„Weltweit verfolgen 600 Millionen Menschen live im Fernsehen unser Fest des Glaubens“, so der Geschäftsführer des diesjährigen Weltjugendtags, Yago de la Cierva, der die Organisation des WJT in einem Madrider Großraumbüro mit 250 Mitarbeitern innehatte. Ein Schelm wer meint, dass der Vatikan mit dieser Veranstaltung keine Weichenstellung für die Zukunft vornehmen würde.
„Der liberale Katholizismus, der seit dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) die Kirche in Österreich und Deutschland geprägt hat wie keine andere innerkirchliche Denkströmung, ist weltweit vom Aussterben bedroht“, befindet der in Florenz lehrende Religionspolitologe A.Stummvoll in einem Beitrag in DerStandard. “Die großen Errungenschaften des liberalen Katholizismus liegen in der Betonung der individuellen Freiheit und des individuellen Gewissens, in der Solidarität mit der Dritten Welt, sowie im Dialog mit Andersgläubigen und jenen, die sich schwer tun mit Glauben oder der kirchlichen Morallehre. Freiheit, Gewissen und Solidarität sind wichtig. Aber wo Jesus nur am Rande von Dialogprozessen und Freizeitveranstaltungen vorkommt, lässt sich der Glaube nur schwer verbreiten. Der Ruf nach Reform erstickt dann leicht den Imperativ der Mission.“
Der spanische Theologe Evaristo Villar befürchtet, dass die Anfeindung der Kirche von außen innerhalb der katholischen Jugend „zu einer gewissen Radikalisierung“ führen wird: „Erzkonservative kirchliche Bewegungen wie Opus Dei oder der Neokatechumenale Weg haben z.B. unter Spaniens gläubigen Jugendlichen seit geraumer Zeit verstärkten Zulauf. Der Trend, dass die Katholiken immer weniger werden, dafür aber umso intensiver an ihrem Glauben festhalten, wird sich verstärken.“
So ist es nicht verwunderlich, dass die Besprechung der beiden wichtigen Predigten in Madrid, an die Jugend und an die Priesteramtskandidaten, ein deutlich “konservatives” Bild ergeben hat: Unbedingte Treue zum Evangelium, Verkündigung durch eine heilige Kirche mit zölibatären Priestern, und schließlich die Mission durch alle gläubigen Christen.
In Anspielung auf die weltweite erfolgreiche Expansion von evangelikalen Gruppierungen mit ihrer selbstbewussten Identität und aktiven Missionspolitik sprechen renommierte Vatikanbeobachter wie John L. Allen von einer “Evangelikalisierung” der katholischen Kirche. (John L. Allen, Jr. [* 1965] arbeitet als Journalist für die NewYork Times, Die Furche, CNN und NPR mit den Spezialgebieten Römisch-Katholische Kirche und Vatikan.) Was ist aber damit gemeint, und lässt sich hier ein Trend für die Zukunft erkennen? Dazu der wichtigste Teil des Artikels von John Allen, in meiner (bescheidenen) Übersetzung:
+
Der Begriff „Evangelikaler Katholizismus“ dient als Begriff zur Identitätsfindung der Kirche in unserer westlichen Kultur, in der die katholische Kirche seit langem die Entwicklung von einer gesellschaftsbestimmenden Mehrheit zu einer – wenn auch großen – Subkultur erlebt. John Allen sieht drei Säulen dieses Evangelikalen Katholizismus:
1. Ein starkes Bewahren traditioneller katholischer Identität, verbunden mit klassischen Wahrzeichen katholischen Denkens (“doctrinal orthodoxy” – eine konservative katholische Lehre in Glaubens- und Sittenfragen, die als Maßstab der Rechtgläubigkeit verstanden wird) und katholischer Praxis (liturgische Tradition, frommes Leben, und Autorität)
2. Eine konsequente öffentliche Verkündigung der katholischen Lehre, mit mehr Akzent auf der katholischen Mission nach außen, zur Transformation der Kultur im Lichte des Evangeliums, und weniger Akzent auf der Veränderung nach innen, den internen Kirchenreformen.
3. Der Glaube in seiner Bestimmtheit durch die persönliche Entscheidung des einzelnen und weniger durch kulturelle Vererbung, was für die katholische Identität in einer vorwiegend säkularen Gesellschaft u.a. bedeutet, dass diese Identität nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Diese Identität muss immer wieder erprobt, verteidigt, und offenkundig gemacht werden.
„Ganz bewusst verwende ich – um all das einzufangen – eher den Begriff “evangelikal” als „konservativ“, auch wenn viele Menschen das eben Skizzierte als konservative Ausrichtung begreifen werden. Im Grunde genommen geht es um etwas anderes: Das Verlangen nach Identität in einer fragmentierten Welt.
Viele evangelikale Katholiken begrüßen sogar die Säkularisierung, weil Religion dadurch zur bewussten Entscheidung wird – und nicht auf passive Vererbung zurückgeht. Wie Kardinal Jean-Marie Lustiger, ein evangelikaler Katholik wie er im Buche steht, in späten Jahren formulierte: „Wir befinden uns tatsächlich im Anbruch des Christentums.“ [Anm.: Kardinal Lustiger sah ein starkes säkulares Umfeld als Nährboden einer aktiven Entscheidung für den christlichen Glauben, im Gegensatz zu einem unreflektierten Aufwachsen in einer christlichen Kultur.]
Paradoxerweise trägt der Eifer, den vatikanischen „orthodoxen“ Katholizismus als das zufriedenstellendste Entrée in das postmoderne spirituelle Sammelsurium anzupreisen, wobei Mittel und Methoden eines „global village“ genutzt werden (Anm.: z.B. WJT Madrid mit 600 Mio Live-Zuschauern), dazu bei, dass evangelikaler Katholizismus sowohl traditionell als auch zeitgemäß erscheint.
„Bottom Up“
Evangelikaler Katholizismus ist die beherrschende Kraft in der politischen Weichenstellung der katholischen Kirche seit der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst im Jahre 1978. Wer heute die katholische Bürokratie verstehen will – warum Entscheidungen im Vatikan, in der US-Bischofskonferenz, oder in mehr Diözesen so getroffen werden, wie sie getroffen werden – für den ist dies der wichtigste Trend, mit es sich zu beschäftigen gilt.
Man wird den evangelikalen Katholizismus sehr missverstehen, wenn man ihn nur als “top-down” Bewegung versteht. Es existiert auch eine starke “bottom-up” Komponente, die in einem bestimmten Segment der jüngeren katholischen Population besonders augenfällig wird.
Dabei sprechen wir nicht von der breiten Masse der Katholiken in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die in ihrem Glauben und ihren Wertvorstellungen sehr breit gestreut sind. Vielmehr sprechen wir vom inneren Kern junger, aktiv praktizierender Katholiken, die am ehesten eine Berufung zum Priesteramt bzw. geweihten Leben erfahren, die ein Theologiestudium in Erwägung ziehen, oder die als Laien in der Kirche mitarbeiten (Jugendseelsorger, Pfarrgemeinderäte, katholische Jugend usw.). In diesem Segment der heutigen jungen katholischen Population gibt es eine evangelikale Energie, die so dick ist, dass man sie mit dem Messer schneiden kann.
Natürlich handelt es sich bei den eben beschriebenen Gruppen um die zukünftig bestimmenden Kräfte der katholischen Kirche. Dabei gab es einmal eine Zeit, da gehörte die Vorstellung einer äußerst engagierten jungen, verstärkt konservativen Generation ins Reich heiterer Anekdoten.
Eine 2009 vom Georgetown’s Center of Applied Research in the Apostolate durchgeführte Studie, unterstützt durch die National Religious Vocations Conference, fand einen bezeichnenden Unterschied zwischen jungen Ordensleuten in den heutigen USA und den älteren Geistlichen. Im allgemeinen würdigen die jungen Frauen und Männer des geweihten Lebens die Treue zur Kirche mehr und wählen einen Orden nach seiner Reputation hinsichtlich Treue; sie zeigen eine höhere Wertschätzung bezüglich Habit sowie konservativen Formen spiritueller und liturgischer Gestaltung; und sie haben eine positivere Einstellung zur Autorität.
Betrachten wir, um einzuschätzen wohin der Wind weht, die Frauenorden. Die Studie fand heraus, dass unter den Orden der Leadership Conference of Women Religious, die als die eher liberale Dachorganisation angesehen wird, im Beobachtungszeitraum nur 1% mehr als 10 neue Mitglieder haben, während die Orden im Council of Major Superiors of Women Religious, die als die konservativere Gruppe bewertet wird, satte 28% der betreffenden Orden mehr als 10 neue Mitglieder aufweisen.
Im Großen und Ganzen ist es falsch, diesen Trend in ideologischer Hinsicht zu werten, wie wir in politischen Kategorien „links“ und „rechts“ denken. Für die heutigen jungen Katholiken ist es mehr eine Erfahrung unterschiedlicher Generationen. Sie wuchsen nicht in einer verstaubten, alles kontrollierenden Kirche auf, also ist dies kein Grund zur Rebellion. Stattdessen rebellieren sie gegen eine entwurzelte säkulare Welt, wodurch sie begierig klare Wegweiser zur Identitäts- und Sinnfindung annehmen.
Unter den Jugendlichen wird evangelikaler Katholizismus erst dann ideologisch, wenn sie von der älteren Generation bedrängt werden, in den kircheninternen Fragen Stellung zu beziehen. Diese Tendenz findet sich gleichermaßen in den konservativen wie liberalen Flügeln.
WJT Madrid
Sicherlich ist nicht die ganze am WJT in Madrid teilnehmende Jugend als evangelikal zu bezeichnen… Nichtsdestotrotz sind es die evangelikalen Katholiken, die die Marschrichtung angeben. Weltjugendtage zählen vielleicht zu den wenigen internationalen Treffpunkten, wo ein gläubiger und charismatischer Katholizismus sich als angesagter Lebensstil zeigt. Um es klar anzusprechen, diese Leidenschaft wird nicht künstlich durch Kirchenideologen erzeugt und einer leicht zu beeindruckenden Jugend aufgezwungen, wie dies auf politischen Parteitagen praktiziert wurde und wird; vielmehr ist es eine Leidenschaft, die den jungen Gläubigen schon eigen ist und wofür der WJT ein Ventil bildet.
So betrachtet ist der WJT ein besonderes Mahnmal einer fundamentalen Wahrheit des Katholizismus im 21. Jahrhundert. Der evangelikale Katholizismus ist ein “doppelter Angriff”, als er einerseits den Rigorismus der römischen Führungsetage abbildet und andererseits die bestimmende Kraft einer inneren Gruppe junger Gläubiger darstellt: Dieser Katholizismus ist dazu bestimmt, die Kultur der Kirche (vor allem im Norden, d.h. USA und Europa) für die vorhersehbare Zukunft zu formen. Man mag seine Verdienste diskutieren, nicht aber seine Ausdauer.
In der realen Welt wird der Wettbewerb für den künftigen Katholizismus daher nicht zwischen der evangelikalen und irgendeiner anderen Gruppe, sagen wir den liberalen Reformern, ausgetragen. Vielmehr findet die Richtungsentscheidung innerhalb der evangelikalen Bewegung statt, zwischen einem offenen und optimistischen Flügel, der sich einer „positiven Orthodoxie“ verpflichtet (mit dem Akzent auf kirchentreuen Werten und weniger fokussiert auf das, was die Kirche ablehnt), und einer eher defensiven Schar, die sich der kulturellen Auseinandersetzung widmet.“
+
„Die post-konziliare Generation hat rebelliert, um den Katholizismus zu liberalisieren. Die jüngere Kirchengeneration in USA und Europa wird evangelikaler. Sie zieht es vor, den Liberalismus der Kirchenkritiker zu hinterfragen, anstatt den Katholizismus zu liberalisieren“ meint der Religionspolitologe A.Stummvoll.
Mancher stellt sich vielleicht die Frage, was diesen Beitrag John Allens so spannend macht. Drei Punkte sind es aus meiner Sicht:
1. Wenn man die zitierte US-Studie betrachtet, entdeckt man weitgehende Übereinstimmungen mit Europa: Kontemplative Orden haben größeren Zulauf als andere; die tonangebenden Jungpriester sind “evangelistisch” und romtreu – während die liberalen Reformer der älteren Generation angehören.
2. Das drohende Gespenst “Kirchenspaltung” verliert an Substanz, wenn man die entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft der katholischen Kirche nicht mehr in der Auseinandersetzung mit den “liberalen Katholiken älteren Jahrgangs” sieht, sondern innerhalb der jüngeren katholischen Generation.
3. Die Einheit der Kirche muss ein wesentliches Ziel aller christlichen Bestrebungen sein, und der Begriff “evangelikaler Katholizismus” vereint jedenfalls jene Lager, die sich als entscheidend für die Zukunft der römisch-katholischen Kirche herauskristallisieren.
So denke ich, dass liberale Reformanliegen (und Ungehorsams-Rebellionen), die von 50 bis 80jährigen – aber nicht von der Jugend – getragen werden, bereits heute Vergangenheit sind.
+++
+
ANHANG:
Der Original-Artikel von John L.Allen samt meiner bescheidenen Übersetzung:
Defining Evangelical Catholicism
“Evangelical Catholicism” is a term being used to capture the Catholic version of a 21st century politics of identity, reflecting the long-term historical transition in the West from Christianity as a culture-shaping majority to Christianity as a subculture, albeit a large and influential one. I define Evangelical Catholicism in terms of three pillars:
„Evangelikaler Katholizismus“ dient als Begriff, um die katholische Version einer Identitätspolitik des 21. Jahrhunderts zu beschreiben, die dem langfristigen Übergang im Westen von einer kulturbestimmenden Mehrheit zu einer christlichen Subkultur – wenn auch einer großen und einflussreichen – Rechnung trägt. Meine Definition eines „evangelikalen Katholizismus“ beruht auf drei Säulen:
-
A strong defense of traditional Catholic identity, meaning attachment to classic markers of Catholic thought (doctrinal orthodoxy) and Catholic practice (liturgical tradition, devotional life, and authority).
- Ein starkes Bewahren traditioneller katholischer Identität, verbunden mit klassischen Wahrzeichen katholischen Denkens (“doctrinal orthodoxy” – eine konservative katholische Lehre in Glaubens- und Sittenfragen, die als Maßstab der Rechtgläubigkeit verstanden wird) und katholischer Praxis (liturgische Tradition, frommes Leben, und Autorität)
-
Robust public proclamation of Catholic teaching, with the accent on Catholicism’s mission ad extra, transforming the culture in light of the Gospel, rather than ad intra, on internal church reform.
- Eine konsequente öffentliche Verkündigung der katholischen Lehre, mit mehr Akzent auf der katholischen Mission nach außen, zur Transformation der Kultur im Lichte des Evangeliums, und weniger Akzent auf der Veränderung nach innen, den internen Kirchenreformen.
-
Faith seen as a matter of personal choice rather than cultural inheritance, which among other things implies that in a highly secular culture, Catholic identity can never be taken for granted. It always has to be proven, defended, and made manifest.
- Der Glaube in seiner Bestimmtheit durch die persönliche Entscheidung des einzelnen und weniger durch kulturelle Vererbung, was für die katholische Identität in einer vorwiegend säkularen Gesellschaft u.a. bedeutet, dass diese Identität nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Diese Identität muss immer wieder erprobt, verteidigt, und offenkundig gemacht werden.
I consciously use the term “Evangelical” to capture all this rather than “conservative,” even though I recognize that many people experience what I’ve just sketched as a conservative impulse. Fundamentally, however, it’s about something else: the hunger for identity in a fragmented world.
Ganz bewusst verwende ich – um all das einzufangen – eher den Begriff “evangelikal” als „konservativ“, auch wenn viele Menschen das eben Skizzierte als konservative Ausrichtung begreifen werden. Im Grunde genommen geht es um etwas anderes: Das Verlangen nach Identität in einer fragmentierten Welt.
Historically speaking, Evangelical Catholicism isn’t really “conservative,” because there’s precious little cultural Catholicism these days left to conserve. For the same reason, it’s not traditionalist, even though it places a premium upon tradition. If liberals want to dialogue with post-modernity, Evangelicals want to convert it – but neither seeks a return to a status quo ante.
Im historischen Sinn ist ein “evangelikaler Katholizismus” nicht wirklich konservativ, weil aktuell herzlich wenig kultureller Katholizismus vorhanden ist, den es zu bewahren gilt. Aus eben diesem Grund ist ein “evangelikaler Katholizismus” nicht traditionalistisch, selbst wenn die Tradition einen Bonus genießt.
Many Evangelical Catholics actually welcome secularization, because it forces religion to be a conscious choice rather than a passive inheritance. As the late Cardinal Jean-Marie Lustiger of Paris, the dictionary definition of an Evangelical Catholic, once put it, “We’re really at the dawn of Christianity.”
Viele evangelikale Katholiken begrüßen sogar die Säkularisierung, weil Religion dadurch zur bewussten Entscheidung wird – und nicht auf passive Vererbung zurückgeht. Wie Kardinal Jean-Marie Lustiger, ein evangelikaler Katholik wie er im Buche steht, in späten Jahren formulierte: „Wir befinden uns tatsächlich im Anbruch des Christentums.“ [Kardinal Lustiger sah ein säkulares / nicht-christliches Umfeld als Nährboden einer aktiven Entscheidung für den christlichen Glauben, im Gegensatz zu einem unreflektierten Aufwachsen in einer christlichen Kultur.]
Paradoxically, this eagerness to pitch orthodox Catholicism as the most satisfying entrée on the post-modern spiritual smorgasbord, using the tools and tactics of a media-saturated global village, makes Evangelical Catholicism both traditional and contemporary all at once.
Paradoxerweise trägt der Eifer, orthodoxen Katholizismus als das zufriedenstellendste Entrée in das post-moderne spirituelle Sammelsurium anzupreisen, wobei Mittel und Methoden eines mediengesättigten „global village“ genutzt werden, dazu bei, dass evangelikaler Katholizismus sowohl traditionell als auch zeitgemäß erscheint.
Evangelical from the Bottom Up
“Evangelical Catholicism” has been the dominant force at the policy-setting level of the Catholic church since the election of Pope John Paul II in 1978. If you want to understand Catholic officialdom today — why decisions are being made the way they are in the Vatican, or in the U.S. bishops’ conference, or in an ever-increasing number of dioceses — this is easily the most important trend to wrap your mind around.
Evangelikaler Katholizismus ist die beherrschende Kraft in der politischen Weichenstellung der katholischen Kirche seit der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst im Jahre 1978. Wer heute die katholische Bürokratie verstehen will – warum Entscheidungen im Vatikan, in der US-Bischofskonferenz, oder in mehr Diözesen so getroffen werden, wie sie sie getroffen werden – für den ist dies der wichtigste Trend, mit es sich zu beschäftigen gilt.
You’ll get Evangelical Catholicism badly wrong, however, if you think of it exclusively as a top-down movement. There’s also a strong bottom-up component, which is most palpable among a certain segment of the younger Catholic population.
Man wird den evangelikalen Katholizismus sehr missverstehen, wenn man ihn nur als top-down Bewegung versteht. Es existiert auch eine starke bottom-up Komponente, die besonders augenfällig in einem bestimmten Segment der jüngeren katholischen Population wird.
We’re not talking about the broad mass of twenty- and thirty-something Catholics, who are all over the map in terms of beliefs and values. Instead, we’re talking about that inner core of actively practicing young Catholics who are most likely to discern a vocation to the priesthood or religious life, most likely to enroll in graduate programs of theology, and most likely to pursue a career in the church as a lay person — youth ministers, parish life coordinators, liturgical ministers, diocesan officials, and so on. In that sub-segment of today’s younger Catholic population, there’s an Evangelical energy so thick you can cut it with a knife.
Dabei sprechen wir nicht von der breiten Masse der Katholiken in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die in ihrem Glauben und ihren Wertvorstellungen sehr breit gestreut sind. Vielmehr sprechen wir von dem inneren Kern junger, aktiv praktizierender Katholiken, die am ehesten eine Berufung zum Priesteramt bzw. geweihten Leben erfahren, die ein Theologiestudium in Erwägung ziehen, oder die als Laien in der Kirche mitarbeiten (Jugendseelsorger, Pfarrgemeinderäte, katholische Jugend usw.). In diesem Segment der heutigen jungen katholischen Population gibt es eine evangelikale Energie, die so dick ist, dass man sie mit dem Messer schneiden kann.
Needless to say, the groups I’ve just described constitute the church’s future leadership.
Natürlich handelt es sich bei den eben beschriebenen Gruppen um die zukünftig bestimmenden Kräfte der katholischen Kirche.
Once upon a time, the idea that the younger generation of intensely committed Catholics was more “conservative” belonged to the realm of anecdotal impressions. By now, it’s an iron-clad empirical certainty.
Es gab einmal eine Zeit, da gehörte die Vorstellung einer äußerst engagierten jungen, verstärkt konservativen Generation ins Reich heiterer Anekdoten.
Case in point: A 2009 study carried out by Georgetown’s Center of Applied Research in the Apostolate, and sponsored by the National Religious Vocations Conference, found a marked contrast between new members of religious orders in the United States today (the “millennial generation”) and the old guard. In general, younger religious, both men and women, are more likely to prize fidelity to the church and to pick a religious order on the basis of its reputation for fidelity; they’re more interested in wearing the habit, and in traditional modes of spiritual and liturgical expression; and they’re much more positively inclined toward authority.
Typisches Beispiel: Eine 2009 vom Georgetown’s Center of Applied Research in the Apostolate durchgeführte Studie, unterstützt durch die National Religious Vocations Conference, fand einen bezeichnenden Unterschied zwischen jungen Ordensleuten in den heutigen USA und den älteren Geistlichen. Im allgemeinen würdigen die jungen Frauen und Männer des geweihten Lebens die Treue zur Kirche mehr und wählen einen Orden nach seiner Reputation hinsichtlich Treue; sie zeigen eine höhere Wertschätzung bezüglich Habit sowie konservativen Formen spiritueller und liturgischer Gestaltung; und sie haben einen positivere Einstellung zur Autorität.
To gauge which way the winds are blowing, consider women’s orders. The study found that among those which belong to the Leadership Conference of Women Religious, considered the more “liberal” umbrella group, just one percent have at least ten new members; among those which belong to the Council of Major Superiors of Women Religious, seen as the more “conservative” group, a robust 28 percent have at least ten new members.
Betrachten wir, um einzuschätzen wohin der Wind weht, die Frauenorden. Die Studie fand heraus, dass unter den Orden der Leadership Conference of Women Religious, die als die eher liberale Dachorganisation angesehen wird, nur 1% mehr als 10 neue Mitglieder haben, während die Orden im Council of Major Superiors of Women Religious, die als die konservativere Gruppe bewertet wird, satte 28% der betreffenden Orden mehr als 10 neue Mitglieder aufweisen.
For the most part, it’s a mistake to diagnose this trend in ideological terms, as if it’s about the politics of left vs. right. For today’s younger Catholics, it’s more a matter of generational experience. They didn’t grow up in a stuffy, all-controlling church, so they’re not rebelling against it. Instead, they’re rebelling against a rootless secular world, making them eager to embrace clear markers of identity and sources of meaning.
Im Großen und Ganzen ist es falsch, diesen Trend in ideologischer Hinsicht zu werten, wie wir in politischen Kategorien „links“ und „rechts“ denken. Für die heutigen jungen Katholiken ist es mehr eine Erfahrung unterschiedlicher Generationen. Sie wuchsen nicht in einer verstaubten, alles kontrollierenden Kirche auf, also ist dies kein Grund zur Rebellion. Stattdessen rebellieren sie gegen eine entwurzelte säkulare Welt, wodurch sie begierig klare Wegweiser zur Identitäts- und Sinnfindung annehmen.
Among youth, Evangelical Catholicism usually becomes ideological only if the older generation paints them into a corner, demanding that they choose sides in the church’s internal battles. That tendency, alas, seems equally pronounced on the left and the right.
Unter den Jugendlichen wird evangelikaler Katholizismus dann ideologisch, wenn sie von der älteren Generation bedrängt werden, in den kircheninternen Fragen Stellung zu beziehen. Diese Tendenz findet sich gleichermaßen in den konservativen wie liberalen Flügeln.
Evangelical Catholicism and World Youth Day
For sure, not all the youth gathered in Madrid this week are Evangelicals. I’ve covered five World Youth Days, and it’s my observation that you can generally identify three groups: A gung-ho inner core; a more lukewarm cohort, who don’t think about religion all that much, but who still go to Mass and see the faith as a positive thing; and those who are just along for the ride, perhaps because their parents would pay for WYD but not spring break in Cabo. (These are usually the kids outside playing hacky-sack and eating ice cream during the catechetical sessions.) Pastorally, I’ve always thought the aim was to nudge a few young people from that second group into the first, and from the third group into the second.
Sicherlich ist nicht die ganze am WJT in Madrid teilnehmende Jugend als evangelikal zu bezeichnen. Ich habe über 5 Weltjugendtage berichtet, und nach meiner Beobachtung lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Ein übereifriger innerer Kern; eine eher lauwarme Schar, die nicht allzuviel über Glaubensfragen nachdenkt; und diejenigen, für die es nur ein Trip ist, der vielleicht von den Eltern bezahlt wurde. In pastoraler Hinsicht habe ich es immer als Ziel gesehen, Leute aus der zweiten in die erste, und von der dritten in die zweite Gruppe zu ziehen.
That said, the Evangelicals clearly set the tone. World Youth Day is perhaps the lone international venue where being faithfully, energetically Catholic amounts to the “hip” choice of lifestyle. To be clear, this passion isn’t artificially manufactured by party ideologues and foisted on impressionable youth, like the Nuremberg rallies or Mao’s Red Guard brigades; it’s something these young believers already feel, and WYD simply provides an outlet.
Nichtsdestoweniger sind es die evangelikalen Katholiken, die die Marschrichtung angeben. Weltjugendtage zählen vielleicht zu den wenigen internationalen Treffpunkten, wo ein gläubiger und charismatischer Katholizismus sich als angesagter Lebensstil zeigt. Um es klar anzusprechen, diese Leidenschaft wird nicht künstlich durch Kirchenideologen erzeugt und einer leicht zu beeindruckenden Jugend aufgezwungen, wie dies auf politischen Parteitagen praktiziert wurde und wird; vielmehr ist es eine Leidenschaft, die den jungen Gläubigen schon eigen ist und wofür der WJT ein Ventil bildet.
In that sense, World Youth Day is the premier reminder of a fundamental truth about Catholicism in the early 21st century. Given the double whammy of Evangelical Catholicism as both the idée fixe of the church’s leadership class, and a driving force among the inner core of younger believers, it’s destined to shape the culture of the church (especially in the global north, i.e., Europe and the United States) for the foreseeable future. One can debate its merits, but not its staying power.
So betrachtet ist der WJT ein wesentliches Mahnmal einer fundamentalen Wahrheit des Katholizismus im 21. Jahrhundert. Der evangelikale Katholizismus ist ein doppelter Angriff, als er einerseits die idée fixe der kirchlichen Führungsetage und andererseits die bestimmende Kraft einer inneren Gruppe junger Gläubiger bildet: Dieser Katholizismus ist dazu bestimmt die Kultur der Kirche (vor allem im Norden, d.h. USA und Europa) für die vorhersehbare Zukunft zu formen. Man mag seine Verdienste diskutieren, nicht aber seine Ausdauer.
In the real world, the contest for the Catholic future is therefore not between the Evangelicals and some other group — say, liberal reformers. It’s inside the Evangelical movement, between an open and optimistic wing committed to “Affirmative Orthodoxy,” i.e., emphasizing what the church affirms rather than what it condemns, and a more defensive cohort committed to waging cultural war.
In der realen Welt wird der Wettbewerb für den künftigen Katholizismus daher nicht zwischen der evangelikalen und irgendeiner anderen Gruppe, sagen wir den liberalen Reformern, ausgetragen. Vielmehr findet er innerhalb der evangelikalen Bewegung statt, zwischen einem offenen und optimistischen Flügel, der sich einer „positiven Orthodoxie“ verpflichtet (mit dem Akzent auf kirchentreuen Werten und weniger fokussiert auf das, was die Kirche ablehnt), und einer eher defensiven Schar, die sich der kulturellen Auseinandersetzung widmet.
How that tension shakes out among today’s crop of church leaders will be interesting to follow, but perhaps even more decisive will be which instinct prevails among the hundreds of thousands of young Catholics in Spain this week, and the Evangelical generation they represent.
Wie diese Spannungen sich unter der heute tätigen kirchlichen Führung auswirken wird interessant zu beobachten sein, aber vielleicht wird noch entscheidender sein, welcher Instinkt unter den hunderttausenden jungen Katholiken des WJT – und ihrer evangelikalen Generation - sich durchsetzen wird.
+++