Der Blick des Meisters (Joh 1,48)

Johannes der Evangelist berichtet, dass Jesus, als er Natanaël näherkommen sieht, ausruft: »Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit« (Joh 1,47). Es handelt sich um ein Lob, das einen Psalm in Erinnerung ruft: »Wohl dem Menschen, … dessen Herz keine Falschheit kennt« (Ps 32,2). Aber es weckt die Neugier Natanaëls, der erstaunt erwidert: »Woher kennst du mich?« (Joh 1,48a). Die Antwort Jesu ist nicht sofort verständlich. Er sagt: »Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen« (Joh 1,48b).

Die vorliegende Exegese dient als kleines Beispiel dafür, wie die individuelle Lesart von der großer Theologen abweichen kann, und letztlich doch zum selben Ziel führt. Lesen wir weiter im Text von Papst Benedikt XVI. (Generalaudienz vom April 2006):

Wir wissen nicht, was unter diesem Feigenbaum geschehen war. Offensichtlich handelt es sich um einen entscheidenden Augenblick im Leben Natanaëls.

Auch wenn kein Geheimnis in möglichen Geschehnissen unter dem Feigenbaum vermutet wird, ist es vorstellbar, dass Jesus – ganz Mensch und ganz Gott – schon mit einem Blick wusste, wie es um den betreffenden Menschen steht, um seine Seele und seinen Glauben. Egal, ob solch ein „Blick des Erkennens“ aus dem Text herausgelesen wird oder nicht, findet sich der Leser in den folgenden Zeilen des Papstes wieder:

Er fühlt sich von diesen Worten Jesu zutiefst berührt, er fühlt sich verstanden und begreift: Dieser Mann weiß alles über mich, er weiß und kennt den Weg des Lebens, diesem Mann kann ich mich wirklich anvertrauen.

All dies führt zum Bekenntnis des Natanaël-Bartholomäus:

So antwortet Natanaël mit einem klaren und schönen Glaubensbekenntnis, wenn er sagt: »Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!« (Joh 1,49).

In diesem Bekenntnis ist ein erster, wichtiger Schritt auf dem Weg der Treue zu Jesus gegeben. Die Worte Natanaëls werfen Licht auf einen doppelten, komplementären Aspekt der Identität Jesu: Er wird sowohl in seiner besonderen Beziehung zu Gott Vater erkannt, dessen eingeborener Sohn er ist, als auch in seiner Beziehung zum Volk Israel, zu dessen König er erklärt wird; dieser Titel ist dem erwarteten Messias zu eigen.

Der zweite Teil der päpstlichen Exegese ist ebenfalls sehr wertvoll, weil er unseren Blick mit großer Bestimmtheit auf die konkreten Worte des Evangeliums richtet: Jesus ist Gottes Sohn und König von Israel.

Wir dürfen niemals weder das eine noch das andere dieser beiden Elemente aus den Augen verlieren, denn falls wir nur die himmlische Dimension Jesu verkünden, laufen wir Gefahr, aus ihm ein ätherisches und substanzloses Wesen zu machen; und wenn wir umgekehrt nur seinen konkreten Ort in der Geschichte anerkennen, vernachlässigen wir letztendlich die göttliche Dimension, die ihn eigentlich kennzeichnet.

Diese kleine Besprechung der Worte unseres Papstes ist natürlich keine Kritik des großen Theologen Benedikt XVI., sondern will Mut machen: Das rechte Bemühen um die die Texte der Heiligen Schrift führt – auch wenn nicht jedes Geheimnis oder jeder Hintergrund erfasst wird – zum guten Ziel, nämlich wiederum ein winziges Bruchstück in der Gotteserkenntnis voranzukommen, vor allem aber in der Treue zum Vater, zum Sohn und zum Heiligen Geist.

Lest die Heilige Schrift – gibt es eine erfüllendere Botschaft?

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