Dominus Jesus – ein ewiges Thema?

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Vorneweg sei gesagt, dass kein Weg am Lesen des Original-Dokuments „Dominus Iesus“ vorbeiführt. Allerdings fällt eine Einordnung 10 Jahre nach Veröffentlichung schon etwas leichter. Stanislaus hat dazu mehrere Anläufe genommen, die für alle Eingelesenen die entscheidenden Punkte hervorheben. Mein Beitrag dagegen gilt jenen unter uns, die weniger (oder inzwischen nicht mehr so) vertraut mit dem Dokument sind.

So finden sich im Folgenden eine Predigt von Kardinal Lehmann als eine Art Hinführung zum Thema, wie auch kritische Stellungnahmen des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber.

Die Kernbotschaft des Dokuments ist das unverrückbare Bekenntnis zur katholischen Kirche als der wahren Kirche Christi, mit allen damit verbundenen Ecken und Kanten.

Wen wundert’s, dass es (in erster Linie ausserhalb der katholischen Kirche) Gegner dieser Lehre gibt. Weniger überraschend ist wohl, dass dieses Dokument ohne wenn und aber Grundlage jedes bekennenden Katholiken sein sollte…

Beginnen wir gleich mit einer prominenten Kritik an Dominus Jesus.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber bezeichnet den veröffentlichten Text der Glaubenskongregation („Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ [2007]), der von Papst Benedikt XVI. ausdrücklich bestätigt wurde, „als unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen“ von „Dominus Iesus“ (2000).

Huber bekräftigte, dass nach evangelischem Verständnis ein ökumenischer Weg gefunden werden müsse, der die Anerkennung des römischen Primats und die Bindung der Apostolizität der Kirche an die bischöfliche Amtssukzession „nicht als unumgängliche Voraussetzungen ökumenischer Verständigung“ ansehe. Huber bemängelte, dass das Dokument dem Gedanken, auch der römisch-katholischen Kirche könnten Elemente fehlen, die anderen Kirchen wichtig seien, kein Raum gebe. Als Beispiel nannte Huber den Respekt vor der Urteilsfähigkeit der Gemeinden, den gleichen Zugang der Frauen zum geistlichen Amt oder die Einsicht in die Fehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes. (s. FAZ vom 10. Juli 2007)

Aber wie würde das Dokument zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eigentlich vorgestellt? Dazu Kardinal Lehmann in einer Predigt aus dem Jahr 2000.

Diese Frage nach der Stellung Jesu in der Geschichte der Heilsangebote und Religionen ist heute sehr wichtig. Wir sind sehr mobil geworden und wissen, wenn es auch manchmal sehr oberflächlich bleibt, durch unsere Reisen und die Medien etwas von der Vielfalt der Heilsbringer. Es ist dann sicher so, dass auch wir im Zuge von Toleranz und Religionsfreiheit, welche ja gute Errungenschaften für unser modernes Leben sind, insgeheim der Meinung sind, dass alle Wege zu Gott führen und dass darum auch irgendwie eine Gleich-Gültigkeit vorzuherrschen beginnt, alle diese Wege seien auch gleich viel wert. Unser weitgehend auf praktische Probleme und ein pragmatisches Vorgehen eingestelltes Lebensgefühl macht auch nicht Halt vor Bereichen, wo die Wahrheit eine größere Herausforderung darstellt.

Nun will auch die Erklärung „Dominus Iesus“ nicht leugnen, dass es für die Menschen viele Wege zu Gott gibt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich in diesem Sinne mit der Erklärung „Nostra aetate“ über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen größte Mühe gegeben und sagt in aller Deutlichkeit: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchen von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. – Deshalb mahnt sie ihre Söhne (und Töchter), dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“ (Nr. 2) So beten wir auch in den großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie nicht nur für die Einheit der Christen und die Juden, sondern auch für alle, die nicht an Jesus Christus glauben und sogar für die, die nicht an Gott glauben. Gerade im Blick auf die zuletzt Genannten heißt es: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen … Allmächtiger, ewiger Gott, du hast den Menschen geschaffen, dass er dich suche und in dir Ruhe finde. Gib dich zu erkennen in den Beweisen deines Erbarmens und in den Taten deiner Gläubigen, damit die Menschen trotz aller Hindernisse dich finden und als den wahren Gott und Vater bekennen.“

Aber all dies erspart uns nicht die Frage, wie wir selbst zu Jesus Christus stehen. Da gibt es gewiss viele Stufen der Nähe oder der Ferne, der Abneigung oder der Sympathie. Die Menschen haben Jesus immer wieder mit anderen Heilsbringern verglichen, auf die sie gewartet haben, auf einen zweiten Mose, einen wiederkehrenden Elia oder sonst einen der Propheten. Aber es kommt nicht darauf an, was die anderen denken und die Leute sagen. Im Bekenntnis des Glaubens geht es um das Ganze. Deswegen fragt Jesus selber uns alle: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ In dieser Situation ist es oft Petrus, der bei allem sonstigen Versagen zur rechten Zeit und am rechten Ort das rechte Wort findet.

Wie Johannes uns zeigt, ist sogar unter den engsten Anhängern Jesu, bei denen, die ihn immer begleiten, nach seiner Rede über die Eucharistie eine Spaltung entstanden. Die einen wollten mit ihm weitergehen, die anderen waren über die Härte und Unverständlichkeit der Rede Jesu entsetzt, murrten und viele liefen davon: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (6,60) Jesus packt die Frage an. Er weicht dem Konflikt und damit auch der Trennung von einigen bisherigen Freunden nicht aus. Die Wahrheit verlangt manchmal einen hohen Preis. Jesus weiß auch, dass bei ihm einige sind, die nicht glauben und die ihn sogar verraten. Es ist gewiss eine schmerzliche Erfahrung Jesu, nur ein kleiner Trost für uns, dass damals schon in der engsten Schar um ihn etwas passiert, was uns auch heute noch bedrängt: „Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.“ (6,66) Jesus zwingt niemanden. Der Glaube braucht die freie Entscheidung. Dies gilt gerade heute, wo uns immer wieder so viele Dinge auf dem Markt aller Möglichkeiten locken. Deshalb fordert er sie alle und jeden einzelnen zu einer Entscheidung auf – und zwar durch die Frage: „Wollt auch ihr weggehen?“ (6,67) Das fragt er sogar die Apostel, deren Nachfolger die Bischöfe sind.

Ich finde diese Herausforderung von ganz besonderer Bedeutung für uns heute. Wir haben die Freiheit, auch zu anderen zu gehen. Viele Menschen tun dies und suchen sich – freilich oft nur auf eine gewisse Zeit – ihre Gurus und Therapeuten aus, laufen für einige Zeit allen möglichen Lehren und Praktiken nach, verlieren sich aber nicht selten und verfallen Strömungen, die uns am Ende die Freiheit kosten. Aber es ist die Würde des Menschen, dass er entscheiden und wählen kann. So kann er sich auch regelrecht verfehlen. Nicht jede Religion ist von Hause aus schon gut. Man muss immer Wesen und Unwesen der Religion unterscheiden.

In dieser schwierigen Situation, in der die meisten wohl eher schweigen wollten, ist Petrus wirklich ein Zeuge. Wie bei anderer Gelegenheit (vgl. Mt 16,13-20), legt er ein Bekenntnis ab, das die einzige Antwort auf Jesu Frage ist. Sie lautet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“ Petrus trifft den Nagel auf den Kopf. Darum geht es: Er allein gibt uns eine letzte Geborgenheit und einen absoluten Halt im Leben und im Sterben. Er wird uns immer begleiten, wo sonst alle anderen sich aus dem Staub machen. Er ist ein unersetzlicher Freund des Lebens der Menschen und von uns allen. Aber dies kann er nur sein, weil er als der Sohn Gottes aus dem Herzen des Vaters, von dem lebendigen Gott selbst kommt. Nur darum bringt er uns nicht einfach ein hohles Versprechen, wie es viele tun, sondern er bringt uns wirkliche Nahrung und stillt unseren Hunger nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Nur darum gibt es als einzige Antwort von uns Menschen auf eine solche göttliche Zuwendung den Hymnus im Philipper-Brief, der in besonderer Weise diese Einzigkeit Jesu Christi zum Ausdruck bringt. Er hat keine Angst vor der Hingabe seines Lebens für andere und auch nicht vor dem Tod. Er weiß, dass der Vater ihn auch in der ärgsten Erniedrigung und sogar in der Gottverlassenheit trägt und hält. Darum ist er für uns der Einzige, dem wir alles anvertrauen dürfen. Deshalb beten wir: „Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: „‚Jesus Christus ist der Herr‘ – zur Ehre Gottes des Vaters.

Dies ist ebenfalls ein Bekenntnis. Viele Menschen auch unserer Tage machen sich dieses zu eigen oder formulieren es mit persönlichen Worten. Im Vatikan-Pavillon der EXPO finden sich von jung und alt, arm und reich, weiß und schwarz viele solcher Bekenntnisse, die offenbar auch das geheimnisvolle, uralte Bild Jesu, das Mandylion von Edessa, auslöst. So heißt es – manchmal eher etwas unkonventionell, dann aber auch wieder eher poetisch – jedenfalls immer als persönliches Bekenntnis: „Jesus ist spitze!“ „Du, Jesus, bist für mich Sonne, Wärme, Licht und Leben. Was wäre die Welt, der Mensch ohne dich?“

Die einzige Reaktion, die hier eigentlich angemessen ist, besteht darin, dass wir davon anderen erzählen und diese gute Botschaft anderen mitteilen, damit auch sie Feuer fangen. Nichts anderes will am Ende die Erklärung „Dominus Iesus„. Wer hat sie uns denn so verstellt? Beginnen wir am besten nochmals von vorne, auf jeden Fall mit Jesus. Amen.

(Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung im Hohen Dom zu Fulda am Dienstag, 26. September 2000)

Wer eine weitergehende Analyse Kardinal Lehmanns zum Thema sucht, ist eingeladen, diesem Link zum Referat zur Eröffnung der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu folgen.

Es gibt natürlich noch sehr viel mehr zu „Dominus Iesus“ und den Reaktionen auf diese Veröffentlichung zu berichten. Aber vielleicht ist dieser Abriß eine kleine Hinführung zu einem großen Thema für jeden Katholiken: Die Einzigkeit und die Heilsuniversität Jesu Christi und der Kirche – so lautet der Untertitel des vatikanischen Dokuments – vollinhaltlich anzuerkennen und zu vertreten.

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