„Wir sollten nicht etwas, sondern uns geben“ (32. So im JK)

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Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. (Markus 12, 38-44)

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Das Opfer der armen Witwe

Es handelt sich bei der Begebenheit mit der Witwe, die – wie Luther sagt – ihr „Scherflein“ gibt (der Scherf war eine Erfurter Münze), um ein Bild, das einer Deutung bedarf, trotz der Liebe zum Detail und der vermeintlich klar abgegrenzten Thematik. Doch klar ist zunächst nur, dass es um das Opfer geht, um das Opfer, das ein Mensch für Gott und für den Nächsten zu bringen bereit ist.

In einer ersten Deutungsstufe wird der Vergleich des absoluten Opfers zu einem Vergleich der Relation zwischen Gegebenheit und Gegebenem. Diese Deutung verbleibt auf der Ebene des materiellen Opfers. Die Witwe hat insoweit „mehr“ geopfert als es für sie, in Relation zu ihrem Vermögen, „mehr“ war als die Opfergabe der Reichen. Sie gibt prozentual mehr.

Das ist ein Aspekt, der uns in Debatten um das richtige Maß, etwa bei der Steuer, immer wieder begegnet. 1 Euro ist 1 Euro, doch für den, der 1000 Euro hat nur 1 Promille, für den, der 10 Euro hat aber schon 10 Prozent. Als uns im Frühjahr 2005 der Tsunami in Südost-Asien zum Spenden anhielt, haben Prominente wie Normalverbraucher Geld geopfert. Eine Boulevardzeitung schrieb damals, Michael Schumacher habe wohl mehrere Millionen Euro gegeben. Der SPD-Politiker Franz Müntefering sagte daraufhin, ihm seien die 50 Cent eines Arbeitslosen lieber als die Millionen eines Formel 1-Weltmeisters.

Auf den ersten Blick könnte man eine Analogie zu Jesu Position aus der Erzählung von der Witwe herauslesen: Wir müssen das Opfer in Relation setzen zum Opfernden. Diese erste Deutungsstufe nimmt Jesus auch in der Tat selbst vor. Sie gehört damit noch zur Erzählung, zum Bild. Jesus öffnet aber schon die Perspektive für eine zweite Deutungsstufe, in der es nicht mehr um materielle Dinge geht.

Denn die Witwe gibt nicht nur – für ihre Verhältnisse – viel, sie gibt alles, „alles, was sie besaß“. Sie gibt nicht 10 Prozent, sie gibt 100 Prozent. Damit ist ein Maß erreicht, das nicht mehr nach gerechter Verhältnismäßigkeit fragen lässt, sondern das jedes „denkbare“, jedes „vernünftige“ Maß überschreitet. Und damit ist klar, dass wir über Grundsätzliches reden, das lediglich mit etwas sehr Grundlegendem, nämlich Geld, versinnbildlicht werden soll. Wir reden über die totale Hingabe an Gott, die im Vertrauen auf Gott ihren Grund hat. Nur, weil es um Gott geht, kann die Witwe alles geben. Im Bund mit Gott braucht sie keine irdische Rückversicherung.

Joachim Reinelt, der emeritierte Bischof von Dresden-Meißen, führt dazu aus: „Ganz selbstverständlich kommt sie und gibt alles her, was sie besitzt, ihren ganzen Lebensunterhalt. Nur zwei kleine Münzen wirft sie in den Opferkasten. In den Augen der Wohlhabenden eine unbedeutende Opfergabe, in den Augen Jesu Christi, des Meisters, eine Tat des vollendeten Vertrauens auf die gütige Vorsehung des Vaters im Himmel. Er wird für sie sorgen, gerade weil sie von diesem Augenblick an völlig mittellos dasteht. Eine wichtige Erfahrung, eine Lehre für die Jünger, die der Herr ausschickt, in Vollmacht das Reich Gottes zu verkünden. Diese Witwe öffnet ihnen und uns eine Tür zu der Einsicht: Vater im Himmel, auf deine Güte darf ich so stark vertrauen, wie es Franziskus und Klara, Dominikus und Elisabeth, Ignatius und Tausende von Christen vorbildlich getan haben.“

Und wie ist das mit dem Heiligen des heutigen Tages, mit Martin von Tours? Schließlich teilt er seinen Mantel mit dem Bettler, er verschenkt ihn nicht ganz. Er gibt also nicht „alles“, sondern „nur“ die Hälfte, „bloß“ 50 Prozent. Nun, abgesehen davon, dass wir damit wieder rein materialistisch dächten und abgesehen von sehr pragmatischen Erwägungen (ein römischer Offiziersmantel reichte wohl locker für zwei Personen – und hoch zu Ross war es bestimmt auch nicht gerade mollig warm), stimmt das so nicht ganz. Denn: Die Ausrüstung des Offiziers gehörte ihm nur zur Hälfte; die andere Hälfte gehörte dem Staat. Martin gibt also doch alles, nämlich alles, was er geben kann, ohne einem anderen – in dem Fall Rom – etwas wegzunehmen. Der Heilige Martin hat also, wie die Witwe, „alles gegeben, was er besaß“. Nicht weniger und nicht mehr. Und: Mehr wird auch nicht verlangt.

Die Heiligen – zählen wir die Witwe ruhig dazu – sind uns Vorbild im Glauben, im Vertrauen und in der Hingabe. Sie haben sich ganz Gott hingegeben. Sie haben sich gegeben. Auch wir sollen deshalb nicht etwas, sondern uns geben. Christlicher Glaube ist kein Taktikspielchen und auch keine Relationsrechnung, christlicher Glaube ist Lebensform – ohne Wenn und Aber. Unsere Opfergabe ist unser Leben als solches. Denn Gott hat uns auch nicht bloß etwas gegeben, sondern sich, in Jesus Christus, unserem Herrn.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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