Kurze Geschichte der Russisch-Orthodoxen Kirche (Orthodoxe Kirche, Teil 3)

Verteidigung des spirituellen Zentrums der russischen Orthodoxie, des Dreifaltigkeitsklosters von Sergijew Possad, im polnisch-russischen Krieg 1605-18

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Die Anfänge der Christianisierung

Der Überlieferung nach hat schon der hl. Apostel Andreas auf dem Boden der späteren Russland (Rus, historische Bezeichnung für ein Gebiet in Osteuropa, auf dem die Ostslawen ursprünglich beheimatet waren) das Christentum gepredigt, da er über die üblichen Handelswege durch das Schwarze Meer auf der Krim eingetroffen war und von dort aus den Dnepr entlang zu den Siedlungen des späteren Kiew gelangt sein soll. Zudem existierten in den ersten Jahrhunderten bereits christliche Gemeinden um das Schwarze Meer.

Die eigentliche Christianisierung der ostslawischen Völker (Russen, Ukrainer, Weißrussen) begann erst, als der Kiewer Großfürst Wladimir sich für die Annahme des Christentums entschied. Unter Wladimir dem Heiligen wurde das Christentum 988/989 zur Staatsreligion erhoben und die Kiewer Bevölkerung in Massentaufen bekehrt. Eine gewaltige kulturelle und moralische Umwandlung in den ihm unterstellten Fürstentümern und Stämmen der heutigen Ukraine und Russlands war die Folge.

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Orthodoxe Massentaufe

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Entfremdung und Trennung zwischen Ost und West

Im 6. Jahrhundert gab sich der Patriarch von Konstantinopel selbst den Titel “Ökumenischer Patriarch”. Damit nahm er in Anspruch, der erste Patriarch der christlichen Welt zu sein (griech. oikumene = Erdkreis). In Rom protestierten die Päpste jedoch entschieden dagegen. Als der Papst im Jahr 800 Karl den Großen zum römischen Kaiser, krönte, bedeutete dies eine Provokation für den byzantinischen Kaiser, der sich als alleiniger Herrscher in der Tradition des Römischen Reichs sah.

Wegen dieser politischen und theologischen Konflikte entfremdeten sich das lateinische und das griechische Christentum immer mehr. Im Jahr 1054 zerstritt sich eine römische Delegation mit dem Patriarchen von Konstantinopel, worauf sie sich gegenseitig exkommunizierten. Dieser gegenseitige Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft ist als das Morgenländische Schisma in die Kirchengeschichte eingegangen.

Es gilt also festzuhalten: Im Jahr 1054 gab es keine Exkommunikation der lateinischen gegen die griechische Kirche und keine solche der griechischen gegen die lateinische. Nur auf einzelne Persönlichkeiten bezogen sich die Exkommunikationsbullen. Nur den Patriarchen und einige seiner Mitarbeiter exkommunizierten die römischen Legaten, und einige Tage später exkommunizierte der Patriarch nur die Legaten. Erst mehrere Jahrhunderte später hat man angefangen, darin den Anfang eines sogenannten „großen Schismas“ sehen zu wollen. (Ernst Christoph Suttner, Schismen, Freiburg, 2003)

Als die Kreuzfahrer im Jahr 1204 Konstantinopel eroberten und dort ein lateinisches Kaiserreich errichteten, wurde ein weiterer Höhepunkt der Entfremdung erreicht. In den folgenden Jahrhunderten wurde immer wieder versucht, die Gemeinschaft zwischen Rom und den orthodoxen Kirchen wiederherzustellen. Da sich nach Unionsverhandlungen nie alle Gläubigen der Gemeinschaft mit Rom anschlossen, entstanden jedes Mal neue Kirchen, die sich von der orthodoxen Kirchengemeinschaft loslösten.

Diese Kirchen behielten die byzantinische Liturgie und griechische Tradition bei, unterstanden aber dem Papst. Heute bezeichnen sich sechs Kirchen als griechisch-katholische respektive unierte Kirchen mit byzantinischem Ritus. Bis heute belastet ihre Existenz die Beziehungen zwischen der Orthodoxie und der Römisch-Katholischen Kirche.

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Wladimir I. der Heilige

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Die byzantinische Mission der slawischen Völker

Im 9. Jahrhundert wirkten byzantinische Missionare in den slawischsprachigen Herrschaftsgebieten des Balkans bis in die Region Böhmen und Mähren hinein. Sie entwickelten das kyrillische Alphabet für die slawischen Sprachen und übersetzten damit theologische und liturgische Bücher. Auf diese Weise gelangte orthodoxes Christentum nach Serbien, in die Bulgarischen Reiche und nach Rumänien.

Im Jahr 988 liess sich der heidnische Kiewer Grossfürst Wladimir taufen und nahm das byzantinische Christentum an. Die Orthodoxie wurde seither zur prägenden religiösen und kulturellen Kraft im Herrschaftsgebiet der so genannten Kiewer Rus und dem späteren Moskauer Reich.

Der Mongoleneinfall im Jahre 1240 bewirkte die Zerstörung der um Kiew zentrierten Volks- und Kirchenkultur. Doch während der äußeren Unterdrückung erstarkte die Kirche innerlich: sie war fast der einzige Hort des Volkstums und der nationalen Traditionen. 1326 übersiedelte der Kiewer Metropolit nach Moskau.

Bis ins 15. Jahrhundert blieb die orthodoxe Kirche in diesen Gebieten vom Ökumenischen Patriarchat abhängig. Erst nachdem sich der in Moskau residierende Metropolit einer Union mit der katholischen Kirche anschliessen wollte, setzte ihn der russische Grossfürst ab. Damit löste sich die Kirche im Moskauer Reich faktisch von Konstantinopel. 1448 wurde die Russische Kirche autokephal (unabhängig).

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Missionar Hl. Nikolai von Tokyo

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Der Fall Konstantinopels und der Aufstieg Moskaus

Nachdem die Osmanen im Jahr 1453 Konstantinopel eroberten, erhielt der Patriarch von Konstantinopel die Zuständigkeit für alle orthodoxen Gläubigen im Osmanischen Reich. Das so genannte Millet-System gab den nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften eine gewisse Autonomie, doch musste der Ökumenische Patriarch die Steuern für den Sultan einziehen und war damit auch dessen Handlanger.

Während die orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich naturgemäß stark eingeschränkt wurde, entfaltete sich das orthodoxe Leben im russischen Raum. 1589 setzte der Zar in Russland den Anspruch auf ein eigenes Moskauer Patriarchat gegenüber Konstantinopel durch, wobei Moskau der fünfte Rang der Ehrenordnung nach Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem zuerkannt worden ist. Die aufstrebenden Zaren sahen sich politisch in der Tradition des byzantinischen Kaisertums und glaubten, dass Moskau nach dem Fall von Konstantinopel das “Dritte Rom” sei.

Seit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 begriff sich die russische Kirche – als die zahlenmäßig weitaus größte orthodoxe Landeskirche – zunehmend auch als Schutzmacht der vielfach bedrängten Orthodoxen des Vorderen Orients und des Balkan. Durch eine intensive und erfolgreiche Missionstätigkeit dehnte sie sich in den folgenden Jahrhunderten über Sibirien bis nach China, Japan, Alaska, ja bis nach Kalifornien aus. In Japan und den USA entstanden daraus eigenständige Kirchen. Einige der großen russischen Missionare sind noch im letzten Jahrzehnt kanonisiert worden, so der hl. German von Alaska (gest. 1837), der hl. Erzbischof Nikolaj von Tokio (gest. 1912) und der hl. Metropolit Innokentij von Moskau (gest. 1879), der orthodoxer Apostel in Sibirien war.

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Zar Peter I.

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Auseinandersetzung zwischen Zar und Patriarch

Unter Zar Peter I. (1682-1725) kam es zur entscheidenden Krise in den Beziehungen zwischen der Autorität des russischen Patriarchen und der des weltlichen Herrschers Russlands. Zar Peter I. ließ nach dem Tode des Patriarchen Adrian 1700 keine Neuwahl des Kirchenoberhauptes mehr zu. Das höchste Organ der Kirchenleitung wurde schließlich die „Heilige Dirigierende Synode“.

Im Februar 1917 fand in Russland die große Revolution statt, die die zaristische Regierungsform abschaffte. Kurz danach wurde ein Lokalkonzil der Russischen Kirche einberufen. Die wichtige Entscheidung des Konzils war die Wiederherstellung des Patriarchenamtes im November 1917. Zum neuen Vorsteher der Russischen Orthodoxen Kirche wurde Patriarch Tichon (Bellavin) erwählt. Es folgten turbulente Jahre der Zerrüttung, und nach dem Tode von Patriarch Tichon im Jahr 1925 wurde zunächst kein neuer Patriarch gewählt; vielmehr folgten mehrere Verwalter des Patriarchenstuhles.

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Papst Paul VI.

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Das tatsächliche Schisma zwischen Ost und West 1729/1755

Wie oben angeführt traf der Bann der Exkommunikation nur den Patriarchen und den Legaten als Person. Mit dem Tod von Legat und Patriarch war er erledigt. Rein rechlich war er gar wirkungslos, da der Papst bereits tot war, als Kardinal Humbert da Silva Candida die Bulle auf den Altar der Haghia Sophia knallte. Tatsächlich wurde der Papst auch danach noch in der orthodoxen Liturgie zeitweise kommemoriert.

Emotional wurde das Verhältnis Rom Konstantinopel vor allem durch die Ereignisse des 4. Kreuzzugs 1204 beschädigt, als Konstantinopel von den Venezianern hemmungslos ausgeplündert und ein lateinisches Kaiserreich nebst lateinischem Patriarchen errichtet wurde.

Die endgültige Trennung erfolgte römischerseits erst 1729, als die Kongregation für die Glaubensverbreitung die commnunicatio in sacris mit den Orthodoxen verbot – das betrifft alles gemeinsame Beten, alle gemeinsamen Gottesdienste und jegliches wechselseitiges Anteilgeben und Anteilnehmen an den heiligen Sakramenten. 1755 erklärten die orthodoxen Patriarchen von Alexandrien, Jerusalem und Konstantinopel im Gegenzug die Katholiken zu Häretikern. Das Patriarchat von Antiochien, schloss sich später an, das von Moskau jedoch nicht (oki-regensburg).

Diese Erklärung ist von orthodoxer Seite bis heute (Stand 2012) nicht zurückgenommen worden, wohingegen die die gegenseitige Bannung von 1054 während des 2. Vatikanisches Konzils von Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras am 7. Dezember 1965 zeitgleich in Rom und Istanbul in feierlicher Form aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt wurde und dem Vergessen anheim fallen solle.

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Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale, Moskau, 1931

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Verfolgung und staatliche Unterdrückung

Offene Verfolgungen und staatliche Unterdrückung erlebte die orthodoxe Kirche im 20. Jahrhundert in der neu gegründeten Sowjetunion. Das atheistische Sowjetregime schloss Kirchen, Klöster sowie kirchliche Sozial- und Bildungseinrichtungen, es verbot sogar das öffentliche Singen religiöser Lieder.

In den ersten Jahrzehnten der Sowjetherrschaft wurden tausende Priester, Mönche und Nonnen in Arbeitslager deportiert und auch Gläubige verfolgt, verhaftet und hingerichtet. Von 1920 bis 1940 dezimierte das Regime die Zahl der Gläubigen unter den Russen von 90 Prozent auf unter 30 Prozent.

Während des Zweiten Weltkriegs lockerte sich die antireligiöse Diktatur etwas, die Kirche konnte sich neu organisieren, wurde aber vom Staat weiter streng beobachtet und kontrolliert.

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Patriarch Kyrill im Kreml

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Wiederaufbau der Kirche

Ab 1941 begann ein systematischer Wiederaufbau der Kirche und 1943 konnte der Locumtenens des Patriarchenstuhles, Metropolit Sergij (Stragorodskij), durch ein Landeskonzil zum Patriarchen gewählt werden. Ihm folgte dann 1945 der bisherige Metropolit von Leningrad Alexij (Simanskij, gest.1970). In seiner Amtszeit wurde die Orthodoxe Kirche in den USA in die Autokephalie entlassen. Das Landeskonzil von 1971 wählte in der Folge den Patriarchen Pimen (Izvekov, geb.1910), den damaligen Metropoliten von Kruticy und Kolomna.

Das Landeskonzil von 1991 wählte den Patriarchen Alexij II. (Ridiger, geb.1929), zum Vorsteher der Russischen Orthodoxen Kirche. Kyrill I. (bürgerlich Wladimir Michailowitsch Gundjajew, * 20. November 1946 in Leningrad, heute Sankt Petersburg) ist seit dem 1. Februar 2009 Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Zuvor war er Erzbischof und Metropolit der Diözesen von Smolensk und Kaliningrad.

Mit der Perestroika und dann der Auflösung der Sowjetunion 1991 konnte sich religiöses Leben wieder entfalten – das brachte aber auch neue Konflikte um den Kirchenbesitz und die religiöse Identität. Die Wiedereinsetzung von 30.000 Kirchen und 800 Klöstern in einer derart kurzen Zeitspanne von weniger als 20 Jahren wäre ohne die staatliche Hilfe – besser gesagt ohne Wladimir Putin – undenkbar. Mit einiger Sorge ist zu beobachten, welche Entwicklung diese „Partnerschaft der Mächtigen“ zwischen der sanften Diktatur Putins und der russisch-orthodoxen Kirche nehmen wird.

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Kloster „Aufnahme Mariä in den Himmel“ in Potschajiw

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Die Rolle der Klöster in der russischen Kirche

Ein Überblick über die Geschichte der Russischen Kirche wäre unvollständig, wollte man nicht der besonderen Rolle gedenken, die das Mönchtum in der gesamten Entwicklung des ostslawischen Christentums gespielt hat – angefangen von der Gründung des Kiewer Höhlenklosters durch den hl. Antonij (1051-1074). Die russischen Klöster waren wichtige Vorreiter der Zivilisation und Kolonisation unwirtlicher Gebiete, vor allem im hohen Norden des Landes.

Die Mönche lebten dabei nicht nur für ihren persönlichen Heilserwerb, sondern beteten stets für die ganze Welt und alle Menschen. So ist das Mönchtum eine wichtige Stütze der Kirche, ein Hüter der Frömmigkeit und des Glaubens. Die bekanntesten heutigen Klöster der Russischen Kirche sind das im 14. Jahrhundert vom Hl. Sergij von Radonez gegründete Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius nahe Moskau, das Heilige Himmelfahrtskloster in Potschajiw (Ukraine), das Heilige Mariä-Entschlafen-Höhlenkloster von Petschory (an der Grenze zu Estland), sowie das Danilow-Kloster in Moskau (gegründet 1282, Amtssitz des Patriarchen der Russisch-orthodoxen Kirche).

(Teile dieser kurzen Geschichte der Russisch-orthodoxen Kirche stammen von Christoph Mühl, maiak.info, von Erzpriester Alexej Tomjuk für die Russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland, und weiteren öffentlichen Quellen)

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Die Übersicht – RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE: WIEDERAUFBAU UND WIDERSPRUCH – findest du hier.

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