Geistliches Leben in Russland im 20. Jahrhundert (Orthodoxe Kirche, Teil 1)

Russland: Religiöses Erwachen nach dem Kommunismus

Die Moskauer Christus-Erlöserkathedrale, Schauplatz der Osterfeiern des russischorthodoxen Patriarchen Aleksij II., kann als Sinnbild der jüngeren russischen Geschichte gelten: Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Kathedrale wurde unter Stalin abgerissen, sie sollte zunächst einem gigantischen „Volkspalast“ weichen, dessen Bau sich ausstatischen Gründen aber als undurchführbar erwies. In den 1950er Jahren liess der damalige sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow auf den Fundamenten ein Schwimmbad errichten. Erst auf Initiative des Moskauer Oberbürgermeisters Juri Luschkow wurde 1997 der Wiederaufbau der Kathedrale in Angriff genommen.

„In Russland ist der Glaube als öffentliche Kraft erst seit dem Ende der Sowjetunion wieder präsent“, schreibt die kipa zum Thema. „Unter Lenin und Stalin wurden unzählige Gläubige hingerichtet oder in Konzentrationslager deportiert. Tausende Kirchen und Moscheen wurden zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg duldete die sowjetische Staatsführung die Religionsgemeinschaften zwar, dennoch waren sie weiterhin starken Repressionen ausgesetzt. Erst Ende der 1980er Jahre wurde unter Michail Gorbatschow ein neues Religionsgesetz verabschiedet, das den Kirchen mehr Freiheit versprach. Auch die zahlenmässig grösste Religionsgemeinschaft, die russisch-orthodoxe Kirche erholte sich aber nur langsam von den Repressionen der kommunistischen Zeit.“

„Sprechen wir von den Besonderheiten des geistlichen Lebens in Russland, ist zu berücksichtigen, dass das 20. Jahrhundert für unser Vaterland im vollsten Sinne des Wortes katastrophal war. Die Geschichte Russlands im vorigen Jahrhundert hat zur Entstehung nicht nur des post-sowjetischen, sondern sogar des „post-russischen“ Menschen geführt, bei dem die Sittlichkeit und die Traditionen des 900jährigen nationalen Lebens völlig ausgerottet sind. Die Stelle dieser vernichteten Traditionen hat der „sowjetische“ Inhalt eingenommen, also der Bruch zwischen Worten und Taten, Verantwortungslosigkeit, Ideologismus, Herdentrieb, Respektlosigkeit, Antisolidarität usw. Dies bewirkt, dass das „Sowjetische“ sich ganz bequem und unbemerkt als das „Kirchliche“ tarnt: der sowjetische Kollektivismus nistet sich im kirchlichen Leben unter dem Etikett „Katholizismus“ ein; gesellschaftliche und bürgerliche Passivität heißt jetzt „Demut“, Verantwortungslosigkeit „Gehorsam“, das Streben nach Gleichheit „Kampf um die Orthodoxie“ usw. All das steuert mit voller Kraft auf die fundamentale Säkularisierung zu, also das fehlende Verständnis und die fehlende Akzeptanz des religiösen Sinnes des Christentums. Und die Bemühungen, diesen religiösen Sinn auszulegen bzw. zu predigen (in anderen Worten: die Probleme der heutigen Missionsarbeit) stellen uns vor eine Art „Vor-Problem“ bezeichnet werden darf.“

Vortrag von Hegumen Pjotr Meschtscherinow auf der Internationalen Ökumenischen Tagung in Bose, 2009

Das sind starke Worte des Hegumen! Auch wenn die Wurzeln ganz andere sind, so führt das „Sowjetische“ nach diesem Befund in eine Richtung, die wir im Westen – wenn auch in anderer Form – sehr gut kennen: Säkularisierung. Für die russisch-orthodoxe Kirche wird demnach ganz entscheidend sein, das durch fehlenden Religionsunterricht sowie aufgelösten Traditionen entstandene religiöse Vakuum zu bekämpfen: Neuevangelisierung ist das Gebot der Stunde.

Heute wird Anzahl der russisch-orthodoxen Gläubigen auf rund 100 Millionen geschätzt, berichtet die kipa 2008. „Im ganzen Land entstehen neue Kirchen und Klöster. Die russische Staatsspitze gibt sich betont gläubig. Seit 2006 gibt es in Schulen auch wieder einen Religionsunterricht.

Der Islam ist mittlerweile zur zweitgrössten Religionsgemeinschaft in Russland angewachsen. Schätzungen sprechen von rund 15 Millionen Muslimen, die vor allem im Gebiet des nördlichen Kaukasus leben.“

Orthodoxie und Katholizismus

Auch der Katholizismus ist im überwiegend orthodoxen Russland verankert (kipa): „Vor der Verfolgung nach der Oktoberrevolution 1917 dürfte es mehr als eine Million Katholiken in Russland gegeben haben. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Katholikenzahl wieder auf rund 600.000 der rund 142 Millionen Russen angestiegen.“

Anfang 2002 wurden die Apostolischen Administraturen auf dem Boden der Russischen Föderation zu vollgültigen Bischofssitzen erhoben, seither gibt es in Russland vier katholische Diözesen mit Sitz in Moskau, Saratow, Nowosibirsk und Irkutsk. Ein Problem ist der Mangel an Kirchengebäuden: 30 Prozent der katholischen Gemeinden verfügen über kein eigenes Gotteshaus. Ihren pastoralen Dienst leisten die katholischen Priester in Russland auch heute oft unter extremen Bedingungen, oft müssen sie an einem Sonntag zwischen zwei Gottesdiensten mehrere hundert Kilometer Fahrtstrecke zurücklegen.

Die orthodoxen Kirchenverantwortlichen erheben gegen die katholische Kirche immer wieder den Vorwurf des Proselytismus, der Abwerbung von Gläubigen, was die katholischen Bischöfe zurückweisen. Insgesamt wurden jedoch im offiziellen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche in der jüngsten Vergangenheit deutliche Fortschritte erzielt. Nach einer zwischenzeitlichen Unterbrechung des Dialogs stehen seit 2006 insbesondere die Fragen des päpstlichen Primats sowie die Frage des Kirchenverständnisses zur Diskussion.

Nach anti-katholischer Stimmung in der russischer Bevölkerung anfang der Jahrtausendwende hatten die Russische Föderation und der Heilige Stuhl im Dezember 2009 volle diplomatische Beziehungen aufgenommen. Apostolischer Nuntius ist seit 2010 Erzbischof Antonio Mennini. Vorsitzender der Konferenz der katholischen Bischöfe in Russland ist seit 2011 der Metropolitan-Erzbischof von Moskau, Paolo Pezzi.

2007 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof des Erzbistums Mutter Gottes von Moskau. Die Bischofsweihe spendete ihm am 27. Oktober 2007 sein Amtsvorgänger und jetzige Erzbischof von Minsk-Mohilev, Tadeusz Kondrusiewicz; Mitkonsekratoren waren Joseph Werth SJ, Bischof des Bistums der Verklärung von Nowosibirsk, und Erzbischof Antonio Mennini, Apostolischer Nuntius in Russland.

„Ich gehe in Gehorsam und großem Respekt vor dem Willen des Papstes“ – der dies mit tränenerstickter Stimme am 23. September 2007 während der Sonntagsmesse in der katholischen Kathedrale von Moskau verkündete, war der bisherige Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz. […] Was war geschehen? Kondrusiewicz war 16 Jahre Erzbischof in Moskau. Die Bilanz seiner Tätigkeit lässt sich sehen. Bei Amtsantritt gab es in ganz Russland nur zehn römisch-katholische Gemeinden mit zwei Kirchen und vier Kapellen, die von acht Priestern, zwei davon weit über 80 Jahre, betreut wurden. Heute werden 230 römisch-katholische Gemeinden von 270 Priestern, die großteils aus dem Ausland kommen, verwaltet. Die Zahl der Katholiken in Russland ist in den letzten 15 Jahren auf rund 600.000 gestiegen. Seit 2002, seit der Erhebung der Apostolischen Administraturen auf dem Boden der Russischen Föderation zu vollgültigen Bischofssitzen, gibt es in Russland nun die vier (obengenannten) katholische Diözesen.

Einen ständigen gemeinsamen Ostertermin mit der orthodoxen Kirche wünscht sich Paolo Pezzi. Das wäre ein wichtiges gemeinsames Zeichen von Ost- und Westkirche, sagte der katholische Erzbischof von Moskau dem römischen Pressedienst „asianews“. Es gehe darum, den gemeinsamen Glauben zu bezeugen und bestehende Unterschiede nicht als notwendigerweise trennend zu begreifen, sondern als Chance zur gegenseitigen Bereicherung. Der Erzbischof sagte, er könne sich vorstellen, dass die katholische Kirche auf die russische zugeht und gemeinsam mit dieser nach dem orthodoxen Kalender Ostern und auch Weihnachten feiert.

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Die Übersicht – RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE: WIEDERAUFBAU UND WIDERSPRUCH – findest du hier.

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2 Gedanken zu “Geistliches Leben in Russland im 20. Jahrhundert (Orthodoxe Kirche, Teil 1)

  1. Wenn es um geistliches Leben in Russland geht, sollten die ca. 200.000 Evangelische Christen (Evangeliumschristen-Baptisten, Mennoniten, Lutheraner, Adventisten etc.) nicht unerwähnt bleiben. Und ein oder zwei Sätze zu Sekten (klassische wie Zeugen Jehovas oder moderne, oft aus der „Pfingstbewegung“ stammenden) wären auch nicht schlecht.

    1. Danke für deinen Beitrag.
      Es gibt diese Minderheiten und sie haben sicher keinen leichten Stand.
      Sie gehören zum geistlichen Leben Russlands, wobei es schwierig ist, ihren (kaum vorhandenen) Einfluß festzuhalten.

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