrer Berufung verbundenen Entscheidungen zu leben, daran lässt Papst Benedikt keinen Zweifel:
Um auch darin den Herrn nachzuahmen, wird euer Herz im Seminar dadurch reifen müssen, dass ihr euch dem Meister völlig zur Verfügung stellt. Diese Verfügbarkeit, die Gabe des Heiligen Geistes ist, inspiriert zu der Entscheidung, den Zölibat um des Himmelreiches willen, die Abkehr von den irdischen Gütern, die Anspruchslosigkeit und den aufrichtigen, ungeheuchelten Gehorsam zu leben.
Christus, der Hohepriester, ist auch der Gute Hirt, der sich um seine Schafe kümmert bis zur Hingabe seines Lebens für sie (vgl. Joh 10,11). So soll Jesus um seine Gnade gebeten werden, denn Verachtung und Verfolgung werden durch wahrhaftes Priestertum ganz besonders herausgefordert:
Auf seine Liebe gestützt, lasst euch nicht von einer Umgebung einschüchtern, in der man Gott ausschließen will und in der Macht, Besitz oder Vergnügen oft die Hauptkriterien sind, nach denen sich das Dasein richtet. Es kann sein, dass man euch verachtet, wie es gewöhnlich denen widerfährt, die sich auf höhere Ziele berufen oder die Idole entlarven, vor denen heute viele auf den Knien liegen. Das wird dann der Fall sein, wenn ein Leben, das tief in Christus verwurzelt ist, sich denen, die Gott, die Wahrheit und die Gerechtigkeit echt suchen, wirklich als eine Neuheit offenbart und sie nachdrücklich anzieht.
Schließlich erinnert Benedikt XVI. an den hl. Johannes von Ávila, den Patron des Weltklerus. Angeregt von seinem Beispiel, sollen die Nachfolger Christi vor allem auf die Jungfrau Maria, die Mutter der Priester, blicken. Sie wird nach dem Vorbild Christi, ihres göttlichen Sohnes, ihre Seele zu formen wissen und sie lehren, immer die Güter zu hüten, die er auf Golgota für die Rettung der Welt erworben hat.
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Beide Predigten – diejenige für die Jugend und jene vor den Seminaristen – ergeben zusammengenommen ein wenig überraschendes, vielmehr konsequentes und konsistentes Bild: Unbedingte Treue zum Evangelium, Mission durch alle gläubigen Christen, und die Verkündigung durch eine heilige (und zölibatäre) Kirche.
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Ein weiterer Beitrag über das, was vom Weltjugendtag in Madrid bleiben wird, folgt in Kürze!
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