Das Hirtenwort der ÖBK – eine Annäherung

Wie kann dieses Hirtenwort am Beginn des Jahres des Glaubens gedeutet werden? Zunächst gibt es klare Bekenntnisse, die gerade in unsicheren Zeiten besonders gefragt sind. Als erste Einschätzung ist davon auszugehen, dass die folgenden Punkte wohl nicht von der großen Mehrheit, aber von einem engagierten Kern des aktiven Kirchenvolks getragen werden können.

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  1. Wir sehen nur eine Antwort auf die bedrängte Situation unserer Kirchengemeinschaft: den Glauben! Gemeinsam sind wir auf die Heilige Schrift, Vorbilder des Glaubens, auf die großen Gestalten der Heiligen, und auf die gläubigen Menschen, die unser Leben geprägt und den Weg unseres eigenen Glaubens gefördert haben, angewiesen.

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  1. Zeugen des Glaubens zu sein, auskunftsfähig und gesprächsbereit: Das ist die Chance, die wir für uns alle heute sehen. Alle sind gefragt, es kommt nicht auf Spezialisten, auf Fachleute an, sondern zuerst und vor allem darauf, dass „die Liebe Christi uns drängt“.

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  1. Ungehorsam wird abgelehnt. Das bedeutet kein Ende des Dialogs, sondern ein Miteinander in allen kirchlichen Leitungsgremien, in den „ungehorsame Pfarrer“ zusammen mit Bischöfen und dem Kardinal vertreten sind.

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  1. Wir halten daran fest, dass die eigentliche liturgische Feier des Sonntags, des Herrentages, die Feier der Eucharistie ist, der ein geweihter Priester vorsteht. Die Grenze zwischen Eucharistiefeier und Wortgottesfeier darf nicht verwischt werden. Hier steht die Einheit der Kirche auf dem Spiel.

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  1. Die Reform der Pfarrstrukturen ist weniger Verordnung als vielmehr lebendiger Prozess! ;Dazu braucht es lebendige Gebetsgemeinschaften vor Ort, getragen von den Gläubigen, unterstützt von ehrenamtlichen Laien und Katecheten, von hauptamtlichen Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten, von Diakonen, Priestern und dem verantwortlichen Pfarrer. Und es wird die gemeinsame Eucharistiefeier, vielleicht von mehr als nur einer Gemeinde, als Herzstück des Sonntags brauchen.

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  1. Für die Familie und die Unauflöslichkeit der Ehe geben wir nicht auf, was der Herr selber seiner Kirche als klare Weisung gegeben hat. In unseren Diözesen bemühen wir uns, einen Weg der Klarheit und auch der Milde, der Treue und der Barmherzigkeit zu gehen. Jesus lässt auch die, deren Beziehung in Brüche gegangen ist, nicht alleine zurück. Durch den Glauben schenkt er Heilung und Neuanfang.

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  1. Gemeinsam im Glauben: Es ist Aufgabe des Bischofsamtes, die Kirchengemeinschaft zu wahren und zu fördern. Der Aufruf zum Jahr des Glaubens kann nur Frucht tragen, wenn Gläubige und ihres Glaubens frohe Menschen andere zum Glauben motivieren. Wenn wir gemeinsam im Glauben brennen, wird unsere Kirche wieder leuchten und wärmen und andere entzünden.

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Diese Punkte sind Kernaussagen, die sich aus dem umfangreichen Dokument der österreichischen Bischofskonferenz herauslesen lassen. Gerade dann, wenn zu vermuten ist, dass ein Papier nicht mehrheitsfähig ist, mag das Wort des Apostels Paulus als Prüfstein dienen: „Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen, oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi“ (Gal 1,11).

Ohne bewerten zu wollen und zu können, wie hilfreich die Schrift der Bischöfe für das Jahr des Glaubens letztlich sein wird, soll keine Unklarheit bestehen, dass der Blogbetreiber dieses Bekenntnis unserer Hirten mit Freude mittragen wird. Damit den Worten auch Taten folgen, wird es ab dieser Woche eine begleitende Serie durch das Jahr des Glaubens geben „THEOLOGISCH UNTERWEGS – eine Reise durch die zentralen Glaubensinhalte„.

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Auszüge aus dem Hirtenwort

[ Die in rot gefassten Texte wurden stellen Kommentare des Blogbetreibers dar, Hervorhebeungen ebenfalls vom Autor ]

Am Beginn eines „Jahres des Glaubens„, das Papst Benedikt XVI. im Gedenken an das vor fünfzig Jahren eröffnete II. Vatikanische Konzil proklamiert hat, schreiben wir Ihnen diesen Brief. Dieses Jahr ist eine Einladung zur Belebung und Vertiefung unseres christlichen Glaubens….

Der Glaube zeigt sich am überzeugendsten durch die Freude, die er schenkt… und diese Momente bezeugen anderen Menschen, dass der Glaube an Jesus Christus, und die Liebe zu ihm, dem Leben vollen Sinn gibt.

[Das ist doch ein treffender Hinweis auf die Freude, die eine christliche Kirche ausstrahlen kann, wenn der gelebte Glaube im Vordergrund steht. Aber gegenwärtig erleben wir mehr Prüfungen als Freude…]

Aber da gibt es „mancherlei Prüfungen„, unter denen wir leiden müssen: persönliche, familiäre, berufliche, gesellschaftliche und auch kirchliche… Im Blick auf den Glauben heißt es im Ersten Petrusbrief: „Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und… ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: Euer Heil“ (1 Petr 1,6–9).

Anlass zu diesem „Jahr des Glaubens“ ist der fünfzigste Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962, und auch das zwanzigjährige Jubiläum der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), den der selige Papst Johannes Paul II. am 11. Oktober 1992 promulgiert hat, um „allen Gläubigen die Kraft und die Schönheit des Glaubens vor Augen zu führen“(Benedikt XVI., Porta fidei, Nr. 4). ;Die Deutung der Entwicklung nach dem Konzil ist bis heute umstritten. War sie ein Aufbruch, war sie ein Niedergang? Und was hat den Aufbruch gehemmt, den Niedergang bewirkt? Oder gibt es Botschaften des Konzils, die wir zu wenig gehört haben, wie zum Beispiel den Ruf aller zur Heiligkeit? ;

[Die Bewertung des letzten Konzils – „Aufbruch“ oder „Niedergang“ – wird an dieser Stelle offen gelassen. Die Frage am Ende nach Botschaften, die vielleicht zu wenig gehört wurden, kann wohl so gedeutet werden, dass wir in den letzten ein bis zwei Generationen viele Kritiker und verhältnismäßig wenige Zeugen des Glaubens erlebt haben…]

Der Konflikt der Interpretationen, die Spannungen zwischen den verschiedenen Richtungen und Strömungen in der Kirche der letzten fünfzig Jahre haben immer wieder bis an den Rand von Spaltungen geführt, die innere Einheit der Katholischen Kirche auf Zerreißproben gestellt… Da wir in einer mediengeprägten Zeit leben, kam erschwerend dazu, dass all‘ die innerkirchlichen Konflikte im medialen Vergrößerungsglas noch viel größere Ausmaße annahmen. Die Missbrauchsskandale, die schwere Ärgernisse darstellen, haben die Glaubwürdigkeit der Kirche erschüttert.

[Ein Hirtenwort kann nicht an den Spannungen zwischen Kirche und Gesellschaft, und schon gar nicht an den innerkirchlichen Erschütterungen vorbeigehen. Allerdings ist die Wertung der Missbrauchsskandale als „Ärgernisse“ ein Fauxpas, der jede Menschlichkeit vermissen lässt! Dies hat der Blogbetreiber den Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit in der Bischofskonferenz und der Erzdiözese zur Kenntnis gebracht, da ich der Meinung bin, dass alles Gute in unserer Kirche gefördert werden muss, aber auch das, was am Glauben der Menschen vorbeigeht, benannt werden soll.]

Ein nie gekannter Wohlstand vieler, die Konsumgesellschaft mit ihren Begleiterscheinungen haben sich auch auf die Glaubenspraxis in unserem Land ausgewirkt. Unsere Pfarren sind mit ganz neuen Gegebenheiten konfrontiert. Wir haben oft noch nicht den Weg gefunden dieser neuen Situation angemessen zu begegnen. Wen wundert es, dass es in unserer Gemeinschaft viel Resignation und Frustration gibt, dass viele sich von der Kirche verabschiedet haben, und dass dieser meist lautlose Auszug aus der traditionellen Mehrheitskirche in unserem Land fast unvermindert anhält.

[Das darf man einen demütigen Ansatz nennen, denn die gerade eingeleitete Reform der Pfarrstrukturen steckt in Anfangsschwierigkeiten und erfordert die Mitarbeit aller (!) Gläubigen, um tatsächlich Gutes für die Menschen und Gemeinden zu bewirken.]

1. „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9)

Wir sehen nur eine Antwort auf die bedrängte Situation unserer Kirchengemeinschaft: den Glauben! „Ohne den Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn geben wird“ (Hebr 11,6).

[Es wäre nicht nur für die Kirchenleitung, sondern genauso für Gläubige und Kritiker gut, unmissverständlich anzuerkennen, dass alle Frucht aus dem Glauben und letztlich durch die Gnade Gottes kommt. Weiter unten wird das Hirtenwort von Früchten in den Gemeinden sprechen, die vor lauter Kirchenkritik meist untergehen, siehe Punkt 2.]

2. Zeugen sind gefragt

Wir Bischöfe sehen die Situation fünfzig Jahre nach Konzilsbeginn, neben allen sehr realen Schwierigkeiten, auch als eine große Chance. Denn wir sind als Glaubende ganz neu gefragt, von unserem Glauben Rechenschaft zu geben: Wofür stehst Du? Woran glaubst Du? Wem und wie glaubst Du? Und was bedeutet es für Dich persönlich, für Dein Leben, zu glauben?

[Wiederum ist ein demütiger Ansatz unserer Bischöfe zu registrieren – aber leider folgen im Text überhaupt keine Hinweise, was sie selbst beizutragen gedenken! Stattdessen folgen Verweise auf die Vermehrung des Glaubenswissens, die sich vornehmlich auf uns, das Kirchenvolk, anwenden lassen.]

Der Grundwasserspiegel des religiösen Wissens ist in Österreich und in Europa stark gesunken. Elementare Kenntnisse, die zur europäischen Kultur gehören, können nicht mehr vorausgesetzt werden. Glaubenswissen ist aber eine der Voraussetzungen für ein glaubwürdiges Zeugnis. Daher die dringliche Einladung des Heiligen Vaters, dieses „Jahr des Glaubens“ zu nutzen, um unser Glaubenswissen zu vertiefen.

Zeugen des Glaubens zu sein, auskunftsfähig und gesprächsbereit: Das ist die Chance, die wir für uns alle heute sehen. Alle sind gefragt, es kommt nicht auf Spezialisten, auf Fachleute an, sondern zuerst und vor allem darauf, dass „die Liebe Christi uns drängt“ (2 Kor 5,14), das Evangelium zu bezeugen.

Es ist gar nicht möglich, ein vollständiges Bild der Lebendigkeit der Kirche in unserem Land zu zeichnen. Wir sehen mit Freude die wachsende Zahl an Jugendgebetsgruppen im ganzen Land. Wir beobachten, dass die Zahl der jungen, gläubigen Familien zunimmt, die großherzig für mehrere Kinder offen und um ein echt christliches Leben bemüht sind; …Ordensgemeinschaften… ; Engagement vieler Menschen im caritativen Bereich… ; die vielen Personen, die in ihrem Alltag eine tiefe Glaubensverbundenheit mit Gott leben, eine innige Christusnachfolge, ein stilles Sich-führen-lassen durch den Heiligen Geist. Sie sind die wahren Säulen der Kirche.

[Dieses Bekenntnis zu den vielfältigen Beiträgen einer großen Zahl von Christen tut nicht nur gut, sondern stellt auch ein Stück Gerechtigkeit in einer Gesellschaft dar, die die soziale Tatkraft der katholischen Kirche und ihrer caritativen Einrichtungen gerne herunterspielt!]

3. „Reformstau?“

Wir wollen nicht verschweigen, was vielfach uns gegenüber und auch öffentlich gesagt wird: dass es eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit der Situation der Kirche und besonders mit „der Kirchenleitung“, mit uns Bischöfen und mit Rom, gibt. Hinter dieser Unzufriedenheit stehen meist tiefe Sorgen um den Weg, um die Zukunft der Kirche.

Dennoch haben viele Menschen in unserem Land den Eindruck, „es geht nichts weiter“, es bewege sich nichts. So hat sich das Schlagwort vom „Reformstau“ festgesetzt. Andererseits haben wir Bischöfe seit über einem Jahr immer wieder deutlich gesagt, dass ein „Aufruf zum Ungehorsam“ nicht unwidersprochen hingenommen werden kann.

[Hier ist – nicht zum ersten Mal – eine klare Stellungnahme zu lesen: Ungehorsam ist kein probates Werkzeug für Reformen!]

Weite Kreise unserer Bevölkerung, kirchlich gebunden oder nicht, verstehen nur schwer, warum zur Abhilfe dieser Notsituation nicht die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt geändert werden, warum nicht verheiratete „bewährte Männer“ (viri probati) zu Priestern geweiht werden können. Sie meinen, dass wir österreichischen Bischöfe „Druck in Rom“ ausüben sollten, um eine Reform zu erwirken. Dabei wird aber meist übersehen, dass gerade das II. Vatikanische Konzil sich entschieden für die Beibehaltung des priesterlichen Zölibats für die römisch-katholische Kirche ausgesprochen hat, und dass alle Bischofssynoden seither immer wieder diesen Weg als für die Kirche gültig bestätigt haben. Darf darin nicht ein Zeichen des Heiligen Geistes gesehen werden?

[Natürlich kam von Pfarrer Helmut Schüller sofort der Einwand, das II. Vatikanische Konzil hätte sich gar nicht ernsthaft mit der Frage des Pflichtzölibats beschäftigt. Wie auch immer diese Frage zu beantworten ist, so gilt zweifellos „dass alle Bischofssynoden seither immer wieder diesen Weg als für die Kirche gültig bestätigt haben“.]

Die Sorge ist groß: Was wird aus Gemeinden, die ihren Pfarrer immer weniger, immer kürzer sehen und erleben können? Aber müssen wir nicht gleichzeitig zugeben, dass das Leben unserer Gemeinden, besonders im ländlichen Raum, in den letzten fünfzig Jahren gewaltige Veränderungen erlebt hat? Die bäuerliche Bevölkerung ist stark zurückgegangen. Enorme Mobilität, starke Abwanderung und demographische Veränderungen haben das Leben unserer Gemeinden vor neue Herausforderungen gestellt. Der Priestermangel ist nur ein Aspekt davon, der „Gläubigenschwund“ ein anderer.

[Auch diese Darstellung ist nachvollziehbar: Neben dem Rückgang der Berufungen zum Priester ist immer auch der „Gläubigenschwund“ zu benennen! So sind die Pfarrstrukturen aus beiden (!) Gründen neu zu gestalten, unter Mithilfe aller!]

Zugleich erleben wir nicht nur wirtschaftlich und politisch, dass die Bedeutung Europas abnimmt und neue Zentren in den Vordergrund treten. Auch kirchlich verlagert sich der Schwerpunkt von Europa weg. Die jungen Kirchen haben eine große missionarische Lebendigkeit, während uns bewusst wird, wie sehr wir selber Missionsland werden. Kein Wunder, dass man in vielen Teilen der Weltkirche über das erstaunt ist, was bei uns zum Hauptthema zu werden droht.

[Wie oft fehlt in den Betrachtungen zu unserer Kirchensituation die Einordnung in die Weltkirche – nicht so in diesem Hirtenwort. Gleich anschließend heißt es im Schreiben der Bischöfe: „Wir sind eingeladen, im „Jahr des Glaubens“ unseren Blick auf die weltweite Gemeinschaft der Kirche zu öffnen und davon Anregungen für unsere eigenen Prioritäten zu gewinnen. Auch bei uns muss die Kirche wieder missionarischer werden, sie muss neu „in unseren Herzen erwachen“ (Romano Guardini)]

4. Die Eucharistie – Quelle und Höhepunkt

Ein zentrales Thema in den Debatten in unseren Diözesen ist die Zukunft der Eucharistiefeier, die das II. Vatikanische Konzil zu Recht als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (Lumen Gentium, Nr. 11) bezeichnet. Wird diese Quelle allmählich versiegen? Wird dieser Höhepunkt des christlichen Lebens in Zukunft zur Seltenheit werden? ;Mit der Eucharistie ist der Lebensnerv der Kirche berührt. Ihr muss unser aller Sorge gelten.

[Ein klares Bekenntnis. Es folgt die schmerzliche Feststellung, dass das Bewusstsein von der Wichtigkeit der Mitfeier der sonntäglichen Eucharistie in unserem Land zurückgegangen ist, in einer kontinuierlichen, unaufhaltsamen Abwärtsbewegung seit fünfzig Jahren.]

Eine zweite Feststellung ist notwendig. In den letzten Jahrzehnten gibt es die Tendenz zur Häufung der Eucharistiefeiern: Abendmessen am Sonntag, Vorabendmessen am Samstag, dazu Festmessen, Feldmessen, Gruppenmessen. Verloren gingen dabei vielfach andere Gottesdienstformen wie Andachten, Prozessionen, Anbetungszeiten.

[Diese Darlegung spricht für eine gründliche Ursachenanalyse, wobei das Hirtenwort unmissverständlich hinzufügt, dass liturgische Feiern nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.]

Es ist uns bewusst, dass die Lösung dieser konfliktträchtigen Situation nicht in einem bloßen Entweder – Oder liegen kann. Doch gibt es eine klare Priorität, für die einzustehen uns die ganze christliche Tradition und die jahrhundertelange christliche Lebenserfahrung verpflichtet und die auch das Konzil bekräftigt hat. Deshalb halten wir daran fest, dass die eigentliche liturgische Feier des Sonntags, des Herrentages, die Feier der Eucharistie ist, der ein geweihter Priester vorsteht. Die Grenze zwischen Eucharistiefeier und Wortgottesfeier darf nicht verwischt werden.

[Auch an dieser Stelle erleben wir ein klares Votum der Bischöfe! Dementsprechend heißt es weiter: „Hier steht die Einheit der Kirche auf dem Spiel. Nichts kommt der Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn gleich, die uns in der Eucharistie geschenkt wird.“]

Uns sind die Einwände bekannt und bewusst: Was wird aus den Gemeinden vor Ort, wenn nicht mehr wenigstens ein Wortgottesdienst am Sonntag gefeiert wird? Zeigt nicht gerade die unvergleichliche Bedeutung der Eucharistie, dass es genügend geweihte Diener der Eucharistie geben muss, damit die Gemeinden nicht „eucharistisch aushungern“? Doch werfen gerade diese Einwände auch wieder die Gegenfrage auf: Wie steht es um den Hunger und Durst nach der Eucharistie? Müssen sie nicht wieder neu erwachen?

[In aller Bescheidenheit möchte ich aus meinem Blickwinkel ergänzen: Im deutschsprachigen Raum leben wir in den reichsten Ländern dieser Welt. Darf es da wirklich ein Problem sein, wenn kleine Gemeinden wochentags vermehrt aus ihren Gebetsgemeinschaften leben, und nur für die Sonntagsmesse mehr Transportmöglichkeiten und neue Fahrtgemeinschaften gefunden werden müssen, damit der Weg zur Eucharistiefeier in der zuständigen Nachbargemeinde möglich wird?]

5. Ehe und Familie – die Zukunft

„Das Wohl der Person sowie der menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zu innerst mit einem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden.“ Diese Worte des Konzils (Gaudium et Spes, Nr. 47,1) finden heute, nach fünfzig Jahren, nach wie vor breite Zustimmung, auch in der säkularen Gesellschaft.

Dieses Hirtenwort zum „Jahr des Glaubens“ kann keine einfachen Rezepte, keine fertigen Lösungen vorlegen. Wir bitten nur herzlich Euch alle, Brüder und Schwestern, um ein gemeinsames Bemühen, die Situationen vor allem im Licht des Glaubens zu sehen. In diesem Licht erscheinen Ehe und Familie zuerst als von Gott gewollte und geheiligte Wege. Ohne den Glauben ist es daher auch nicht möglich, Jesu Worte anzunehmen, die die Unauflöslichkeit der Ehe begründen: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6). Jesus selber hat den Jüngern gegenüber betont: „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist“ (Mt 19,11).

[Gerade an diesem Sonntag durften meine Frau und ich in der Gemeinde erleben, wie Paare zum Jubiläum der „silbernen Hochzeit“ am Ende der Sonntagsmesse geehrt und gesegnet wurden. Darin liegt die Chance unserer Kirche: Bei jeder Gelegenheit – vor allem auch bei der Ehevorbereitung! – auf die besonderen Früchte des Ehesakraments im Glaubensleben und in Bezug auf intakte Familienstrukturen hinzuweisen – und diese Früchte auch zu segnen.]

Die Kirche ist oft auf einsamem Posten in unserer Gesellschaft, wenn sie Ehe und Familie beschützt und verteidigt. Sie tut es aus Barmherzigkeit und nicht aus Härte. Aber sie hat sich auch immer neu an Jesu Haltung den Sündern gegenüber zu orientieren, die die Sünde benennt, dem Sünder aber voll Barmherzigkeit begegnet. Jesus lässt auch die, deren Beziehung in Brüche gegangen ist, nicht alleine zurück. Durch den Glauben schenkt er Heilung und Neuanfang.

Wie aber, so wird oft zu Recht gefragt, soll dies praktisch aussehen: die Sünde als Sünde sehen und benennen und doch mit dem Sünder barmherzig sein? Hier werden oft von uns Rezepte erwartet, die wir nicht geben können, generelle Lösungen, die mit den klaren Worten Jesu und mit der Treue zur Lehre der Kirche unvereinbar sind. In unseren Diözesen bemühen wir uns, einen Weg der Klarheit und auch der Milde, der Treue und der Barmherzigkeit zu gehen. Wenn uns vorgeworfen wird, dies sei unehrlich oder gar die Förderung einer Doppelmoral, so schmerzt das.

[Auch an dieser Stelle wurde schon darauf hingewiesen: Kirchliche Lehre und Pastoral gehören zusammen, dürfen sich aber im Einzelfall widersprechen – oder wer will Jesus entgegentreten, wenn er zur Ehebrecherin sagt: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,1–11).]

Diese Spannung zwischen Wahrheit und Barmherzigkeit werden wir immer neu auszuhalten haben. Es gibt keine echte Barmherzigkeit ohne Wahrheit. Aber Wahrheit, die ohne Barmherzigkeit gesagt und gefordert wird, ist kein Zeugnis für Christus. Dem hl. Franz von Sales, dem gütigen Bischof, wird das Wort in den Mund gelegt: „Man fängt mehr Fliegen mit einem einzigen Tropfen Honig als mit einem ganzen Fass Essig.“

6. Gemeinsam im Glauben

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Ein Hirtenwort kann nicht alle Fragen ansprechen und schon gar nicht alle Probleme lösen. Aber wir hoffen, dass er dazu beitragen kann, unser gegenseitiges Wohlwollen zu stärken, das Band der Einheit in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, in unseren Diözesen und mit dem Papst.

Wenn wir zum „Jahr des Glaubens“ zur Verlebendigung des Glaubens und zur Vertiefung des Glaubenswissens aufrufen, so ist das keine Ablenkung vom Aufruf zur Kirchenreform, sondern deren Inangriffnahme. Nur aus dem Glauben kommt die Erneuerung der Kirche. Nur Gläubige und ihres Glaubens frohe Menschen können andere zum Glauben motivieren. Wenn wir im Glauben brennen, wird unsere Kirche wieder leuchten und wärmen und andere entzünden.

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Link zum vollständigen Text des Hirtenwortes

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