„Ero cras“, die O-Antiphonen

O-Antiphone

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In der Zeit vom 17. bis 23. Dezember werden in der Vesper die so genannten O Antiphonen gesungen. HIC ET NUNC schreibt dazu:

„Tatsächlich gibt es auch nur wenige so kunstvoll dichte liturgische Texte im römischen Ritus wie sie. Am ehesten sind ihnen noch die Antiphonen zum Oktavtag von Weihnachten zu vergleichen. Man weiß nur wenig oder fast nichts über ihre Entstehung und Herkunft aber findige Köpfe haben die Anrufungen aneinander gereiht und jeweils vom letzten Anfangsbuchstaben ausgehend rückwärts gelesen den verschlüsselten Satz „ero cras“ entdeckt – morgen werde ich (da) sein. Wenn man also am 23. Dezember abends noch einmal auf die vergangene Woche zurückblickt, steht insgesamt diese große Verheißung der unmittelbar bevorstehenden Ankunft in großen Buchstaben gleichsam vor Augen.

Alle 7 Antiphonen sind gleich aufgebaut. Es beginnt mit einer Anrufung, einem Wort aus dem Alten Testament, das auf Christus gedeutet wird. Danach folgen weitere alttestamentliche und auf Christus weisende Sätze. Der zweite Teil beginnt mit dem Wort wie »veni/komm« und der Hinführung zum gewünschten, erbetenen Ziel.

In allen diesen Antiphonen wird Christus, der kommende Erlöser, mit alttestamentlichen Texten umschrieben und um sein Heil bringendes Kommen angefleht. Die Anrufung »veni« stammt aus dem Neuetestamentlichen Buch der Offenbarung: Immer wieder bündelt die Liturgie die Erwartung der Menschen, dass Gottes Heil auf dieser Erde und in ihr Leben komme, in ein inständiges »veni!«.

Es ist ein wahrhaft spirituelles und kosmisches Anrufen. Darin stecken die römischen Saturnalien, die sieben Gaben des Heiligen Geistes, und die in der Antike gültige Siebenzahl der Planeten.

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Antiphon Nr. 1 und 2

O Weisheit, die du aus dem Mund des Höchsten hervorgegangen bist (Jesus Sirach 24,3),
umspannend von einem Ende bis zum anderen
mit Macht und mit Milde ordnend das All (Weisheit 8,1):
Komm, uns zu lehren den Weg der Klugheit (Jesaia 40,14).

O Adonai und Führer des Hauses Israel (Exodus 6,3ff),
der Du Mose in der Feuerflamme des Dornenbuschs erschienen bist (Exodus 3,2)
und ihm auf dem Sinai das Gesetz gegeben hast (Exodus 19ff):
Komm und erlöse uns mit erhobenem Arm.

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Gott tut den ersten Schritt, das Unmögliche zu vollbringen. Er ist ja der Gott, der Unmögliches möglich machen kann. Auf seinem Weg zu Gott konnte der Mensch diesen Schritt nicht tun. Deshalb kommt Gott ihm entgegen, lässt sich zu ihm herab.

Damit der Mensch eintreten kann in die göttliche Familie, wird Gott ein Glied der Menschenfamilie. Gott hat die Natur des Menschen angenommen. Er wollte aus einer Jungfrau geboren werden, damit wir seiner göttlichen Natur teilhaftig würden. Der Graben ist somit ganz aufgefüllt – durch die Menschwerdung Gottes!

Der Sohn steigt herab zu uns: Jesus. Der Unsichtbare wird sichtbar, der Unberührbare berührbar in Jesus!

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Antiphon Nr. 3 und 4

O Spross aus der Wurzel Isais (Jesaia 11,10),
der du dastehst als Zeichen für die Nationen,
vor dem die Könige ihren Mund schließen, den die Völker anflehen (Jesaia 52,15; 53,7):
Komm, uns zu befreien, säume nicht länger (Habakuk 2,3).

O Schlüssel Davids und Zepter des Hauses Israel (Genesis 49,10),
der du öffnest und niemand schließt;
du schließt und niemand öffnet (Jesaia 22,20):
Komm und führe den Gefangenen aus dem Kerker,
den, der sitzt in Finsternis und Todesschatten (Jesaia 42,7; Psalm 107,10).

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Was da geschehen ist, müsste uns bestürzen und betäuben: so unglaublich ist das, dass man fast Zweifel daran haben muss. Wir brauchen uns gar nicht zu wundern, wenn die Menschen Bestürzung und zweifelndes Staunen ergreift. Wir müssten uns nur wundern, wenn dem nicht so wäre.

Es braucht starken Glauben, um wirklich anzunehmen, dass Gott Mensch geworden ist. Der Vater selbst muss uns offenbaren, dass Jesus der von ihm Gesandte ist. Ganz klein und demütig müssen wir werden, um das alles zu begreifen. Diskutieren nützt gar nichts. Die Menschen müssen liebend suchen; dann werden sie finden.

Jeder von uns hat seine Geschichte. Jeder muss geduldig seinen eigenen Weg gehen früher oder später treffen Geschichte und Weg auf Weg und Geschichte Jesu. Dann kommt der Augenblick der Entscheidung. Ich muss ja oder Nein sagen. Eines ist sicher: solange wir ihn nicht angenommen haben und bezeugen als Sohn Gottes, fehlt etwas in und an unserem Leben. Es bleiben Schatten in der Sonne unseres Lebens, es bleiben Sehnsucht und Unruhe.

Wenn du jemanden triffst, der sagen kann, dass er echtes Leben und Frieden ohne Jesus gefunden hat, dann komm und sage es mir! Ich habe bislang noch niemanden gefunden.

Ich begann in dem Moment Gott kennen zu lernen, in dem ich Jesus als die Wahrheit angenommen habe. Ich habe Frieden gefunden, als ich mich bemühte, ihm ganz nahe zu kommen. Wahre Freude ist mir zuteil geworden, als ich erkannte, welche Gabe er darbietet: Ewiges Leben.

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Antiphon Nr. 5 und 6

O Morgenstern (Jesaia 60,2),
Glanz des ewigen Lichtes (Jesaia 62,1)
und Sonne der Gerechtigkeit (Maleachi 3,20):
Komm und erleuchte, die sitzen in Finsternis und Todesschatten.

O König der Völker (Psalm 47,9)
und ihr Ersehnter (Haggai 2,8),
Du Schlussstein (Epheserbrief 2,20), der du die beiden vereinigst (EPH 2,14):
Komm und heile den Menschen, den du aus Lehm gebildet hast (Genesis 2,7).

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Jesus hat aber noch mehr getan. Nicht nur als Erlöser ist er gekommen, das hätte ihm noch nicht genügt, seine ganz von Liebe getragene Sendung zu erfüllen. Er ist auch gekommen um das zu bezeugen, was er ewiges Leben nennt. Was ist dieses ewige Leben?

»Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, denn allein wahren Gott erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus« (JOH. 17,3).

Ewiges Leben ist also in erster Linie Erkenntnis. Wir erkennen den Vater, erkennen Jesus. Es handelt sich um keine äußere Erkenntnis von etwas, das wir uns schon irgendwie vorstellen konnten. Eine echte, übernatürliche Erkenntnis ist es, eine Erkenntnis, die vom gleicher Art ist wie jene, die wir einmal haben werden, wenn der Schleier fällt und wir Gott zu sehen von Angesicht zu Angesicht. Wir werden Gott erkennen, wie er ist, nicht, wie er erscheint oder wie man sich ihn vorstellen könnte. Eben dies ist eine Erkenntnis jenseits der Dinge, das Geheimnis der Nähe zu Gott und des betrachtenden Gebetes.

Jesus, der uns das ewige Leben schenkt, schenkt uns die Erkenntnis des Vaters, während wir noch Menschenkinder sind. Aber auch um die Erkenntnis Jesu geht es. Wir werden nie hinreichend ausdrücken können, was das heißt – “Jesus erkennen!” Jesus ist die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Sichtbarem und Unsichtbaren. Jesus ist nach dem Willen Gottes das Haupt aller Erlösten, der Erste unter den Schwestern und Brüdern. Er stellt den ursprünglichen Plan des Vaters wieder her. Er ist der, vor dem sich jedes Knie beugt im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Jesus ist die Mitte von Schöpfung und Geschichte.

Jesus ist unser Heil. Er ist die Sonne des unsichtbaren Gottes, das Feuer seiner Liebe. Er ist der Heilige Gottes, der wahre Anbeter, der ewige Hohepriester, der König der Zeiten. Jesus ist die Ehre Gottes.

Dieser Jesus ist unser Bruder. Als solcher ist er uns nahe und zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen, um zum unsichtbaren Gott zu gelangen. Er drückt für uns vorstellbar aus, was unsichtbar ist, handelt als Mensch so, wie Gott handeln würde. Er bringt den “Lebensstil” Gottes zu uns. Das alles ist Frohbotschaft.

Jesus tut und sagt alles so, wie es Gott tun und sagen würde. Was er sagt, hat er vom Vater sagen hören. Das Evangelium auf Erden leben meint, das Leben der Heiligen im Himmel zu führen. Das Evangelium ist alles.

Das Evangelium ist eine lebende Person: Jesus.

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Antiphon Nr. 7

O Emmanuel (jesaia 7,14),
unser König und Gesetzgeber (Jesaia 33,11),
Du Erwartung der Völker und ihr Heiland (Genesis 49,10):
Komm, heile uns, Herr, unser Gott (Psalm 105,47).

***

Zum Abschluss sei noch einmal daran erinnert: Dass die O Antiphonen nicht vergeblich gesungen oder gesprochen werden, sondern Christus zu Weihnachten in unsere Herzen einziehen wird, sagen die Anfangsbuchstaben der ersten sieben Wörter der O Antiphonen, wenn sie von rückwärts gelesen werden:

Sapientia
Adonaj
Redemptor
Clavis David

Oriens
Rex Gentium
Emmanuel

ERO CRAS – Morgen werde ich da sein!

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2 Gedanken zu “„Ero cras“, die O-Antiphonen

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