Flammengebet zum heiligsten Herzen Jesu

Die heilige Gertrud von Helfta, auch Gertrud die Große, (* 6. Januar 1256; † 17. November 1301 oder 1302) war Nonne im Kloster Helfta bei Eisleben. Als bedeutende Mystikerin, Theologin und Sprachkünstlerin gehört sie zu den herausragenden Frauen des Mittelalters; sie trägt als einzige deutsche Heilige den Beinamen die Große. 400 Jahre vor dem Wirken der Hl. Margareta Maria Alacoque gilt sie als eine der ersten Verehrerinnen des Heiligsten Herzens Jesu.

Im Alter von 25 Jahren, am 27. Januar 1281, hatte sie ihr religiöses Schlüsselerlebnis, eine erste Vision, in der sie sich von Christus in seine besondere Nachfolge gerufen sah. Weitere mystische Erlebnisse vertieften in den folgenden Jahren ihre Christusbeziehung. Gertrud entwickelte nun, als Mittelpunkt des Helftaer Theologinnenkreises, eine lebhafte literarische Tätigkeit: sie übersetzte Teile der Bibel, verfasste zahlreiche Gebete sowie ihre beiden Hauptwerke, die Exercitia spiritualia („Geistliche Übungen“) und – mit Unterstützung durch Mitschwestern – den Legatus divinae pietatis („Gesandter der göttlichen Liebe“).

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Flammengebet zum heiligsten Herzen Jesu
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Ich grüße Dich, o heiligstes Herz Jesu,
Du lebendige und lebendigmachende Quelle des ewigen Lebens,
Du unendlicher Schatz der Gottheit und
flammender Glutofen der göttlichen Liebe!
Du bist mein Ruheplatz und mein Zufluchtsort.
O mein göttlicher Erlöser,
entflamme mein Herz mit der heißen Liebe,
von welcher Dein Herz ganz verzehrt wird!
Gieße aus in mein Herz die große Gnaden,
deren Quelle Du bist, und mache,
dass mein Herz so sich mit dem Deinen vereine,
dass Dein Wille der meinige, und dass mein Wille
auf ewig dem Deinigen gleichförmig sei;
denn ich wünsche fortan Deinen heiligen Willen
zur Richtschnur aller meiner Handlungen zu haben.
Amen.

+(Hl. Gertrud)

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„Entscheidend für das Verständnis von Gertrud ist jene Besonderheit, die auch für Mechthild von Hackeborn zutrifft: Die Heilige Schrift wird nicht für sich, sondern in unmittelbarem Zusammenhang mit der Tagesliturgie gelesen. „So ist der Ort der Bibel-Lesung der Mystikerinnen nicht der Schreibtisch, sondern die ‚Kirche‘ im umfassendsten Sinn des Wortes: die Liturgie als der Raum des Heiligen.“ Das bedeutet, dass die Bibel nicht historisch, sondern von der täglichen memoria her im Ablauf des Kirchenjahres lebendig gelesen wird: das Geschriebene ist nicht vergangen, sondern in der Liturgie Gegenwart.

O dass du mir du doch jetzt dein wunderbares Alphabet offenbartest, damit mein Herz das gleiche Studium wie du betriebe. Künde mir nun in lebendiger Erfahrung Wesen und Weise des glorreichen und uranfänglichen Alpha deiner schönen Liebe; verhehle mir nicht das fruchtschwere Beta der Vollendung der Schöpfungsreihen deiner kaiserlichen Weisheit. Mit dem Finger deines Geistes zeige mir genau und der Reihe nach die einzelnen Buchstaben deiner Liebe, auf dass ich, durchdringend bis zum Kern des Vorgenusses deiner Wonnen, mit dem Auge eines reinen Herzens in Wahrheit sie erforsche und zu ergründen trachte, sie erlerne, (auswendig) eine und, soweit es in diesem Leben möglich ist, sie auch ganz verstehe. Lehre mich unter dem Beistand deines Geistes das Tau höchster Vollkommenheit und führe mich zu dem Omega allseitiger Vollendung. Lass mich in diesem Leben deine von Liebe und Zärtlichkeit erfüllte Schrift so vollkommen erlernen, dass an der Vollkommenheit deiner Liebe in mir nicht ein Jota fehle, um dessentwillen ich Aufschub erleiden müsste, wenn du mich, o Liebe, mein Gott, meine süße Liebe, zu dir rufst, um in dir selbst dich ewiglich zu schauen. (Hl. Gertrud von Helfta)

Typisch dafür ist beispielsweise das Pfingsterleben Gertruds, wo sie zugleich mit der Terz und dem Hymnus an den Schöpfergeist eine Erscheinung Jesu und seines geöffneten Herzens hat, in das sie ihr eigenes Haupt birgt. Vorgänge dieser Art, die zum Beispiel auch am 15. August, dem Marienfest, statthaben, werden also in der Weise einer Inszenierung im Mysterienspiel dargestellt, worin die angerufenen oder gefeierten Personen die festliche Szene selbst vollziehen und das biblische Geschehen liturgisch zur Darstellung bringen. Der Verlauf der Liturgie selbst ist die Dramaturgie. Die personale Aneignung vollzieht sich daher nicht als ein Zuschauen, sondern als ein Eingeschlossensein im Mysterium. Mit Recht lässt sich die Helftaer Mystik als „liturgische Mystik“ bestimmen.“ (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz)

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