Gottes Teilchen – Gottes Ganzes

*

Heute ist ein bedeutsamer Tag: Es lässt sich nun beantworten, was Naturwissenschaftler entdecken werden, und was nicht: Das Higgs-Teilchen, auch „Gottesteilchen“ genannt, ist laut heutigen Meldungen entdeckt worden, und Gott als Ganzes werden die emsigen und mathematisch geschulten Herren wohl niemals nachweisen können.

Letzteres haben sie wiederholt selbst festgestellt, zuletzt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Und zum Nachweis des Gottesteilchens bleibt zu sagen, dass er – ganz im modernen Wissenschaftssprech – „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ gelungen ist, weitere Forschungsergebnisse sind noch bis zum „endgültigen Nachweis“ zu erbringen.

Erleichterung

Welch ein Aufatmen geht jetzt durch die Heerscharen von Politikern, die die größte je von Menschen gebaute Maschine (CERN) mit Ihren Finanzierungszusagen ermöglicht haben! Auch ich bin beruhigt, denn wie ich vor einigen Jahren errechnet habe, hat jeder von uns das Forschungszentrum mit etwa 5 Euro mitfinanziert: Der Gegenwert für mein vorfinanziertes McDonalds-Menü scheint gesichert.

Verwirrung

Aber die sprachlichen Verirrungen machen ja nicht beim Gottesteilchen halt. Wie mächtig die Sprache der katholischen Hemisphäre in die Welt der Wissenschaft und der dazugehörigen Berichterstattung reicht, zeigt der Auszug aus einem Interview in der Wochenzeitung DIE ZEIT, in dem der damals neue Leiter des CERN, Rolf-Dieter Heuer, befragt wird:

„DIE ZEIT: Hans-Magnus Enzensberger hat ja das CERN mal eine unterirdische Kathedrale der Physik genannt. Demnach wären Sie jetzt der neue Bischof – und ein bisschen sehen Sie ja auch so aus.

Heuer: Das hat mir noch niemand gesagt! Als Bischof fühle ich mich sicher nicht. Eher als primus inter pares. Alles andere ist nicht meine Art. Ich setze auf die Zusammenarbeit mit den vielen Forschern am CERN – insgesamt gibt es dort über 8000 hochkompetente Wissenschaftler und wissenschaftliche Nutzer.“

Köstlich und dramatisch zugleich ist dabei das Verständnis des Bischofsamtes: Dieses wird natürlich nicht partnerschaftlich gesehen, sondern als totalitäre Führungsposition in einer zum Sterben bestimmten Kirche vermutet.
*

Baukasten der Schöpfung, Stand 2011 (Uni Köln / Der Spiegel)

Standardmodell

Worum geht es bei diesem famosen Teilchen eigentlich? Wiederum hilft uns DIE ZEIT: „Das berühmte Standardmodell der Teilchenphysik ordnet die Grundbausteine der Welt in 17 Teilchenarten. Seit 40 Jahren hat es alle neu entdeckten Teilchen vorhergesagt. Die Übereinstimmung mit der experimentellen Wirklichkeit ist nahezu perfekt – bis auf ein lästiges Detail: Das allerletzte Teilchen, das sogenannte Higgs-Boson, ist immer noch nicht dingfest gemacht.

»Irgendetwas wie das Higgs-Boson muss es geben«, versichert Johann Kühn, Theoretiker von der Universität Karlsruhe, »wenn das Standardmodell stimmt.« Denn ohne Higgs-Boson wäre unerklärlich, warum Teilchen überhaupt eine Masse haben können. Was das heißt, ist schwierig zu erklären. Johann Kühn versucht es erst gar nicht. Er holt zu Schwimmbewegungen aus und sagt: »Das Higgs-Feld ist überall.«

Eigentlich könnten die Teilchenphysiker zufrieden sein mit dem Standardmodell. Aber sie sind es nicht. »Alle sind sich einig, dass es mehr geben muss«, sagt Jan Louis von der Universität Hamburg. Denn das Standardmodell hat zwar Ordnung in die Welt der kleinsten Teilchen gebracht, aber es hat Schwächen. Es kann die Schwerkraft nicht deuten, eine der vier Grundkräfte der Natur. Es sagt einen falschen Wert für die Masse der Neutrinos vorher, einer besonders flüchtigen Teilchensorte. Und es liefert keine Erklärung für jene ominöse Dunkle Materie, die nach Mutmaßung vieler Astrophysiker das Universum erfüllt. Fast alle Fachleute vermuten daher, dass jenseits des Standardmodells eine tiefere Wahrheit liegen muss.“

Teilchen

»Das Higgs-Feld ist ein alles durchdringendes Feld, das andere Teilchen durchqueren und dabei Masse aufnehmen«, brillierte der Wissenschaftsminister auf einer Pressekonferenz und ergänzte: »Ich beginne zu sehen, weshalb es wichtig ist«, so ein weiterer Artikel in DIE ZEIT. Dort heißt es:

„Am bekanntesten wurde die »quasipolitische Erklärung« des Physikers David Miller. Dieser verglich den hochtheoretischen Higgs-Mechanismus mit einer Cocktailparty unter Politikern : Zu Anfang sind die Anwesenden gleichmäßig verteilt, doch sobald der Premierminister den Raum betritt, zieht er andere Politiker stark an und sammelt sie haufenartig um sich herum. Bewegt er sich durch den Raum, wenden sich ihm ständig neue Zuhörer zu, während andere die Menschentraube verlassen. So erhält der Premierminister ein größeres Gewicht – und auf ähnliche Weise erzeugt das hypothetische Higgs-Feld die Masse der Elementarteilchen. Eine einst als unveränderlich angesehene Eigenschaft wie die Masse wäre demnach nur das Ergebnis einer Wechselwirkung mit dem Higgs-Feld – eine seltsame Vorstellung, die aber für Physiker nichts Ungewöhnliches ist.

Mit demselben Bild lässt sich auch eine weitere Folgerung aus der Theorie erklären: Der Cocktailparty-Mechanismus funktioniert nämlich auch, wenn ein Gerücht den Raum durchquert. Darum scharen sich ebenfalls Zuhörer und verleihen ihm so eine (wenn auch flüchtige) Masse. Auf ähnliche Weise soll das Higgs-Feld ein Higgs-Teilchen hervorbringen. Dessen Nachweis wäre somit der beste Beleg für die ganze Theorie.“

Peter Higgs

Dann gibt es da noch den theoretischen Begründer des Teilchens, Peter Higgs. Bereits 1964 hatte Higgs das Teilchen „errechnet“. Ein sehr fähiger, und wie man diesem Portrait des Wissenschaftlers entnehmen kann, bescheidener Mann:

“If the hunt for the God particle (Higgs cringes at this term – „that embarrasses me“) is successful, many expect that Higgs will be packing his suitcase for the Nobel Prize ceremony in Stockholm.”

(Wenn die Jagd nach dem Gottesteilchen [Higgs zuckt bei diesem Ausdruck zusammen – „der Ausdruck ist mir peinlich“] erfolgreich ist, erwarten viele, dass Higgs seine Koffer für die Nobelpreis-Verleihung packen wird.)

Wären doch nur mehr Mitglieder der naturwissenschaftlichen Zunft so zurückhaltend…

Ausblick

Obwohl ich weder Physiker noch Wissenschaftsjournalist bin, sei ein wenig Spekulation gestattet. Was die demnächst anstehende Berichterstattung betrifft, könnte ein Ansatz wie folgt aussehen:

…Mit dem vervollständigten “Baukasten der Schöpfung” – also anhand der nunmehr 25 erkannten Elementarteilchen – verfügt der Mensch über das Wissen, welche Elemente für das Enstehen des uns bekannten Kosmos notwendig waren. Außerdem können wir alle elementaren Kräfte, jetzt auch einschließlich der Masse (Schwerkraft) erklären. Damit ist nachgewiesen, dass ein Eingriff eines Bewegers (Gottes) nicht notwendig war, um unser Universum entstehen zu lassen – diese Geburt ist als rein zufälliges Geschehen zu betrachten, das exakt den Gesetzen der Physik und der Evolution folgt. Weiters wird damit offensichtlich, dass Religionen nichts anderes als erfundene Geschichten prämoderner Menschen darstellen und als reiner Aberglaube zu verurteilen sind…

Eine derartige mediale Aufarbeitung der jüngsten Entdeckung wird nicht lange auf sich warten lassen. Mich stört das nicht weiter, und im übrigen bleiben zumindest zwei Grundfragen naturwissenschaftlicher Forschung offen:

1. Wie bei jedem wissenschaftlichen Durchbruch stellt sich die Frage, ob und wann neue Fragen auftauchen, die klarstellen, dass man eben nicht am Ende der wissenschaftlichen Erkenntnis angelangt ist.

2. Heute wie gestern und auch morgen muss jedem Naturwissenschaftler die Frage schlechthin gestellt werden: Was war vor dem Urknall? Wie will uns die Naturwissenschaft erklären, dass aus „Nichts“ (vor dem Big Bang) dann “Etwas” (nicht weniger als unser Universum) entsteht. Und falls die Antwort lautet, man habe davon auszugehen, dass diese Energie einfach vorhanden war, stellt sich wiederum die Frage, wer nun für diese “immerwährende Energie” verantwortlich sei.

Umgekehrt gilt: Wenn Christen nun in Anspruch nehmen, dass GOTT diese immerwährende Energie darstelle – auch Liebe genannt – dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn der naturwissenschaftlich geschulte Geist die Frage auf uns zurückwirft, was denn vor Gott gewesen sei, woher Gott denn komme…

Bleiben wir also dabei, es ist eine endlose Geschichte, bei der wir uns vermutlich immer im Kreis drehen werden, und es ist nichts als ein weiteres Teilchen, das entdeckt wurde.

Schlusswort

An solchen „historischen“ Tagen schaue ich gerne noch ein zweites Mal in das Tagestexte des Evangeliums, um zu einem gerechten – im Sinne von gottgerichteten – Bild zu kommen. Im Psalm 50 heißt es: „Soll ich denn das Fleisch von Tieren Essen und das Blut von Böcken trinken?“ Für die Schutzheilige dieses Blogs, Therese von Lisieux, war dies eine Schlüsselstelle; mit großer Intensität spürte sie, dass „Jesus von uns keine großen Taten fordert, sondern nur Hingabe und Dankbarkeit“ (Selbstbiographie, S.193). „Schlachtet Gott Opfer des Lobes und der Danksagung!“

Es bleibt abzuwarten, wie sehr die atheistischen Freunde unter den Naturwissenschaftlern nun jedes Podium stürmen werden, um zum wiederholten Mal mit triumphalen Tönen zu verkünden, wie tot Gott nun wieder sei. Bei Josef Bordat wird ein Kommentator der CERN-Versuchsreihe so zitiert: „Ab jetzt können nur noch Schwachsinnige an Gott glauben“. Die kleine Therese würde Kommentatoren dieses Schlages mit Sicherheit einen „kleineren Weg“ vorschlagen, und sie zur Dankbarkeit und Demut mahnen.

*

3 Gedanken zu “Gottes Teilchen – Gottes Ganzes

    1. Lieber Henryk,
      das sehe ich auch so, es ist EIN Teilchen – wobei abzuwarten bleibt, was uns in der Folge diverse Naturwissenschaftler als Schlussfolgerungen der neuen Entdeckung präsentieren werden. Ich bin kein Physiker, aber es scheint mir recht wahrscheinlich, dass EIN verlockender Ansatz in etwa so aus sieht:

      …Mit dem nun vervollständigten „Baukasten der Schöpfung“ – im Grunde nichts anderes als die nunmehr 25 erkannten Teilchen – verfügt der Mensch über das Wissen, welche Elemente für das Enstehen des uns bekannten Kosmos notwendig waren. Außerdem können wir alle elementaren Kräfte, jetzt auch einschließlich der Masse (Schwerkraft) erklären. Damit ist nachgewiesen, dass ein Eingriff eines Bewegers (Gottes) nicht notwendig war, um unser Universum entsehen zu lassen – das Entstehen ist ein rein zufällige, den Gesetzen der Physik und der Evolution folgend. Weiters wird damit offensichtlich, dass die Religionen nichts anderes als erfundene Geschichten prämoderner Menschen darstellen und als reiner Aberglaube zu verurteilen sind…

      Genau diese Form der medialen Aufarbeitung der jüngsten Entdeckung wird nicht lange auf sich warten lassen. Mich stört das nicht weiter, denn zumindest zwei Grundfragen naturwissenschaftlicher Forschung bleiben offen:

      1. Wie bei jedem wissenschaftlichen Durchbruch stellt sich die Frage, ob und wann neue Fragen auftauchen, die klarstellen, dass man eben nicht am Ende der wissenschaftlichen Erkenntnis angelangt ist.

      2. Heute wie gestern und auch morgen muss jedem Naturwissenschaftler DIE Frage schlechthin gestellt werden: Was war VOR dem Urknall? Wie will uns die Naturwissenschaft erklären, dass aus Nichts (vor dem Big Bang) dann „etwas“ entsteht. Und falls die Antwort lautet, man habe davon auszugehen, dass diese Energie einfach vorhanden war, stellt sich wiederum die Frage, wer nun für diese „immerwährende Energie“ verantwortlich sei.

      Umgekehrt gilt: Wenn Christen nun in Anspruch nehmen, dass GOTT diese immerwährende Energie darstelle – wir nennen sie Liebe – dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn der naturwissenschaftlich geschulte Geist die Frage auf uns zurückwirft, was denn VOR Gott gewesen sei, woher Gott denn komme…

      Bleiben wir also dabei, es ist eine ENDLOSE Geschichte, bei der wir uns vermutlich immer im Kreis drehen werden, und es ist nichts als EIN weiteres Teilchen, das entdeckt wurde.

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s