Gedanken zum Sonntagsevangelium von Josef Bordat

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In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28, 16-20)

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Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. – Der Missionsauftrag Jesu ist eindeutig. Dass diese Mission nicht mit Zwang einhergehen darf, macht Christus in seinen „Anweisungen für die Mission“ (Mt 10, 5-15) deutlich, die den Auftrag an Bedingungen knüpfen (Friedfertigkeit der Glaubensweitergabe, Freiwilligkeit der Glaubensannahme). Jesus fordert eine Mission in Liebe und durch Überzeugung, die ihre Abbruchbedingung im freien Willen des zu Missionierenden findet.

Die Annahme des christlichen Glaubens kann nur freiwillig vollzogen werden, erzwungen werden kann allenfalls die formale Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft, also: der Kirche, durch eine „Zwangstaufe“. Da diese wertlos ist, soweit und solange die innere Haltung zum Glauben fehlt, hat die Kirche ihre Vornahme verboten. Dennoch kamen Zwangstaufen vor. Fälschlicherweise werden sie heute der Kirche zur Last gelegt, obwohl sie keine religiöse, sondern eine politische Funktion hatten und nur dort aufgetreten sind, wo die Kirche als politische Macht wirkte. In den ersten drei Jahrhunderten ihrer Geschichte gab es keine Zwangstaufen und keine Schwertmission. Die Menschen entschieden sich freiwillig und oft unter Einsatz ihres Lebens für die Nachfolge Christi. Im Kern ihrer Begründung ist die Kirche dementsprechend nicht durch Gewalt vorbelastet. Nach der Konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion des sich auflösenden Römischen Reiches wurde, wandte es in dieser Funktion Zwangsmittel an, um Heiden zu christianisieren. Also: In dem Maße, indem die Kirche eine staatstragende Rolle übernahm (und Kirchenvertreter als weltliche Herrscher fungierten), wurde sie mit Zwangstaufen konfrontiert.

Grundsätzlich wurden Formen intoleranter Mission, die von weltlichen Herrschern angeordnet wurden, von Vertretern der Kirche sehr kritisch gesehen. Zwei bedeutende Beispiele dafür sind die Zwangstaufen, die Karl der Große unter den Sachsen vollziehen ließ (9. Jh.), und die Mission in Lateinamerika im Auftrag der spanischen Krone (16. Jh.). In beiden Fällen waren es weltliche Herrscher, die Mission als Mittel der Machtpolitik einsetzten. Die Kritik an diesem Ansinnen kam aus Kirchenkreisen, von Hofpredigern und Ordensleuten, die mit biblischen, theologischen und rechtlichen Argumenten opponierten. Als Karl der Große um 800 die Sachsen unterworfen hatte, erließ er in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften zur Todesstrafe für alle, die sich nicht taufen lassen wollten. Der theologischen Rechtmäßigkeit der Alternative „Taufe oder Tod“ hat sein Hoftheologe Alkuin entschieden widersprochen. Als die „Katholischen Könige“ mit päpstlichem Mandat Amerika eroberten und die autochthone Bevölkerung von den Conquistadores im Rahmen einer gewaltsamen Kolonialisation „nebenbei“ christianisiert wurde – Mission war die Bedingung, die der Papst für die Übertragung der Gebiete an Spanien stellte (Bulle Inter cetera von 1493) –, stieß dies bei den Missionaren auf Widerspruch, für den vor allem der Dominikaner Bartolomé de Las Casas steht.

Mission ist für Christen aber weit weniger ein Auftrag, den es zu erfüllen gilt, sondern vielmehr ein innerer Drang, ja, geradezu ein Zwang, denn: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4, 20) Wir können nicht schweigen. Und wir sollen es nicht. Eine glückliche Kombination, ein glücklicher Umstand, dass jenes äußere Gebot aus Mt 28, 19 so perfekt harmoniert mit der Selbsterkenntnis jener inneren Zwangslage, von der Petrus und Johannes sprechen, vor dem Hohen Rat, vor dem sie sich für eben jene Mission verantworten müssen, die der Herr ihnen auftrug. Sie übernehmen diese Verantwortung – vor Gott und den Menschen, wobei sie sich von dem Grundsatz getragen wissen, dass man im Zweifel Gott mehr gehorchen muss als dem Menschen (vgl. Apg 5, 29).

Gott will, dass Sein Wort alle Menschen erreicht. Sein Wille geschieht dabei auf unergründlichem Wege. Selbst die Verfolgung der Urgemeinde und die Zerstreuung der ersten Christen in die ganze nahöstliche Hemisphäre (vgl. Apg 8, 1) dient am Ende der Verbreitung Seiner Botschaft, denn mit den Menschen, die in neue Gebiete aufbrechen, gelangt auch die Botschaft des Evangeliums in diese Gebiete. – Was die Welt vernichten will, lässt Gottes Wille wachsen. Diese Erfahrung macht die Kirche Jesu Christi auch in ihrer jüngeren Geschichte. Als in Frankreich das „Gesetz zur Aufhebung der Ordenskongregationen“ (1901) den Auftakt zu einer breit angelegten Zerstörungs- und Vertreibungswelle bildete, führte das beispielsweise zur weltweiten Ausbreitung des Salesianerordens. Die Schwestern und Brüder werden gleichsam gezwungen, ihren Orden und ihre salesianische Spiritualität in andere Länder und Kontinente zu tragen. – Die Wege des Herrn mögen unergründich sein, doch eins ist gewiss: sie führen zum Ziel.

Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dieser Auftrag gilt auch uns heute. Wir brauchen dabei gar nicht weit zu reisen, hin zu den „Völkern“. Der Nachbar, die Arbeitskollegin, der Mitschüler – wer zu ihnen nicht verschämt sagt, man habe „Sonntag Vormittag schon was vor“, sondern freimütig bekennt, dass man dann zum Gottesdienst geht, der hat zwar noch keine Jüngerin und keinen Jünger Jesu „gemacht“, aber einen ersten Schritt getan. – Mission beginnt hier und jetzt. Sie ist nicht immer einfach, aber immer sinnvoll. Und wenn es uns zuviel Kraft zu kosten scheint, weil der Gegenwind zu stark weht, dürfen wir uns an die Zusicherung Jesu erinnern: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28, 20)

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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2 Gedanken zu “Gedanken zum Sonntagsevangelium von Josef Bordat

  1. mir gefällt sehr ein Spruch der so ähnlich lautet wie: Geht hin in alle Welt und erzählt von Gott – notfalls mit Worten. Das Vorleben scheint mir deutlich wichtiger…..

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