Kirche zwischen Intellekt, Gefühl und Berührtsein

Das Thema „pro multis“ beschäftigt nicht alle, aber viele… ob im Anschluss an Gottesdienste oder in der Blogozese, es weckt Emotionen und stößt Diskussionen an.

Der Papst betont unmißverständlich: Jesus sei für alle gestorben. Aber die Kirche müsse die Formulierungen aus den Einsetzungsberichten des Neuen Testaments respektieren (Radio Vatikan, 24. April).

Da wurde allzu heißen Diskussionen gleich der Wind aus den Segeln genommen, also warum kommen die Geister nicht zur Ruhe?

Alipius beschreibt eine ganz typische Reaktion, wie sie vermutlich vielfach zu erleben ist. Nach einer Heiligen Messe wendet sich ein Gemeindemitglied an Augustiner Chorherr und Pfarrer Alipius:

„Ich bin froh, daß sie heute bei der Wandlung ‚für alle‘ gesagt haben“. Und dann (mit Bezug auf das „für viele“, welches am Horizont irgendwie finsterst zu drohen scheint: „Wir sind so traurig“ (Mit „Wir“ sind die Leute gemeint, die so fühlen, wie besagtes Gemeindemitglied. Wie viele das sind und ob diese vorher tatsächlich konsultiert wurden, so daß das „Wir“ mit Berechtigung verwendet wurde, kann ich nicht sagen). Und das fiel mir eben ein, als ich den Beitrag bei Ultramontanus las. Hier war eine Situation, in der das „Fühlen statt Denken“ sich als denkbar schlechte Strategie erweist.

Ultramontanus wiederum war sich in seinem Beitrag mit Johannes einig, der meinte:

Gefühle kommen und gehen. Wer sich von ihnen treiben lässt, der wird eben hin und her getrieben. […] Dagegen sagen die Abgesandten des Gefühls heutigentags, der Hafen sei gar nicht mehr entscheidend. Entscheidend sei lediglich, dass man fahre und immer die Brise im Rücken genießen könne.

Der These, dass Gemeindemitglieder (letztlich wir alle) aufgerufen sind, manch erklärendes Wort – insbesondere vom Papst – etwas gefühlsneutraler zu lesen, kann ich mich schon anschließen. Aber steckt da vielleicht noch mehr dahinter?

Geht es wirklich nur um hie Gefühl – dort Verstand? Mein Eindruck ist, dass Gefühle damit zu schnell beiseite geräumt werden. Besser gesagt, was dabei auch weggewischt werden kann, ist das, was man als „Berührtsein“ bezeichnet, etwas altmodischer ausgedrückt auch als „Betroffensein in der Seele“.

Mein Glaube sagt mir, du kommst weder mit dem Verstand noch mit dem Gefühl alleine durch. Da kann und muss mehr entstehen, damit wir als „Gläubige“ über „Jesus“, „die Bibel“, und „die Liturgie“ sprechen können, und zwar mit der Autorität derer, die offen dafür sind, von Gott und seinem Wort berührt zu werden.

Da ist es, gerade war vom „Berührtsein“ die Rede. Genau das hatte Benedikt XVI. im Sinn, als er sein ausführliches Schreiben zur Frage „pro multis“ aufsetzte. Weder die kurze Formel „Jesus ist für alle gestorben, daran ändert sich nichts“, noch die Argumentation und auch Sorge, den Originalworten der maßgeblichen Bibelübersetzung nicht zu entsprechen, sind in diesem Fall ausreichende Hinweise.

Da wird weiter ausgeholt, und es ist die Pflicht der Gläubigen, den Text solange zu lesen, bis der Groschen auch wirklich gefallen ist. Und der Groschen fällt erst dann, wenn die Seele (nein, nicht nur der Verstand oder nicht nur das Gefühl) berührt wird, und sich die Ahnung von etwas Größerem einstellt. Dann sind wir soweit, dass Verstand (Jesus ist für alle gestorben) und Gefühl (der ursprüngliche Evangelientext nimmt mir letztlich doch nichts weg) zusammenfinden und eine neue Überzeugung formen: Pro Multis ist gut und rechtens!

Zwei Bloggerkollegen haben es nach meinem Ermessen zu Ende gedacht und gefühlt, und dann ihre Berührung mitgeteilt. Zunächst Josef Bordat, der in seinem sehr lesenswerten Beitrag u.a. so argumentiert:

Völlig klar: Alle sind angesprochen, doch nicht alle antworten. Sondern nur viele. Das ist zwar nicht gut so, aber doch Tatsache. Und es wundert schon etwas, dass ausgerechnet wieder diejenigen aufschreien und der Kirche „Exklusion“ vorwerfen, die sich die nicht zustimmungspflichtige Inklusion sonst regelmäßig verbitten. Jeder muss doch die Möglichkeit haben, sich Gottes Zuspruch in Jesus Christus zu verweigern – das gebietet die Freiheit. Insoweit ist das Wegbleiben bei der Eucharistiefeier das Freiheitsrecht eines jeden Menschen. Die Vereinnahmung „aller“ in den Wandlungsworten widerspräche schlicht der Sachlage, nach der es Menschen gibt, die – aus für sie guten Gründen – nicht an den Tisch des Herrn treten, ohne dass sie grundsätzlich ausgeschlossen wären.

Beide Kollegen, und das finde ich so schön, schließen mit genau der Stelle, die auch bei mir eine neue Überzeugung ausgelöst hat. So schreibt „Braut des Lammes“, dass ihr folgender Verweis des Papstes besonders gefallen hat.

Besonders gefallen hat mir an dem Brief von Papst Benedikt der Verweis auf die Anbetung des Lammes durch die vielen: Danach sah ich eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen“, heißt es in der Offenbarung des Johannes. Wir sind viele und stehen für alle. So gehören die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.

An dieser Stelle erlaube ich mir, von einem tieferen „Berührtsein“ aller angesprochenen Blogger auszugehen. Der eine oder andere Leser mag mit der Nase rümpfen ‚Was will denn der der mit seinem Berührtsein‘. Ja, hinter dem Gesagten stehe ich voll und ganz: Wir brauchen eine Kirche, in der Verstand und Gefühl gefragt und vorhanden sind, aber am Ende der Fahnenstange braucht es Überzeugungen. Es sind Überzeugungen, aus denen Taten folgen, es sind auch Überzeugungen, die unsere Liebe wachsen lassen. Und ohne Liebe werden die Vielen die Restlichen nicht erreichen.

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