Christliches Manifest für das Kreuz – ein offener Brief an Europe4Christ

Liebe Initiatoren von Europe4Christ!

Mit Freude stehe ich hinter der Initiative Europe4Christ und habe demzufolge auf Ihrer Website unterschrieben. Die bei kath.net und ZENIT veröffentlichten „12 Thesen für das Kreuz im öffentlichen Raum“ geben Anlass zur Diskussion, wie die nachstehenden Punkte zeigen werden. Vorangestellt findet sich der Versuch, eine reduzierte Anzahl neu formulierter Thesen vorzustellen:

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Manifest für das Kreuz im öffentlichen Raum

  1. Das Kreuz ist das über 2000 Jahre historisch gewachsene Logo Europas. Es ist ein religiöses Symbol von höchster Bedeutung und hat darüber hinaus in kulturhistorischer Hinsicht einen gefestigten Platz in der europäischen Gesellschaft. Im staatlichen und öffentlichen Raum steht das Kreuz für soziale und kulturelle Leistungen, die im Namen des christlichen Glaubens erbracht werden, wogegen im kirchlichen und privaten Kontext die religiöse Bedeutung an erster Stelle steht.
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  2. Alle bestehenden christlichen Institutionen zusammen, namentlich Kirchen, Klöster, Orden und Gemeinschaften, Schulen, Caritas, Spitäler, Hospize, etc. leisten einen maßgeblichen, unverzichtbaren und öffentlichen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft. Das Kreuz im öffentlichen Raum erinnert an diese fortwährenden Leistungen für die Gesellschaft.
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  3. Die Würde des säkularen Staatswesens gebietet es, die religiöse Bedeutung von Glaubenssymbolen im öffentlichen Raum nicht weiter zu hinterfragen. Gegen religiöse Werte und Symbole gerichtete Initiativen sind daraufhin zu prüfen, ob deren Beweggründe im offenen oder latenten Widerstand gegen Religionen zu finden sind, und inwieweit Verletzungen der Religionsfreiheit und anderer Rechtsgrundsätze gegeben sind.
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  4. Die Europäische Menschenrechtskonvention EMRK wurde nach dem II. Weltkrieg als gesellschaftsübergreifendes Regelwerk zum Schutz aller Menschen geschaffen. Kirchliche wie auch säkulare Ansprüche bezüglich religiöser Symbole und Inhalte im öffentlichen Raum sind auf juristischer Ebene im Verfassungsrahmen und der Rechtspraxis einzelner Mitgliedstaaten, darüber hinaus im Rahmen der EMRK zu beurteilen.
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  5. Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit kann nur die Ausübung derselben bedeuten – nicht die Freiheit von der Begegnung mit christlichen Symbolen, Initiativen und Einrichtungen. Sinn der Religionsfreiheit ist es demgemäß nicht, eine Gesellschaft zu schaffen, die religionsfrei ist. Wechselseitiger Respekt zwischen säkularen und religiösen Teilen der Gesellschaft ist die Voraussetzung für sozio-kulturellen Frieden.
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  6. Eine verantwortungsbewusste Initiative für das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol lehnt jede Form von Fundamentalismus auf das Schärfste ab. Der Anspruch auf das Kreuz im öffentlichen Raum beruht auf historischen, religiösen und demokratischen Grundlagen eines offenen und freien Staatswesens.

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Nun aber zu den 12 Thesen von Europe4Christ. Christliche Initiativen müssen sich in zunehmendem Maße sehr genau überlegen, wie sie gegenüber säkularen Bestrebungen, die sich gegen Religionen und aktuell gegen das wichtigste christliche Symbol richten, argumentieren. Wenn Christen und ihre Kirchen mit gesellschaftlichem und juristischem Gegenwind konfrontiert werden, ist es besonders wünschenswert, nicht emotional oder missverständlich zu antworten. Lassen Sie mich folgende Thesen von Europe4Christ herausgreifen:

2. Kreuze zu demontieren ist eine Verletzung auf derselben Ebene, wie es das Anbringen des Kreuzes für die Atheisten ist. [Anschließend heißt es:] 3. Die leere weiße Wand ist auch eine ideologische Aussage – vor allem dann, wenn sie vorher jahrhundertlang nicht leer war. Ein „wertneutraler“ Staat ist eine Fiktion, die oft propagandistisch benützt wird.

Wenn es die Absicht ist, in dieser Sache gehört zu werden, dann sollten wir uns auf die konkrete Situation einstellen: Das Vorhandensein und Anbringen von Kreuzen im öffentlichen Raum wird mit Berufung auf die EMRK bekämpft. Wie sinnvoll ist es da, mit einer möglichen politischen Konsequenz (Demontage der Kruzifixe in öffentlichen Räumen) zu argumentieren?

Die nach dem 2.Weltkrieg von allen europäischen Staaten ratifizierte Europäische Menschenrechtskonvention EMRK wurde als gesellschaftsübergreifendes Vertragswerk zum Schutz aller Menschen geschaffen. Diese Konvention kann von religiösen wie antireligiösen Initiativen in Anspruch genommen werden. Sie ist – im Zusammenspiel mit dem Verfassungsrecht der Einzelstaaten und gegebenenfalls dem Konkordat –  das entscheidende Rechtsinstrument in den angesprochenen Auseinandersetzungen. Daraus ergibt sich zwingend, dass nicht nur eine christliche, sondern auch eine juristisch fundierte Argumentation zu finden ist; die vorgestellte These aber stellt keinerlei Bezug zu den Menschenrechten her und ist demzufolge wirkungslos.

4. Ein angebliches Recht, nicht mit religiösen Inhalten konfrontiert zu werden, kann also nicht stärker sein als das Recht zur freien Religionsausübung.

Es ist nicht empfehlendwert, von einem „Recht“ zu sprechen. Bei der sogenannten „Freiheit von Religion“ geht es auch gar nicht um ein Recht, sondern um einen behaupteten Anspruch. Gegen einen Anspruch ist in jeder Hinsicht leichter zu argumentieren, warum also will es uns die Initiative Europe4Christ schwerer machen als es tatsächlich ist?

7. Statt religiöse Intoleranz zu bekämpfen, wird die Religion in Form ihrer Symbole bekämpft.

Dass Religionen in Form ihrer Symbole und auch ihrer Inhalte wegen bekämpft werden, ist offensichtlich. Wie soll uns dieser Punkt in der Auseinandersetzung mit säkularen Initiativen, die sowohl gegen religiöse Intoleranz als auch religiöse Symbole vorgehen, helfen?

8. Man kann nicht politische Probleme bekämpfen, indem man die Religion bekämpft.

Welche politischen Probleme werden hier angesprochen? Es gibt kein „verstecktes politisches Problem“, das mit dem Kampf gegen das Kreuz gelöst werden soll – hier werden christliche Symbole und Realitäten mit offenem Visier angegriffen!

9. Antireligiöser Fundamentalismus macht sich zum Komplizen religiöser Fundamentalismen indem er sie durch Intoleranz provoziert.

In Europa ist „antireligiöser Fundamentalismus“ derzeit kaum wahrnehmbar. Mit welchem Ziel sprechen wir an dieser Stelle den Fundamentalismus an? Problematisch ist dabei die eingeschlossene Verunglimpfung der Verfechter des religionsfreien Raumes einerseits, sowie die Angst vor möglichen Fundamentalisten der eigenen Seite! Was wir gegenwärtig erleben ist eine „antireligiöse Agitation von Kleingruppen und Einzelpersonen“. Am schlimmsten ist aber, dass man die Chance einer glaubwürdigen Absage an jede Art von Fundamentalismus verpasst hat!

11. Die betroffene Bevölkerung möchte mehrheitlich die Kreuze behalten! Es ist auch demokratiepolitisch problematisch, Einzelinteressen so eklatant den Vorrang einzuräumen.

Welches Demokratieverständnis liegt hier vor? Das vorliegende Kruzifix-Urteil wurde auf europäisch-juristischer Ebenen erreicht, und wird (zunächst in Italien) auf demokratiepolitischer Ebene weiterzubehandeln sein – somit gibt es keine unrechten Gegebenheiten und der Hinweis auf „demokratiepolitische Probleme“ ist kontraproduktiv.

12. Das Kreuz ist das Logo Europas. Es ist ein religiöses Symbol, aber doch wesentlich mehr als das.

Ja! Hier stoßen wir auf eine wichtige These. Was unbedingt am Anfang anzuführen ist, taucht hier als allerletzter Punkt auf.

Das Kreuz ist in zweifacher Hinsicht mehr als ein Symbol: Zum einen ist es de facto zu einem kulturellen Symbol Europas geworden, so hat das Christentum über 2000 Jahre auf keinem Kontinent mehr Bedeutung gehabt als auf europäischem Boden – dies lässt sich historisch eindrucksvoll untermauern. Zum anderen ist es das große Sinnbild für jenen Menschensohn, der zusammen mit seinem Vater die radikale Abkehr von Gott als die einzig unumkehrbare Sünde (heute sprechen wir von der Kultur des Todes) bezeichnet hat – deswegen wird das Kreuz bekämpft, aus keinem anderen Grund.

Abschließend ist festzuhalten, dass jede Initiative zur Erhaltung und Förderung christlicher Werte und Botschaften von zeitzubeten begrüßt wird. Dieser Beitrag ist konstruktiv zu verstehen – und über die Bereitschaft zur Unterstützung und auch Mitwirkung darf kein Zweifel bestehen.

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3 Gedanken zu “Christliches Manifest für das Kreuz – ein offener Brief an Europe4Christ

  1. Auch ich habe diese Thesen gelesen und mir darüber Gedanken gemacht. Ich habe mit Menschen diskutiert, die überhaupt keinen Wert auf den christlichen Glauben legen. Ich schätze diese kritischen Gedanken von Dir, Stefan.
    Ich finde es wichtig, dass jeder Einzelne seine Glaubenssymbole tragen kann- der Jude seine Kippa, die Muslima ihr Kopftuch (auch wenn sie es nicht müsste- aber viele wollen es und manche tragen sehr hübsche), der Christ sein Kreuz. Nachdem wir zu einer Minderheit werden, möchte ich nicht das Kreuz überall aufzwingen. Unsere Kultur ist vom Christentum geprägt, aber viele Menschen haben sich davon distanziert, wenden sich dem Buddhismus oder dem New Age oder dem Atheismus zu, oder sind einfach gleichgültig.
    Ich habe für die Beibehaltung der Kreuze in den Klassen unterschrieben- doch noch wichtiger ist mir der Respekt dem Christentum gegenüber. Die Wirtschaft verwendet Ausschnitte aus der Bibel (10 Gebote, Vaterunser etc.) für Werbezwecke. Das tut wirklich weh!

    1. Liebe Dietlinde,
      genau das ist eine mögliche Rechtsprechungsvariante: Dass alle religiösen Gruppen ihre Symbole im öffentlichen Raum einsetzen können.

      So gesehen hätte ich kein Problem damit, wenn (je nach Klassensituation) auch jüdische, islamische etc. etc. Symbole vertreten wären.

      Danke auch für den Hinweis auf die Unterschriftenaktion, an der ich mich ebenfalls beteilige!

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