Der Zufall, der mich in die Wüste führte

Es ist dieses Kreuz aus gebogenem Holz, das meine Aufmerksamkeit fesselt. Es hängt in der Hauskapelle eines befreundeten Diakons, und ich bleibe im Anschluss an die Messe noch in Gedanken versunken sitzen. Schließlich frage ich den Hausherrn, was es mit dem Kreuz auf sich hat.

So höre ich den Namen des italienischen Mystikers, ab 1954 Mitglied der Kongregation der Piccoli Fratelli di Charles de Foucauld, zum ersten Mal: Carlo Carretto. Er war es also, der diese ausdrucksstarke, moderne Kreuzskulptur zum Geschenk gemacht hatte. Wieder einmal hat sich das Kreuz als kraftvolle Verbindung erwiesen, in der Horizontalen zwischen den Menschen, in der Vertikalen zu Gottvater und Sohn.

Ist diese Begegnung Zufall? Nach meiner Überzeugung gibt es in Fragen, die Gott berühren, keine Zufälle… Nur wenig später halte ich zwei Bücher von Carretto in Händen, die mir der Diakon zu lesen mitgibt. Ich beginne den durch häufigen Gebrauch zerzausten Band „Unser Weg durch die Wüste“ zu lesen; von Seite eins weg  zieht es mich immer tiefer in den Text hinein, sodass ich bald anfange, mir Zusammenfassungen der Kapitel zu machen.

Dieser Weg durch die Wüste ist in erstaunlich aktueller Sprache festgehalten. Bald frage ich meinen Buchhändler, ob er mir ein Exemplar besorgen kann, da ich berüchtigt dafür bin, Bücher recht intensiv zu lesen. „Der Titel ist vergriffen“, meint der Buchhändler ganz lapidar. Aber ich habe ja bereits Zusammenfassungen von fast allen Kapiteln: Ist das nun Zufall? Nach meiner Überzeugung…

Wer die Reise durch die zusammengefassten 140 Seiten mitmachen möchte, ist sehr herzlich eingeladen! Im Abstand von wenigen Tagen stelle ich Ausschnitte auf diesen Blog, wobei die Worte zum überwiegenden Teil  dem Wortlaut des Originals nachfolgen, um Geist und Kraft des Textes nicht verlorengehen zu lassen!

Für alle, die immer wieder einmal hineinschauen möchten, werde ich in der rechten Seitenleiste ein weiteres Banner einfügen, wo man durch Anklicken zu den Zusammenfassungen gelangt, und so jederzeit wieder einsteigen kann.

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Zusammenfassungen aus dem 1971 bei Herder veröffentlichten Buch:

„Unser Weg durch die Wüste“ von Carlo Carretto

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Vorwort

Alles und jedes wird heutzutage angegriffen und in Frage gestellt. Ich habe mir daher öfters überlegt, ob ich mich dabei nicht irgendwie beteiligen sollte.

Zumindest habe ich nichts gegen solches Verhalten. Ein bisschen Leben und Unruhe machen mir Freude. Wenn ein junger Mann auf einen Tisch steigt und von dort oben heftig gegen etwas wettert, das nicht in Ordnung ist und besser werden sollte, dann macht mir das richtig Spaß. Was gibt es daran auszusetzen? Sind wir nicht alle der Meinung, dass manches nicht so ist, wie es sein sollte, und geändert werden müsste?

Ich will aber nicht die Menschen angreifen. Man hat so viel Mühe mit Ihnen, mit Ihnen allen! Auch will ich nicht schon wieder mich selber in Frage stellen. Ich habe es schon allzu oft getan, bis hin zu dem Punkt, an dem ich selbst an meinen Möglichkeiten zweifelte, irgendetwas Gutes zu tun. Ehrlich gestanden, falle ich mir selbst zur Last, habe übergroße Mühe mit mir selber. Was mich noch hält, ist allein die Hoffnung auf Gott, nicht die Hoffnung auf meine Tugenden. Was die Nacht, in der ich mich befinde, hell macht, ist der Glaube an Jesus, nicht der an mich selber oder an meine Fähigkeiten, die im Laufe der Zeit allmählich dahinschwinden.

Vielmehr möchte ich angehen gegen Gott

Ja, gegen ihn will ich rebellieren! Gegen ihn, der mich schon suchte und mir nachging, als ich noch ein Kind war, und der es immer noch tut; gegen ihn, den ich in der Kirche meiner Kindheit und Jugend kennen und lieben lernte, einer Kirche, die so reich war an Heiligem, an Gefühl, an Farben, an äußerem Putz und an Licht; gegen ihn, der mich in die Wüste geführt hat, um meinen Glauben zu reinigen und meine Altäre zu entblößen, der mich begleitet hat in der geheimnisvollen Wolke, damit ich seine Nacht, sein Schweigen und seine Jenseitigkeit erführe; gegen ihn, den ich kennen gelernt habe als den Gott Abrahams, denn Gott der Propheten und Psalmen, denn Gott Jesu und seiner Frohbotschaft, den Gott, der in der Kirche und der Eucharistie lebt; denn Gott von gestern, von heute und von morgen; gegen den Gott, der der Urgrund meines Seins ist, der in mir ist und mich umgibt, der über mir das Geheimnis seines göttlichen Antlitzes aufscheinen lässt.

Gegen diesen Gott also will ich rebellieren, will angehen gegen ihn. Nebenbei gesagt, bin ich nicht der Erste, der dies tut, und ich weiß auch, dass ihm diese Art von Rebellion gefällt. Es ist die Rebellion der Liebe, und zu ihr sagt er immer ja.

Diese Art des Streiten mit Gott gefällt ihm. So will auch ich handeln, will mich nicht einfach hinstellen und es dabei bewenden lassen, dass so vieles nicht in Ordnung ist in der Welt von heute und dass sie verdiente, unterzugehen.

Der Schleier über den Dingen Gottes

Die Bibel ist das Buch, das Himmel und Erde verbindet. Noch liegt sie auf dem Tisch. Die Menschen von heute aber durchstöbern Sie nur, um eine Deutung und Auslegung zu finden, die den erwachsenen Menschen ansteht. Der Schleier, der über den Dingen Gottes ebenso liegt wie über der Sünde und dem unsichtbaren Himmel, dieser nach Kinderart gefertigte Schleier sagt den Menschen nicht mehr zu. Überlegen und selbstsicher sind sie bemüht, ihn hinwegzureißen.

Die armen Menschen! Sie wissen nicht, dass sie dann, wenn sie diese Schleier hinwegziehen, all die einfachen Worte verändern, die in ihrer Schlichtheit das ganze Geheimnis Gottes enthalten, dass sie dann rat- und hilflos vor dem reinen Geheimnis stehen werden. Dann aber werden sie nichts mehr begreifen, nichts mehr sehen.

Dieses Geheimnis ist eine Lichtfülle, die unvergleichlich stärker ist als das Licht, das bei der Explosion von abertausend Atombomben entsteht. Blickst du in dieses Licht, dann erblindest Du, bist umgeben von einer Nacht, die deine Nacht ist, nicht die Nacht Gottes. Gott hat immer schon darum gewusst; er hat sozusagen Vorsichtsmaßnahmen für uns ergriffen.

Auch Jesus wusste es: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht eingehen in das Reich« (Mt. 18,3).

Ich fürchte nicht, dass Gott uns nicht mehr sein Brot und seine Heilsmittel darreicht. Ich habe aber Angst, dass er uns auf uns selbst gestellt – in die Versuchung des Glaubens gesetzt hat.

Ich will nicht anmaßend sein, aber ich habe die Schrecken der Nacht des Geistes erfahren, die ein Johannes vom Kreuz erfahren und beschrieben hat. Und ich weiß, dass es entsetzlich ist, vor dem unverhüllten Gott zu erscheinen, wenn man bloß seinen Glauben vorweisen kann. Es gibt aber einen Ausweg:

Klein sein, demütig sein, Gebet und Tränen

Das ist sicher nicht leicht. Bevor wir uns entscheiden, klein zu werden, versuchen wir eher alle anderen Wege. Die Straße der Demut und der Tränen beschreitet man in der Regel nur, wenn man sich besiegt fühlt und nicht mehr weiß, wo man das Haupt anlehnen soll. Es ist traurig, dass wir Gott vielleicht nur deshalb suchen, weil wir nicht wissen, wohin wir uns sonst wenden sollten. Erst wenn wir enttäuscht sind in unseren Träumen und Wünschen, werden wir bereit für Gott, der uns nach wie vor liebt und sich unseres Elends bedient, um uns in das Reich seine Liebe zu führen.

Herr, erbarme dich der Menschen. Vor allem bitte ich dich: versuche sie nicht zu sehr in ihrem Glauben! Stelle sie nicht auf eine zu schwere Probe!

Lass die Menschen Deine Hand spüren, empfehle Ihnen Deine Gegenwart hinter allem. Sende uns alles Leid, dass Deine Gerechtigkeit ersinnen kann. Aber verschone uns vor dem einen: dass immer weniger Menschen die letzten Zeugen des Unsichtbaren sind.

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In Kürze folgt das Kapitel: Rückkehr in die Wüste.

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