Gedanken zum 20. Sonntag im Jahreskreis von Josef Bordat

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Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit. (Johannes 6, 51-58)

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1. Noch einmal hören wir an diesem Sonntag die Rede Jesu vom „Brot“ und „Fleisch“, vom „Brot des Himmels“, vom „lebendigen Brot“, vom „Fleisch als Speise“, zu der ich den Vorschlag gemacht hatte, sie nicht nach dem Wortlaut, sondern nach dem Sinn des Gesagten aufzunehmen (vgl. Gedanken zum 19.Sonntag). Denn es ist ja eine bildhafte Rede, wenn Jesus etwa vom „Brot“ spricht, mit der einerseits Bezug genommen wird zum kulturellen Gedächtnis Israels, mit der andererseits die Alltagserfahrung der Zuhörer angesprochen werden soll: Was „Brot“ ist, wissen sie alle. Wenn Jesus sich nun wiederholt als „Brot“ bezeichnet, will er in den Zuhörern etwas wachrufen, das jenseits der üblichen Verwendung des Wortes liegt, aber doch mit den Wesenseigenschaften des Brotes zu tun hat. Es ist also eine Deutungsleistung gefragt, die nicht beim „Brot“ als „Grundnahrungsmittel aus Getreidemehl, Wasser und Salz“ stehen bleibt, sondern nach daran anschließenden Bedeutungsgehalten sucht. Die Brücke zwischen Bild und Bedeutung liegt in der Rolle, die das Brot für Menschen spielt: Es ist z. B. unverzichtbar – es ist ja ein Grundnahrungsmittel! Gerade dadurch, dass man „Brot“ nicht wörtlich nimmt, ergibt sich der besondere Bedeutungsgehalt der Botschaft Jesu in seiner Selbstauskunft „Ich bin das Brot des Lebens“. Bahnbrechend ist das Brot-Sein ja nur in der Übertragung der Wesenseigenschaften des Brotes als unverzichtbar, teilbar, nahrhaft, einfach, universal verfügbar etc. auf den Kontext der Gott-Mensch-Beziehung. „Ich bin das Brot des Lebens“ heißt dann: „Meine Beziehung zu euch ist derart wie ihr es vom Brot her kennt: lebenswichtig und alltäglich, (mit)teilbar und nahrhaft (für die Seele).“ Das will uns Jesus sagen. Und eben nicht: „Ich bestehe aus Getreidemehl, Wasser und Salz“.

2. Nun hat sich in der vergangenen Woche ein Leser bei mir gemeldet, der von einer Erfahrung als Erstkommunikant berichtet. Er schreibt, ihn habe die Frage nach dem Geschmack des Herrn, also: Seines Leibes, vor der Ersten Heiligen Kommunion lange umgetrieben, da er die Katechese des Pfarrers zur Eucharistie sehr wohl zugleich wörtlich als auch ernst genommen habe. Es habe sich gefragt, ob der Leib des Herrn tatsächlich nach Fleisch schmeckt. Das ist nur zu verständlich. Wenn Jesus uns sagt: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“, dann liegt diese Frage nahe, wenn es doch im Altarssakrament genau darum geht: mit Christus verbunden zu sein. Zugleich liegt das meiner Erklärung quer, dass es sich bei „Fleisch“ und „Blut“ bloß um Bilder handelt. Jesus ist es offenbar sehr ernst mit der Wirklichkeit Seines Opfers in der Speise und dem Trank, die und der uns in der Eucharistie geschenkt wird. Andererseits können wir an dieser Wirklichkeit nicht festhalten, wenn sich unsere Erfahrung anders einstellt, wenn wir also auch nach der Wandlung Brot und Wein schmecken – und nicht Fleisch und Blut.

3. Es gibt eine substanzmetaphysische Lösung für dieses ontologische Problem, eine Lösung, die Thomas von Aquin beschrieben hat: Im Moment der Wandlung kommt es zu einer Transsubstantiation, also zu einem Austausch der Substanzen in Brot und Wein, bei Beibehaltung der Akzidenzien, also der Eigenschaften von Brot und Wein. Die Essenz, also das, was wesentlich ist, was ein bestimmtes Ding zu eben diesem ganz bestimmten Ding macht, hat sich verändert: das Brot ist nicht mehr Brot, der Wein ist nicht mehr Wein. Die äußere Gestalt (als eine sichtbare Eigenschaft) hat sich aber nicht verändert, so dass sich die Wesenswandlung unseren Sinnen entzieht und nur im Glauben erfahren werden kann. Gott kommt quasi „getarnt“ zu uns, unter den Gestalten von Brot und Wein. Damit ist Er wirklich gegenwärtig, auch wenn Er sich keine von Brot und Wein verschiedene Gestalt gibt. Brot und Wein sind nach der Wandlung substantiell nicht mehr Brot und Wein, sie erscheinen unseren Sinnen lediglich so, weil sie ihre physikalischen Eigenschaften behalten haben; sie allein können von den Sinnen wahrgenommen werden. Unsere Seele erkennt aber die wahre Bedeutung des Brotes und Weines in der Eucharistie, als Träger des Leibes und Blutes Christi – mehr noch: sie erkennt, dass es Leib und Blut Christi ist, was in der Kommunion gespendet wird, auch wenn es nicht so aussieht, so riecht und so schmeckt.

4. Thomas von Aquin wäre ein schlechter Kirchenlehrer, hätte er die Kirche mit dieser philosophischen Erklärung allein gelassen. Das tat er aber nicht. Er fasste die abstrakten Gedanken in den wunderbaren Hymnus Adoro te devote, den wir, vor allem, aber nicht nur in der Fronleichnamsliturgie, in Maria Petronia Steiners gelungener Übertragung singen:

Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,
doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.
Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an;
er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.

Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz,
hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz.
Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier;
wie der Schächer ruf ich, Herr, um Gnad zu dir.

Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester laß die Hoffnung, treu die Liebe sein.

Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod!
Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot.
Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du,
daß er deine Wonnen koste immerzu.

Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein;
wasch in deinem Blute mich von Sünden rein.
Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld,
bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.

Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,
stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:
laß die Schleier fallen einst in deinem Licht,
daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

5. Im Altarssakrament ist Gott gegenwärtig. Er ist da, die Hostie ist „der Leib Christi“ – auch wenn wir Jesu Fleisch nicht schmecken. Der Leser beschreibt es auf seine Weise: Im Moment der Kommunion habe sich die „Geschmacksfrage“ erübrigt, gerade dadurch, dass er einen starken Eindruck von der Gegenwart Jesu hatte. Ich glaube, darauf kommt es an, wenn es darum geht, „das Leben in uns“ zu spüren, das uns Jesus verheißen hat. Dieses tiefe Gefühl der mystischen Einheit mit Gott im Mysterium der Eucharistie nährt die Hoffnung auf ein Leben „durch Christus“, ein „auferwecktes“ Leben, ein Leben „in Ewigkeit“. Vor diesem Hintergrund kann das, was uns als Sinnenwesen so fremd ist, doch im Glauben erfahren werden: „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.“

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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