Jesus im Islam

Gerade am Gedenktag von 9/11 ist es angebracht, über den Islam – aber bitte in Ruhe und Frieden – nachzudenken. Wie auch durch die folgenden Zeilen deutlich wird, gibt es einige Themen, zu denen man mit Muslimen sehr gut ins Gespräch kommen kann…

Die grundsätzlichen Aussagen im Koran über Jesus und Maria, wie sie hier beschrieben werden, sind auch in der Broschüre »Islam und Muslime« zu finden , die seit 1993 von der Deutschen Muslim-Liga Hamburg herausgegeben wird. Es ist im wesentlichen eine Übersetzung eines englischen Textes, der von der Botschaft des Königreichs Saudi Arabien vertrieben wird, also eine authentische Stimme des sunnitischen Islam.

Jesus und Maria im Islam: Was aber heißt das genau?

In 15 der 114 Suren, in 93 Versen, wird Jesus erwähnt. Das ist eine beachtliche Anzahl. Wir erfahren über sein Leben: seine Mutter heißt Maria. In zwei Versionen wird seine jungfräuliche Empfängnis geschildert: Suren 19,16-22 und Sure 3,42-47, Parallelen zur Verkündigungsgeschichte bei Lukas 1,26-38 sind augenfällig.

Sie sagte: »Mein Herr, wie soll ich ein Kind bekommen, wo mich kein Mensch berührt hat?« Er sprach: »So ist es. Gott schafft, was er will. Wenn er eine Sache beschlossen hat, sagt er zu ihr nur: Sei !, und sie ist.« (Sure 3,47)

Wie Adam, der keine Eltern hat, ist Jesus ein Geschöpf Gottes, von Gott in die Jungfrau Maria »eingehaucht«, hat also keinen menschlichen Vater. Deswegen ist einer der Ehrentitel Jesu »ruch Allah«, Geist Gottes. Die Mutter Maria gebiert ihn allein unter einer Palme (Sure 19,22-26). Schon der Säugling Jesus gibt Auskunft über seine Person:

Er sagte: »Ich bin der Diener Gottes.
Er ließ mir das Buch zukommen
und machte mich zu einem Propheten.
Und er machte mich gesegnet, wo immer ich bin.
Und er trug mir auf,
das Gebet und die Abgabe (zu erfüllen), solange ich lebe,
und pietätvoll zu meiner Mutter zu sein.
Und er machte mich nicht zu einem unglückseligen Gewaltsherrscher.
Und Friede sei über mir am Tag,
da ich geboren wurde,
und am Tag, da ich sterbe,
und am Tag, da ich wieder zum Leben erweckt werde.«
Das ist Jesus, der Sohn Marias (Sure 19,30-34).

Damit haben wir eine wichtige Akzentsetzung: im Koran wird Jesus durchgängig als »Sohn Marias« bezeichnet, im Unterschied zum Hoheitstitel »Sohn Gottes« im Christentum. Entsprechend heißt es in der Fortsetzung:

Es steht Gott nicht an, sich ein Kind zu nehmen (Sure 19,35).

Und die Sure 112, eine der kürzesten, lautet schlicht:

Sprich: Er ist Gott, ein Einziger,
Gott, der Undurchdringliche.
Er hat nicht gezeugt,
und er ist nicht gezeugt worden,
und niemand ist ihm ebenbürtig.

Jesus ist einer der vielen Propheten, die von Gott zu den Menschen gesandt wurden, damit sie »rechtgeleitet« sind, also die Wege Gottes finden und nicht in die Irre gehen: Adam, Abraham, Isaak, Jakob, Noach, David, Salomo, Ijob, Josef, Mose, Aaron, Zakaria, Johannes der Täufer, Elija, Ismael, Elischa, Jona, Lot und eben Jesus (vergleiche Sure 6,83-86). Dazu kommt Mohammed, das Siegel der Propheten. Jesus und Mohammed haben eine besondere Bedeutung:

Und Wir (= Gott) ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen;
damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war.
Und wir ließen ihn das Evangelium zukommen,
das Rechtleitung und Licht enthält
und das bestätigt, was von der Tora vor ihm vorhanden war,
und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen (Sure 5,46).
Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt,
damit es bestätige, was vom Buch vor ihm vorhanden war,
und alles, was darin steht, fest in der Hand habe (Sure 5,48).

Nach dem Koran sieht die Religionsgeschichte also so aus: Mose wurde als Prophet mit der Tora zu den Juden gesandt, Jesus mit dem Evangelium zu den Christen, und Mohammeds mit »dem Buch der Wahrheit« zu den Völkern Arabiens, in späterer Sicht zu allen Menschen. Die Verkündigung Jesu wurde von Gott durch eine Reihe von Wundern bestätigt, auch durch Totenerweckungen (Sure 5,110). Dies wird auch von anderen Propheten überliefert. Jesus ist laut Koran nicht am Kreuz gestorben, sondern am Ende seines Lebens zu Gott erhöht worden:

Sie sagten:
»Wir haben den Messias Jesus, den Sohn Marias,
den Gesandten Gottes, getötet«.
Sie haben ihn aber nicht getötet,
und sie haben ihn nicht gekreuzigt,
sondern es erschienen ihnen eine ähnliche Gestalt…
Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet,
sondern Gott hat ihn zu sich erhoben (Sure 4,157.158).

Mit dieser Feststellung entfällt auch jede Vorstellung einer Erlösung. Allerdings hat Jesus als Messias, als letzter der jüdischen Propheten zwei Aufgaben, die ihn von allen anderen Propheten unterscheiden: Nach islamischer Tradition hat er Mohammed, das Siegel der Propheten, angekündigt und ist damit sein Vorläufer. Die Aussage Jesu im Johannesevangelium, dass Gott einen Beistand (Paraklet) senden werde (JOH 14,15), bezieht die islamische Tradition auf den Propheten Mohammed. Vor dem Weltgericht am Jüngsten Tag wird Jesus wieder auf die Erde kommen und ein Reich der Gerechtigkeit mit der Hauptstadt Jerusalem errichten.

Jesus in der islamischen Mystik

Eine sehr große Bedeutung hat Jesus in der islamischen Mystik, dem Sufismus. Er gilt als Vorbild für die Menschen in Güte und Reinheit, in der Dichtung wird er zum Freund und Geliebten. Einer der schönsten Texte über ihn findet sich im Musibatnama, dem »Buch des Unglücks« des persischen Dichters Fariduddin Attar, gestorben 1221. Der Wanderer ist der Mensch auf der Suche nach Gott:

Der Wand‘rer, Toten Herzens, Heilung suchend,
kam nun, halb tot schon, zu dem ‚Geiste Gottes‘ (ruch Allah = Jesus).
Er sprach: »Du, dessen Wesen reiner Geist,
dess‘ Zeichen ‚ Leben aus dem Leben‘ heißt;
in Ewigkeit Triumph und Sieg du ganz,
von Kopf zu Fuß Geist, absolut du ganz!

Der Sonne Schein: Reflex nur deiner Seele;
Du wäscht die Hand vom Lebenswasser selbst,
dein Wort ist jenseits, fern von Leib und Wesen;
Reiner als Du ist niemand je gewesen.

Als des Barmherz‘gen Odem dich erfüllte,
ward dir die Sonne und der Morgen Freund;
die ‚Färbung Gottes‘ wirkte so durch dich;
Aussätz‘ge heilst du, gabst dem Blinden Licht,
ist deine Farbe ein Mysterium mir –
ich weiche nicht; ich brauche deinen Duft.

Du Seelenwelt: gib eine Seele mir!
Ein Hund bin ich; gib einen Knochen mir!
Ich brenne hier im Wunsche nur nach Leben.
Ich kam; mach mich zu deinem Diener, gib mir
durch deinen reinen Hauch ein neues Leben.»

In der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen des Zweiten Vatikanischen Konzils »Nostra Aetate« heißt es über die Muslime: »Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen« (Ziffer 3).

In der Auseinandersetzung mit Muslimen ist es also sehr gut möglich, das Gespräch nicht nur über Mohammed, sondern gezielt über die Bedeutung von Jesus und Maria zu führen. Im weiteren Verlauf desDialogs wird es umso spannender, die Unterschiede zwischen Jesus („Reiner als Du ist niemand je gewesen“) und Mohammed zu diskutieren…

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siehe auch Mariä Geburt – Was halten Muslime von Maria?

siehe Islam und die Bergpredigt

siehe Respekt gegenüber Religiosität

siehe Eine muslimische Stimme zu Glaubensfragen und Osama Bin Laden

siehe Solidaritätsdemo: Stopp dem Terror gegen Christen im Irak

siehe Eine Antwort auf den Terror von Bagdad

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Literatur:

Mark A. Gabriel, Jesus und Mohammed, Resch-Verlag 2006
ISBN-10: 3935197527  ISBN-13: 978-3935197526
Originaltitel: Jesus and Muhammad, Profound Differences and Surprising Similarities

Annemarie Schimmel, Jesus und Maria in der islamischen Mystik, München 1996

Der Koran in der Übersetzung von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1987

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4 Gedanken zu “Jesus im Islam

  1. Mir ist schon immer ein wesentlicher Unterschied zwischen Lukas und Sure 3 aufgefallen: In der Bibel gibt Maria ihr freies Einverständnis. Im Koran kann sie gar nicht ablehnen…

    1. Du bist in den Koran-Studien wohl schon etwas weiter ;-) …und weist zu Recht auf die Unterschiede hin!
      Ich denke es ist hilfreich, das muslimische Jesus- und Marienverständnis mindestens einmal gehört zu haben, vielleicht wartet ja morgen schon das Gespräch mit Schwestern und Brüdern des Islam…

  2. „…einige Themen, zu denen man mit Moslems ins Gespräch kommen kann..“ Das wird ein merkwürdiges Gespräch, mit Partnern, die einen töten wollen. Über 200mal wird der Moslem im Koran aufgefordert: „Tötet sie!“ „sie“ sind wir.
    Man sollte auch in der Blogozöse endlich aus dem Wolkenkuckucksheim aufwachen und Realitäten anerkennen. – Aber zur Sache: Warum ist der vorgeschlagene Weg einer Diskussion untauglich ? Gott wird niemals ein Buch! Christen glauben nicht an die Bibel, sondern an den auferstandenen Jesus Christus, in dem Gott sich uns geoffenbart hat. Die von Ihnen vorgeschlagene Diskussion verläuft nach dem Motto: Ihr habt ein Buch…wir haben ein Buch, Buch ist Buch….usw, das führt in die Irre.
    Nach meiner Kenntnis des Islam verhalten sich die Dinge anders. Danach haben sowohl Moses als auch Jesus von Allah die Botschaft erhalten, diese aber VERFÄLSCHT oder falsch verstanden, so daß es Mohammed als des Siegels der Propheten bedurfte, um die Botschaft richtig zu stellen. Diese Lesart scheint mir auch die einzig schlüssige zu sein. Weshalb sonst sollte die Sendung eines weiteren Propheten notwendig gewesen sein ?
    Zum Schluß, nur in Stichworten: Auch Ihnen sollten die jüngsten Forschungen zum Koran bekannt sein, es handelt sich um die Gruppe Luxenberg (Pseudonym), deren Ergebnisse langsam aber sicher anerkannt werden:
    – es hat keinen Mann namens Mohammed gegeben; der Name M.ist als Männername in dieser Zeit nicht bekannt – es hat die rechtgeleiteten Kalifen der Omayaden nicht gegeben – die Sprache des Koran ist nicht arabisch, sondern syroaramäisch, der ganze Islam ist ein Märchen aus 1001 Nacht.- Nein, es gibt nur eine Möglichkeit mit Moslems zu reden, das ist der Hinweis auf die Apostelgeschichte 2, Vers 11: die Araber gehören zu den Hörern der Pfingstbotschaft des Petrus. Man muß ihnen sagen: „Kehrt zurück, ihr habt euch furchtbar verlaufen, kommt wieder nach Hause!“

    1. Na, Lisje, Dein Gespräch mit Muslimen wird möglicherweise gar nicht zustandekommen, wenn Dein Kommentar so wörtlich zu nehmen ist…

      Neben der fundamentalistischen Auslegung (einer Minderheit der Muslime) wird die Stimme der Sufisten wieder stärker vernehmbar – und hier ist Raum für Diskussion gegeben!

      Die Koran-Exegese von „Luxenberg“ ist wohl interessant, aber mehr für Insider – um nicht zu sagen für die wissenschaftliche Debatte… Zitat: „Certainly not everything Luxenberg writes is nonsense or too far-fetched, but quite a few of his theories are doubtful and motivated too much by a Christian apologetic agenda. Even his greatest critics admit he touches on a field of research that was touched on by others before and that deserves more attention. However, this needs to be done with a strictly scientific approach. In fact, his investigations should be done again, taking into account all the scholarly work that Luxenberg doesn’t seem to know.“ Der Streit dreht sich wohl weiterhin darum, wieviel jüdische Quellen (Targum) oder eben christliche Quellen (siehe Luxenberg) sich im Koran nachweisen lassen… aber diese Diskurse sind für den christlichen Normalverbraucher kaum zielführend:

      Daher mein Vorschlag, wenn schon Diskussion mit Muslimen (was ich befürworte, allein beim Gedanken, wieviel Muslime in Algerien und Frankreich bereits zum Christentum konvertiert sind), dann bitte nicht über Mohammed, sondern über Jesus und Maria…

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