Gedanken zum 16. Sonntag im Jahreskreis von Josef Bordat

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Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. (Markus 6, 30-34)

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Schafe brauchen einen Hirten. Ein Schaf ohne Hirt hat keine Orientierung und keinen Schutz. Ein solches Schaf kann einem Leid tun.

Hirten spielen im Christentum eine besondere Rolle. Als Personalisierung von Sorge und Armut führen sie ein aufopferungsvolles Leben für ihre Schafe. Die Romantik ihrer Naturverbundenheit steht dabei im Kontrast zur Härte der Aufgabe und zur Bescheidenheit der Lebensführung.

Hirten sind prädestiniert für die Gottesbegegnung. Ihnen, den „Hirten auf dem Feld“, verkündet der Engel des Herrn die Ankunft des Messias, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Ihnen zeigt sich die Mutter Jesu, Maria, die Gottesgebärerin, Mutter des menschgewordenen Gottes, in Fatima: Jacinta und Francisco Marto sowie Lúcia dos Santos sind Hirtenkinder. Ihnen fällt es in Person eines jungen Beduinen zu, die Schriftrollen von Qumran zu finden, die aus Sicht der theologischen Forschung so wichtig sind, weil sie die christliche Deutung zentraler Begriffe der Bibel bestätigen und die Wahrheit des Evangeliums unterstreichen.

Jesus nennt sich der „gute Hirt“. Das Bild des Hirten ist ein gutes Bild, eines, das reich an Assoziationen ist. Man verbindet damit Dinge, die auch für Gott, für Jesus gelten: Liebe, Treue, Sorge, Vertrauen, Beziehung, Ordnung, Einfachheit, Demut. Schon der Psalmist sang: „Der Herr ist mein Hirte.“ (Psalm 23). Die Beziehung Gottes zum Menschen wird in Christus zur Beziehung des Hirten zu seiner Herde. Die Schafe der Herde zeichnen sich durch die Gemeinschaft aus, die sie zur Herde macht, aber auch durch Gleichheit, was Gleichwertigkeit bedeutet, nicht Gleichförmigkeit. Das eine Schaf mag mehr Wolle haben, das andere mehr blöken – der gute Hirt liebt sie alle gleich.

In der Nachfolge Christi geht das Bild über auf Priester, Bischöfe und den Papst: „Pastor“ heißt Hirte. Jesus erteilt Petrus den Auftrag zur Kirchenkonstruktion in zeitgemäßer Metaphorik: „Weide meine Schafe!“ (Johannes 21,16). Der Klerus steht zum Kirchenvolk bzw. zum einzelnen Gläubigen wie der Hirt zur Herde bzw. zum einzelnen Schaf.

Das scheint für die Gläubigen wenig schmeichelhaft: Wer will schon gerne Schaf sein, eingepfercht in eine Herde, kontrolliert vom Hirten? Bedenken sollte man allerdings, dass in dem Bild vom Hirten und seiner Herde ein Ausgleich zwischen Gemeinschaft und Individuum, ein Kompromiss aus Freiheit und Verantwortung dadurch gefunden wird, dass beide – Hirte wie Schaf – aufeinander angewiesen sind: Die Herde lebt Dank des Hirten, der sie schützt, der Hirt lebt von der Herde, die ihn nährt. Damit lässt sich der Eingangssatz auch umkehren: Ein Hirt braucht Schafe.

Das Geheimnis einer guten Hirt-Schaf-Beziehung liegt schließlich im gegenseitigen Vertrauen. Selbst die Führung muss wechseln, um gut miteinander zu leben und gemeinsam zu bestehen: So führt der Hirt die Herde am Abend kompromisslos in den Stall des Besitzers (und das einzelne Schaf lässt sich darauf ein, weil es durch den guten Hirten eine Ahnung von Stall und Besitzer bekam), doch tagsüber lässt sich der Hirt von seiner Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur das Schaf den richtigen Sinn.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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