ZDF und ORF einmal anders: Sonntagsgottesdienst in Trofaiach

Die Berichterstattung des ZDF stand zuletzt zu Recht sehr deutlich in der Kritik. Wie ARD, ZDF und ORF (über die Schweizer Verhältnisse weiß ich zu wenig, um eine Einschätzung abzugeben) über Kirche und Glaube berichten, ist oftmals skandalös. Gerade dann tut es gut, die andere Seite der Medaille zu betrachten – denn die gibt es tatsächlich!

So zum Beispiel heute in Form der Sonntagsmesse, die auf ZDF und ORF aus Trofaiach in der wunderschönen Steiermark – manche schwärmen von der österreichischen Toskana – übertragen wurde.

Im Teaser auf ZDF heißt es: „Abstand gewinnen, um Gott zu begegnen“

„Die Sommerwochen, die geprägt sind von freier Zeit, Erholung und dem Unterwegssein in der Natur, sind für viele Menschen eine Zeit, in der sie sensibel sind für Gott und die Mitmenschen. Der Glaube verbindet Gott, Mensch und Natur. Doch dazu braucht es oft den Abstand von allem, den man gerade in der Ferienzeit des Sommers gewinnen kann. Im Fernsehgottesdienst aus der Steiermark laden Pfarrer Johannes Freitag und Kaplan Thorsten Schreiber die Mitfeiernden in der gemeinsam gehaltenen Predigt ein, Gottes Spuren und dabei größere Zusammenhänge zu erkennen.“

„Der Gottesdienst wird mitgestaltet von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Gesungen werden Teile aus der Missa africana, aber auch vertraute Lieder. Der im Pfarrverband beheimatete Professor Manfred Tausch, Lehrender an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, wird die 2007 geweihte Orgel der Stadtpfarrkirche Trofaiach zum Klingen bringen.“

Hier sehe ich eine Reihe von Bloggerkollegen, die mit den Augen rollen: Muss das denn sein, afrikanische Musik in einem steiermärkischen Gottesdienst? Ich möchte es so beantworten: Wenn die musikalische Umsetzung durch Jugendliche (Gesang), 3-köpfiger Band (Schlaginstrumente) und Organist derart von Herzen geschieht, dann ist auch nicht das Geringste einzuwenden: Ton und Herz haben in diesem Fall ausgezeichnet zusammengespielt.
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Pfarrer Johannes Freitag (Copyright Anton Wildberger)

Die heilige Messe ist von Pfarrer und Kaplan mit großer Liebe vorbereitet worden, das war durchgängig zu spüren. Die Predigt wurde von beiden Zelebranten im Wechselspiel gestaltet, unaufdringlich und überzeugend.

In solchen Momenten ist es mir hilfreich, auf Distanz zu gehen. Ich muss einen Abstand gewinnen. Einige Augenblicke in der Stille einer Kirche tun mir dann gut. Der Kirchenraum hilft mir, meinen Blick zu weiten über die Begrenztheit meiner irdischen Tage auf das Ganze und Größere von Zeit und Welt.Oder ich mache mich auf den Weg zu einem meiner Lieblingsplätze von dem ich unsere Stadt und das Gebiet unseres Pfarrverbandes im Vordernbergertal aus einiger Entfernung betrachte. Nicht nur der Blick weitet sich dabei, sondern auch mein Herz löst sich von Enge, Getriebe und so mancher Kurzsichtigkeit. Ich habe dabei nicht mehr nur die Orte der Arbeit vor mir, das Büro, den Pfarrhof, die Kirche, sondern ich sehe aus diesem Abstand die vielen Kirchen, Häuser und Wohnungen der mir als Pfarrer anvertrauten Menschen. Ich kann die vielfältigen Orte der Arbeit und Freizeit, die unterschiedlichen Lebensräume in der Spannung zwischen Geburt und Tod wahrnehmen. Und plötzlich wächst in mir innere Weite und Gelassenheit in der wieder neu gewonnenen Erkenntnis: Ich bin nicht allein, ich bin Teil eines Ganzen inmitten dieser Welt!

Wie oft wir im Alltag den Abstand verlieren, die besonderen Herzen in der eigenen Familie oder beim Nachbarn gar nicht mehr sehen – und wie sehr wir uns daher bemühen sollen, ganz bewußt den Abstand zu suchen… das war eine klare Botschaft.

„Im heutigen Evangelium begegnet uns die Alltagswelt Jesu. Nazareth ist der Ort der Kindheit Jesu, hier wächst er heran. Er erlebt Freude und Leid, Arbeit und Sorge um den Lebensunterhalt. Hier teilt er mit seiner Familie, mit Nachbarn und Dorfbewohnern den Alltag. Diese Alltagswelt aber verstellt vielen den Blick, um das Größere und Ganze in Jesus Christus zu erkennen. Sie sagen: Ist das nicht einer von uns? Jesus ist als Mensch anerkannt, doch in seiner Offenbarung als Sohn Gottes wird er in seiner Heimat vorerst abgelehnt. Viele verstehen ihn nicht.  In unserer Kirche haben wir viele interessante Bilder von diesem Jesus. Ein Seitenaltar unserer Kirche stellt ihn in seiner Familie dar. Aber dieses vertraute, menschliche Beziehungsnetz wird ergänzt. Der Blick geht über die irdische Familie hinaus und zeigt die Beziehung Jesus zum Vater und zum Heiligen Geist. Dieses Verständnis Jesu als wahrer Mensch und Gott wird in einem anderen Bild zu einem Spannungspunkt. Der mittlere Seitenaltar unserer Kirche stellt uns das Kreuz vor Augen. Als Kreuzigungspunkt zwischen Himmel und Erde wird uns Gottes leidenschaftliche Liebe vor Augen gestellt. In der Dunkelheit dieser Stunde, in der Erfahrung von Leid und Tod weitet Gott aber den Blick über die Begrenztheit unserer irdischen Zeit. Im Glauben öffnet sich uns das Geheimnis des Größeren: Gott schenkt neues Leben und erhellt Dunkelheit und Tod.“

Die Botschaft ist auf das Tagesevangelium  (Markus 4, 6, 1b-6) abgestimmt: Auch Jesus erkennen wir so manches Mal nicht, wenn seine Seele für uns verborgen scheint: IHN zu suchen ist eine lebenslange Herausforderung.

„Manchmal kommt es mir vor, es ist wie bei Jesus in Nazareth. Die Leute von Nazareth haben nicht glauben können, dass sie in ihrem Jesus, den sie von Kindheit an kennen, Gott begegnen. Auch einige Menschen von heute tun sich schwer damit, zu glauben, dass sie gerade in dieser Kirche Gott begegnen. Und doch gibt es Menschen, die die Kirche als eine Gemeinschaft erleben, in der sie ihrer Sehnsucht nach Gott nachgehen können. In dieser Kirche erleben sie die Gegenwart Gottes! Es braucht aber das Wagnis, sich auf das Fremde einzulassen und nicht auf wohlerworbenen Vorurteilen sitzen zu bleiben. So kann der Glaube Gestalt gewinnen in einer Pfarrgemeinde, die nach Spuren Gottes im je eigenen Leben sucht. Wenn wir unseren Blick immer wieder weit machen, können wir Gott ganz vielfältig begegnen und erkennen, auch und gerade in unserer Kirche. Ich erfahre Gottesbegegnung besonders in jenen Situationen, in denen Menschen Halt suchen oder anderen Halt geben: In Freud und Leid des Lebens, in den Höhen und Tiefen. Überall dort, wo Menschen erfahren, dass sie begleitet und nicht alleine gelassen werden, kann Gott erfahren werden. Auch wenn wir das Schöne miteinander teilen und darüber reden, können wir Gottes Spuren erkennen. Der unsichtbare Gott wird sichtbar durch Menschen, nimmt Gestalt an im Menschen. Da sind Wunder möglich, auch heute noch. Amen.“

Beeindruckend war zudem, wie präsent die Gemeinde in diesem Gottesdienst war. Hier scheinen Pfarrer und Kaplan auf das Beste mit ihrem Kirchenvolk zusammenzuwirken. Trofaiach ist übrigens Teil eines Pfarrverbandes, auch hier sind die Zeichen der Zeit zu spüren. Aber das Wesentliche scheint mir zu sein: Diese Pfarre wartet nicht darauf, dass der Berg zu ihr kommt, sondern sie kommt zum Berg…

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