Das Selbstverständnis der orthodoxen Weltkirche (Orthodoxe Kirche, Teil 2)


Zum Selbstverständnis der orthodoxen Kirche

Die Orthodoxe Kirche nennt sich selbst „die Kirche„, gerade so, wie die Griechen in der Vergangenheit das Wort „Christen“ gebrauchten, wenn sie die Orthodoxen meinten. Dies ergibt sich aus der Anschauung, dass die östliche Orthodoxe Kirche in organischer Fortsetzung dieselbe Gemeinde oder „ecclesia“ ist, deren Geburtsstunde die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten in Jerusalem war. An vielen Orten, die schon im Neuen Testament erwähnt werden, ist diese Gemeinde in der Geschichte dieselbe geblieben.

Die Orthodoxe Kirche braucht folglich keinen Beweis ihrer geschichtlichen Authentizität zu liefern; sie sieht sich als die direkte Fortsetzung der Kirche des Apostolischen Zeitalters. Dementsprechend haben sich die im kirchlichen Bewusstsein von den allerersten Anfängen an enthaltenen mündlichen Formulierungen des Glaubens über viele Jahrhunderte hinweg entwickelt. Das orthodoxe kirchliche Leben hat immer reichhaltigere Ausdruckformen in den einzelnen Landeskirchen gefunden, die sich zum Teil in der Form, nicht aber im Geist der Kirche Christi unterscheiden.

So wie in Christus beides vereint ist, die göttliche und die menschliche Natur, so vereint auch die Kirche beides. Ihre menschliche Seite ist empfänglich für Irrtümer, Schwächen und Fehler, aber sie findet Trost in der Verheißung: „Ich will meine Kirche bauen, und die Pforten des Totenreiches werden nicht fester sein als sie“ (Matth. 16,18). Das heißt, dass die Stürme der Zeit, wenn sie auch die menschliche Substanz der Kirche verwüsten mögen, doch nicht die Kirche zerstören können.

Die Kirche wird bestehen, bis der nächsten Periode von Gottes Herrschaft über die Welt der Weg bereitet ist, bis zur „parousia“ oder der Wiederkunft Christi. Bis dahin wird die Kirche, die am ersten christlichen Pfingsten gegründet wurde, Bestand haben als Beschützerin der Wahrheit, indem sie die für sie charakteristischen Formen des apostolischen Priestertums, die Eucharistie und die anderen Sakramente wie auch die gemeinsame Erfahrung der Kirche, ihre Überlieferung, bewahrt.

Was heißt Orthodoxie? Die aktuelle orthodoxe Weltkirche

Alle orthodoxen Landeskirchen gemeinsam machen die eine Orthodoxe Kirche aus, die für die Orthodoxen die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche des christlichen Glaubensbekenntnisses ist. Die Orthodoxe Kirche gründet diese ihre Überzeugung auf der Bewahrung des urchristlichen Erbes in Glaube und Leben die Jahrhunderte hindurch. Dies kennzeichnet die orthodoxe Tradition, die allerdings nicht einfach als historisches, statistisches Element verstanden werden darf, sondern als ein dynamischer Faktor im Leben der Kirche und als bewegende Gegenwart des Heiligen Geistes in ihr.

Orthodoxie“ meint daher nicht einfach eine richtige Lehre, sondern rechten Lobpreis Gottes, der sich im wahren Glauben, in Kult und kirchlichem Leben verwirklicht. Nicht primär als belehrende, sondern als betende und Gott ehrende Gemeinschaft versteht sich die Orthodoxe Kirche. Sie will kein Verein von Gläubigen, auch keine Institution, sondern eine sakramentale Gemeinschaft, in welcher der dreifaltige, menschenliebende Gott gegenwärtig ist. Jede Ortsgemeinde ist in diesem Sinne Kirche: ihre Mitte ist die Eucharistie, die „Göttliche Liturgie“, der ein Bischof oder ein von ihm geweihter Priester vorsteht. Der Bischof ist also Pfeiler der Kirche: er ist Hirte der Diözese, ihr Lehrer, der die Lehre des Evangeliums Christi in Übereinstimmung mit der Gesamtkirche verkündet. So steht der Bischof mit allen anderen, ihm gleichrangigen Bischöfen in eucharistischer Gemeinschaft, die das Fundament der Einheit der Orthodoxen Kirche darstellt.

Diese Orthodoxe Kirche zählt heutzutage ca. 120-170 Millionen Gläubige in aller Welt – in Deutschland etwas mehr als eine halbe Million. Sie ist damit – nach der Römisch- katholischen Kirche – die zweite große geschlossene christliche Konfession in der Welt, welche infolge der z.T. politisch, z.T. religiös bedingten Auswanderung aus den Heimatländern, aber auch durch Missionstätigkeit in fast allen Ländern der Welt mehr oder minder stark vertreten ist, und zwar mit eigenen Organisationen in 107 Staaten.

Die Gesamtzahl der orthodoxen Christen ist wegen des Fehlens exakter statistischer Angaben – vor allem aus den osteuropäischen Ländern, aber auch aus islamischen Staaten – nur schwer zu beziffern; insbesondere über die Gläubigenzahl der größten orthodoxen Landeskirche, der Russischen, gibt es differierende Angaben. Daher schwanken auch die Aussagen zur Gesamtzahl aller Orthodoxen zwischen 90 – 170 Millionen, wobei sich z.B. die äußerst gut dokumentierte „World Christian Encyclopaedia“ (Oxford 1982) für die letztere Zahl entscheidet.

Die gegenwärtige Struktur, Aufgliederung, und Verwaltung der einen Orthodoxen Kirche kann man mit einem dezentralisierten System vergleichen, d.h. die Gesamtheit der Orthodoxie besteht aus einer Reihe selbständiger , den „autokephalen“ Landeskirchen, die alle untereinander durch das gemeinsame Glaubensbekenntnis, weitgehend auch die gleiche Gottesdienstform (allerdings in vielen unterschiedlichen liturgischen Sprachen) und vor allem das Bewusstsein verbunden sind, zusammen die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche zu bilden, von der im Glaubensbekenntnis die Rede ist.

Andererseits aber hat jede dieser autokephalen Landeskirchen das Recht, ihre eigene Kirchenleitung selbst zu wählen, ihre Synoden und andere kirchliche Organe und Organisationen zu bilden. Allein diese sind auch für die Verwaltung aller innerkirchlichen Angelegenheiten zuständig, so dass ein Eingriff anderer orthodoxer Ortskirchen auch kirchenrechtlich nicht erlaubt ist. Diese Eigenständigkeit der Landeskirchen erklärt auch gewisse Unterschiede in der Verwa1tungsstruktur etc., so z.B. die Titulatur des Leiters der Kirche als Patriarch, Erzbischof oder Metropolit.

Heute gibt es in Rußland über 19.000 orthodoxe Gemeinden mit etwa 80 Millionen Gemeindegliedern. Die Kirche in Rußland ist in 130 Diözesen gegliedert und verfügt über 450 Klöster, drei theologische Akademien und 46 geistliche Lehranstalten. Außerdem hat die Russisch-Orthodoxe Kirche Diözesen, Klöster und Gemeinden im Ausland.

Alle diese selbständigen orthodoxen Landeskirchen sind aber eine einzige Kirche, d.h. sie stellen sozusagen örtliche Zweige der einen Orthodoxie dar, welche sich in der Anerkennung des einen Glaubens, der kirchenrechtlichen Bestimmungen und des Gottesdienstes sowie der gegenseitigen Autorität einig sind, und diese Gemeinschaft auch durch die Abhaltung gemeinsamer Synoden und Konzilien, sowie durch die gemeinsame Gottesdienstfeier – insbesondere der Eucharistiefeier – zum Ausdruck bringen. Auf diese Weise werden kirchliche und theologische Angelegenheiten, welche die Zuständigkeit der einzelnen Kirchen übersteigen, auf Gesamtorthodoxen Zusammenkünften und Konferenzen oder einem Gesamtorthodoxen Konzil geregelt.

(Die wesentlichen Aussagen zum Selbstverständnis der Orthodoxen Kirche entstammen
einem Text von  Erzpriester Alexej Tomjuk  für die  Russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland)

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Die Übersicht – RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE: WIEDERAUFBAU UND WIDERSPRUCH – findest du hier.

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