Gedenken an Pogromnacht – mit jüdischen Gebeten

„Sämtliche jüdische Geschäfte sind fortan von SA-Männern in Uniform zu zerstören. (. . .) Jüdische Synagogen sind in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen.“ Befehle wie diese erteilten Behörden, Gauleiter undu
Gestapostellen am 9. November 1938 auf Anweisung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda der nationalsozialistischen Partei, Joseph Goebbels.

Die Pogromnacht von 1938 sei weder Anfang noch Höhepunkt der Judenverfolgung gewesen. Aber sie sei eine „Explosion von Enthemmung, Pogrom pur“ gewesen. Viele Menschen hätten damals viel an individueller Schuld auf sich geladen, es gebe keine Kollektivschuld. „Aber es ist ein Schmerz, der einfach nicht vergehen will“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Dies nie zu vergessen, gerade um es heute besser zu machen, bleibe „Aufgabe und Auftrag von uns allen zusammen“.

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien beging bereits am Donnerstag im Wiener Stadttempel eine Gedenkfeier mit einer Lesung und Musik (Ansprache Prof. Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner, Lesung Ulrich Matthes, Musik Andrej Prozorov/Sopransaxophon und Milos Todorovski/Akkordeon, El Male Rachamim Kaddisch).

Dass Gedenkveranstaltungen wie diese nicht mehr ausschließlich Juden als unmittelbar Betroffene ansprechen, bestätigt der Politikwissenschafter Emmerich Tálos: „Die Zeit des Verschweigens und der Verdrängung weicht jener der Aufklärung. Das Bewusstsein für das Thema wächst, mittlerweile ist es nicht mehr auf die jüdische Bevölkerung reduziert.“ Es steige das Bedürfnis, die Opfer zu benennen – und ihrer zu gedenken.

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Zum Gedenken an die Pogromnacht stellt ZEIT ZU BETEN zwei jüdische Gebete vor. Zum einen „G’tt voller Barmherzigkeit“ um die Toten zu achten, die in dieser Zeit des Schreckens und des Terrors ihr Leben verloren haben, sowie in Achtung der Zeitzeugen – und schließlich aller Menschen, die an der Errichtung des friedlichen Reiches Gottes auf Erden mitarbeiten. Damit sind wir beim zweiten Gebet „Kaddisch“, das uns zur Heiligung des Lebens (unseres Lebens) führen soll, in dem wir mit ganzem Herzen auf die Hilfe des Ewigen Gottes bauen.

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El mole Rachamim

G’tt voller Barmherzigkeit

Gedächtnisgebet für die als Märtyrer Verstorbenen

Der Vater des Erbarmens,
der in himmlischen Höhen thront,
gedenke der Seelen, lass selige Ruhe finden
unter den Schwingen der g’ttlichen Majestät,
in hohen Regionen der Heiligen und Reinen,
die Seelen –

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der Männer, Frauen und Kinder,

die in den Lagern Auschwitz,

Treblinka, Bergen-Belsen,

Buchenwald, Theresienstadt

und den anderen Lagern

hingemordet wurden, sowie aller

unserer Brüder und Schwestern,

die eingingen in die Ewigkeit,

die sich töten, erschlagen, dahinschlachten,

verbrennen, ertränken, erwürgen ließen

zur Heiligung des g’ttlichen Namens.
*

Oh Herr der Barmherzigkeit,
nimm sie in den Schutz der Fittiche der Ewigkeit und

mögen ihre Seelen aufgenommen werden im Bunde des Lebens,
vereint mit den Seelen Abrahams, Isaaks und Jakobs,
Saras, Rifkas, Rachels und Leas

und mit allen frommen Männern und Frauen,
denen Seligkeit zuteil geworden ist im Garten Eden.
*

Sprechen wir:
Amen.

Ani Ma’aamin –

Ich glaube mit voller Überzeugung an das Kommen des „Maschiach“;
obwohl er säumt, warte ich trotzdem jeden Tag, dass er komme.

*

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Aus dem jüdischen Gebetsbuch:

Kaddisch – Die Heiligung – haKadisch

Jitgadal w’jitkadaš, Sch’meh rabah, b’Alma di hu Atid l’it’chadata.

Erhoben und geheiligt, sein großer Name,
in der Welt die er erneuern wird.

*
Uleachaja Metaja, uleasaka jatehon leChajej Alma,
Er belebt die Toten, und führt sie empor zu ewigem Leben,
ulemiwnej Karta di-Jeruschelejm
Er erbaut die Stadt Jiruschalajim
uleschachelala Hejcheleh beGawah,
und errichtet seinen Tempel auf ihren Höhen,
ulemaeeakar Palchana nucheratah min-Areaa,
Er tilgt die Götzendienerei von der Erde
welaatawa Palchana di-Schmaja leAtra,
und bringt den Dienst des Himmels wieder an seine Stelle,
wejamlich Kudescha berich hu beMalchuteh Wikareh
und regieren wird der Heilige, gelobt sei er,
in seinem Reiche und in seiner Herrlichkeit,

beChajejchon uweJomejchon
in eurem Leben und in euren Tagen
ubeChajej dechal-Bejt Jiserael
und im Leben des ganzen Hauses Israel
baAgala uwiSeman kariw,
schnell und in naher Zeit,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amen.

Jehe Schemeh raba mewarach, leAlam uleAlmej Almaja!
Sein großer Name sei gelobt,
in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!

Jitbarach wejischtabach
Es sei gelobt und verherrlicht

wejitromam wejitnasej
und erhoben und gefeiert
wejithadar wejitealeh
und hocherhoben und erhöht
wejitehalal Schemeh deKudescha berich hu,
und gepriesen der Name des Heiligen, gelobt sei er,
leajla min-kal-Birchata weSchirata,
hoch hinaus über jede Lobpreisung und jedes Lied,
Tuschbechata weNechaemata
jede Verherrlichung und jedes Trostwort,
daamiran beAlma,
welche jemals in der Welt gesprochen,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amen.

Jehi Schem Adonaj Meworach meAtah wead Olam!

Es sei der Name des EWIGEN gelobt, von nun an bis in Ewigkeit!

Jehe Schelama raba min-Schemaja,

Es sei Fülle des Friedens vom Himmel herab,
weChajim,
und Leben,
alejnu weal-kal-Jiserael,
über uns und über ganz Israel,
weimeru Amejn.
Und sprechet: Amen.

Aeseri me’im Adonaj, Oseh Schamajim waArez.
Meine Hilfe kommt vom EWIGEN, dem Schoepfer des Himmels und der Erde.

Oseh Schalom biMeromaw,
hu jaaeseh Schalom alejnu weal-kal-Jiserael,

Der Frieden schafft in seinen Höhen,
er schaffe Frieden unter uns und über ganz Israel,

weimeru Amejn.
Und sprechet: Amen.

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HAGALIL.COM

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Was ist ein Jüdisches Gebet?

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Es kann zu jeder Tageszeit passieren. Mit gesenktem Kopf flüstern wir ein an G-tt gerichtetes kurzes Gebet. Wenn wir leiden, Schmerzen haben oder eine zeitlich begrenzte Schwierigkeit, wenden wir uns an unseren Schöpfer und bitten ihn um Seine Hilfe.

Das ist das wesentliche Gebet. In der Tora werden wir dazu angehalten, uns an G-tt zu wenden, wenn wir Schwierigkeiten erleben; die genauen Worte sind unwichtig – es ist nur wichtig, dass dieses Kommunique von Herzen kommt.

Auf einem sehr grundlegenden Niveau drückt das Gebet unseren Glauben an G-tt aus, und zwar unsere Einsicht, dass wir von Seiner Wohltätigkeit abhängig sind, und dass Er als der alles Lenkende, uns aus unserer Schwierigkeit befreien kann. Und daher wenden wir uns, egal wie trivial das Anliegen auch erscheinen mag, in Notzeiten an denjenigen, von dem wir wissen, dass Er helfen kann.

In der Tora wird das Gebet als „der Dienst des Herzens“, der mit Liebe und Ehrfurcht durchdrungen ist, beschrieben. Im Gebet nähert sich das Kind seinem liebevollen Elternteil. Tatsächlich schreibt Maimonides, der Weise des Mittelalters: „Gebet ohne Konzentration ist wie ein lebloser Körper“.

Die Chabad Philosophie, die auf der Lehre der Kabbala beruht, erachtet das Gebet als mehr als ein bloßes Vehikel, um unsere Bedürfnisse vor G-tt zu bringen. Es ist tatsächlich die primäre Art und Weise, wie wir unser Bewusstsein mit dem G-ttlichen verbinden können, eine zeitliche Insel, wo unsere Seelen losgebunden werden, um die himmlischen Höhen zu erreichen. Solches Gebet hat einen veredelnden Einfluss auf den ganzen Tag.

Viele Chabad-Werke befassen sich mit der Natur und der Kraft des Gebets, mit Meditationen vor und während des Gebets, und mit der entscheidenden Bedeutung, seine Seele in diesem täglichen Dienst des Herzens zu investieren.

Die Geschichte des Gebets

Am Anfang war die Mizwa zu beten nicht zeitlich oder textlich festgelegt. Jeder suchte sich seine eigenen Worte aus, mit denen er seinen Schöpfer ansprechen wollte. Es gab damals aber schon einen festgelegen Ablauf des Gebets: G-tteslob, danach Bitte um die Erfüllung aller Bedürfnisse, dann Dankbarkeitsbekundung für alles, was G-tt für uns getan hat – sowohl kollektiv als auch individuell.

Nach der Zerstörung des Heiligen Tempels in Jerusalem im Jahre 423 vor der allgemeinen Zeitrechnung, waren die Juden 70 Jahre lang im babylonischen Exil. Die Mehrheit der neuen Generation, die in der Diaspora geboren worden war, konnte Hebräisch — die „Heilige Sprache“ – nicht flüssig sprechen. Tatsächlich sprachen viele eine Kombination aus Babylonisch, Persisch, Griechisch und anderen Sprachen, was sie daran hinderte, ihre eigenen Gebete richtig zu formulieren.

Um dieses Problem zu lösen, hat der Schriftgelehrte Esra – zusammen mit den Männern der Großen Versammlung, die aus 120 Propheten und Weisen bestand – einen Standardtext für das Gebet in hebräisch verfasst. Sie legten außerdem drei Zeiten für das tägliche Gebet fest: Morgens, nachmittags und abends.

Die drei Gebete, ein viertes wird beim Morgengebet am Schabbat und an jüdischen Feiertagen hinzugefügt, drehen sich um die Amida, eine Serie von neunzehn Segenssprüchen. Die Morgen- und Abendgebete beinhalten auch das Schma Jisrael, da es am Morgen und in der Nacht zu sagen, eine Mizwa ist. Einige Psalmen, Segenssprüche und Gebete runden das Gebet ab.

Bis zum zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung waren die Gebete so formuliert, wie wir sie heutzutage kennen.

Darüber hinaus werden wir ermuntert, persönliche Gebete und Konversationen mit G-tt einzuleiten.

Das Gebet mit der Gemeinde

Obwohl man überall und zu jeder Zeit beten kann (so lange der Ort angemessen dafür ist, mit seinem Schöpfer zu sprechen), wird in der jüdischen Tradition das Gebet mit der Gemeinde bevorzugt.

Dafür gibt es zwei Gründe: a) Wir bemühen uns darum, mit G-tt zu kommunizieren, wo unser Gebet besonders leicht zu ihm gelangt, und eine Synagoge wird als Miniatatur des Tempels in Jerusalem, wo G-tt besser erreicht werden konnte, angesehen. b) Wenn wir mit anderen zusammen beten, macht das das Gebet jedes Einzelnen bedeutsamer, da die guten Taten aller zusammengenommen werden und das gemeinsame Gebet stärken.“

Copyright Dovid Zaklikowski, CHABAD.ORG

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Dieser Text ist auch Teil der folgenden Beitragsreihe:

>>> 1. Terror und Antisemitismus

>>> 2. Die ersten Israelis

>>> 3. Die Geschichte Palästinas

>>> 4. Staatsgründung Israel

>>> 5. Israel von der Gründung bis ins 21. Jahrhundert

>>> 6. PLO und HAMAS

>>> 7. Palästinensische Autonomie und Politik

>>> 8. Siedlungspolitik

>>> 9. Christsein mit jüdischen Wurzeln

>>> 10. Progromnacht: Gedenken mit einer Haggada

>>> 11. Gedenken an das Progrom – jüdische Gebete

>>> 12. Bericht aus der Hölle (Marcel Reich-Ranicki)

>>> 13. Papst Benedikt XVI. in Yad Vashem

>>> 14. Papst Franziskus in Yad Vashem

>>> 15. Das Herz von Jenin

>>> 16. Glik oder Glück, das ist die Frage…

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2 Gedanken zu “Gedenken an Pogromnacht – mit jüdischen Gebeten

  1. Danke für den Kaddish! Ich bete ihn öfters, gerade im Zusammenhang mit den Psalmen, welche ja zur jiddischen Gebetstradition gehören. Wenn man sich bewusst ist, dass die Juden doch unsere „älteren Geschwister“ sind, bekommt dieses Gebet eine ganz andere Färbung. Danke Stefan!

    1. Danke, BrMartin, für deinen Komentar.

      Papst Benedikt XVI. ermuntert dazu, von unseren „älteren Geschwistern im Glauben“ zu sprechen, und ich denke, immer mehr Christen tun dies auch.
      Vielleicht ist dies ein kleiner Beitrag zu dieser Haltung.

      Gott schütze Juden, Christen und alle, die in aufrichtiger Weise an IHN glauben und zu IHM beten!

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