Der Islam und die Bergpredigt

ISLAM

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„Mehr als 1000 Demonstranten stürmen in Zentraljava, Indonesien, ein Gerichtsgebäude und stecken anschließend zwei Kirchen in Brand. Die Gewalt in Temanggung, rund 60 Kilometer nordwestlich von Yogyakarta, bricht aus, nachdem das Gericht einen Christen wegen Blasphemie zu fünf Jahren Haft verurteilt hat. Der Mob empfindet das Urteil als zu mild“ – so lauten die Schlagzeilen.

Welche Überzeugungen führen Anhänger des Islam zur rigorosen Ablehnung anderer Religionen, insbesondere des Christentums?

Gerade weil in Europa (noch) keine Kirchen brennen, sollten Christen daran gehen, sich rechtzeitig mit dem Islam auseinanderzusetzen. Dabei finden wir mit einfachen Abwehrreflexen… „Wenn Muslime bei uns Moscheen bauen, müssen wir das Recht haben, auf muslimischen Territorien Kirchen zu bauen“ oder „der Islam ist aufgrund der vielen gewaltbereiten Muslime, des Dschihad und der Scharia schlichtweg abzulehnen“ …nicht mehr das Auslangen. Folgende Artikel sollen helfen, das Phänomen ISLAM besser zu verstehen.

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1. Bergpredigt und Islam (siehe unten)

2. Tötungsverbot im Islam

3. Wer darf sich Muslima und Muslim nennen? (folgt)

4. Jesus im Islam

5. Maria im Islam

6. Eine Muslima zu Radikalisierung, Zwangsehe, Abtreibung und Exkommunikation

7. Radikalisierung von Gläubigen, insbes. Jugendlichen (folgt)

8. Respekt vor Religion

9. Benedikt XVI.: Vor der Regensburger gab es die Kölner Ansprache

10. Beten für Christen in der islamischen Welt

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Um diese „Kraft des Islam“ zu verstehen, ist es hilfreich, einmal die Seiten zu wechseln – also mit den Augen des Islam auf das Christentum zu blicken: Erst dann wird das volle Ausmaß der Bedrohung (ja, nichts anderes ist es, wenn wir die Klarheit und den Mut besitzen, die Lage beim Namen zu nennen) sichtbar. Eine Vorlesungsunterlage der Universität Erfurt, verfasst durch den in Pakistan geborenen Islamwissenschaftler Prof. Dr. Jamal Malik, soll Basis sein für dieses Vorhaben.

Anhand der muslimischen Rezeption der Bergpredigt und der Wirkungsgeschichte christlicher Missiononare in Indien und Afrika wird verständlich, mit welchem Selbstbewusstsein die Jünger des Propheten Mohammed ausgestattet sind. Aufgrund der Überzeugung der Muslime, die Bibel sei nicht authentisch, Jesus sei nicht der Sohn Gottes, und Paulus habe die Evangelien umgedeutet, haben Christen nichts mehr zu lachen.

Im folgenden wird eine Zusammenfassung der Vorlesung von Prof. J.Malik vorgestellt; damit verbunden ist die Einladung, über christliche (Gegen-) Positionen nachzudenken, die dazu führen, eine selbstbewusste und überlegte Haltung gegenüber dem Islam einnehmen zu können.

Bergpredigt und Islam

Prof. Jamal Malik (Erfurt)

Das Thema Bergpredigt und Islam ist – wie sich bei der Beschäftigung mit der relevanten wissenschaftlichen und auch polemischen theologischen Literatur herausstellt – ein lebhaft umstrittenes Diskursfeld, in dem sich Vertreter beider Weltreligionen in einem Konflikt um Wahrheitsansprüche kontrovers begegnen. Allerdings handelt es sich im muslimischen Kontext um verstreute Bemerkungen im Zusammenhang von Betrachtungen der Person Jesu, im Koran der letzte Prophet vor Mohammed. Entsprechend liegt kein muslimischer Kommentar zum Evangelium nach Matthäus oder zu einem Teil dieses Evangeliums, besonders den Kapiteln 5-7, die die Bergpredigt enthalten, vor. Christian Troll, ein Kenner des indischen Islam und langjähriger Islambeauftragter der katholischen Kirche, meint dazu:

„Das ist ja das große Leidwesen, dass wir keine muslimische Christologie und muslimische Exegese der Bibel haben. Noch nicht einmal eine solide, modernen Anforderungen entsprechende muslimische Studie zur Frage der ‚Verfälschung‘ der jüdischen und der christlichen Bibel. Diese ist aber eigentlich Vorraussetzung für einen sinnvollen theologischen muslimisch-christlichen Dialog.“

In der gegenwärtigen Forschung zur Bergpredigt wird von einer breiten Mehrheit der Bibelwissenschaftler die Annahme der Authentizität der Bergpredigt als einer Rede Jesu für eine unzutreffende Annahme gehalten. Es handle sich nicht um eine zusammenhängende Predigt aus der mündlichen Tradition, sondern der Evangelist Matthäus habe sie aus einer Reihe von Einzelaussagen Jesu zusammengestellt, um der Botschaft des Propheten eine homogene und bindende Form zu verleihen (H. D. Betz, Tübingen). Sie sei eine programmatische Anleitung zur Mission, die „den Jünger in Stand [setzt], in seiner eigenen, freilich an der Theologie des Meisters ausgerichteten Weise Theologie zu betreiben.“

Theologie der Bergpredigt und Mission spielen auch in der muslimischen Rezeption eine gewichtige Rolle. Wenden wir uns aber zunächst einmal dem Koran und der Prophetentradition zu.

Bergpredigt in Koran und Sunna

Zwar ist in der islamischen Stiftungsurkunde nicht die Rede von der Bergpredigt, doch finden sich im Koran inhaltliche Ähnlichkeiten. So spielt zum Beispiel Sure 2:271 „Wenn ihr Almosen öffentlich spendet, ist es gut. Wenn ihr sie aber heimlich den Armen zukommen lasst, so ist es besser für euch“ deutlich auf Mt 6,1-4 an. Dort wird eine Verbindung hergestellt zwischen Almosenabgaben und Prahlerei.

In Sure 2:264f findet sich in formkritischer Hinsicht sowie in gewissen Zügen der Metaphorik eine beachtliche Übereinstimmung zu Mt 7:24-27:

„Wer von seinem Vermögen spendet, um von den Leuten gesehen zu werden, gleicht einem steinigen Grund, den eine dünne Erdkrume bedeckt. Fällt ein Regenguß darauf, bleibt nachher nur eine kahle, harte Stelle übrig. […] Wer im Vertrauen auf Gott spendet […] gleicht einem Garten auf einem flachen Höhenzug. Fällt darauf ein Regenguß, trägt er doppelt Früchte. Und wenn kein Regenguß auf ihn fällt, wird er von Tau befeuchtet. Gott durchschaut wohl, was ihr tut.“

So auch Sure 29:60, die Mt 6:26 ähnelt: „Und wie viele Tiere gibt es, die sich um keinen Unterhalt sorgen. Gott versorgt sie und euch. Er hört und weiß alles.“ In der Bergpredigt heißt es hier: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ Das Gemeinsame an diesen verstreuten Auszügen im Koran ist, dass sie nicht in Verbindung mit Jesus gebracht werden.

Eine zusammenhängende, der Bergpredigt – bes. Mt 5:17-48 – strukturell und intentional sehr ähnliche Passage des Koran ist Sure 2:178-185. So wie Jesus dort im Rahmen des geltenden Gesetzes der Tora auch das eigene, selbstbestimmte Handeln fordert („Ich aber sage euch…“), misst auch der Koran dem nomos zwar weiterhin Gültigkeit zu, aber formuliert ihn um.

Während Jesus sechs verschiedene Gesetze erläutert (siehe oben), spricht der Koran nur von dreien, nämlich Vergeltung für Tötung, Erbschaft und Fasten. Blutrache wird durch Wergeld ersetzt, was eine Gleichberechtigung der Personen bedeutet; das Brautgeld geht nach der Scheidung in das Eigentum der Frau über und es wird ihr sogar Erbrecht konzediert; und es werden Konzessionen beim Fasten und sogar Ersatzleistungen in Form von Armenspeisungen eingeführt. Der Tübinger Religionswissenschaftler Stefan Schreiner spricht in diesem Zusammenhang von einer Humanisierung und Demokratisierung altvorderer Vorschriften. Alle drei Mahnungen beginnen jeweils mit den Worten „Ihr, die ihr glaubt! Vorgeschrieben ist euch“. So heißt es in Sure 2:180-182:

„Vorgeschrieben ist euch, wenn einen von euch der Tod ereilt: Wenn derjenige Gut hinterlässt, soll er es den Eltern und Verwandten anempfehlen im Guten, eine Pflicht des Gottesfürchtigen.“ – „Wer aber daran ändert, nachdem er es vernommen hat, dessen Schuld wird auf die zurückfallen, die daran ändern werden. Wer aber von Seiten des Erblassers ein Unrecht oder ein Vergehen befürchtet, er dann zwischen ihnen Frieden stiftet, keine Schuld lastet auf ihm. Siehe, Allah ist hörend und wissend. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.“

Im Koran fehlen aber ganz offenbar die charakteristischen biblischen Worte: „Ich aber sage euch!“. Diese ändern zwar nicht den Sinn, aber den Duktus, wie im Folgenden in einer Überlieferung der Prophetentradition deutlich wird.

In der Sunna (arab. sunna „Brauch, Regel“) des Propheten, welche den Muslimen nach dem Koran als zweite Quelle des islamischen Rechts und islamischer Frömmigkeit gilt, befindet sich nämlich eine der Bergpredigt vergleichbare Ansprache, die so genannte Khutbat al-Wida, die Abschiedspredigt Mohammeds vor seinem Tod im Jahr 632 n. Chr.: Im Tal Uranah von der Erhebung Arafat soll der Prophet von seinem Kamel aus vor etwa 120 000 Pilgern den Glauben an den Einen Gott angemahnt, die Pflichterfüllung der fünf Pfeiler sowie die Gleichberechtigung aller Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe und Abstammung eingefordert haben.

In der Religionswissenschaft stellt der Berg die Verbindung zwischen göttlichem Himmel, der menschlichen Erde und der teuflischen Tiefe her und vermittelt so den Eindruck des Übermenschlichen und Wegweisenden. Berge seien einerseits ‚näher am Himmel‘, andererseits ‚unbewohnbar‘, und markieren somit die Achse der ‚Mitte der Welt‘. Die Vorstellung ist womöglich nicht ganz von der Hand zu weisen, dass gemäß dieser Symbolik Jesus bei Matthäus die Bergpredigt von der Weltmitte aus hielt und somit die Begegnung mit dem Numinosen (Göttlichen) suggerierte. Es ist daher naheliegend, die Bergpredigt als eine ‚Rede von Oben‘ – ex cathedra – zu deuten: Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Sohn Gottes und der Messias, steigt auf einen Berg, um von dort mit lauter Stimme eine Rede über die Ethik zu halten.

Diese Ansprache stellt mehr als einen bloßen Aufruf zur Gesetzestreue dar. Sie ist vielmehr ein moralischer Leitfaden, der „intellektuell angeeignet und innerlich verarbeitet werden soll, um [ihn] dann schöpferisch weiterzuentwickeln und in den konkreten Lebenslagen anzuwenden. Als Jesus die Ansprache beendet hat, zeigt sich die zuhörende Menschenmenge „sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7:28-29; vgl. Mk 1:22). Im Lichte derselben Symbolik lässt sich auch Jesu Tod, sein Abstieg in die Hölle und seine Wiederauferstehung sehen. Jesus ist die Verbindung zwischen Himmel, Hölle und Erde.

Im Islam ist dieser Topos der Predigt von einer Erhebung und die damit einhergehende Hierarchie sowie die Verbindung zwischen Himmel und Erde anders ausgeprägt. Auch wenn Mohammed am Berg Hira Rechtleitung (Lebensführung gemäß götllichem Willen) gesucht und gefunden hat, so wurde diese herabgesandte Botschaft (um 610 n.Chr.) nicht von einem Berg aus hinabgepredigt, sondern im Tal unter den Muslimen verbreitet. In dieser Hinsicht lässt sich aus der Evangelienüberlieferung nur der Inhalt der sogenannten Feldrede im Evangelium des Lukas vergleichen (Lk 6:12-7,1).

In der Abschiedspredigt Mohammeds werden zahlreiche der Bergpredigt vergleichbare Mahnungen aufgeführt, ohne dass sich der Religionsstifter des Islam als Messias oder Sohn Gottes mit eigener Autorität versteht. Er ist eher ein willenloser Prophet, der lediglich Gottes Wort authentisch wiedergibt. Deshalb fragt Mohammed nach der Predigt auch: ‚O ihr Gläubigen, habe ich euch getreu die Mitteilung wiedergeben?‘ Die Menschenmenge antwortete: ‚Bei Allah, ja‘. Darauf erwiderte Mohammed ‚O Allah, sei mein Zeuge, dass ich Deine Mitteilung Deinem Volk überbracht habe.‘ Und im Gegensatz zur Bergpredigt musste die Abschiedspredigt von einem Gefährten Mohammeds mit lauter Stimme wiederholt werden, damit die Zuhörer sie akustisch wahrnehmen konnten.

Nun sind verstreute Ähnlichkeiten in den grundlegenden Texten nicht außergewöhnlich; Unterschiede ergeben sich vielmehr aus den Rollen und Kontexten, die diesen Texten später zugewiesen werden. Dies ist bedeutsam vor dem Hintergrund, dass im christlichen Diskurs die Bibel als Hilfsmittel für ein rationales Verständnis der Barmherzigkeit Gottes verstanden wird, die zwar von Menschen niedergeschrieben, aber von Gott inspiriert wurde. Der Koran dagegen ist gemäß muslimischer Tradition das unmittelbare Wort Gottes, empfangen durch Mohammed, das Siegel der Propheten. Er ist die „Inliberation“, die Manifestation des göttlichen Wortes als Buch, und ist laut Meinung vieler Theologen wegen seiner liturgischen Bedeutung nicht nur nicht übersetzbar, sondern auch aufgrund „seiner Vorliebe für formelhafte Wiederholungen und Gleichklänge, seiner unvollständigen Sätze und fremden Metaphorik uns schwerer zugänglich.

Bergpredigt und Mission

Im Zuge der kolonialen Expansion in muslimische Gebiete nutzten christliche Missionare die Bergpredigt als ein wirksames Mittel für ihre Konversionsbemühungen. Ein früher Text ist etwa der Bericht des Inders Imad al-Din (gest. 1900) über seine Konversion im Jahre 1864: Er las die Bibel, und – so schreibt er – „als ich das siebente Kapitel des Evangeliums Matthäi gelesen hatte, begannen Zweifel an der Wahrheit des Mohammedanismus in meiner Seele aufzusteigen“. Die Bergpredigt (die letzten drei Kapitel, die er gerade gelesen hatte) diente als Auslöser für die Konvertierung Imad al-Dins zum Christentum.

Die Bergpredigt spielt also in der Missionsarbeit eine wichtige autoritative und authentische Rolle und wird für das im christlichen kulturellen Gedächtnis tief verankerte Islambild stets erneut herangezogen, wenn der Islam als eine monolithische kriegerische Religion gesehen wird, die allen Ungläubigen ständig den Heiligen Krieg (Jihad) erklärt und damit im Gegensatz zum Christentum der Bergpredigt steht.

Muslimische Kommentare zur Bergpredigt

Wie haben nun Muslime die Bergpredigt rezipiert und kommentiert? Die Suche nach Antworten auf diese Frage bringt uns zu einem dritten Aspekt. Eine einheitliche Rezeptionsgeschichte ist nicht zu finden, vielmehr variieren diese Kommentare in Raum und Zeit und müssen in ihren jeweiligen Kontexten gelesen werden.

Im historischen Rückgriff können zunächst Meinungen islamischer Mystiker dokumentiert werden. Vor dem Hintergrund der Standardisierung sufischer Ideen und der sich anschließenden Phase der Ausbildung mystischer Orden im 11. und 12. Jahrhundert bewerteten muslimische Gelehrte die Botschaft der Bergpredigt weitgehend positiv. So nimmt etwa der Rechtsgelehrte und Mystiker Abu Hamid al-Ghazali (1058–1111) die ethische Lehre Jesu äußerst ernst und übernimmt fast wortwörtlich Passagen der Bergpredigt, um seiner Botschaft von Duldsamkeit – einer Stufe auf dem Weg zur mystischen Offenbarung – Autorität zu verleihen:

„Im Evangelium fand ich: ‚Jesus, der Sohn Marias, sprach: Ehedem wurde euch gesagt: Zahn um Zahn, Nase um Nase. Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht mit Bösem, sondern wenn einer dir auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm die linke Backe hin! Und wenn einer dir das Kleid wegnimmt, dann gib ihm (auch noch) deinen Schurz! Und wenn einer dich zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei Meilen mit ihm!‘ All das ist eine Aufforderung, das zugefügte Ungemach geduldig zu ertragen. Das geduldige Ertragen des von den Menschen zugefügten Ungemachs gehört zu den höchsten Stufen der Geduld. Denn dabei unterstützen die Antriebskräfte der Begehrlichkeit und des Zornes einander gemeinsam gegen die Antriebskraft der Religion.“

Es wird auch deutlich, dass die in der Bergpredigt vorgetragenen ethischen Prinzipien, welche Barmherzigkeit gegenüber Schwachen und Verachteten betonen, problemlos angenommen werden: Die rigorose Ethik, die der Christus der Sufis verkünde, erinnere stark an die Bergpredigt, aus der scheinbar auch einige Sätze ihren Weg in die sufische Literatur gefunden hätten. Tatsächlich stellte Christus für den islamischen Mystiker eine moral authority und ein Modell des Asketen dar. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel fasst zusammen:

„Es ist der Jesus der Bergpredigt, dessen Bild in den Aussprüchen der ersten Sufi-Generation gespiegelt wird, und er blieb auch eine Lieblingsfigur der späteren Sufi-Dichtung. Er und seine jungfräuliche Mutter wurden zu symbolischen Gestalten … zu Musterbildern rein geistigen Lebens.“

Diese moralische Autorität des biblischen Jesus wird auch noch gegenwärtig in der sufischen Tradition gerne und besonders von christlichen Konvertiten zum Islam weitergeführt, wenn sie ihrem Orden etwa in Anlehnung an Maria den Namen Miryamiyya geben.

Wenden wir uns Kommentaren zu, die von muslimischen Gelehrten im 19. Jahrhundert verfasst wurden, so ist wiederum der Vormarsch christlicher Missionsbewegungen in Verbindung mit kolonialer Expansion besonders in Indien zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang muss Sayyid Ahmad Khan (1817–1898) genannt werden, ein prominenter indisch-muslimischer Gelehrter, der u.a. versuchte, den orientalistischen Angriffen britischer Gelehrter, wie denen der Muir Brüder, kreativ zu entgegnen. Zu diesem Zweck verfasste er als erster Muslim überhaupt einen modernen – wenn auch fragmentarischen – Bibelkommentar: das in den Jahren 1862–1865 erschienene Tabyin al-Kalam.

Dabei war Khans Credo geprägt von den Ereignissen nach 1857, welche die politische Vereinnahmung des muslimischen Moghul-Indien durch die Briten nach sich zogen. Er kämpfte seither um politische und kulturelle Anerkennung der Muslime. Dabei bemühte er die Figur der Ratio, wurde den Muslimen nach 1857 doch fehlende Rationalität unterstellt. Sein Postulat, Islam widerspreche nicht den Naturgesetzen, sowie die Idee, Gottes Werk könne nicht im Gegensatz zu Gottes Wort stehen, sind Ausdruck dieses leidenschaftlich geführten Anerkennungsdiskurses.

Folglich präsentierte sich Khan im Gegensatz zu zahlreichen seiner Zeitgenossen nicht als kompromissloser Gegner des Christentums. Vielmehr sah er in der christlichen Lehre viele positive Elemente. Allerdings wollte er sich intellektuell mit dem Christentum messen und so dem Islam als Vervollkommnung göttlicher Botschaft wieder zur Stärkung verhelfen. Der Islam steige nämlich mit einschlägigen rationalen Beweisen dort ein, wo das Christentum auf irrationalen und blinden Glauben an das Heil allein durch das Werk Christi und an die Trinität verweisen müsse:

„If Christianity depends upon the acceptance of these two dogmas, [Khan] does not see how its followers can ever claim to possess freedom of thought in the matter of religion. […] In Islam, there are two basic creeds: existence of God and His Unity. The Qur’an does not demand the people to accept them blindly. It gives innumerable arguments based on the study of natural phenomena to establish these two facts. It constantly appeals to the common sense of man, to his eyes, to his ears, to his heart; it demands observation, reflection, reasoning and not irrational acceptance.”

Mit Bezug auf die Bergpredigt steht die ethische Autorität Jesu allerdings auch bei Khan außer Frage, wenn er die Kritik vieler Muslime gegen die christliche Aufforderung zur Feindesliebe (Mt 5,44) zurückweist. Seine sympathische Bewertung der Bergpredigt sei hier in einem Abschnitt wiedergegeben:

„Diese Predigt ist eine äußerst erleuchtete und reine Darstellung ohne verwirrende Beweisführung, und sie hat nachhaltige Wirkungen auf die menschliche Seele. […] Aber einige Menschen kritisieren diese Predigt aufgrund dessen, dass Jesus diese Mahnung aus früheren Bücher entnommen hat, deren größter Teil aus dem Zabur (Psalter; nach der Lehre des Islam das heilige Buch, welches David von Allah offenbart bekam, es zählt zu den heiligen Büchern, die vor dem Koran offenbart wurden) und Ish`aya Nabi (Buch Jesaja) stammt. Wenn Jesus nämlich selbst Gott gewesen oder aus dem Heiligen Geist hervorgegangen wäre, dann hätte er sich in seiner Predigt nicht auf die altvorderen Quellen bezogen, sondern hätte neue Aussagen gemacht. Aber dies ist eine dumme Vorstellung. Ich bin ja selbst der Meinung, dass Jesus nicht Gott war, aber zu denken, dass er nicht eine von Gott gesandte reine Seele war, ist völlig ungerechtfertigt. Ich war schon immer der Ansicht, dass alle Propheten den gleichen Glauben verkündeten. Die Predigten aller hatten nur einen Zweck. An diesem Ort hat Jesus jene außergewöhnlich guten Mahnungen von sich gegeben, für die alle Propheten gekommen waren, um das Gleiche zu verkünden, und dieselbe Moral angefordert. Folglich entsprachen die Aussagen Jesus denen der Altvorderen.“

Weiterhin wurde – auch in späteren muslimischen Kommentaren zur christlichen Moral und Lehre in der Bergpredigt – kritisiert, Paulus habe in seinen Briefen die eigentliche Lehre Jesu auf den Kopf gestellt. Während Jesus nämlich in der Bergpredigt noch auf den bestehenden Gesetze beharrte, hätte Paulus gewissermaßen eine gewissensgebundene Glaubensessenz verkündet, die auf seine hellenistisch inspirierte Philosophie zurückginge. Da die Salafiyya (Strömungen des Islam, die sich an der Zeit der Altvorderen [arab.: Salaf, „Vorfahren“] orientieren) auf einer Rückkehr zur Dogmatik des Frühislam bestand, konnte und wollte sie mit einer solchen paulinischen, anti-legalistischen Auslegung nicht viel anfangen. Deshalb sei die Bergpredigt auch nicht weiter kommentiert worden.

Zeitgenössische Interpretationen

In der Zeit nach den Weltkriegen traten politische Abgrenzungsdiskurse deutlich in den Vordergrund. Einer der wenigen kurzen Kommentare zur Bergpredigt in der Nachkriegszeit stammt von dem indisch-muslimischen Theologen Hamiduddin Farahi (gest. 1930). In seinem Werk „Iman fi aqsam al-Qur’an“ (A Study of the Qur’anic Oaths) setzt er sich stellenweise mit der Bergpredigt kritisch auseinander: Farahi zweifelt an der Authentizität der Bergpredigt und stellt die Konsistenz des Textes in Frage. Jesus habe nicht zu einer Menschenmenge, sondern lediglich zu seinen Jüngern gesprochen, denn „als er sich setzte, kamen seine Jünger zu ihm. Dann begann er, sie anzusprechen … durch die Predigt“. Sodann stellt al-Farahi fest, dass einige Mahnungen der Bergpredigt nur für Mittellose vorgesehen seien, wie z.B. das Verbot, im Namen Gottes zu schwören, oder dem Aug um Aug, Zahn um Zahn abzuschwören [vgl. Mt 5,33-42]. Denn diese Lehren würden das Gesetz der Tora außer Kraft setzen, was Jesus ja gar nicht wollte. Al-Farahi folgert daraus, dass die Predigt keinen Gesetzeskodex darstelle und nur an spezifische Menschen gerichtet sei. Zudem müsse der Text der Bergpredigt in seinem historischen Kontext verstanden werden, dass nämlich die Idee „halte auch die linke Wange hin“ moralisch nicht anerkennungswürdig sei, sondern aus der Notwendigkeit geboren sei, sich nicht gegen einen übermächtigen Herrscher zur Wehr zu setzen und sich mit den Verhältnissen pragmatisch zu arrangieren.

Ebenso setzt sich al-Farahi kritisch mit der Idee vom „Reich Gottes“ auseinander (vgl. Mt 5,3 „Himmelreich“). In den Versen „Selig sind die Armen im Geiste“ (Mt 5,3) seien die Wörter ‚im Geiste‘ bzw. ‚nach Gerechtigkeit‘ später hinzugefügt worden. Im Original wäre dagegen von weltlichem Reichtum und körperlichen Bedürfnissen die Rede gewesen. Ein Vergleich mit der Feldrede im Lukas-Evangelium (Lk 6,20-21) zeigt an dieser Stelle tatsächlich, dass die Evangelienüberlieferung zwei verschiedene Formen der Aussprüche kennt. Mit dieser Sichtweise kann al-Farahi triumphieren, Christen hätten die Bergpredigt falsch ausgelegt. Die erwähnten Verse weisen nämlich laut al-Farahi auf das Kommen Mohammeds hin; die eigentlich Angesprochenen seien die geduldig in Armut wartenden Araber:

„Hence, whatever Jesus proclaimed about the true conditions of Christians, turned out to be absolutely true. One group within them [the Arabs] remained content with their impoverished lives, but the other [the Christians] forgot the admonition of Jesus and immersed themselves in the pleasures of worldly life. Subsequently, exactly what Jesus had prophesized in the beginning of his sermon (regarding the materialist scorn for the ascetic’s destitution, despising contact with them) eventually transpired.”

Erst der Prophet Mohammed aber habe die Wartezeit in Armut beendet und das ‚Reich Gottes‘ eingeläutet. Mit dieser Interpretation wird die Bergpredigt aus dem Zusammenhang christlicher Botschaft herausgenommen und – ähnlich wie Mohammed es mit Abraham tat – für den Islam vereinnahmt, mit dem Ziel, den Islam als vervollkommnete Religion zu stilisieren, mit Mohammed als ihrem Vollstrecker.

Diese Deutung der Bergpredigt ist jedoch nicht nur al-Farahi eigen, sondern ist häufig in der muslimischen Welt des zwanzigsten Jahrhunderts aufzufinden. So etwa der Theologe Ali Muhsin aus Zanzibar (1919–2006), der seinen zehnjährigen Gefängnisaufenthalt in Ägypten u.a. zu Bibelstudien nutzte („Let the Bible speak“, Dar Al Thakhaer 1995). Mushin kam zu dem Schluss, dass sich Islam und Christentum kaum unterschieden, hätte Paulus die christliche Botschaft nicht uminterpretiert:

„The sermon on the Mount consists of the most important teachings of Jesus Christ. We can say that here lies true Christianity; that is if we believe that it is Jesus who is the founder of Christianity and not St. Paul […] These doctrines [s.Jak 2,14-26] which truly depict the teaching of Jesus are in direct conflict with those propounded by St. Paul.“

Die Idee, Paulus die Rolle eines Usurpators zuzuweisen, dient offenbar dazu, jene Passagen des Neuen Testamentes zu unterstreichen, die als Ankündigung der Ankunft des Heiligen Geistes verstanden werden. So etwa anlässlich der Abschiedsrede in Joh 16,5-14, als Jesus seinen bevorstehenden Tod prophezeit, nach dem ihm ein „Beistand“ folgen kann, der nicht in eigener Autorität, sondern mit der Autorität Gottes spricht. Zeitgenössische muslimische Bibel-Kommentatoren wie etwa Muhsin beziehen diese eschatologische Aussage nicht auf den Heiligen Geist, sondern auf Mohammed.

Der frühere iranische Erzbischof von Mosul, David Benjamin Keldani (gest. 1940), der nach der Konversion als Abd al-Ahad Dawud bekannt wurde, […] setzt das Wort ‚friedfertig‘ (Mt.5,9) der arabischen Wurzel „Salama“ gleich, von der unter anderem die Wörter Islam und Muslim abgeleitet werden. Somit seien mit der Aussage Jesu: „Selig sind die Friedfertigen“ nicht die Friedfertigen, sondern die gesamte muslimische Gemeinschaft gemeint.

Mit Bezug auf die Bergpredigt, so der Religionsforscher Olaf Schumann, scheint es dem Philosophen Abbas Mahmud al-Aqqad „letztlich unmöglich zu sein, andere als geographisch-politische bzw. ‚geschichtliche‘ Maßstäbe für die Beurteilung der Botschaft Christi, ihrer Auswirkungen und ihres Zieles anzuwenden. Damit würde z.B. den Seligpreisungen ein der christlichen Theologie fremder Sinn zugesprochen. Die Forderungen der Bergpredigt nach Duldsamkeit und Gewaltlosigkeit scheinen für den Ägypter nicht nachvollziehbar, weil sie sich weder für weltliche politische Zwecke eignen, noch sich die christlichen Kolonialherrscher an ihnen orientierten.

Neben diesen eschatologischen, auf die Person des Paulus zugespitzten, sowie etymologischen und historistischen Debatten dient die göttliche Offenbarung beider Traditionen an sich als ein leidenschaftliches umkämpftes Feld. Während die Bibel in der christlichen Theologie als Mittel für die Ergründung des religiösen Mysteriums aufgefasst wird, ist der Koran das offenbarte Wort Gottes, empfangen durch den Propheten Mohammed. Genau dieser Unterschied erlaubt Exegeten wie Muhsin und Dawud, ihre Auffassungen wissenschaftlich und rational zu untermauern, durchaus mit Blick auf die orientalistische Kritik (im Sinne E. Saids), der Islam würde zu Gewalt und Chaos aufrufen. Muhsins Text benutzt eine Unzahl außerbiblischer Quellen, um das Christentum weitgehend mit wissenschaftlich nachvollziehbaren Argumenten anzugreifen. Hauptargumente dabei sind mit Blick auf die christliche Seite der dogmatische Unfehlbarkeitsanspruch sowie mit Blick auf die muslimische Seite der postulierte koranische Letztgültigkeitsanspruch, der sich aus der Unnachahmlichkeit des koranischen Gotteswortes ergibt.

Schlussbemerkungen

[In den meisten Diskursen] wird nicht die ethische Botschaft der Bergpredigt an sich angegriffen. Der muslimische Abgrenzungsdiskurs bezieht sich vielmehr auf spezifische Bedeutungszusammenhänge, auf die Symbolik und die Historizität der Bergpredigt. Es geht den muslimischen Autoren offenbar weniger darum, die in der Bergpredigt postulierte Feindesliebe an sich oder die Betonung des Gesetzes in Frage zu stellen. Vielmehr soll der christliche Diskurs dekonstruiert und damit der Vorrang der eigenen islamischen Botschaft unter Beweis gestellt werden. Während die Bergpredigt im christlichen Diskurs herhalten muss als Gegenpol zum „gewaltverherrlichenden Islam“, dient sie Muslimen dazu, auf die Inkongruenz des Christentums zu verweisen.

Dass die ethische Botschaft der Bergpredigt auch Raum in der islamischen Theologie hätte, steht außer Zweifel. Ebenso sicher ist jedoch, dass die Bergpredigt als Teil der Evangelienüberlieferung insgesamt keinen Platz finden würde.

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2 Gedanken zu “Der Islam und die Bergpredigt

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