Gedanken zum 10. Sonntag im Jahreskreis von Josef Bordat

Perikope vom 10. Sonntag im Jahreskreis

In jener Zeitging Jesus in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebub besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen. Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Markus 3, 20-35)

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Bruder, Schwester, Mutter: Familie. Jesus spricht über ein allseits vertrautes Konzept. Er spricht eine Wahrheit an, die heute viele bitter erfahren: Dass eine Familie, die „in sich gespalten ist“ natürlich auch „keinen Bestand haben“ kann. Damals mag das eine verstörende Vorstellung gewesen sein, doch heute ist das ein Bild, an das man sich fast schon gewöhnt hat: Familien – „in sich gespalten“ – zerbrechen und formieren sich neu, bilden lose Beziehungsgeflechte, die in ihrer Unverbindlichkeit oft „keinen Bestand haben“.

Seiner eigenen Familie gegenüber zeigt Jesus sich erstaunlich kühl und distanziert, später wird dazu noch von einer schlechten Erfahrung in der Heimatstadt berichtet, die Ihm soviel Unglauben entgegenbrachte, dass Jesus nur staunen kann (vgl. Markus 6, 1-6). An anderer Stelle ruft Er zum Verlassen der Familie und der vertrauten Umgebung auf (vgl. Matthäus 19, 29).

Hat Jesus etwas gegen die Familie? Nein, ich denke nicht. Denn Jesus erweitert hier den Familienbegriff eher als dass Er ihn zurückweist. Er weist den Weg von der biologischen zur sozialen Familie – letztlich hin zu einer spirituellen Familie, in der niemand mehr fremd ist, sondern jede und jeder Schwester und Bruder sein kann von dem, der Gott Seinen Vater nennt. Diese Konzept von Familie ist das radikal Neue, das mit Jesus in die Welt kommt.

Schließlich formt Jesus die Kirche als familiäre Gemeinschaft der Gläubigen. Die Kirchengemeinde soll uns auch heute noch zur Familie werden. Eine geistige Verwandtschaft, welche die leibliche nicht ersetzen, wohl aber ergänzen soll. Ideal ist es freilich, wenn beides zu Deckung kommt, wenn die ganze Familie sich geschlossen der Gemeinde zugehörig fühlt. Doch das ist heute, zumal in unseren Breiten, wohl nur noch selten der Fall. Oft ist nur ein Teil der Familie in der Gemeinde aktiv.

Dem kirchennahen Partner nicht mit Argwohn oder Neid zu begegnen, das sollte dann ebenso zum Alltag gehören wie der Umstand, dass man auch als Aktivposten in der Gemeinde die Familie nicht vergisst, auch wenn man sie (zeitweilig) verlassen muss, dass man stattdessen die Liebe Gottes, die man in der Liturgie, in den Sakramenten und (hoffentlich) auch im Gemeindeleben erfährt, mitnimmt in die Familie, damit dort die menschlichen Beziehungen gestärkt werden.

Eine ganz besondere kirchliche Familie ist die „Familie der Hoffnung“, eine aus der Spiritualität des Franziskanerordens und der Fokolarbewegung hervorgegangene neue geistliche Gemeinschaft, die weltweit Rekuperationseinrichtungen für suchtkranke Jugendliche und junge Erwachsene betreibt. Die Fazendas da Esperança („Höfe der Hoffnung“) eröffnen nicht nur den Rekuperanten die Chance zur Neuorientierung, sondern auch der Kirche, soweit sie tatsächlich „Familie Jesu Christi“ sein will. Diese Erfahrung durfte ich auf der Fazenda „Gut Neuhof“ bei Berlin machen (vgl. dazu „Wer Hoffnung hat lebt anders„; „Fazenda – der Hoffnung den Hof machen„).

Die Kirche als Familie. Ja, so könnte Jesus sich das vorgestellt haben. Dann bekommt die Rede von der Spaltung und dem Bestand freilich noch eine ganz andere Note: Auch die Kirche kann, wenn sie „in sich gespalten ist“ am Ende „keinen Bestand haben“. Wenn wir der Übertragung des Familienkonzepts auf die Gemeinschaft der Gläubigen, auf die Kirche, folgen, dann müssen wir auch Jesu Mahnung zur Geschlossenheit ernst nehmen, die uns zu einer bleibenden Erinnerung an die Bedeutung der Einheit wird, der Einheit derer, die den Willen Gottes erfüllen.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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