Pfingsten – Deine Stimme als Christ zählt (3)

In den ersten beiden Beiträgen der kleinen Serie wurde an Beispielen gezeigt, dass es immer wichtiger wird die christliche Stimme überall dort zu erheben, wo Religionsfreiheit und christliche Werte in Gefahr sind, sowie dort, wo Medien das Christentum „in die Enge schreiben“.

Im dritten und letzten Teil soll der heikelste Punkt angesprochen werden, das Thema Kirchenreform. Der christliche Hausverstand sagt uns, dass weder im Aufruf zum Umgehorsam mit seinen unsäglichen „68er-Forderungen“, noch in einem angepassten Verteidigen traditioneller Positionen das Heil der künftigen Kirche liegen kann. Es gibt also einen Raum für Kirchenkritik – und damit dieser Raum gefüllt wird, braucht es Christen die zum Wohl der kirchlichen Zukunft gegebenenfalls auch gegen ihre Kirche die Stimme erheben.

Womit wir beim Thema wären. Nehmen wir uns noch ein paar Momente Zeit, Revue passieren zu lassen, was vom Katholikentag in Mannheim übrigbleibt, um dann einer internationalen Stimme in der Beurteilung der Kirchensituation zuzuhören.

Katholikentag in Mannheim

Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg hatte nach dem Skandal sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche den Dialogprozess angestoßen. Neben der Aufarbeitung dieser Verbrechen sollte ebenso der vielfach beklagte Reformstau aufgelöst werden. Bis heute ist allerdings unklar, welche Bistümer sich beteiligen und wie intensiv. Viele Bischöfe betonen, dass man zwar über vieles reden dürfe, sagen zugleich jedoch auch, wo die klaren Grenzen und lehramtlichen Vorgaben liegen.

Bei vielen Veranstaltungen war spürbar, wie sehr die Ungeduld im Volk Gottes wächst. Selbst bei der feierlichen Konzilsgala „Fenster auf!“, die an den Aufbruch erinnerte, den Papst Johannes XXIII. mit seinem „Aggiornamento“-Ruf ausgelöst hatte, zeigten viele Laien ihren Unmut.

Der Salzburger Theologe Hans-Joachim Sander beschrieb die Stimmungslage vieler klar und unverblümt: „Es ist höchste Zeit aufzubrechen. Das ist das Lebens- und Glaubensgefühl der großen Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken in diesem Land und weiß Gott nicht nur in diesem Land. Sie sagen sich: Entweder die katholische Kirche wagt sich an einen Aufbruch, oder wir brechen ohne sie auf. Entweder sie geht mit uns, oder wir gehen eben unsere eigenen religiösen und gesellschaftlichen Wege.“ Ohne Zweifel: Es steht viel auf dem Spiel.

Wenig bleibt vom „Ungehorsam“

„Neben der Vernetzung gehört auch die Sprache zur Strategie“, erklärte Schüller. Hatte die Pfarrer-Initiative bei ihren Statements zunächst darauf geachtet, ihre Argumente theologisch sorgfältig zu stützen, werde heute „auf Belegstellen zugunsten einer Hauptmeldung in den Nachrichten verzichtet“. Denn nur das, was säkulare Medien berichten, werde auch in der kirchlichen Öffentlichkeit beachtet. Allerdings zeigte sich beim Mannheimer Treffen mit gut 33.000 Dauerteilnehmern auch, dass die jüngeren Leute – zwei Drittel waren unter fünfzig Jahre alt – vor allem an diesen ewig selben Themen, bei denen sich nichts rührt, kaum noch Interesse zeigen.

Und doch: Wo ist ein Ende der kirchlichen Grabenkämpfe?

Der Regensburger Hochschulpfarrer Hermann Josef Eckl beobachtet mit Sorge, „dass man in unserer Kirche nicht mehr frei reden kann, ohne von irgendeiner Seite ausgegrenzt zu werden“. Dass junge Menschen nach wie vor in seine Hochschulgemeinde kommen, führt er darauf zurück, dass die Studierenden dort einen Raum zum offenen und freien Meinungsaustausch finden.

In der Glaubensgemeinschaft soll angeblich alles so bleiben, wie es gestern gut und richtig erschien. Das führt nach Meinung des Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher in eine Sackgasse. Er zitierte den tschechischen Theologen Tomáš Halík: „Der Weg der Kirche heißt Demut.“ Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode wünscht sich aus diesem Grund eine Gewissenserforschung der Gesamtkirche, wobei er betont auch seine Amtsbrüder mit in den Blick nimmt: „Wir können Vertrauen nur wiedergewinnen, indem wir Vertrauen setzen.“ Der Schatz des Glaubens lasse sich nicht einfach als ein Paket weitergeben. Es brauche Hören und Reden und vor allem: gegenseitiges Verstehen. „Wer sind wir, dass wir Gott hindern könnten?“

Kritik ist keine Häresie

Dialog verlangt auch das Widerwort. Hinter vorgehaltener Hand wiesen Organisatoren von Podien darauf hin, dass sie sich oft Absagen von denjenigen einhandelten, die befürchteten, beim Katholikentagspublikum auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Und selbst wenn Vertreter gegensätzlicher Thesen aufeinandertrafen, blieben die erhofften Wider- und Einsprüche allzu oft aus.

Die Bitte des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, Kritik nicht gleich als Illoyalität und Häresie zu werten und dass doch auch die Hierarchie einmal offen streitet, wird freilich in der kirchenleitenden Wahrnehmung noch längst nicht überall erhört. Sind in der Bischofskonferenz wirklich alle einer Meinung? Und wenn nicht, warum wird das nicht sichtbar, notfalls streitbar dialogisch ausgetragen?

***

Fall Nr.3 – eine internationale Stimme „gegen“ Rom

Wo sind die internationalen Stimmen zur Kirche Europas?

Es gibt diese Stimmen. Oft werden sie im deutschsprachigen Raum nicht wahrgenommen – und von Rom, sofern keine entsprechende Lobby da ist, negiert. Der Jesuitenpater und Mystiker Henri Boulad wird nicht müde, auf seinen Vortragsreisen seit über 40 Jahren immer wieder auf schmerzliche Entwicklungen der europäischen Kirche hinzuweisen.

P. Henri Boulad SJ ist ägyptisch-libanesischer Jesuit des melkitischen Ritus und inzwischen 80 Jahre alt. Er war Oberer der Jesuiten von Alexandrien, Regionaloberer der Jesuiten Ägyptens, Theologieprofessor in Kairo, Direktor der Caritas Ägypten und Vizepräsident der Caritas Internationalis für den Nahen Osten und Nordafrika. In Europa pflegte er den Austausch mit den Kardinälen König, Schönborn und Daneels, Erzbischof Kothgasser, den Diözesanbischöfen Kapellari und Küng, sowie Bischöfen anderer europäischer Länder.

Der Jesuitenpater hat 50 Länder in vier Kontinenten besucht und rund 30 Werke in 15 Sprachen veröffentlicht, besonders in Französisch, Arabisch, Ungarisch und Deutsch. Von seinen 13 Büchern in deutscher Sprache kennen viele „Gottessöhne, Gottestöchter“, das der Papstfreund P. Erich Fink aus Bayern persönlich an Benedikt XVI. übergeben hat.

Was sind seine Erfahrungen und Anliegen?

Die Ausübung des Glaubens ist Sache einer absoluten Minderheit geworden

Die religiöse Praxis ist in permanentem Niedergang. Die Kirchen Europas und Kanadas werden nur noch von einer stets geringer werdenden Zahl von Personen des dritten Lebensalters besucht, die bald ganz verschwunden sein werden. Es wird dann nichts anderes übrig bleiben, als diese Kirchen zu schließen oder sie in Museen, Moscheen, Clubs oder Stadtbibliotheken zu verwandeln, wie es schon geschieht.

Die Probleme des Priestertums sind ungelöst

Viele Priester verlassen ihr Amt (Alters- oder andere Gründe) und die kleiner werdende Zahl derer, die es – oft jenseits des Rentenalters – noch ausübt, müssen ihren Dienst in mehreren Pfarreien ausüben, in Eile und verwaltungsmäßig. Viele von ihnen, sowohl in Europa wie der Dritten Welt, leben im Konkubinat, vor den Augen ihrer Gläubigen, die das oft billigen, und ihres Bischofs, der kirchenrechtlich nicht viel unternehmen kann. All dies geschieht vor dem Hintergrund mangelnden Priesternachwuchses.

Die Sprache der Kirche erreicht die Gesellschaft nicht mehr

Die Sprache der Kirche ist zum Teil überholt und anachronistisch, sich ständig wiederholend, moralisierend und oftmals unzeitgemäß. Damit soll keineswegs denen das Wort geredet werden, die mit dem Strom der säkularen Gesellschaft schwimmen wollen, denn die Botschaft des Evangeliums muss in seiner ganzen herausfordernden Anstößigkeit vorgestellt werden.

Kirche im Widerspruch zur mündigen Gesellschaft

Die katholische Kirche, die Jahrhunderte lang die große Erzieherin Europas war, scheint zu vergessen, dass dieses Europa zu Reife und Mündigkeit gelangt ist. Unser hinsichtlich der Aufklärung erwachsenes Europa lehnt es ab, als minderjährig behandelt zu werden. Die dogmatische Sprache des Lehramtes zu Ehe, Empfängnisverhütung, Abtreibung, Euthanasie, Homosexualität, Priesterehe, wiederverheiraten Geschiedenen erzeugt ein müdes Lächeln und Indifferenz. Der paternalistische Stil einer Kirche als Mater et Magistra ist endgültig überholt und erreicht die Menschen heute nicht mehr. Unsere Christen haben gelernt selber zu denken und sind nicht mehr bereit, alles Mögliche zu schlucken.

Glaube ohne Mystik – was ist das?

Das Wort „Mystik“ ist aus dem Katechismus praktisch verschwunden. Was anderes aber als ein Mysterium von unerschöpflichem Ausmaß liegt unserer Kirche zugrunde? Man muss wohl feststellen, dass unser Glaube sehr verkopft, abstrakt und dogmatisch ist, und das Herz und den Leib nur wenig anspricht.

Was macht die römische Kirchenleitung?

Sie spricht die Schwere der Situation nur unwirksam an und versucht mit der Feststellung zu trösten, dass es auf ihrem sehr traditionellen Flügel und in der Dritten Welt eine gewisse Erneuerung gibt. Die scheinbare Vitalität der Kirchen der Dritten Welt ist trügerisch. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese jungen Kirchen früher oder später dieselben Krisen wie die alte europäische Christenheit durchmachen.

Die Moderne ist Faktum und weil die Kirche darauf nicht eingehen will, ist sie heute in einer veritablen Krise. Das 2. Vatikanum hat versucht, die Versäumnisse oder Fehlentwicklungen mehrerer Jahrhunderte auszugleichen, doch man gewinnt den Eindruck, dass Rom die damals aufgestoßenen Türen langsam wieder schließt und versucht, sich eher am Tridentinum als am 2. Vatikanum auszurichten. Erinnern wir uns an die mehrfach wiederholte Forderung von Johannes Pauls II.: Es gibt keine Alternative zum 2. Vatikanum!

Die römische Kirche setzt auf Vertrauen in Gott, der sie in zwanzig Jahrhunderten gehalten habe und wohl in der Lage sei, ihr bei der Überwindung dieser neuen Krise, wie bei den vorhergehenden, zu helfen. Ist das der allein seligmachende Weg?

Was ist zu tun?

1. Eine theologische und katechetische Reform

Wir brauchen dringend eine theologische und katechetische Reform, um den Glauben neu zu denken und für die Menschen unserer Zeit kohärent neu zu formulieren. Ein Glaube, der nichts mehr bedeutet, der dem menschlichen Leben keinen Sinn verleiht, ist nur noch Zierde einer obsolet werdenden Megastruktur, die mehr und mehr zusammenfällt – also genau das, was heute in Europa geschieht.

2. Eine pastorale Reform

Eine pastorale Reform, um die überkommenen Strukturen von Grund auf neu zu konzipieren. Wir sollten uns entfernen von einer formalistischen und rechthaberischen Seelsorgepraxis, z.B. in der Frage der Geschieden-Wiederverheirateten oder gegenüber Gläubigen bzw. Kirchenmitarbeitern, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Die Institution darf das Charisma nicht ersticken, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eines Tages von Jesus als „weiß getünchte Gräber“ (Mt 23,27) behandelt zu werden

3. Eine spirituelle Reform

Eine spirituelle Reform, um die Mystik wieder zu beleben und die Sakramente neu zu verstehen, ihnen existenziellen Sinn zu geben und sie ins Leben einzubeziehen. Sprache und Praxis in der Sakramentenvermittlung muss weniger „verkopft“, abstrakt und dogmatisch erfolgen, denn es gilt Herz und Leib – also den Menschen als Ganzes – zu evangelisieren. Bei der Neuevangelisierung soll die Botschaft des Evangeliums in ihrer ganzen herausfordernden Anstößigkeit vorgestellt werden.

Einberufung einer Generalsynode

Schliesslich schlägt Henri Boulad die Einberufung einer Generalsynode auf der Ebene der Weltkirche vor, an der alle Christen teilnehmen könnten – Katholiken und andere -, um in Freimut und Klarheit die oben genannten und alle anderen vorgeschlagenen Punkte zu prüfen. Eine solche Synode, die drei Jahre dauern sollte, würde mit einer Generalversammlung abgeschlossen, die die Ergebnisse sammelt und Schlüsse daraus zieht. An dieser Stelle verzichtet der Jesuitenpater bewusst auf die Rede von einem neuen Konzil. Henri Boulad liebt seine Kirche nach eigener Aussage leidenschaftlich und will die formulierten Herzensanliegen nicht durch eine denkbar unwahrscheinliche Antragsform blockieren.

***

So hört sich eine internationale Stimme an, die schon allein aus Altersgründen nicht im Verdacht steht, im Geist der 68er zu denken und zu reden. Natürlich tut es weh – auch mir, der ich mich in verschiedenen Zeugnissen zum Papst bekannt habe – eine Kritik am Kurs von Papst Benedikt XVI. zu hören oder gar zu vertreten. Aber das darf andererseits nie ein Grund sein, eine aus Gebet und Gewissen kommende Kritik zu unterdrücken.

Wie wohltuend heben sich doch diese Ansatzpunkte von der ewiggestrigen, deutschsprachigen Romkritik ab! Hier geht es in erster Linie um Sprache und Spiritualität, und erst in zweiter Linie um pastorale Weichenstellungen. Schließlich wird die Weltkirche nicht ausgeblendet, sondern in Form einer Generalsynode ausdrücklich eingebunden.

Was können wir „einfache Christen“ dazu beitragen?

  • Kontinuität: in der Gemeinde contra „Ungehorsam“ und pro spiritueller Reform die Stimme erheben
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  • Courage: von uns selbst, den Gemeinden und auch den Bischöfen entsprechende Ansagen und Maßnahmen einfordern
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  • Charisma: in unserem Gemeindeleben die Sakramente neu erfahren, erfahrbar machen und täglich leben
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  • Zeugnis: Beispiele im eigenen Glaubensleben finden und bezeugen, die Herz und Leib ansprechen
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  • Neuevangelisierung: Menschen zu Anbetung, Bibel-Teilen, karitativen Aktionen,… und Agape einladen

Jetzt kann Pfingsten kommen, und vergesst nicht, den Heiligen Geist um die eben genannten Tugenden zu bitten: Kontinuität, Courage, Charisma, Zeugnis und Neuevangelisierung!

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