Die Krankheit als Freund sehen lernen: Bischof Stephan Turnovszky

Wann immer ich krank bin, fühle ich mich mehr oder weniger „elend”. Kein Wunder: die Krankheit ist ein echtes Elend. Wie kann ich als „Gesunder” über Krankheit schreiben? Zunächst mit Ehrfurcht vor Menschen, die diese Lebenslast zu tragen haben, und aus Kontakt mit ihnen. Und dann aus meinen eigenen Erfahrungen mit Krankheiten.

Ich möchte drei Aspekte betrachten:

  • Was ist so elend an der Krankheit?
  • Was bedeutet Krankheit geistlich?
  • Wie kann man (als Kranker und Gesunder) mit Krankheit umgehen?

Was ist so „elend” an der Krankheit?

Krankheit bedeutet in erster Linie körperliches Unwohlsein. Schmerzen, Übelkeit und Schwäche bestimmen die Befindlichkeit des Kranken. Das schränkt seine selbstständigen Entfaltungsmöglichkeiten dramatisch ein, der Kranke ist auf fremde Hilfe angewiesen. Dazu gesellt sich – fast noch schwerwiegender – emotionales Unwohlbefinden, vor allem die Einsamkeit. In seiner Krankheit ist jeder letztlich allein: Der eigene Organismus muss mit der Krankheit fertig werden, da hilft es nichts, gesunde Freunde zu haben …

Zu dieser existenziellen Einsamkeit kommen Sorge und Unsicherheit: in der Wahl des Arztes, im Umgang mit wohlgemeinten, aber widersprüchlichen Ratschlägen usw. Für viele das Schlimmste: der Eindruck, anderen Menschen zur Last zu fallen, wenn man nicht ohne fremde Hilfe zurechtkommen kann.

Und schließlich das elende Grübeln: „Warum? Warum trifft die Krankheit mich? Warum jetzt? Warum lässt Gott das zu? Bin ich selbst schuld? Habe ich meine Gesundheit sträflich vernachlässigt?” Vorwurfsvolle Fragen an Gott und Schuldgefühle sind je nach Temperament und Tagesverfassung zermürbende Begleiter des Kranken.

Als Kranker kann man sich wirklich elend fühlen, ja die Krankheit ist ein Elend.

Was bedeutet Krankheit geistlich?

Krankheit ist nichts Harmloses, im Gegenteil, letztlich ist sie Vorbotin des Todes. Damit erinnert jede Krankheit schmerzlich an die Endlichkeit des Menschenlebens. So war das Menschsein von Anfang an nicht von Gott gewollt: Im Paradies gibt es keine Krankheiten. Die Krankheit erinnert an die Distanz des Menschen zu Gott, an die Erbsünde, an das Leiden der ganzen Schöpfung.

Warum lässt Gott das zu? Er benützt die Krankheit – so wie auch die Existenz des Todes – für seine „Pädagogik der Liebe”. Krankheit kann den Menschen (den Kranken selbst, aber auch den Angehörigen oder den Pflegenden) so berühren, dass er im Menschsein wächst. Es geht um ein Wachsen in Glauben, Hoffnung und Liebe, nicht in Effektivität. Gerade in der zweiten Lebenshälfte ist es für alle Menschen eine wichtige Erfahrung, die eigene Endlichkeit anzunehmen und nicht die eigene Leistung für das Bedeutsamste im Leben zu halten. Das Wichtigste hingegen ist das Vertrauen auf Gott.

Damit ist nicht gemeint, dass ein direkter oder gar messbarer Zusammenhang zwischen Krankheit und persönlicher Unreife oder gar Schuld bestünde. Gerade die beeindruckendsten und spirituell reifsten Menschen (viele Heilige!) hatten oft unter Krankheiten zu leiden. Ich erinnere an die letzten Lebensjahre des seligen Papstes Johannes Paul II. und an die hl. Therese von Lisieux. Vor allem aber ist es Jesus selbst, der uns vor Augen stellt, dass köperliches Leiden nicht als persönliche Schuld zu begreifen ist, weil er, der ohne Sünde war, dennoch gelitten hat.

Wie kann man (als Kranker und Gesunder) mit Krankheit umgehen?

Als Kranker: So wichtig es für den Kranken ist, sich nicht aufzugeben und gesund werden zu wollen, so wenig ist es ratsam, die Krankheit als einen „Feind” zu bekämpfen. Ich kenne beeindruckende Kranke, die ihre Krankheit bzw. Schwäche als „Freund” sehen. Sie meinen damit, dass sie sicher sind, dass die Krankheit bei aller Not, die sie mit sich bringt, auch einen positiven Effekt haben, geistliche und menschliche Vertiefung schenken kann. Mir sagte einmal eine Frau vor ihrer Chemotherapie: „Das sind jetzt meine großen Exerzitien.” Sie sah ihre Krankheit nicht als Feind, sondern als Chance! Es gibt leidende Menschen von einer umwerfenden Reife. Der christliche Glaube spielt dabei eine ganz wichtige Rolle: Der Kranke darf sich zu Recht mit Christus identifizieren, er trägt mit am Kreuz Christi, er ergänzt, wie Paulus schreibt, was an den Leiden Christi noch fehlt (vgl. Kolosserbrief 1,24). Oder umgekehrt: Christus ist ihm sehr nahe und trägt die Last der Krankheit mit dem Leidenden. Das Sakrament der Krankensalbung ist Ausdruck für die innige Verbindung des Kranken mit dem Heiland.

Als Angehöriger: Kranke haben eine besondere Nähe zu Christus. Jesus hat sich ja mit ihnen identifiziert („Ich war krank, und ihr habt mich besucht”, Matthäusevangelium 25,36). In der Begegnung mit Kranken tut man gut daran, das ehrfürchtig präsent zu haben: Krankenbesuche sind Christusbegegnungen! Gleichzeitig lädt uns der Glaube ein, uns so, wie Jesus es getan hat, den Kranken zuzuwenden: Jesus hat Kranke geheilt, ohne Berührungsängste, hat sich Aussätzigen genähert, mit denen keiner Kontakt wollte. Krankenpflege ist eine sehr deutliche Art, ein fremdes Kreuz bewusst mitzutragen (wie Simon von Zyrene) und es so ein wenig zum eigenen zu machen.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Begegnung mit den „Herren Kranken” mich selbst beschenkt und bereichert hat. Ein Malteser hat mir unlängst gesagt: „Ich habe von niemandem im Leben so Wichtiges gelernt wie von den Kranken.” Ein beeindruckendes Zeugnis, in dem etwas vom Ostersieg Christi zu erahnen ist, der über das Elend der Krankheit triumphiert.

Weihbischof DI Mag. Stephan Turnovszky

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Quelle: Die Malteser, Ausgabe 2/2011

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