Die schwierige Rückkehr der Abtrünnigen (Orthodoxe Kirche, Teil 6)

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Die schwierige Rückkehr der Abtrünnigen

Wofür kommen Menschen eigentlich in die Heilige Messe? Und wie ist es möglich, die Abtrünnigen zurückzugewinnen? Wie sieht es um das Grundverständnis der Sakramente aus? Dieser Artikel von Priester Tigriy Khachatryan auf dem Portal Bogoslov ist dem drängenden Problem der Katechese für Christen gewidmet, die kaum mehr ins kirchliche Leben integriert sind.

So aufrüttelnd der folgende Kommentar des Priesters auch ist: Müssen wir uns dabei nicht fragen, ob und wie diese Szenen im mitteleuropäischen Kirchenalltag spielen könnten? Und wie mutig unsere Priester vorgehen, wenn es darum geht, unter bestimmten Vorzeichen ein Sakrament zu verweigern?

Insofern diese Fragen in der russisch-orthodoxen Kirche ernst genommen werden, bilden sie eine Chance, die katechetische Arbeit neu auszurichten, um – wie Priester Tigriy Khachatryan  es ausdrückt – zur „wahren Erweckung“ zu gelangen.

„Jeden lieben Tag, den Gott uns gibt, treffe ich auf Menschen. Sie begegnen mir auf der Straße, im öffentlichen Nahverkehr, in Ladengeschäften und diversen Einrichtungen. Fast alle von ihnen sind getauft; doch verraten ihre Gesichter nichts darüber. Nach solchen episodischen Kontakten mit der getauften Bevölkerung werde ich oft traurig. Das normale Verhalten eines durchschnittlichen Mitmenschen oder eines Passanten bezeugt, gelinde gesagt, nichts von seinem Leben in Christo. Jedes Mal, wenn ich auf Verbitterung und Verschlossenheit stoße, bin ich mir darüber im Klaren, dass ich als Hirte der Kirche Christi die Verantwortung dafür trage, welchen Lebensweg diese Menschen gehen. Diese Verantwortung für die Rettung der Menschenseelen, nach denen Christus als oberster Hirte mich fragen wird, bedarf einer direkten Antwort auf die Frage: was unternehme ich für ihre Rettung?

Es mag eventuell jemandem so vorkommen, als ob all das Demagogie wäre, weil es ja ohnehin klar zu sein scheint, was zu tun und wie zu predigen ist. Doch wird wohl jeder orthodoxe Priester, der diesen Artikel liest, begreifen, wie traurig es ist, sich folgende kleine Szene aus dem realen Leben vorzustellen: Vor dem Anfang der eigentlichen Abfolge der Taufe sollen der Taufpate und die Taufpatin (bei der heute verbreitetsten Variante der Kleinkindertaufe) die Entsagung von Satan, die Gelübde der Taufe und das Glaubensbekenntnis aussprechen. Diese Szene ist jedem Gemeindepriester schmerzlich bekannt. Lassen wir sie uns vom Standpunkt des Wesens des Geschehens betrachten: wer da was und wie ausspricht.

[…]

Meist läuft es weiter nach dem bekannten Prinzip: bloß niemanden beleidigen und alles richtig aussprechen.  Wer von den jetzigen Priestern kann, mit Hand auf dem Herzen, sagen, dass jedes Mal, wenn er das Mysterium der Taufe feiert, die Taufpaten die sakralen Worte wirklich bekennen und dabei spüren, dass sie vor Gott stehen und sich desen bewusst sind, und die Worte nicht einfach so dahinsprechen (da es sich nun einmal so gehört)? Mir geschah es schon mehrmals, dass ich mich veranlasst sah, die Taufpaten und leiblichen Eltern zu befragen, wozu die Taufe eigentlich notwendig sei. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle liegen die Antworten im Bereich momentaner leiblicher und seelischer Bedürfnisse: gegen den bösen Blick und böse Zauberei; um einen Schutzengel zu haben; um Patenonkel und Patentante zu werden; gegen Krankheiten; um Schutz zu erhalten. Und äußerst selten konnte ich die Antwort hören, die über die Schwelle der Ewigkeit hinausreichte: um Erbe des Himmelreiches zu werden!

Es fragt sich, mit welchen Kenntnissen diese Menschen kommen und zu welchem Gott sie sich im Glaubensbekenntnis bekennen! Sind sie sich bewusst, was ihre wörtliche Entsagung vom Satan bedeutet, wie Ehrfurcht erregend und bedeutsam dies ist?! Und wenn wir, die Hirten, uns über diesen wichtigen Augenblick des geistlichen Lebens des Kleinkindes und der Taufpaten nicht bewusst sind und ihn durch unsere Duldung formalisieren – ist das nicht eine direkte Verhöhnung Christi, der sein Blut vergossen hat, damit wir tatsächlich nicht länger unter der Macht des Satans leben müssen? Es kann einem Angst und Bang werden angesichts der Sorglosigkeit, mit der wir Priester mit diesen Dingen umgehen.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis: In unserer Kirche fand eine Taufe statt. Es kam der bedeutungsvolle Moment, da die Taufpaten andächtig aussprechen sollten: „Ja, ich glaube an Ihn (Jesus Christus), als an meinen König und Gott“.  Der Altardiener unseres Gotteshauses, der neben dem Taufbecken mir und den Taufpaten zugewandt stand (er war auch derjenige, der das letzte Gespräch mit ihnen geführt hatte), unterbrach plötzlich den glatten Verlauf des Gottesdienstes, indem er einen der Paten fragte: „Wieso schweigen Sie?“. Ich wiederholte die Frage an den Taufpaten.

– „Ich glaube nicht daran, dass ER Gott ist.“

– „Dann können Sie nicht am Mysterium als Taufpate teilnehmen und sollten diesen Raum verlassen.“

– „Ich werde alles sagen, wie es sein muss“, sagte er nach einer Sekunde Pause aufgeregt.

– „Nein, so brauchen Sie es nicht zu tun. Bitte gehen Sie.“

Wie sich danach herausstellte (nach den Worten dieses Mannes), war er einmal gebeten worden, Taufpate für ein Kleinkind in einer benachbarten Diözese zu sein. Und obwohl er dem Priester offenherzig eingestanden hatte, dass er keinen Glauben an Jesus Christus als Gott habe, hatte der Priester in aller Seelenruhe geantwortet, dass ihn dies nicht daran hindere, Taufpate zu sein. Daher kam ihm mein Verhalten nicht adäquat vor.

Liebe Priester! Wir wollen uns ehrlich fragen, wie viele Menschen nach der Taufe und der Trauung in unseren Gotteshäusern bleiben? Ungefähr zwei bis fünf Prozent. Ist dies nicht ein Paradox? Dies sind die Paradoxa der modernen Kunstfehler (ich habe keine Angst, es so zu benennen), die von einigen in den Rang eines Dogmas und Kanons erhoben werden. Sie beziehen sich direkt auf das angesprochene Thema und das Ausmaß der Verantwortlichkeit für die Rettung der menschlichen Seelen, nach der uns Christus als oberster Hirte fragen wird. Dieses Problem, das sich uns heute in seiner ganzen Größe stellt, kann man wohl die „Rückkehr der Abtrünnigen“ nennen. Es ist viel verbreiteter als das Problem der Katechese vor der Taufe, obwohl es auch damit eng verbunden ist. Das Problem der Rückkehr der Abtrünnigen ist nicht erst heute entstanden; doch erst in unseren Tagen beginnen wir, es so akut wahrzunehmen, da nach 20 Jahren Praxis der spontanen Vollbringung kirchlicher Mysterien (ohne einleitende Vorbereitung) noch kein Wunder geschehen ist: Russland ist nicht orthodox geworden.

[…]

Das Wichtigste heute sind die Menschen! Die Menschen, die von uns getauft worden sind, ohne auf das Leben im Schoß der Kirche vorbereitet gewesen zu sein, müssen sehen, dass sie erwünscht sind – so, wie ein Kind von seinen Eltern erwünscht ist, die es einfach dafür lieben, dass es existiert. Und wenn der Mensch erst verstanden hat, dass er nicht nach seiner Geldbörse oder seiner Eigentumswohnung angesehen wird, wie es in manchen Sekten der Fall ist, sondern weil er durch Gott als Mensch erschaffen ist und geliebt werden kann, beginnt die wahre Erweckung.“

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Einen klaren und nachvollziehbaren Kurs fährt die russisch-orthodoxe Kirche in Sachen Taufe: Das Sakrament soll sich dabei auf den Menschen beziehen, wie er dem Schöpfungsgedanken nach geschaffen wurde, mit dem göttlichen Auftrag an den Menschen, nach der Heiligen Schrift zu leben. Dementsprechend äußert sich die russische Kirche zu Taufen, die von anderen christlichen Kirchen vorgenommen werden, die ein anderes Verständnis entwickelt haben:

Die russisch-orthodoxe Kirche will von der protestantischen dänischen Staatskirche vorgenommene Taufen nicht mehr anerkennen. Man reagiert damit auf die im Juni in Dänemark beschlossene Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Trauungen in der Kirche durchzuführen, teilte das Moskauer Patriarchat zur Begründung mit.

«Eine Anerkennung ohne erneute Taufe ist für uns nicht möglich, weil homosexuelle Beziehungen in der orthodoxen Theologie eine Sünde sind», wird ein Patriarchatssprecher von dänischen Medien zitiert.

2006 kappte die russisch-orthodoxe Kirche bereits sämtliche Beziehungen zur schwedischen evangelischen Kirche, nachdem diese ein Ritual zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eingeführt hatte.

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Die Übersicht – RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE: WIEDERAUFBAU UND WIDERSPRUCH – findest du hier.

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