Der Reiche, das Reich Gottes und wir (28. So im JK)

***

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. (Markus 10, 17-30)

***

Der Reiche, das Reich Gottes und wir

1. Ans Gesetz Gottes, ja, daran will er sich stets halten, der reiche Mann. Hat es bisher auch immer. Das ist quasi selbstverständlich, eine leichte Übung, zumal für ihn, den Reichen, der es gar nicht nötig hat, zu stehlen oder einen Raub zu begehen, der allen Grund hat, den Eltern dankbar zu sein. Es fällt ihm nicht schwer, Jesus zu sagen: „Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.“

Die Einhaltung des Gesetzes ist aber nur die notwendige, nicht jedoch die hinreichende Bedingung für den Eintritt in das Reich Gottes. Jesus stellt klar, dass dem Reichen noch etwas fehlt: der Abstand vom Reichtum, das Lassen dessen, was ihn vor der Welt auszeichnet. Er trägt ihm auf, was Er bei der Berufung all Seinen Jüngern auftrug: zu lassen, was da ist, hinter sich zu lassen, was bisher das Leben bestimmt hat. „Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“

Diesen letzten Schritt zu tun, sein Vermögen an die Armen zu verschenken, dazu ist der reiche Mann nicht bereit. Denn dafür müsste er die materielle Sicherheit aufgeben, sich auf die Ebene der Armen begeben und seinen vorderen Platz in der Gesellschaft frei machen. Das fällt schwer. Jesus erkennt das, weist aber darauf hin, dass es unumgänglich ist, den Stolz der weltlichen Position aufzugeben, um bereit zu sein für die neuen Aufgaben, die sich in der Nachfolge stellen. Das Festhalten am Vermögen hindert den Reichen, sich für Gott zu öffnen. Der Stolz des Geldes muss der Demut vor Gott weichen. Oder der Mensch weicht Gott. So, wie der Reiche, der daraufhin traurig weggeht.

*

2. Jesus ist auch traurig, ja, schon beinahe etwas verbittert ob der hemmenden Rolle, die der schnöde Mammon bei der Gottsuche spielt und spricht metaphorisch von der Schwierigkeit des Reichen, zu Gott zu gelangen: Es sei, so Jesus, schwieriger als der Versuch eines Kamels, durch ein Nadelöhr zu gehen. Die Jünger reagieren geschockt auf das krasse Beispiel Jesu, denn ein Reicher galt in der antiken jüdischen Gesellschaft sehr viel. Wenn nun ein Kamel eher durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher den Weg zu Gott beschreitet, dann steht es schlecht um Judäas Oberschicht. Jesus macht deutlich: Es ist zwar schwer, dass ein Reicher ins Himmelreich kommt, sehr schwer sogar – aber nicht unmöglich. Denn das Nadelöhr war ein Stadttor Jerusalems, durch das die Händler mit ihren Kamelen in die antike Metropole einzogen. Die Kamele mussten dort ihren Kopf einziehen, sich klein machen.

Sich klein machen. Im übertragenen Sinne heißt das für den Reichen: Sich gleich machen mit den Kleinen. Und: Demut üben. Es braucht die Demut, um den Stolz zu verdrängen. Diese Demut schenkt die Gnade Gottes, für den nichts unmöglich ist, wie Jesus sagt. Der Lohn für das demütige „Kopf einziehen“, für das Lassen der weltlichen Bindung ist nichts Geringeres als die Schau der Herrlichkeit des Herrn.

*

3. Doch das Lassen der weltlichen Bindung ist nicht nur eine Aufgabe für den Reichen, sondern für jeden Menschen, der Christus nachfolgen will. Auch die eher ärmeren Fischer, die Jesus zuerst angesprochen hat, werden aufgerufen, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, d h. vor allem ihren Beruf, ihre Familie und ihr Haus. Petrus sagt es hier ja, ruft es gewissermaßen in Erinnerung: „Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Und Jesus bestätigt ihm, dass dies der richtige Schritt war, der entscheidende Schritt ins Reich Gottes: „Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen.“ Schließlich wird er, betont Jesus, „in der kommenden Welt das ewige Leben“ erlangen.

Und wir, die wir weder besonders wohlhabend noch arme Fischer sind, aber dennoch teilhaben wollen am Reich Gottes? Wie sollen wir uns verhalten? Ich denke, das Lassen, das Jesus meint, geschieht zunächst und vor allem im Sinne einer Einstellungsänderung. Wer die Dinge oder Menschen, die ihn binden, gedanklich hinter sich lässt, hat danach gelassen und wird dadurch gelassen. Das bedeutet dann auch, dass man die Dinge und Menschen nicht unbedingt physisch verlassen muss, sondern dass eher die innere Einstellung, etwa zum Geld, eine andere werden muss, eben eine gelassene.

*

4. Das Lassen der Sorgen und Probleme rund um Geld, Job und Erfolg, macht frei – jetzt, im Augenblick. Aber auch die gelassene Haltung gegenüber der Familie, gegenüber Freunden und gegenüber sich selbst, wirkt befreiend und beruhigend. Denn: Gelassenheit verschafft im Augenblick des Geschehens die Ruhe, die man sonst mit zeitlichem Abstand gewinnt.

Alltagsprobleme türmen sich oft auf wie ein Berg. Das kann entmutigen, auch im Glauben. Wer – zumindest gedanklich – lässt und daran denkt, dass letztlich alles – Haus, Hof, Job, Familie, Freunde und auch man selbst – vergänglich ist und diese Welt verlassen muss, sich dabei aber stets geborgen weiß in Gott, der kann gedanklich bereits jetzt die Welt „verlassen“ und den Problemen auf diese Weise wirkungsvoll begegnen.

Der Witz ist dann: Erst dadurch, dass ich nicht mehr um meine Probleme kreise und mich an Dinge oder Menschen klammere, mich stattdessen in der Nachfolge Jesu weiß, mit Ihm auf dem Weg in Richtung Reich Gottes, erst dadurch erlange ich die Freiheit, wahrhaftig zu lieben: Haus, Hof, Job, Familie, Freunde – und mich selbst. Und Gott.

***

Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

***

+

Wir freuen uns über deinen Beitrag:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s