„Leid soll unbemerkbar sein“ (30. So im JK)

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Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg. (Markus 10, 46-52)

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Jesus, Bartimäus und wir

An einem Satz der heutigen Perikope bin ich hängen geblieben: „Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen.“ Warum nur? Nun, aus dem gleichen Grunde, aus dem auch heute viele ärgerlich werden, wenn sich Menschen bemerkbar machen, die das Bild vom Leben trüben, indem sie uns an Gebrechlichkeit, Krankheit und Tod erinnern.

Leid soll unbemerkbar sein. Am besten entledigt man sich direkt des Leidenden – durch Tests vor der Geburt und durch Unterstützung im Rahmen eines rechtzeitigen, emotional vertretbaren Ablebens. Dabei ist es weniger das Mitleid mit dem Leidenden, das solche Maßnahmen vor dem eigenen Gewissen durchzusetzen im Stande ist, sondern das Mitleid mit sich selbst. Denn: Wir können nicht anders als das Leid Anderer auf uns zu beziehen. Zugleich ist es aber so: Diese Empathie im Alltag aus- und durchzuhalten erfordert eine Energie, die heutzutage anderweitig verplant ist.

So ist der ganze Diskurs um Würdelosigkeit und Mitleid hochgradig verlogen, weil es am Ende gar nicht um die Angst vor dem würdelosen Dasein des Menschen mit Behinderung, des Menschen in Krankheit und Alter geht, also um das Mitleid mit ihm, sondern um ein verklärtes Selbstmitleid, das sich aus der Furcht vor dem Verlust an Lebensqualität entwickelt – einem Verlust an Qualität im eigenen Leben. Da kann man schon mal ärgerlich werden, wenn man daran erinnert wird. Zum Beispiel durch eine Blinden, der auf der Party erscheint, und lautstark auf sich aufmerksam macht.

Zudem hatten die Juden die Vorstellung, dass der Blinde selbst die Schuld trägt an seinem Schicksal. Daher ist es nur billig, dass der Blinde moralisch geächtet wird, dass man sich über ihn ärgert, wenn er es wagt, die Stimme zu erheben. Das Judentum sieht Leid nämlich als strafende Konsequenz der Sünde an, sowohl für eigenes Vergehen als auch für das Vergehen der Eltern bzw. vorangegangener Generationen. Wer sich gegen Gott auflehnt, so die Vorstellung, der hat die Folgen seines Verhaltens zu tragen und wer leidet, der muss Gott zuvor einen Grund gegeben haben, dass er ihn so leiden lässt.

Als die Jünger Jesu an anderer Stelle einen von Geburt an Blinden treffen, fragen sie Jesus: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?“ (Joh 9, 2). Leid ist also in den Augen der Jünger stets etwas, das der Leidende „verdient“ hat. Blindheit ist für sie verstehbar als ein Aspekt des großen göttlich organisierten Tun-Ergehens-Kontextes. Jesus räumt mit dieser Einschätzung auf. Den Jüngern, die ihn nicht etwa nach der Ursache der Blindheit fragten, sondern die nur wissen wollten, wer die leidauslösende Sünde begangen hatte, entgegnet er: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Joh 9, 3).

Auch im Falle des Bartimäus, des Blinden, der schon durch die Erwähnung von Name und Abstammung („Sohn des Timäus“) aufgewertet wird, offenbart sich das Wirken Gottes: der Mut, dranzubleiben („Er aber schrie noch viel lauter“), die vertrauende Demut („Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“), die Antwort Gottes („Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her!“), die Tat aus der Kraft der Glaubenserfahrung („Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.“), die Heilung („Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen“), der Mut für die Nachfolge („…und er folgte Jesus auf seinem Weg“).

Mut für die Nachfolge haben auch heute viele Menschen, die von zuhause aufbrechen, um als Missionare in anderen Teilen der Welt zu wirken. Am heutigen Missionssonntag denken wir an die Menschen in den „historischen“ Missionsgebieten, in Amerika, Afrika und Asien. Wer heute allerdings in ein europäisches Priesterseminar schaut, wird feststellen, dass sich die Sache mit der Mission Anno 2012 gerade umgekehrt verhält: junge Männer aus Amerika, Afrika und Asien kommen zu uns, in der Nachfolge Jesu.

Europa ist Missionsgebiet. Das „Jahr des Glaubens“ kommt da gerade recht. Damit sich an den von spiritueller Blindheit geschlagenen Europäern das Wirken Gottes offenbaren kann.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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