Persönliches Zeugnis meiner Umkehr

Benedikt XVI - mit Kind

Ein Petrus, der in seiner Schlichtheit überzeugt

Die „Tür des Glaubens“ (vgl. Apg 14,27), die in das Leben der Gemeinschaft mit Gott führt und das Eintreten in seine Kirche erlaubt, steht uns immer offen. Es ist möglich, diese Schwelle zu überschreiten, wenn das Wort Gottes verkündet wird und das Herz sich durch die verwandelnde Gnade formen läßt – so heißt es im Apostolischen Schreiben PORTA FIDEI von Benedikt XVI. zum Jahr des Glaubens.

Beim Lesen dieses Dokumentes denke ich an die selbst erlebte Glaubensgeschichte und ein Vorhaben, das nun endlich umgesetzt ist. Ein persönliches Zeugnis von einer Heiligen Messe mit dem Papst, die mein Glaubensleben verändert hat: Diese Heilige Messe mit Benedikt XVI. bei seinem letzten Besuch des Wallfahrtsortes Mariazell hat eine Tür aufgestoßen, die mir bis heute Wege und Lichtblicke eröffnet.

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen […] Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden (Joh 10,7;9).

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Die Basilika von Mariazell rückt langsam näher

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Ein Lehrer der Pilgerschaft

Am Ende werde ich tiefer glauben. Die Treue Gottes, die Wahrheit Christi, und die Rolle Mariens haben mich auf diesem kleinen Weg erfüllt wie selten zuvor.

Aber der Reihe nach. Es ist Samstag, 8. September 2007, etwa 2 Uhr 30 nachts: Warum schaue ich mir den Papstbesuch nicht in aller Ruhe via TV-Übertragungen an, dabei lässt es sich doch viel besser beobachten und reflektieren! Will ich wirklich aufstehen und mir die Pilgerfahrt tatsächlich antun?

Alle anderen Familienmitglieder verhalten sich laut Absprache: meine Frau Manuela ist forsch und flott aufgestanden, und auch der 11-jährige Sohn Gregor kommt schon gähnend aus den Federn. Was ist denn das für ein väterliches Vorbild, ausgerechnet jetzt zu kneifen: Steh endlich auf, Papa!

Der Aufbruch zum christlichen Glauben, der Anfang der Kirche Jesu Christi, ist möglich geworden, weil es in Israel Menschen des suchenden Herzens gab – Menschen, die sich nicht in der Gewohnheit einhausten, sondern nach Größerem Ausschau hielten: Zacharias, Elisabeth, Simeon, Anna, Maria und Josef, die Zwölf und viele andere. Weil ihr Herz wartete, konnten sie in Jesus den erkennen, den Gott gesandt hatte, und so zum Anfang seiner weltweiten Familie werden.

[Alle violett zitierten Passagen stammen aus der Predigt von Benedikt XVI. am 8.9.2007 in Mariazell]

Gut, dass man zu dieser Zeit noch wenig vom nasskalten Wetter dieses Wochenendes spürt, aber eine halbe Stunde später stapfen wir mit Regenpelerinen und Rucksäcken bewaffnet zum Bus, der uns in einer etwa 3-stündigen Fahrt zusammen mit Pilgern aus dem Süden Wiens nach Mariazell bringen wird.

Für gute Stimmung sorgen einige Männer und Frauen der Gemeinschaft der Seligpreisungen, und so werde ich langsam aber sicher etwas munter. Meine unruhigen und auch missmutigen Gedanken lösen sich etwas und mit zunehmender Fahrt baut sich ein wenig Spannung für das kommende Ereignis auf.

Dieses unruhige und offene Herz brauchen wir. Es ist der Kern der Pilgerschaft. Auch heute reicht es nicht aus, irgendwie so zu sein und zu denken wie alle anderen. Unser Leben ist weiter angelegt. Wir brauchen Gott, den Gott, der uns sein Gesicht gezeigt und sein Herz geöffnet hat: Jesus Christus.

Wird das erste persönliche Erleben des deutschsprachigen Papstes vielleicht doch Wirkung zeigen? Ist es bei so einem „großen Anlass“ möglich, nach einer langen Zeit der Trockenheit wieder etwas näher zu Gott zu finden? Frauen scheinen das alles weniger kopflastig zu erleben, da wird mehr geredet und gesungen…

Johannes sagt von Jesus Christus zu Recht, dass er der einzige ist, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18); so konnte auch nur er aus dem Innern Gottes selbst uns Kunde bringen von Gott – Kunde auch, wer wir selber sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Es muss wohl gegen halb sieben sein, als der Bus auf einer Zufahrtsstraße irgendwo im Niemandsland hält, vor uns jede Menge weitere Busse. Nun heißt es marschieren! Eine Stunde später befinden wir uns auf einer Mariazeller Wiese, 300m von der Basilika entfernt, und auf einer recht gut sichtbaren Leinwand sind Werbungen und Vorberichte zum Papstbesuch zu sehen.

Jetzt heißt es nicht mit den Zähnen klappern, die Temperatur ist von 9 Grad immerhin auf 13-14° C gestiegen, und es ist wenigstens kein Dauerregen im Gange. Aber unaufhaltsam kriecht sie hoch, die nasse Kälte, und meine Erwartungshaltungen sinken wieder gegen Null. Wäre ich damals schon im Rosenkranzbeten geübt gewesen – so bleibt es bei wenig geordneten Gedanken und Gebeten.

„Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen“ wird der Papst gleich verkünden. Obwohl es sich hier nur um einen – im Grunde genommen gar nicht beschwerlichen – Tagesausflug handelt, versuche ich weiter zu denken: Ist es nicht die Sehnsucht, die aus der Schöpfung kommt, die uns immer wieder neue Impulse zu geben vermag? Wie aber unterscheiden wir dann zwischen den guten und den bösen Richtungen?

Benedikt XVI - Evangelium

Die Treue zu Gott als Ziel

Der Ursprung (aus der Schöpfung) macht den Unterschied. Das Ziel (im wahren Gott) macht den Unterschied. Im Glauben an Anfang und Ende lerne ich das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Was aber treibt mich an? Eine Sehnsucht verspüre ich – auch wenn sie noch unbestimmt und ziellos scheint. Dabei wird Papst Benedikt XVI. genau die Worte finden, die mir wieder Richtung geben, mich auf eine neue Spur führen.

Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen. Dies gibt auch dem Weg und seiner Mühsal seine Schönheit. Unter den Pilgern des Stammbaums Jesu waren manche, die das Ziel vergessen haben und sich selber zum Ziel machen wollten. Aber immer wieder hat der Herr auch Menschen erweckt, die sich von der Sehnsucht nach dem Ziel treiben ließen und danach ihr Leben ausrichteten.

Wo stehe ich eigentlich in meinem Glauben? Jesus, wie erbärmlich sind meine missgelaunten Gedanken, wenn ich an Dein Leben und Leiden für uns denke! Welche Rolle spielt die Gottesmutter Maria eigentlich in meinem Leben? Wie lebe ich mein – und wir als Familie unser – Christentum, im täglichen Kampf der Launen, Zufälle und Schicksale? Gibt es überhaupt Zufälle? Die Gedankenkette in den Stunden des Wartens scheint kein Ende zu nehmen…

Mit einer halbstündigen Verspätung ist es gegen 10 Uhr 30 endlich soweit. Papst Benedikt XVI. zieht ein und wird auf dem Podium vor der Basilika – gerade noch in unserem Blickfeld – die heilige Messe halten. Binnen kurzem ist die Spannung am Höhepunkt, wie gut, dass wir den Weg auf uns genommen haben und hier stehen: Wir dürfen den Papst persönlich erleben!

Von Beginn an beeindruckt Benedikt XVI. mit seinem schlichten Auftreten. Bei Johannes Paul II., den ich in Salzburg aus nächster Nähe predigen hörte, war das Auftreten um einiges herrschaftlicher (das ist keine Wertung – ich liebe beide Päpste!). Die warmherzige Begrüßung des Papstes erzeugt sofort viel Sympathie, plötzlich stehen wir in einem Fahnen- und Fähnchenwald, und unsere Stimmen finden schnell zu einem kraftvollen Singen.

Seit 850 Jahren kommen hierher Beter aus verschiedenen Völkern und Nationen mit den Anliegen ihres Herzens und ihres Landes, mit den Sorgen und den Hoffnungen ihrer Seele. So ist Mariazell für Österreich und weit über Österreich hinaus ein Ort des Friedens und der versöhnten Einheit geworden. Hier erfahren wir die tröstende Güte der Mutter; hier begegnen wir Jesus Christus, in dem Gott mit uns ist, wie heute das Evangelium sagt – Jesus, von dem wir in der Lesung aus dem Propheten Micha gehört haben: Er wird der Friede sein (5, 4). In die große Pilgerschaft vieler Jahrhunderte reihen wir uns heute ein. Wir halten Rast bei der Mutter des Herrn und bitten sie: Zeige uns Jesus. Zeige uns Pilgern ihn, der der Weg und das Ziel zugleich ist: die Wahrheit und das Leben.

Befinde ich mich auf dem Weg? Der Gedanke an das Ziel scheint vermessen – und doch notwendig: Welche Wegweiser kenne ich schon, woran fehlt es im täglichen Leben? Kann der Papst mir – und den unzähligen Pilgern um mich herum – wirklich Hilfe und Wegweiser sein?

Das Evangelium, das wir eben gehört haben, öffnet unseren Blick noch weiter. Es stellt die Geschichte Israels von Abraham an als einen Pilgerweg dar, der in Aufstiegen und Abstiegen, auf Wegen und Umwegen letztlich zu Jesus Christus führt. Der Stammbaum mit seinen hellen und finsteren Gestalten, mit seinem Gelingen und seinem Scheitern zeigt uns, dass Gott auch auf den krummen Linien unserer Geschichte gerade schreiben kann. Gott lässt uns unsere Freiheit und er weiß doch, in unserem Versagen neue Wege seiner Liebe zu finden. Gott scheitert nicht. So ist dieser Stammbaum eine Gewähr für Gottes Treue; eine Gewähr dafür, dass Gott uns nicht fallen lässt, und eine Einladung, unser Leben immer neu nach ihm auszurichten, immer neu auf Jesus Christus zuzugehen.

Gottes Treue, eine Wahrheit, auf die ich immer wieder gestoßen bin – aber heute packt mich dieses Wort: Wie sieht es mit meiner Treue aus? Wenn Er, der Allmächtige, der Vater es von Beginn an so angelegt hat – wird er dann nicht auch unsere Treue erwarten? Wie hoch ist der Anspruch an uns – in der Liebe scheint er oft unendlich hoch – und wie groß ist seine Barmherzigkeit?

Benedikt XVI Gaudete

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Mein Papst des Herzens

Die „Tür des Glaubens“ kann dadurch aufgestoßen werden, dass man durch eine Schule der Pilgerschaft geht, und den Weg der Treue zu Gott entdeckt: So beschreibt es der erste Teil dieses Zeugnisses. An großen Themen (Pilgerschaft, Treue, Wahrheit und Jüngerschaft) kann und will ich mich nicht mit eigenen Worten messen, weshalb die zitierten Predigtworte von Papst Benedikt XVI. die eigentliche Botschaft darstellen. Diese Worte des Papstes haben schließlich auch mein Herz erreicht, und dafür danke ich „meinem“ Papst des Herzens! Auch der zweite Teil dieses persönlichen Zeugnisses berichtet von der Heiligen Messe am 8. September 2007. Jesus hat an diesem Tag die Tür zur Wahrheit aufgestoßen: Für meinen Glauben an die Liebe des dreifaltigen Gottes und die Gnade der Gottesmutter Maria. – Nun aber zurück zur Pilgerfahrt:

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Rufer nach Wahrheit

Die Liebe, die Gott von uns erwartet, spricht die Treue und Beständigkeit in unserem Glauben und Tun an. Das verlangt viel Kraft von uns, so heißt es in den Worten von Schwester Faustyna: „Du Geist Gottes, Geist der Liebe und des Erbarmens / der du in mein Herz den Balsam des Vertrauens eingießt / Deine Gnade erhalte meine Seele im Guten / Und gebe ihr eine unbesiegbare Kraft: die Beständigkeit!“

Der Geist Gottes ist auch jetzt zu spüren, und Papst Benedikt XVI. findet die schlichten, die überzeugenden Worte, die mich an diesem Samstag Vormittag erreichen.

Sicher, es gibt viele große Persönlichkeiten in der Geschichte, die schöne und bewegende Gotteserfahrungen gemacht haben. Aber es bleiben menschliche Erfahrungen mit ihrer menschlichen Begrenztheit. Nur ER ist Gott, und nur ER ist daher die Brücke, die Gott und Mensch wirklich zueinander kommen läßt. Wenn wir Christen ihn daher den einzigen für alle gültigen Heilsmittler nennen, der alle angeht und dessen alle letztlich bedürfen, so ist dies keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens, sondern es ist das Ergriffensein von dem, der uns angerührt und uns beschenkt hat, damit wir auch andere beschenken können. In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn.

[Alle violett zitierten Passagen stammen aus der Predigt von Benedikt XVI. am 8.9.2007 in Mariazell]

Ja, du bist ein heiliger Bischof für mich, Benedikt XVI., und du zeigst mir den Weg zum wahren und einzigen Vater. Er ist die Brücke, die ich, die wir alle suchen – die wir immer wieder einmal aus dem Blickfeld verlieren; aber das Geschenk des einen wahren Gottes, die Berührung durch Christus führt uns wieder zurück.

Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig: Sie können bedeutende Möglichkeiten zum Guten, zum Heil des Menschen sein, aber auch – und wir sehen es – zu furchtbaren Bedrohungen, zur Zerstörung des Menschen und der Welt werden. Wir brauchen Wahrheit. Aber freilich, aufgrund unserer Geschichte haben wir Angst davor, dass der Glaube an die Wahrheit Intoleranz mit sich bringe.

Wie viele Diskussionen habe ich mit Atheisten geführt – und am eigenen Leib diese Intoleranz verspürt, wenn der Austausch der Argumente zur Aggression wird, wenn die Liebe zur Ohnmacht wird. Dann muss ich mich immer wieder ermahnen, ruhig zu werden, zum Gewissen zurückzukehren, damit das Böse (in mir) und das Gute (im Gegenüber) wieder erkennbar werden.

Wenn uns diese Furcht überfällt, die ihre guten geschichtlichen Gründe hat, dann wird es Zeit, auf Jesus hinzuschauen, wie wir ihn hier im Heiligtum zu Mariazell sehen. Wir sehen ihn da in zwei Bildern: als Kind auf dem Arm der Mutter und über dem Hochaltar der Basilika als Gekreuzigten. Diese beiden Bilder der Basilika sagen uns: Wahrheit setzt sich nicht mit äußerer Macht durch, sondern sie ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins. Wahrheit weist sich aus in der Liebe. Sie ist nie unser Eigentum, nie unser Produkt, sowie man auch die Liebe nicht machen, sondern nur empfangen und weiterschenken kann. Diese innere Macht der Wahrheit brauchen wir. Dieser Macht der Wahrheit trauen wir als Christen. Für sie sind wir Zeugen. Sie müssen wir weiterschenken in der Weise, wie wir sie empfangen haben, wie sie sich geschenkt hat.

Die Wahrheit kommt „als Kind auf dem Arm der Mutter“ – der große Marienverehrer Joseph Ratzinger kommt zu dem Teil seiner Rede, der mir neue Flügel verleiht. „Wahrheit … ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins.“ Wie wenig demütig lebe ich doch, und der Gedanke, oft ein „nicht-sehr-wahres“ Leben zu führen, bedrückt mich. Der Weg zur Demut ist ein sehr, sehr mühseliger – gilt Jesu Angebot an diejenigen, die mühselig und beladen sind, auch für die Suchenden unter uns? – und das Klein-Werden wie das Klein-Sein beschäftigen mich bis heute. Die Wahrheit bezeugen, die Wahrheit verschenken, was für ein Auftrag!

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Benedikt XVI. kniet vor der Mariazeller Madonna

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Jünger Jesu, Verehrer Mariens

Der Höhepunkt – und Anstoß im Herzen – steht mir noch bevor. Es ist die besondere (katholische) Dramaturgie, die uns in jeder Messe auf’s Neue unbekanntes Land betreten lässt – eine im Wesen immer gleich aufgebaute Liturgie und doch jedes Mal ganz anders, etwas besonderes, immer heilig – wenn wir uns zumindest ein klein wenig für Jesus öffnen. Ein guter Teil Unruhe – vielleicht auch Zweifel – schadet nicht als Ausgangspunkt. Welcher Heilige hat gesagt „erst am Zweifel erkennst du deine Berufung“?

„Auf Christus schauen“, heißt das Leitwort dieses Tages. Dieser Anruf wird für den suchenden Menschen immer wieder von selbst zur Bitte, zur Bitte besonders an Maria, die ihn uns als ihr Kind geschenkt hat: „Zeige uns Jesus!“ Beten wir heute so von ganzem Herzen; beten wir so auch über diese Stunde hinaus, inwendig auf der Suche nach dem Gesicht des Erlösers. „Zeige uns Jesus!“ Maria antwortet, indem sie uns ihn zunächst als Kind zeigt. Gott hat sich klein gemacht für uns.

Da ist der erste Blitz. Er fährt direkt hinein in meine Fragen zur Rolle Mariens. Kein anderer Mensch kannte den Messias aus derartiger Verbundenheit – wie die gotterwählte Frau aus Nazareth. Wer könnte uns Jesus derart überzeugend zeigen – wenn nicht Maria, voll der Gnade? Wer könnte uns die Kleinheit, mit der Jesus die Welt betritt, besser vor Augen halten – als die Gottesmutter?

Gott kommt nicht mit äußerer Macht, sondern er kommt in der Ohnmacht seiner Liebe, die seine Macht ist. Er gibt sich in unsere Hände. Er bittet um unsere Liebe. Er lädt uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er bietet uns das Du an. Er bittet, daß wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen. Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will. An die Kinder, die in der Armut leben; als Soldaten mißbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder. Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht. Aber zukunftslos wird die Erde erst sein, wenn die Kräfte des menschlichen Herzens und der vom Herzen erleuchteten Vernunft erlöschen – wenn das Antlitz Gottes nicht mehr über der Erde leuchtet. Wo Gott ist, da ist Zukunft.

An anderer Stelle hatte ich es schon erwähnt: Das Motto für den Papstbesuch in Deutschland 2011 wurde bereits vier Jahre zuvor ausgesprochen, „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Zurück nach Mariazell: In den Minuten der Predigt bin ich mehr mit Maria beschäftigt, dieser Leitsatz berührt mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In mir arbeitet es heftig, der Boden meiner Seele wird umgegraben.

„Auf Christus schauen“: Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Gekreuzigten über dem Hochaltar. Gott hat die Welt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz erlöst. Sterbend breitet Jesus die Arme aus. Dies ist zunächst die Gebärde der Passion, in der er sich für uns annageln lässt, um uns sein Leben zu geben. Aber die ausgebreiteten Arme sind zugleich die Haltung des Betenden, die der Priester mit seinen im Gebet ausgebreiteten Armen aufnimmt: Jesus hat die Passion, sein Leiden und seinen Tod in Gebet umgewandelt, und so umgewandelt in einen Akt der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Darum sind die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten endlich auch ein Gestus der Umarmung, mit der er uns an sich zieht, in die Hände seiner Liebe hineinnehmen will. So ist er ein Bild des lebendigen Gottes, Gott selbst, ihm dürfen wir uns anvertrauen.

Liegen in diesen Worten die Anfänge von Zeit zu beten? Diese Behauptung wäre vermessen, dieses Weblog werde ich erst 1 Jahr später beginnen. Kein Zweifel aber besteht, dass die Worte „Jesus hat sein Leben (sein Leiden und seinen Tod) in Gebet umgewandelt“ etwas ausgelöst haben. Merkwürdigerweise bei einem, der in seinem Beten ein so kümmerliches Dasein führt. Doch Seine Wege sind unergründlich, und so sitze ich nun seit einigen Jahren hier, und schreibe ausgerechnet zu diesem Thema.

In diesen Augenblicken der Predigt fühle ich mich umarmt. Es ist schwer – und auch gleichzeitig gar nicht nötig, diese erfahrene Liebe zu beschreiben. Wer sie kennt, weiß, wovon ich spreche, wer sie nicht kennt, dem wünsche ich sie. Jesus Christus, lass die Menschen Deine Liebe erkennen! Ist nicht die Erkenntnis Gottes – schon Teil des ewigen Lebens?

„Zeige uns Jesus!“ Mit dieser Bitte zur Mutter des Herrn haben wir uns hierher auf den Weg gemacht. Diese Bitte begleitet uns zurück in den Alltag hinein. Und wir wissen, dass Maria unsere Bitte erhört: Ja, wann immer wir zu Maria hinschauen, zeigt sie uns Jesus. So können wir den rechten Weg finden, ihn Stück um Stück gehen, der getrosten Freude voll, dass der Weg ins Licht führt – in die Freude der ewigen Liebe hinein. Amen.

Der Besuch dieser Papstmesse hat mich nicht nur berührt, ein neues Tor ist geöffnet worden. Papst Benedikt XVI. hat mit seinem gütigen und demütigen Auftreten den Boden bereitet. Gott hat seinem ganz kleinen Bewunderer eine Gnade zukommen lassen, ganz unerwartet. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, Jesus Christus begegnen zu dürfen. Sicher hatte ich gehofft, mit meiner Familie ein ganz besonderes Ereignis zu teilen. Aber Maria?

Maria - Ikone von der immerwaehrenden Hilfe

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Die Gottesmutter wurde mir an diesem Tag neu geschenkt. Als Mensch, der bedingungslos Ja sagt. Als Frau, die in ihrer Treue von Menschen unübertroffen ist. Als Mutter, die uns Jesus Christus so zeigen kann, wie keine andere Heilige und kein anderer Heiliger. Als Gläubige, die uns die Tugenden der Beständigkeit und Demut so vorlebt wie niemand sonst. Maria: zeige mir Jesus. Maria: zeige uns Jesus.

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Vom Besuch einer Messe zu einem vertieften Glaubensleben ist es ein weiter Weg. Vielleicht hat es auch deshalb vier Jahre gedauert, bis die Zeit zu diesem Bekenntnis reif war. Heute darf ich sagen, dass das Zurückfinden zur Beichte, meine ignatianischen Exerzitien, das regelmäßige Beten in der eigenen Familie, die Verbundenheit mit der Gottesmutter Maria, und nicht zuletzt dieses Gebetsblog (seit 2008) zu Stützen geworden sind, die ein wachsendes Glaubensleben möglich machen – alles nach Maßgabe des Herrn, so wie Gott es will. So bete ich mit Liebe für euch, und freue mich, wenn der/die eine oder andere ein gutes Wort für den Autor einlegt, der noch einen langen, schwierigen, aber auch erfüllten Weg vor sich sieht.

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Mariazell - Wallfahrt
Ein wenig müde – aber glücklich!

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So bete ich in Dankbarkeit und mit Liebe für Benedikt XVI. und für alle, die der Barmherzigkeit Jesu besonders bedürfen.

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