12. Sonntag im Jahreskreis (Johannes der Täufer) von Josef Bordat

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An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich, und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht, und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?  (Mk 4, 35-41)

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1.

Was ist das für ein Mensch? Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen? Was ist das für ein Mensch, der sich so souverän über die Naturgewalten erhebt? Was ist das für ein Mensch, der über Gefühl und Glauben seiner Freunde urteilt? Es ist der gleiche Mensch, der ihnen und uns Gott zeigt, die Quelle der Macht über die Unannehmlichkeiten des Lebens, der Grund des Glaubens.

Glauben heißt Vertrauen, Macht schafft Vertrauen, Vertrauen macht Mut und nimmt die Angst von uns fort. Sollte man die Botschaft Jesu in einem Satz zusammenfassen, wäre „Fürchtet euch nicht!“ sicherlich keine schlechte Lösung. Hier jedoch wandelt sich die Furcht vor dem Sturm lediglich in eine Ehrfurcht vor Jesus, in eine Gottesfurcht ob der demonstrierten Macht. Diese Furcht ist zwar ein erster Schritt zum Verstehen und zum Glauben, doch wenn sie distanziert bleibt, kann Gott nicht mit dem Menschen weitergehen. Gott will nicht respektiert, Er will geliebt werden.

Jesus spricht davon, dass seine Jünger noch keinen Glauben haben. Es gibt also Hoffnung, dass der Prozess des Glaubens von einem lähmenden Mangel an Vertrauen über eine lähmende Furcht vor der Macht Gottes zu einer Beziehung wird, die gerade darauf basiert, dass dem Mensch dieser Macht bedingungslos vertraut, ohne Hintertür, aber auch frei von Fatalismus.

Was ist das für ein Mensch? Das haben sich sicherlich nicht nur die Jünger auf dem Boot gefragt, sondern viele Zeitgenossen Jesu. Einer hat Jesus besonders gut gekannt und Ihn den Menschen vorgestellt: Johannes der Täufer. Johannes zeigt uns den Menschen, der uns Gott zeigt. Er zeigt uns Jesus.

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2.

Die Geburt Johannes der Täufers feiert die Kirche am 24. Juni. Da dieses Hochfest im laufenden Kirchenjahr auf einen Sonntag fällt, wird in vielen Gemeinden das Evangelium von der Geburt des Johannes (Lk 1, 57-66) oder ihrer Verkündigung (Lk 1, 5-17) gelesen, bei der sein Vater Zacharias von einem Engel davon unterrichtet wird, dass Elisabet, seine Frau, „einen Sohn gebären“ werde, dem er, Zacharias, „den Namen Johannes“ geben möge. Johannes wird von dem Engel gepriesen als der, der „dem Herrn vorangehen“ wird, „um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen“. Diese Stelle weist einige Parallelen auf zur Verkündigung der Geburt Jesu an Seine Mutter Maria (Lk 1, 26-38). Auch dort tritt ein Engel in Erscheinung, auch dort wird der Name des Kindes vom Engel genannt, nämlich „Jesus“, auch dort folgt eine ausführliche Würdigung der Rolle des Kindes im Heilsplan Gottes: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ Der Engel Gabriel, der Maria die Botschaft bringt, nimmt Bezug auf die Verkündigung an Zacharias, um Maria Mut zu machen: „Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.“ Es deutet sich an, dass zwischen beiden Verkündigungen, beiden Müttern, beiden Geburten, beiden Kindern eine enge Beziehung besteht. Elisabet und Maria verbindet der tiefe Glaube an Gott und die Erfahrung, dass sich Gottes Macht in ihrem Leben zeigt, in Gestalt unerwarteter Schwangerschaft. Elisabeth hatte nicht mehr und Maria hatte noch nicht damit gerechnet, ein Kind zu bekommen. Gott macht beides möglich. Diese Erfahrung teilen die Frauen und sie teilen sie auch mit Abraham und Sarah, die ja auch nicht (mehr) mit Nachwuchs gerechnet hatten.

Elisabet und Maria stehen über das mit Sarah geteilte Los unerwarteten Kindersegens in der Tradition des Judentums, weisen aber schon auf das Christentum hin, denn ihre Kinder sind Johannes der Täufer, der Wegbereiter, und Jesus, der Sohn Gottes, der Messias, der Christus. Der eine, Johannes, kommt, um auf den Anderen, Jesus, zu deuten. Der Bote ist Vorbote. Er bringt nicht die Botschaft, sondern verkündet, auf die Botschaft zu hören, die zählt, wenn sie von dem verkündet wird, auf den es ankommt. Der letzte der Propheten Gottes verweist auf den Sohn Gottes, den Messias, mit dem das Wort Gottes selbst menschliche Gestalt annimmt, Fleisch wird. Johannes macht keinen Hehl aus der Differenz: „Ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ (Mk 1, 7-8) Das ist der Unterschied. Er überstrahlt alles. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Beide gehen in die Wüste. Beide gehen zum Volk und kommen gut an bei den Menschen. Beide werden hingerichtet. Nach menschlichem Ermessen sind beide gescheitert. Bei Gott aber sind beide verherrlicht – der Sohn und der Prophet, der auf ihn deutete, der ihn später taufte und der damit auf seine Art an dessen Sendung mitwirkte.

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3.

Mit Johannes können wir auf die Frage Was ist das für ein Mensch? schließlich eine Antwort geben, mit Worten, die wir in jeder Heiligen Messe hören: Jesus ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1, 29). Und das ist weit mehr, als ein schwankendes Boot zu beruhigen. Jesus Christus gebietet den tobenden Stürmen des Bösen in uns zu schweigen, auf dass wir ruhig werden und sicher ans Ziel gelangen.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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