Pfingsten. Betrachtung zum Wunder des Heiligen Geistes

1. Sturm und Hauch

Wie ein Brausen, dann wieder wie ein Säuseln, einmal Sturm, ein andermal Hauch. Die Bilder, die die Bibel für den Heiligen Geist kennt, sind sehr unterschiedlich, so unterschiedlich wie die Gaben, die uns durch ihn geschenkt sind. Hinter allem steckt ein Gott, ein Herr, ein Geist. Er bewirkt alles in allen. Darauf dürfen wir vertrauen.

Im Johannes-Evangelium lesen wir vom sanften Hauch:

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. (Joh 20, 19-23) In der Apostelgeschichte lesen wir vom brausenden Sturm: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ (Apg 2, 1-13).

2. Begeistert, nicht berauscht

„Sie sind vom süßen Wein betrunken.“ – Das ist sicher eine mögliche Deutung für die begeisterten Jünger, die „Feuer und Flamme“ sind für ihren Glauben und für die neue Sprache der Einheit. Dann aber wäre der Rausch bald vorbei gewesen und Ernüchterung – vielleicht sogar ein richtiger „Kater“ – wären die einzigen Erinnerungen an dieses Erlebnis. Alles wäre danach zurückgekehrt zur Normalität des allgemeinen Chaos und Unverständnisses. In den jungen Gemeinden aber, die daraufhin gegründet wurden, verbreitet sich die Kraft des Heiligen Geistes und löst eine Bewegung aus, die nie wieder zum Stillstand kommt: die Kirche, die mit dem Pfingstereignis ihre Gründung erfährt. In ihr gilt das versöhnende Wort Jesu für alle gleich, ein Wort, das wie eine Feuerzunge jedes oberflächliche Gerede verbrennt.

Petrus erklärt der Menge, was wirklich geschehen ist: „Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen; sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist: In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. […] Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. […] Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört.“ (Apg 2, 14-17, 22-24, 33)

3. Pfingstwunder

Sehr nüchtern ist dieses zweite Kapitel der Apostelgeschichte in der EÜ mit „Pfingstereignis“ überschrieben. Ein neutraler Begriff, der angesichts dessen, was passiert, eine starke Abschwächung darstellt, eine maßlose Untertreibung gar, die den Charakter von Pfingsten völlig verfehlt. Pfingsten ist mehr als ein Ereignis, es ist ein Wunder. Es lässt sich in der Tat nur als wunderbar bezeichnen, was damals in Jerusalem geschah. Die Jünger sprechen in der Sprache jedes Einzelnen, sie finden die richtigen Worte, sie treffen den richtigen Ton, sie werden verstanden. Jede und jeder versteht, was Gott ihr oder ihm sagen will, egal ob Meder oder Kappadozierin.

Pater Werenfried van Straaten, Gründer der „Ostpriesterhilfe Deutschland“, besser bekannt als „Kirche in Not“, schrieb dazu: „Die Apostel verharrten mit Maria, der Mutter Jesu, einmütig im Gebet. Die Antwort war das Pfingstwunder von Jerusalem, wo sich gleich dreitausend Menschen taufen ließen. Wenn wir, durch Glauben, Hoffnung und Liebe angeregt, zusammen mit Maria, dem Papst und den wahren Aposteln, die es auch heute noch gibt, mit Priestern, Ordensleuten, Vätern, Müttern und anderen Christen guten Willens einmütig im Gebet verharren, werden auch jetzt Wunder geschehen.“ Es werden, so Pater Werenfried, „Wunder geschehen“. Doch was ist das eigentlich – ein „Wunder“?

4. Wunder – Gottes Wirken in der Welt

Ein Wunder ist „ein Geschehen, das Aufsehen erregt, weil es unerwartet eintritt, im allgemeinen innerweltlich unerklärlich ist und als Hinweis auf Gottes Wirken in der Welt (auch wenn es durch geschöpfliche Zweitursachen vermittelt ist) gewertet werden kann“ (Lothar Ullrich: Wunder, in: Lexikon der katholischen Dogmatik. Freiburg i. Br. 1987, S. 560-563, hier: S. 560). Wunder haben dabei einen „dialogischen Charakter, d. h., sie offenbaren die personale Liebe Gottes“ (ebd., S. 561). Sie stellen damit, wie schon erwähnt, „ein übernatürliches Eingreifen der Heilsmacht Gottes ‚in Vorausnahme der eschatologischen Vollendungsgestalt der Schöpfung’“ dar (Sieger, S. 390 f.), d. h., sie zeigen uns, worauf Gottes Schöpfung, die wir für gewöhnlich als unvollendet ansehen, hinausläuft, sie geben einen Vorgeschmack auf das wunderbare Ziel unseres Daseins, an dem uns das Wunder der Vollendung als Dauerzustand erwartet.

Wunder sind Transzendenzerfahrungen in der Immanenz der Welt. Besonders bedeutend sind hierbei Heilungswunder: Die Ärzte wissen keinen Rat, das Bittgebet aber heilt. Man mag sich darüber streiten, ob es in solchen Fällen der Transzendenzbezug im Glaubensakt des Gebets ist, der heilt, oder vielmehr der Glaube an die Heilkräfte dieses Transzendenzbezugs. Das ist selbst eine Glaubensfrage.

5. Augustinus und Thomas

Für die katholische Theologie in der Wunderfrage sind – wie auch in vielen anderen Fragen – insbesondere Augustinus und Thomas von Aquin „Konzentrationspunkte theoretischen Nachdenkens“ (ebd., S. 561). Bei Augustinus überwiegt der Hinweis- und Zeichencharakter, er sieht in ihnen keinen Sonderstatus hinsichtlich ihrer ontologischen Struktur. Das Wunder als göttlichen Tat dient letztendlich dazu, Gott zu erkennen, und zwar aus den sichtbaren Dingen: „Die Wunder, welche unser Herr Jesus Christus getan, sind gewiß göttliche Werke und mahnen den menschlichen Geist, Gott aus den sichtbaren Dingen zu erkennen“, mehr noch: „damit wir den unsichtbaren Gott durch die sichtbaren Werke bewundern“ (Tract. in Io. Ev. 24, 1).

Nach Augustinus liegt der Zweck der Wundertätigkeit darin, uns auf das Wunder der Wirklichkeit zu stoßen, also uns nicht nur einen Vorgeschmack auf die vollendete Schöpfung zu geben, die einst als Wunder offenbar wird, sondern eine andere Perspektive auf die nur scheinbar unvollendete Schöpfung anzubieten, die uns erkennen lässt, dass bereits hier und jetzt das in Aussicht gestellte „Dauer-Wunder“ jenseitiger Vollendung zu erleben ist. Augustinus lenkt den Blick, der in die Ferne auf das Wunder jenseits der Schöpfung gerichtet ist, das in kleinen Teilen gelegentlich in ihr manifest wird, auf das Wunder der Schöpfung selbst. Es gehe darum, im ganz Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken, auch wenn diese Phänomene – Augustinus nennt als Beispiel das „Samenkorn“ – „durch ihre Häufigkeit in der Wertschätzung sinken“ (ebd.). Weil dieser Gewöhnungseffekt die Achtung vor dem Wunder der Schöpfung gefährde, habe sich Gott eben „nach seiner Barmherzigkeit einige [Wunder] vorbehalten, um sie zu gelegener Zeit gegen den gewöhnlichen Lauf und Gang der Natur zu vollbringen, damit beim Anblick nicht zwar größerer, aber ungewöhnlicher Werke diejenigen staunen sollten, auf welche die alltäglichen keinen Eindruck machten“ (ebd.). Doch Augustinus richtet nicht nur das Augenmerk vom Schaueffekt des Erhaschens transzendenter Momente in der Immanenz auf die dauerhafte staunende Betrachtung der Welt in ihrer scheinbaren Normalität, sondern auch vom naturwissenschaftlich Außergewöhnlichen auf das Besondere in Ethik und Politik: „Denn ein größeres Wunder ist die Leitung der ganzen Welt als die Sättigung von fünftausend Menschen mit fünf Broten, und doch staunt darüber niemand; dagegen staunen die Menschen über das letztere, nicht weil es größer, sondern weil es selten ist.“ (ebd.).

Bei Thomas überwiegt schließlich die Bestimmung des Wunders von der unmittelbaren transzendentalen Kausalität Gottes her, was nichts anderes ist als die „Finalität“ Leibnizens. Das Wunder läuft „vorbei an der Ordnung der Natur“ (Sum Th I, 110, 4) bzw. wenn unter „Übergehung der uns bekannten Ursachen“ (ebd., 105, 7). Es kommt von Gott und – so darf man wohl hinzufügen – wir werden die Ursachen des göttlichen Wirkens nie von Gott trennen können.

6. Ganz normale Wunder

Kürzlich hatte ich auf einer Begegnungsreise die Gelegenheit, mit einem Pfarrer der Herrenhuter Brüdergemeinde zu sprechen. Unser Gespräch kam auf die Schönheit der Schöpfung und von dort auf den Begriff des Wunders. Er berichtete mir von seinen Erfahrungen in der Krankenhausseelsorge. Immer wieder kam er mit Menschen zusammen, denen etwas fehlte, was ihm selbstverständlich erschien. Ihm wurde bewusst: Es versteht sich eben nicht von selbst, dass man sehen und gehen, atmen und sprechen kann. Seither gedenkt er in Dankbarkeit und Demut jeden Tag eines dieser wunderbaren „Selbstverständlichkeiten“, die Gott uns Menschen geschenkt hat.

Zu diesen zählen sicherlich auch die „großen“ Dinge des Alltags, die Rahmenbedingungen unseres Lebens in der Gesellschaft. Unsere Freiheit und unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Sozialsystem, unsere Sicherheit und unser guter Ruf in vielen Teilen der Welt. Gerade uns Deutschen sollte im 60. Jahr der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Mauerfall ein spielerisch leichter Zugang zum Begriff des Wunders beschieden sein.

Die ganz alltäglichen Wunder sind die Normalitäten in der Gegenwart Gottes. Dafür im Gebet zu danken, sollte unser täglicher Beitrag sein. Bitten wir Gott, dass er uns mit Seinem Heiligen Geist durchströme, dass wir uns des Wunderbaren der Schöpfung immer bewusst bleiben und dass es uns gelingt, aus der Kraft des größten Wunders überhaupt zu leben: aus Seiner Liebe.

(Josef Bordat)

***

2 Gedanken zu “Pfingsten. Betrachtung zum Wunder des Heiligen Geistes

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s