Auch für den Leib ist in Gott Raum: Zum Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

 

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„Maria wurde mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen: Auch für den Leib ist in Gott Raum.

Der Himmel ist für uns nicht mehr eine weit entfernte und unbekannte Sphäre: Wir haben eine Mutter im Himmel.

Jesus selbst hat sie zu unserer Mutter gemacht, als er zu seinem Jünger und damit zu uns allen gesagt hat: „Siehe, deine Mutter!“

Der Himmel steht offen, der Himmel hat ein Herz.“

(Papst Benedikt XVI, 15. Aug. 2005)

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Versetzen wir uns in die Zeit nach dem letzten Weltkrieg. Papst Pius XII. ist besorgt über die immer mehr zunehmende Materialisierung des Lebens auf allen Ebenen. Der Glaube an Mariens vollkommene (!) Vollendung hatte sich seit Jahrhunderten tief in Herz und Praxis der Gläubigen eingeprägt. Im 19. Jahrhundert häuften sich die Bitten an den Papst, diese Glaubensüberzeugung als Glaubenssatz, als Dogma zu verkünden. So bittet Papst Pius XII. am 1. Mai 1946 alle Bischöfe um ihr Votum. Das starke Echo ermutigt ihn zu weiteren Schritten.

Am Allerheiligentag 1950 vollzieht er durch das Rundschreiben Munificentissimus Deus die öffentliche Verkündigung des Glaubenssatzes, wonach es zum offenbarten Glauben gehört, dass Maria „nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden ist“ (DS 3903). Die Botschaft wird deutlich: Alles dient der „Verherrlichung des allmächtigen Gottes“, der „Ehre seines Sohnes“, der „Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter“ und schließlich der Freude der ganzen Kirche am Heilswirken Gottes.

Wie war nun die Wirkung auf die verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen? Den Glaubensgemeinschaften aus der Reformation schien diese Wahrheit nicht genügend und vor allem nicht explizit in der Bibel verankert. Den orthodoxen Kirchen hingegen schien es nicht notwendig, eine so genannte Dogmatisierung vorzunehmen, denn eine solche erfolgt nach ihrer Tradition nur dann, wenn den Glaubenswahrheiten eine eindeutige Häresie entgegensteht. Dem katholischen Verständnis schließlich geht es um das Aussprechen eines Glaubensbewusstseins zum Lobpreis Gottes, zur Verherrlichung Christi und seiner Mutter und vor allem zur Vertiefung des kirchlichen Glaubens.

Die Aufnahme Mariens am Ende ihres Lebens in die Herrlichkeit Gottes, und zwar ganz und ungeteilt, ist die letzte der vier Grundaussagen oder Dogmen des katholischen Marienbildes. Diese Aussage ergänzt und vollendet gewissermaßen die übrigen drei Dogmen Maria/Gottesmutter, Maria/Jungfrau und Maria/Unbefleckte Empfängnis.

Der heutige Festtag birgt eine dreifache Botschaft für unser Dasein und die Gestaltung unseres Lebens.

(1) Gnade hat Vorrang

In einem Kanon heißt es: „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht, alles ist Gnade, fürchte dich nicht.“ Der Vorrang der Gnade steht im Leben Mariens von Anbeginn. Sie ist die Begnadete schlechthin. Sie ist die Erwählte, sie ist die Beschenkte, sie ist die Offene für Gottes Wirken in ihrem Leben und darum rühmt sie im Magnifikat, in ihrem Lobpreis, immer neu Gottes Wirken und Gottes Gnadenhandeln an der Menschheit. Das Eigentliche in unserem menschlichen Leben und auch in unserem christlichen Dasein ist Geschenk und Gnade. Das Leben ist uns zuteil geworden als Geschenk und als Gnade. Was im Leben gelingt, ist vielfach Begabung auf verschiedenen Ebenen und in verschiedener Weise, und letztlich ist auch unsere Leistung, unsere Arbeit Gabe und Gnade.

Dass wir glauben dürfen, dass Maria mit Leib und Seele bei Gott vollendet ist, liegt begründet in dem, was Gott an ihr gewirkt hat, und das ist in den Glaubensaussagen über ihr Leben und Wirken zum Ausdruck gebracht, nämlich, dass sie die Unbefleckt Empfangene ist, das heißt vom ersten Augenblick ihres Lebens vom Heiligen Geist und von der Gnade Gottes erfüllt, und dass sie dieser Gnade entsprochen hat, dass in ihr eigentlich der neue Mensch sichtbar wird, wie Gott ihn letztlich gedacht hat!

Dass sie nun mit Leib und Seele bei Gott vollendet ist, hängt auch mit ihrer tiefen Verbindung mit Christus zusammen, weswegen sie seit dem Konzil von Ephesus (431) „Theotókos“ genannt wurde, Gottesgebärerin, das heißt Gebärerin des Sohnes Gottes, der Menschensohn geworden ist. Damit hängt auch zusammen, dass sie in ihrem Leben ganz offen geblieben ist für Gott, für den Sohn, für den Heiligen Geist, das heißt immerwährende Jungfrau. So liegt die Vollendung aller Gnaden in der Aufnahme Mariens in den Himmel in all dem begründet, was Gott in Form von Gnaden an ihr gewirkt hat.

(2) Der Mensch als Ganzes

Es geht immer um den ganzen Menschen. Der Mensch ist eine Einheit, ganz und ungeteilt, von Leib, Seele und Geist, von Hirn und Herz, von Intellekt und Emotion, Subjektivität, Personalität und sozialen Beziehungen. Die Gnade der Einheit des ganzen Menschen kommt gerade an diesem Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel zum Ausdruck. Alles geht also über den Leib und mit dem Leib.

Wir Christen haben in den letzten Jahrzehnten – auch aufgrund der neueren Erkenntnisse der Wissenschaften – einen besseren Zugang, einen umfassenderen Zugang zur Leiblichkeit und damit auch zur Ganzheit des Menschen gewonnen. Es gibt ein altes Wort, das von großer theologischer Tiefe und Bedeutung ist: „Caro salutis cardo – das Fleisch ist Angelpunkt des Heils“, das meint die Menschwerdung des Sohnes Gottes – und das Menschsein als Ganzes. Darum auch die Bedeutsamkeit des rechten Umgangs mit der Leiblichkeit, mit der Körperlichkeit, damit die Ganzheit des Menschen und seine Gesamtberufung nicht verloren geht.

Natürlich kommen wir im Blick auf die künftige Verherrlichung in ein gewisses Stocken, denn wir wissen ja nicht, wie es weitergeht mit unserer Leiblichkeit. Darin haben wir keine Erfahrung. Wir blicken nur auf den auferstandenen und verklärten Herrn, wie er den Jüngern erschienen ist in der neuen Gestalt. Aber wie dies sein wird und wie diese Verwandlung sich vollziehen wird, das ist Geheimnis und Aufgabe des Heiligen Geistes. Er, der der Lebensatem Gottes ist, wird es vermögen, diesen unseren Leib unsere Körperlichkeit, umzugestalten und einzuführen in die ganzheitliche Vollendung unseres Daseins. Somit ist dieses Hochfest ein Fest der Ganzheitlichkeit des Menschseins im Blick auf seine endgültige Berufung.

(3) Ziel unseres Daseins

Schließlich wird uns an diesem Hochfest erneut bewusst, welches unser Ziel ist. Immer neu tauchen die Verheißungen Gottes auf, dass unser Leben nicht in dieser Welt Vollendung findet, sondern eine neue Zukunft in einem neuen Himmel und einer neuen Erde eröffnet wird. Auch da können wir nur vermuten, auch da können wir uns nur auf das berufen, was die Bibel vorausschauend uns vor Augen stellt. Aber das eine wissen wir: Gott ist ein Gott des Lebens und der Liebe. Er will das Leben und nicht den Tod, er will das ganzheitliche und bleibende Leben. Und weil er ein Gott der Liebe ist, ist er auch ein Gott der Treue, denn die Liebe kommt erst in der Treue zur Vollendung.

An den Gott der Gnade und des Lebens, gerichtet, beten wir darum mit dem Tagesgebet am heutigen Tag zu Recht:

„Allmächtiger, ewiger Gott, du hast die selige Jungfrau Maria, die uns Christus geboren hat, vor aller Sünde bewahrt und sie mit Leib und Seele zur Herrlichkeit des Himmels erhoben. Gib, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen und auf dem Weg bleiben, der hinführt zu deiner Herrlichkeit. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

(Obiger Text enthält Teile einer Predigt des Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, vom 15. August 2008)

Kommen wir zum Abschluß auf Worte von Papst Benedikt XVI. aus seiner Predigt zu Mariä Himmelfahrt in Castel Gandolfo vom 15. August 2005 zurück:

„Im Evangelium haben wir das Magnifikat gehört, diese großartige Dichtung aus dem Herzen Marias, vom Heiligen Geist inspiriert. Es beginnt mit den Worten Meine Seele preist die Größe des Herrn.

Maria hat keine Angst, dass der Herr ein „Konkurrent“ in unserem Leben sein könnte, dass er uns durch seine Größe etwas von unserer Freiheit nehmen könnte. Sie weiß, dass wenn Gott groß ist auch wir groß sind.

Nur wenn Gott (in uns) groß ist, ist auch der Mensch groß […] Mit Maria sollen wir beginnen zu verstehen, dass dies so ist. Wir dürfen uns nicht von Gott entfernen, sondern wir müssen Gott gegenwärtig werden lassen.“

Beten wir diesen Lobpreis (das Magnifikat) voll Vertrauen und lassen ihn in unserem Leben wirken!

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Das Magnifikat und weitere Mariengebete findest du hier.

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9 Gedanken zu “Auch für den Leib ist in Gott Raum: Zum Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

  1. Das Maria in den Himmel entrückt wurde,
    ist eine Erfindung der römisch-katholischen Kirche,
    gleich wie, dass Petrus in Rom war und dort gekreuzigt wurde,
    gleich wie, dass einer von den Jüngern Jesu mit Namen Jakob,
    nach Spanien gepilgert ist.
    Wird Zeit, dass die katholische Kirche, vom Kleinsten bis zu dem Größten,
    Buße vor Gott tut für die vielen Irrtümer, mit denen sie die Heiden und Menschen
    „verzaubert“ und füttert, wie es in der Offenbarung des Johannes Kapitel 18, geschrieben steht. Peter Semenczuk
    „Die christlichen Freunde der Wahrheit, vom wiedererwachten Urchristentum“.

    1. Lieber Peter,
      meine Antwort auf deine “Einwände” verbinde ich mit einem Hinweis auf einen lesenswerten Artikel von Elsa Laska zum selben Thema. Dort heißt es:

      “Der Kirchenlehrer und Heilige Petrus Canisius schreibt dazu um das Jahr 1560: „Nicht alles, was wahr ist, steht in der Heiligen Schrift, nicht alle Glaubens- und Sittenwahrheiten. Auch Augustin sagt, wo er von der Himmelfahrt Mariä spricht: Auch vieles andere ist nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten. Vieles haben die Heiligen Schriften uns selbst überlassen zu finden, es aus den Aussprüchen der Heiligen Schrift zu schließen und wenn man es gefunden hat, sind dies keine unnützen, überflüssigen Dinge. Vieles ist in der Heiligen Schrift übergangen, was aber zu glauben seine guten Gründe hat.“
      Die Kirche glaubte seit jeher und bezeugt seit dem Konzil von Chalcedon 451 die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel. Juvenal, der Erzbischof von Jerusalem – Canisius bezeichnet ihn deshalb als gewichtigeren Zeugen als alle anderen – erklärte damals vor Kaiser Markian und Kaiserin Pulcheria, er wisse aus der Überlieferung der Vorfahren, dass die Apostel drei Tage beim Grab der Mutter Gottes blieben und als sie es öffneten, sei ihr Leib nicht mehr darin gewesen, sondern nur die Leintücher. Eine andere Version weiß, dass die Apostel statt des Leichnams Rosen und Lilien im Grab vorfanden.
      Auch für Johannes von Damaskus, Thomas von Aquin, Albertus Magnus und Bonaventura war einleuchtend und selbstverständlich, dass sich an Maria die Worte aus Psalm 15 erfüllt haben mussten: „Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen“.”

      Gruss und Segen!

  2. Lieber Peter,

    alle Punkte, die Du anführst gehören in den Glaubensbestand nicht nur der römisch-katholischen Kirche sondern gehen zurück auf die ersten christlichen Jahrhunderte, die zu den gemeinsamen und nicht konfessionell getrennten gehören. Verbindlich sind nach einer ökumenischen Formel durchaus die ersten 1000! Jahre!!! Nur leider kennt sich da kaum einer aus und am Ende ist es wieder Pius XII. alleine gewesen.
    Hinweis:
    ökumenisches Heiligenlexikon zum Tage:
    http://www.heiligenlexikon.de

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