Kardinal Carlo Maria Martini – Zeuge Christi

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Auf die weit über die Kirche hinausreichende Bedeutung von Kardinal Carlo Maria Martini hat der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn hingewiesen. „Sehr beeindruckt hat mich der Dialog von Kardinal Martin mit Umberto Eco unter dem Leitwort ‚Woran glaubt, wer nicht glaubt‚“, sagt Kardinal Christoph Schönborn über den Verstorbenen mit dem Verweis auf das gleichnamige Buch, das seit seinem Erscheinen beispielgebend für den Dialog mit Nichtglaubenden ist.

„Papst Benedikt hat diesen Dialog mit Agnostikern sogar ins interreligiöse Treffen in Assisi aufgenommen und uns daran erinnert, dass ‚wir gemeinsam auf dem Pilgerweg zur Wahrheit‘ sind. Das sagte Kardinal Schönborn am Sonntagmorgen von Castel Gandolfo aus, wo er am alljährlichen Ratzinger Schülerkreis Treffen teilnimmt.

Die Nachricht vom Ableben Martinis habe am Freitag das Schülerkreistreffen überschattet, wo man für Kardinal Martini gebetet habe, berichtet Schönborn. Der Wiener Erzbischof sprach von „großer Dankbarkeit“ gegenüber Kardinal Martini dafür, dass er „zahllosen Menschen Freude an der Bibel gemacht hat und vielen das Wort Gottes erschlossen hat„.

Der Kardinal betonte, dass er sich dankbar an die verschiedenen Begegnungen mit Kardinal Martini erinnere und sagte: „Mein letzter Kontakt mit ihm war ein Telefonat vor drei Wochen. Er konnte kaum mehr sprechen, aber ich konnte ihm meinen Dank für sein Wirken sagen.“ Dieses letzte Telefonat zwischen den beiden Kardinälen war durch den Jesuitenpater Georg Sporschill zustande gekommen, der mit Kardinal Martini ebenfalls sehr verbunden war und ihn damals noch persönlich besuchen konnte.

Kardinal Martini war am Freitag im Alter von 85 Jahren an den Folgen einer schweren Parkinson Erkrankung verstorben. Die Trauerfeierlichkeiten für den ehemaligen Erzbischof von Mailand findet am Montag, 10. September, im Mailänder Dom statt, wo der Verstorbene seit Samstag aufgebahrt ist.

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„Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben“ und sei müde, stellte Kardinal Carlo Maria Martini in seinem letzten Interview für die Tageszeitung „Corriere della Sera“ fest. Es könne nicht sein, dass sie sich nicht aufraffe und ihre Angst größer als der Mut sei, denn Glauben, Vertrauen und Mut seien die Fundamente der Kirche. „Ich bin alt, krank und von der Hilfe anderer abhängig“, sagte der Kardinal. Aber er spüre die Liebe, die stärker sei als jede Entmutigung, die ihn angesichts der Herausforderungen der Kirche in Europa immer wieder ergreife.

Die Missbrauchsskandale drängten die Kirche dazu, sich zu bekehren, ihre Fehler zuzugeben und „einen radikalen Weg der Veränderung zu beschreiten“, sagte Martini. Als Beispiel nannte er die Themen Sexualität und Körperlichkeit, die für jeden Menschen wichtig seien. Die Kirche müsse sich fragen, ob die Menschen auf diesem Feld noch auf ihre Ratschläge hörten oder ob sie „nur noch eine Karikatur in den Medien“ sei.

Der Kardinal sprach sich auch für einen anderen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit Patchwork-Familien aus. Diese bräuchten einen besonderen Schutz, auch wenn die Kirche an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalte. Die Frage, ob solche Paare die Kommunion empfangen dürfen, müsste umgekehrt werden: „Wie kann die Kirche denjenigen in komplexen familiären Situationen mit der Kraft der Sakramente helfen? Die Sakramente seien kein Mittel für die Disziplin„. Er mahnte zu Weitblick: Wenn die Kirche etwa eine wiederverheiratete Frau mit Kindern aus der ersten Ehe diskriminiere, dann verliere sie auch die künftige Generation.

Die Bedeutung von Dogmen und Kirchengesetzen dürfe nicht überbetont werden, warnte der Kardinal. Die Menschen bräuchten die Bibel, das „einfache Wort Gottes“, um auf persönliche Fragen richtig antworten zu können. „Weder der Klerus noch das Kirchenrecht könne an die Stelle des Innenlebens eines Menschen treten. Die Dogmen seien dazu da, um diese inneren Stimmen richtig unterscheiden zu können.“

PS: Giovanni hat dankenswerterweise eine umfangreiche Übersetzung des Interviews mit Kardinal Martini verfasst, wodurch mögliche Unklarheiten zurechtgerückt werden!

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Von Carlo Maria Martini gibt es viele Veröffentlichungen, von denen ich zwei kleinere Schriften herausgreifen möchte:

WEIL IHR ZEUGEN SEID, Carlo Maria Martini, Topos Taschenbücher

JERUSALEMER NACHTGESPRÄCHE, Kardinal Carlo Maria Martini im Gespräch mit P. Georg Sporschill, Herder Verlag

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3 Gedanken zu “Kardinal Carlo Maria Martini – Zeuge Christi

  1. Ein sehr kluger Mann den ich sehr mag.
    Aber fuer mich kommt wieder die
    selbe wichtigste Frage : Hat sich Gott
    der Kirche und den Menschen anzupassen
    oder ist es nicht eher umgekehrt?
    Jesus ist unser Herr und Meister und
    hat uns eigentlich alles gelehrt.
    Folgen wir ihm und alles ist und wird
    gut !!

    1. Lieber Albert,
      Deine Meinung teile ich und möchte hinzufügen, dass Kardinal Martini nach meinem Eindruck zu den unaufhörlich Gottsuchenden gehört, die dem Herrn ohne Unterlass und so wahrhaftig wie möglich nachfolgen wollen.
      Erinnere Dich daran wie oft Jesus die religiösen Führer gemahnt hat, und wer wollte behaupten, dass unsere Kirche nicht so manches besser machen könnte.
      Martini lebte als Jesuit nach den großen Leitideen seines Ordens: Freiheit und Gehorsam. Letzteres hält den Menschen auf Gotteskurs und führt zu immer größerer Freiheit – nicht in blindem Gehorsam zu Papst und Kirche, aber in bedingungslosem Glauben an Gottes Wort und Vertrauen in Jesus Christus.

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