„Choosing to die“ – das Sterben wählen dürfen?

Bischof Küng, der aus Vorarlberg stammende oberste Hirte meines Bundeslandes Niederösterreich, ist ein unermüdlicher Mann, wenn es um den Glauben geht, besonders aber bei den Themen Familie und Lebensschutz. Die BBC Dokumentation „Choosing to die“ hat ihm keine Ruhe gelassen, und so findet sich in „Der Standard“ ein längerer Kommentar des Bischofs mit dem Titel: „Das Sterben wählen dürfen?“.

Sein Beitrag zur Diskussion ist unaufgeregt, bodenständig und unmissverständlich – einfach gut. Zunächst zum Inhalt der Doku:

Der bekannte Autor Terry Pratchett begleitet in der Doku „Choosing to die“ seinen Freund Peter Smedley in die Schweiz, wo dieser sich beim Sterbehilfeverein „Dignitas“ töten lassen will – leidet er doch an Amyotropher Lateralsklerose, einer unheilbaren und langsam zum Tod führenden Muskellähmung. Smedley will nicht, dass es so weit kommt. In dem Film dürfen die Zuschauer alles miterleben – die Anreise, die Unterzeichnung der Dokumente, inklusive der letzten Minuten, als die Ärztin Smedley den Baribituratcocktail reicht, und schließlich seinem Tod in den Armen der Ärztin, während die Frau seine Hand streichelt. Das alles in ruhigen, schönen, bewegenden Bildern.

Was sagt Bischof Küng zum Thema „begleiteter Suizid“, das nun schon seit etwa 10 Jahren in einigen Nachbarländern Realität ist?

Die ruhige Umgebung, das „menschliche“ Sterben, die sanft gesprochenen Kommentare der anwesenden Ärztin – das alles erinnert uns an Schlafen, an Narkose, an Geborgenheit. Kein Wunder, dass die erste Protestwelle in England von einer „Werbung für den assistierten Selbstmord“ sprach.

Der Gedanke ist wichtig. Man stelle sich vor, die Bilder wären anders gewesen: Smedley wäre nach dem Ausfüllen der Formulare hinter das Haus geführt und mit einem Genickschuss getötet worden. Was hätte es da für einen Aufschrei gegeben!

So aber entsteht der Eindruck, als wäre der assistierte Selbstmord etwas Würdevolles, das der Größe des Menschen entspricht. Wer könnte einem Menschen diesen letzten autonomen Schritt versagen?

Genau ins Schwarze getroffen, lieber Bischof. Die Inszenierungen, die ich kenne, haben immer etwas sanftes und beruhigendes – als ob in aller Ruhe das Beste für den betroffenen Menschen getan würde… in angeblich größter Freiheit und Würde.

Die Tatsache, dass hier die größte Tabuverletzung überhaupt geschieht, die Tötung eines Menschen, wird ausgeblendet. Ich bin sicher, dass man mit einer spontanen Umfrage „Soll man einem Menschen erlauben, bei unheilbarer Krankheit mit Würde freiwillig aus dem Leben zu scheiden?“ eine hohe Zustimmung erreichen würde. Dabei ist die Fragestellung manipulatorisch, das spürt jeder objektive Beobachter gleich.

Wir müssen also genau hinschauen und uns fragen, warum das Verbot von Euthanasie und der assistierte Selbstmord in den meisten Ländern der Welt immer noch fixer Bestandteil des ethischen Grundkonsenses sind. In Deutschland hat beispielsweise vor kurzem die Ärztekammer das Verbot zur Tötung auf Verlangen noch einmal verschärft – mit Recht, wie ich meine.

Manipulation auf hohem Niveau – wenn wir beispielsweise an die schweizerische „Sterbegesellschaft“ DIGNITAS denken. Zum einen wird hier der hl. Thomas Morus, der den Märtyrertod auf sich nahm, auf ganz perfide Weise als Zeuge bemüht: In seinem berühmten Werk „Utopia“ beschreibt der Heilige in einer schrecklichen, satitirischen Utopie (!) eine Gesellschaft, in der freiwilliges Sterben als Errungenschaft gilt… wie verlogen muss man sein, um dies als Zeugenschaft (s. am Ende der Broschüre, Absatz „Ein Wort zu religiösen Fragen“) zu benutzen.

[Update: Josef Bordat hat zu Person und Werk von Thomas Morus ausführlicher Stellung genommen, sehr lesenswert!]

Zum anderen ist es dem meisterlichen Juristen und DIGNITAS-Aufsichtsrat Minelli gelungen, den begleiteten Suizid unter Berufung auf die Menschenrechte in der Schweiz zu legalisieren!

Zu Beginn und am Ende seines Lebens ist der Mensch am hilflosesten, am meisten der Willkür anderer ausgeliefert. Wenn Euthanasie allgemein freigegeben wäre, würde der Druck auf gerade die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft schlagartig anwachsen:

Wer will als bettlägeriger Patient noch das Recht auf Leben reklamieren, wenn man mit einem kleinen, legalen Eingriff alles beenden und seinen Verwandten nicht mehr egoistisch auf der Geldbörse liegen würde?

Wer verhindert, dass Bequemlichkeit und Eigennutz Verwandte Entscheidungen für nicht mehr ansprechbare Patienten treffen lassen, die sie selber so nie getroffen hätten?

Wenn wir bei DIGNITAS bleiben, dann sind vielleicht schon Mitgliedsbeiträge einbezahlt, und zusammen mit einem Attest (alles gibt’s gegen Geld) ist die Sache eigentlich schon geritzt und der Giftcocktail fast schon gespritzt… halt, das stimmt so nicht, es ist ja ein ganz unscheinbarer Becher mit nicht allzu viel Inhalt, der „ganz leicht“ zu konsumieren ist. Ein recht geringes Quantum an Fantasie genügt, sich verschiedenste Varianten des Missbrauchs vorzustellen…

Aber, wird man einwenden, was ist dann mit dem in aller Freiheit beschlossenen assistierten Selbstmord wie im Falle dieser Dokumentation? Ist das nicht der Ausdruck höchster Autonomie? Ich weiß nicht. Schon Kant hat den Selbstmord als Absage an Autonomie gesehen, als ein Sich-Wegwerfen. Außerdem müsste dann jeder Wunsch eines Erwachsenen nach assistiertem Selbstmord immer befolgt werden – es wird aber immer die Einschränkung „nur bei schlimmen Krankheiten / bei Unheilbarkeit“ etc. gemacht. Und genau in so einem Fall ist der Mensch eben meistens nicht in der Lage, sein Leben als Gesamtheit objektiv zu sehen.

Ein Leben, zu dem auch das Leiden gehört – man kann es nicht einfach ausklammern. Ja, man kann und muss versuchen, dem Leiden in unserem Leben, in dieser Welt Sinn zu geben. Das ist keine falsche Schmerzverherrlichung und heißt übrigens beileibe nicht, dass jedes Leben um jeden Preis verlängert werden muss – hier hat die katholische Kirche eine sehr ausgewogene Position. Als Christ glaube ich sowieso: Das Leben ist etwas, das wir empfangen haben und über das wir nicht einfach verfügen können – weder bei uns selbst noch bei anderen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Danke, Bischof Küng, für diese offene und direkte Art der Argumentation, die nicht gleich mit dem moralisch-emotionalen Zeigefinger daherkommt – und doch fest auf Glaubensgrund steht.

Aber mich interessiert auch, mit welcher Geisteshaltung oft hochintelligente Menschen als Chefarchitekten hinter diesen „Errungenschaften“ stehen. Der moderne „Humanismus“ hat, wenn man genau hinsieht, ein sehr konsequentes aggressiv- antireligiöses Weltbild entwickelt, dass vielen gar nicht bewusst ist. Mehr dazu auf meinem zweiten Blog „Jesum habemus socium“.

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3 Gedanken zu “„Choosing to die“ – das Sterben wählen dürfen?

  1. >>In seinem berühmten Werk „Utopia“ beschreibt der Heilige in einer schrecklichen, satitirischen Utopie (!) eine Gesellschaft, in der freiwilliges Sterben als Errungenschaft gilt… wie verlogen muss man sein, um dies als Zeugenschaft zu benutzen! <<

    Im Ergebnis ist der Schlussfolgerung zuzustimmen, in der Begründung aber nicht. Auch, wenn sich die Utopia für uns heute als Satire lesen lässt, gemeint war sie wohl nicht nur dystopisch, sondern teilweise auch als sehr ernst gemeinter Vorschlag zur Überwindung der gesellschaftlichen Krise am Beginn des 16. Jahrhunderts in England. Wir sehen die Utopia heute anders als Morus sie dachte. Für uns ist sie schrecklich, für ihn war sie ambivalent.

    In meinem Blog habe ich aus gegebenem Anlass ausführlicher dazu Stellung bezogen.

    Liebe Grüße,
    Josef Bordat

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