Eine andere Weihnachtsgeschichte

Im Advent 2012 unterbricht der 25jährige New Yorker Polizist Larry Deprimo seinen Dienst, um einem Obdachlosen Thermosocken und warme Schuhe zu kaufen. Was sagt uns diese Geschichte? – Nun gut, da hat einer Mitleid gehabt, und das ist es auch schon….

Aber ist diese Begebenheit damit wirklich abgetan? Wenn ich an die zwei Jahre denke, die ich in Manhattan gelebt und gearbeitet habe: Wer die schnellen, rastlosen Schritte der New Yorker Bevölkerung durch ihre Stadt kennt, weiß intuitiv – da steckt mehr dahinter.

Gehen wir zurück nach Europa und erinnern uns an eine deutsche Theologin, die vor knapp 10 Jahren verstorben ist. Eine polarisierende und umstrittenene Persönlichkeit evangelischen Glaubens – halt, geht das denn auf diesem entschieden katholischen Blog? Keine Sorge, es geht, da es der Autorin um ausdrücklich christliche Gedanken zum Thema Weihnachten geht, und explizit Christliches kann auf einem katholischen Blog nicht unangebracht sein.

Achtung!

Es soll darauf hingewiesen werden, dass sich manche Leser durch den Stil der Autorin abgestoßen fühlen könnten: In diesem Fall bitte ich um Nachsicht! Es finden sich am Ende des Beitrags Anregungen der Autorin, wie man an das Thema Weihnachten neu herangehen kann, und schließlich eine praktische Anregung von mir, wie man den Gefahren des Weihnachtskonsums begegnen kann.

Hier nun der Beitrag von Dorothee Sölle aus den 70er Jahren, der in vielen Passagen frisch wie die Nadeln des heurigen Weihnachtsbaums wirkt.

WEIHNACHTEN NEU LERNEN

(rot markierte Passagen stammen vom Blogbetreiber)

Eine sakralisierte Geschichte

„Es gibt kaum ein Fest, beim so überdeutlich wird, wie sinnentleert die christliche Tradition ist, und darum gut zu verkaufen.“ Na, das kann klingt schon sehr spannungsreich, und die Töne der Autorin sind durchwegs kräftiger Natur: „Vor lauter Sternen haben wir uns angewöhnt, den schmutzigen Stall zu übersehen, vor lauter Königen, die verängstigten Hirtinnen und Hirten vergessen oder zu idyllischen Schäfern gemacht, und in den Kirchen hört man viel über Lobgesang, aber nichts darüber, wie lange die Wehen bei Maria dauerten und ob sie sehr schrie. Die Geschichte ist sakralisiert worden, ihre Profanität wurde allmählich vergessen, weil es leichter ist, eine heilige Geschichte zum Trost zu benutzen, als von einer profanen zu lernen.“

Licht von oben?

„Weihnachten ist nicht, wie man uns lange weismachen wollte, so etwas wie „Licht von oben“. Weihnachten ist – mit einem Wort aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – Macht von unten.“ Dorothee Sölle spricht aus den Ereignissen ihrer Zeit, aber außer den Schauplätzen hat sich in der letzten Generation nicht viel geändert – denken wir nur an den arabischen Frühling und die dort spürbare Macht von unten. „Mit Macht meine ich Stärke, Kraft, Freude und Freiheit, die unten ihren Anfang nehmen, die im Stall, auf dem Feld, am Arbeitsplatz sichtbar werden. Macht heißt hier so viel wie das Vermögen, zu erstarken, Freude zu erleben und zu verteilen und Befreiung herzustellen.“

Weihnachten fängt unten an

„Weihnachten nun – aber vielleicht müssen wir vorsichtiger sagen: Was damit gemeint war – fängt unten an, und Stall und Krippe, die von uns längst sentimental besetzten und von der Weihnachtsindustrie verbrauchten und verkauften Symbole, meinen nichts anderes als dieses „unten“. Es mag sein, dass einige von uns die Frage, was mit Weihnachten eigentlich gemeint sei, nur noch mit Erstaunen und Ungeduld ertragen. Da wir, so meinen sie, die Realität dieser Sache „Weihnachten in einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft“ ja vor Augen haben – welchen Sinn könnten solche bis zum Überdruss gestellten Rückfragen und Deutungen haben? Dienen sie nicht nur der Verschleierung dessen, was ist?“

Leben aus Kindheitserinnerungen

„Sicher ist, dass das Unbehagen an Weihnachten, wie an anderen traditionellen und kommerzialisierten Festen, bei Christen oder bei Nachchristen größer ist als bei Nichtchristen. Das hängt damit zusammen, dass sie bewusst und viel häufiger unbewusst, von diesem Fest mehr erwarten, als es bieten kann. Sie stehen in einer großen Tradition, in der sie sich nicht zurechtfinden können und mit der sie sich doch arrangieren wollen. Das Unbehagen an Weihnachten, man kann es schon ruhig die Angst vor Weihnachten nennen, greift dabei zurück auf Erwartungen, wie sie in einer christlichen und bürgerlichen Kindheit wohl geweckt werden konnten. Da taucht der begreifliche Wunsch auf, sich noch einmal „wie ein Kind“ auf Weihnachten freuen zu können, das heißt, noch einmal so auf einen Tag, eine Nacht, ein Erlebnis hin leben zu können.“

Banalisierung der Gnade

„Es sind kindheitsgebundene Träume und Sehnsüchte, denen wir dabei nachhängen, wir vergessen das eigene, inzwischen erwachsen gewordene Leben, in dem es doch auch im Mai vorkommt, dass man sich auf einen Menschen wie auf Weihnachten freut. Wir vergessen, dass wir es längst gelernt haben, unsere Spannung, unsere Kraft, unsere Vorfreude, ob das, was ich eben unsere Macht genannt habe, in unserem eigenen Leben selber zu realisieren, und dass nur diese Form von Erfüllung die erwachsenen, selbständig gewordenen Menschen geschieht, den Namen „Gnade“ im Ernst verdient. Wir verniedlichen und wir banalisieren die Gnade, wenn wir sie im Modell des bürgerlichen Kindes unter dem Weihnachtsbaum denken, aber die christliche Erziehung, die die meisten von uns genossen haben, verführt zu solchen kindischen und sentimentalen Träumen.“

Die Intensität der Kinder

„Wir erwarten, beschenkt zu werden, obwohl wir schon gelernt haben, dass das Schenken nicht mit Dingen abzumachen ist, sondern nur mit dem Leben selber, das man verteilen oder horten kann. Wir haben Angst vor Weihnachten, weil dieser Tag uns daran erinnert, dass uns die Intensität der Kinder abhanden gekommen ist.“ Das ist starker Tobak, weil es einen wunden Punkt trifft. Kinder erleben das Beschenktwerden (sowie das Nichtbeschenktwerden) auf eine intensive Weise, an die man sich als Erwachsener gerne erinnert. Weil viele Erwachsene aus diesen Erlebnissen nichts eigenständiges (erwachsenes) gemacht haben, hat es die Weihnachtsindustrie so leicht, uns alle auf einer einzigen (kindlichen) Schiene tanzen zu lassen.

Erwartungshaltungen

„Manchmal kommt es mir so vor, als hätten Christen es schwerer als Nichtchristen erwachsen zu werden. Die Religion hält in ihnen eine Sehnsucht, einen Anspruch, eine Hoffnung wach, die sich nicht abspeisen lässt und die uns abverlangte Anpassung an das Bestehende erschwert. In einer Welt wie der unseren, in der Religion keine unzweideutige soziale Ausdruckform hat, wie sie zum Beispiel die Mönchsorden im Mittelalter darstellten oder einige christliche Gruppen in sozialistischen Ländern sie versuchen, in der die Kirchen eher als „Versicherungsanstalten gegen zu viel Religion“ fungieren, bindet sich die Sehnsucht vieler Christinnen und Christen nach Realisierung dessen, was der Glaube erhofft, zurück an die Kindheit und an eine für das Kind richtige, im Erwachsensein aber überwundene Erwartungshaltung, die alles vom anderen und von außen erhofft.“

Viele arrangieren sich

„In dieser Erwartungshaltung geraten Menschen in ein fatales Verhältnis zur christlichen Tradition, das mit dem Ausdruck „sich arrangieren“ – mit Hilfe von Blockflöten oder Kerzen – noch allzu harmlos umschrieben ist. Das Evangelium selber kritisiert diese Erwartung, weil wir in ihr – und darum ist sie so schwer auszurotten – immer noch in einer vollständig unvermittelten Form auf Gott hoffen. Wir denken uns eine Begegnung mit ihm, ein Wahrwerden seiner Wirklichkeit, eine Veränderung unserer Wirklichkeit, die dann – so träumen wir – mit einem Schlag erfüllt und heil ist. Aber ist es das Evangelium der Heiligen Nacht, das uns dazu ruft, auf das Licht von oben zu warten? Müssen wir uns selber zu Hirten und Hirtinnen stilisieren, die im Dunkel wandernd den Stern ihrer Träume erblicken?“

Aufarbeitung der Menschwerdung

„Man muss diese komplexe Beziehung zur Religion in zwei Richtungen hin aufarbeiten: Das religiöse Bedürfnis, das sich im Wunsch, Weihnachten zu feiern, ausdrückt, hat seine Wahrheit darin, dass es sich mit der Gegenwart nicht abfindet und wie Kinder „alles“ haben will, es verbiegt diese Wahrheit aber ins kindische, passive Erwarten. Es kommt also nicht darauf an, die eigene kindheitsgebundene Sehnsucht einfach loszuwerden und sie durch den unbedenklich genossenen Weihnachtskonsum zu ersetzen, aber wir müssen erkennen, inwiefern diese Sehnsucht zu einer Sentimentalität verkommen ist, die mit dem Evangelium nichts zu tun hat.“

Gott wird Mensch – was bleibt von der Einzigartigkeit?

„Worin besteht denn aber dieses weihnachtliche Evangelium und inwiefern können wir an der Macht, von unten, die es verspricht, teilnehmen und von ihr lernen? Es ist eine Aussage, die wie alles im Evangelium einfach und schwer zu machen ist, sie heißt: Gott wird Mensch. Es ist kein Zweifel darüber, was man das Geheimnis des Glaubens nennen könnte, die Kraft, aus der er schöpft. Wo der Glaube in der Geschichte der Christenheit innerhalb der kirchlichen Apparate verraten wurde, da wurde dieser Satz zuschanden, dass Gott Mensch geworden ist; da blieb Gott Gott, der erhabene Moloch, dem zu Ehren Kriege geführt, Ketzer der Inquisition übergeben und Hexen verbrannt werden mussten.“

Gott wird immer wieder Mensch

„Was es bedeutet, dass Gott Mensch wird, das sei hier in zwei Richtungen entfaltet, die erste heißt: Gott wird immer wieder Mensch, und die zweite: Gott wird immer mehr Mensch. Man muss es in der Gegenwart denken, dass Gott Mensch wird, weil sonst die perfekte, vergangene Aussage, dass Gott einmal Mensch geworden ist, zu einem religiös verdinglichten Faktum wird, einer Art Götzenbild, das keinen Schritt über die anderen Religionen hinausführt und das wie ein Stein gegen andere benutzt werden kann. Der Satz, dass Gott Mensch geworden ist, also die vergangene, perfekte, abgegrenzte Aussagte, die in der Geschichte der Christenheit unter anderem zum Mord an denen benutzt worden ist, die diesen Satz nicht annahmen, den Juden und Jüdinnen. Ich meine, das sei ein Grund, diesen Satz zu korrigieren.“

Er wird Mensch, auch heute!

„Es genügt nicht, zu sagen: Gott ist einmal vor 2000 Jahren Mensch geworden, weil man auf diese Weise nur dogmatisch korrekt verfährt, die Menschen aber, die von der Inkarnation etwas haben sollten, wieder mit dem indes längst zum Himmel Emporgestiegenen allein lässt. Das Geheimnis des Evangeliums ist nicht diese auf Vergangenes bezogene Formel, dass Gott früher einmal Mensch geworden ist, sondern dass er immer wieder Mensch wird. Inkarnation ist kein einmaliger Vorgang, der um 30 nach Christus in Jerusalem abgeschlossen wurde; Inkarnation, wenn wir überhaupt wissen, was das bedeutet, geht weiter. Gott wird immer wieder Mensch, auch heute.“

Gott im anderen Menschen

„Wer Gott im Gesicht des Kindes von Bethlehem gesehen hat, der wird kein Kind mehr ansehen können, ohne sich dieses Kindes zu erinnern, nein, Erinnerung ist ein zu schwaches Wort, man kann vielleicht sagen, dem wird Gott immer wieder Mensch, dem begegnet Gott an dem einzigen Ort, wo er ihm nach dem Evangelium begegnen kann: eben nicht im Anstaunen des Universums oder im Kultus, sondern im anderen Menschen. Dann wird unser Stall die Baracke in der Vorstadt und unsere Krippe das Friedensdorf der von Napalm verbrannten Kinder, dann werden Ochs und Esel, Stern und Lobgesang nicht mehr in den ehrwürdigen Häusern der Tradition zu suchen sein, weil sie so nah bei uns sind, dass sie für uns das Nächste werden.“

Unsere Chance auf wahres Leben

„Weihnachten führt dann die Geschichte fort, die in der Schöpfung begonnen hat. Dort wird erzählt, wie die Menschen das Gesicht Gottes bekommen haben und ihm ähnlich sehen. Weihnachten wird erzählt, dass Gott sich nicht nur nicht scheute, sein Gesicht zu verlieren, weil er es uns gab, sondern dass er auch unser Schicksal teilen wollte – unsere Hinfälligkeit, unser Ausgeliefertsein an die barmherzigen Ochs und Esel, an Kälte und Wind, an andere Menschen und ans Sterben. Alles dieses, was wir tun und erleiden, geboren werden, keinen Platz haben, leiden und sterben, bekommt in dieser Geschichte eine Würde und einen Rang, von dem Menschen außerhalb der Erfahrung Christi nur zu träumen wagen, eben den Höchsten. In diesem Kind sind alle Kinder gleichberechtigt und mit der gleichen Chance des ewigen, wahren Lebens erfüllt.“

Leben, Familie, Tod… sind unser Sinn

„Dass Gott immer wieder Mensch wird, heißt für das Leben jedes Menschen Absolutheit. Geboren werden und Kinder zu bekommen, arbeiten und essen, weinen und lachen, lieben und sterben, bekommen einen Rang, eine Wichtigkeit, einen Ernst, der den Gegnern und Gegnerinnen des Christentums immer lächerlich erschienen ist. Gott wird immer wieder Mensch, darin ist jeder Zynismus abgewiesen, auch der versteckte, der das Leben teilweise bejaht und teilweise liebt und es unter Umständen schützt und rettet. Wir meinen das ganze, das unausgeschöpfte Leben, das beschädigt wird, wenn es auch nur zeitweilig oder bedingt als Sache angesehen wird.“

Nicht Licht von oben, sondern Befreiung zur Liebe

„Gott wird immer wieder Mensch, das bedeutet, dass menschliches Leben nicht dem Zufall, der Banalität oder den Planungsbüros ausgeliefert ist, weil wir in jedem Menschen Gott, wenn nicht erkennen, so doch glauben. „Gott“ wäre dabei allerdings immer noch die falsche Chiffre, wenn er als Licht von oben und außen in eine trübe Welt einfiele und wenn er nicht wahrhaft weihnachtlich gedacht wird als die Macht von unten, die unten anfängt, die Befreiung für alle herzustellen.“

Gott wird immer mehr Mensch

„Denn Gott wird nicht nur immer wieder Mensch, er wird auch immer mehr Mensch. Es ist bekannt, dass dieser Prozess der Weltgeschichte, in der Gott immer mehr Mensch wird, den meisten Theologinnen und Theologen unheimlich ist, so dass sie ihn zu verdächtigen suchen als Abfall vom Glauben. In Wirklichkeit ist hier die Frage gestellt, wie ernst sie die Inkarnation nehmen oder wie weit sie Gott erlauben, sich zu inkarnieren.“

Ein nicht Mensch gewordener Gott

Soweit Dorthee Sölles Text nachvollziehbar ist, erscheint er an dieser Stelle sperriger. Sobald wir die Worte „Gott“ und „tot“ im näheren Zusammenhang hören, sperrt sich etwas: „Dieses Geist- und Himmelwesen, das keines Fleisches fähig ist, ist heute tot in dem Sinne, dass kein Bedürfnis mehr nach seinem Eingreifen besteht. Tot ist der Gott, der nicht Mensch geworden ist.“ Lösen wir uns für einen Moment vom „toten, nicht Mensch gewordenen Gott“: Wie ist es heute zu erklären, dass das Gebet bei gläubigen Muslimen und Juden oftmals eine herausragende Bedeutung innehat, die andererseits bei Christen (auch bei den praktizierenden) nur vereinzelt umgesetzt wird? An dieser Stelle muss ich mir vermutlich die Frage gefallen lassen, wie ich mir eine Beurteilung der christlichen Gebetspraxis erlauben kann. Zum einen weiß ich als langjähriger Beobachter eucharistischer Anbetung, dass es beinahe ausschließlich junge christliche Zellen (u.a. Nightfever, Loretto) sind, die hier aktiv werden. Zum anderen gibt es eine reiche Tradition christlichen Betens (u.a. Jesusgebet, Ruhegebet, Rosenkranz, Novenen etc.), die fast ausschließlich von Spezialisten und Randgruppen gepflegt werden. Dann gibt es noch den Einwand, dass die beiden anderen Glaubensrichtungen noch keinen Messias erkannt haben, und deshalb das Gebet stärker suchen, aber das ist sicherlich keine hinreichende Erklärung. Im Gegenteil, ein lebendiger Jesus, der überall gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenkommen, müsste das Beten geradezu explodieren lassen!

Ein New Yorker Polizist als Hl. Martin

„Es gibt zwar noch immer Christinnen und Christen, die meinen, sie müssten sich beim Streit zwischen dem Vater und den Brüdern und Schwestern auf Seite des Vaters schlagen, sie müssten ihn rechtfertigen, statt ihn zu verklagen, oder auch: Menschen verurteilen, statt ihre Verhältnisse zu untersuchen.“ Spätestens jetzt kommt der New Yorker Polizist ins Bild: Statt den Obdachlosen abzulehnen (ihn zu verurteilen), beschäftigt er sich mit dessen Leid – und handelt, indem er Thermosocken und warme Schuhe für ihn kauft!

Weihnachtliche Erneuerung „von unten“

„Die größere Anzahl gerade der jungen Christinnen und Christen in der ganzen Welt geht allerdings einen anderen Weg, den Weg der Brüder und Schwestern. Es mag vielleicht manchen überspitzt erscheinen, aber ich befürchte, es gibt für jede und jeden von uns Situationen, wo er wählen muss zwischen dem ewig thronenden Vater und dem nichts als ein Mensch gewordenen Bruder, zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und ihrer Erfüllung, die uns religiös übergestülpt wird, und der erwachsenen, weltlichen, politischen Arbeit an der Humanisierung unserer Erde, zwischen Licht von oben und Macht von unten, und ich kann nur wünschen, dass sich alle für Weihnachten entscheiden, das heißt für das hilflose Baby von nebenan.“ Was hier für die 70er Jahre formuliert wurde, gilt auch für die heutigen christlichen Zellen: Junge Gemeinschaften (Loretto, Emmanuel, Gemeinschaft vom Lamm und viele andere mehr) sind die neue Macht von unten – im Sinne einer geistlichen Erneuerung, die christliche Tugenden wie Lobpreis, Gebet, Anbetung, Beichte und Agape ernst nimmt und mit Leben erfüllt!

Weihnachten verlangt unsere Rebellion

„Es ist heute wichtig, das Stück Rebellion, das in Weihnachten steckt, wieder zu entdecken. Gott wurde Macht von unten, und jener Gott, der nach dem Glauben der vorindustriellen Welt von oben lenkt und befiehlt, ist im Lauf der Geschichte immer mehr und mehr zurückgetreten. Er hat seine Sache dem Sohn anvertraut, und dieser Sohn hat allen Söhnen und Töchtern Mut zur Macht von unten gemacht. Eine der ältesten Weihnachtshymnen der Christinnen und Christen besingt diese Änderung aller Machtverhältnisse, die Weihnachten anfing und noch lange nicht zu Ende ist.“

Dorothee Sölle und der Hl. Ignatius

„Es heißt da bei Ignatius über Christi Geburt: „Ein Stern strahlte am Himmel über allen Sternen … So löste sich das Band der Zauberei, und die Fessel der Bosheit verschwand, die Unwissenheit wurde entmächtigt und die alte Herrschaft zerstört, als Gott in menschlicher Gestalt erschien, um das unsichtbare Leben zu erneuern.“ Noch ist wenig davon eingelöst, das Band der Zauberei bindet uns an den Konsum, den wir auf Befehl anderer selber herstellen und zu Nutzen anderer wieder verbrauchen sollen; die Fessel der Bosheit ist nicht verschwunden, sie produziert weiter Kriege und wachsende Unterdrückung; die Unwissenheit wird gerade in unserem Land gestützt und künstlich aufrechterhalten; dass die alte Herrschaft zerstört sei, das möchte ich wohl glauben, aber sehr sichtbar ist es noch nicht geworden. Bestehen bleibt das Versprechen von Weihnachten, dass Gott als Macht von unten in menschlicher Gestalt erschien, um das unsichtbare Leben zu erneuern.“

Erneuerung (Neuevangelisation) ist das Gebot der Stunde

„Wir stehen an einem Punkt, wo das Sterben des alten, den Kindern allmächtig erscheinenden Vaters noch viele beunruhigt. Wir hatten noch keine Gelegenheit, Inkarnation so ernst zu nehmen, wie sie ist. Aber schon ist das Reich der Söhne und Töchter angebrochen, das unsichtbare Leben erneuert sich. Wir haben keinen Grund, zu beseufzen, das Weihnachten entleert und kommerzialisiert ist, solange wir nicht bemerken, dass unser ganzes Leben entleert und kommerzialisiert ist.“

Geistliche Erneuerung – Weihnachten neu lernen

„Das Unbehagen und die Angst vieler Christinnen und Christen werden heute dringend gebraucht, diese Waffen werden eingeschmolzen und zu Sicheln und Pflugscharen gemacht. Die Kraft derer, die lange von Angst und Resignation beherrscht waren, ist ein Potential der Veränderung der Erde. Wir haben allen Grund, uns zu freuen, dass an Weihnachten Macht von unten sichtbar geworden ist, dass Gott immer wieder und immer mehr Mensch wird. Wir werden neue Formen dieser Freude finden – ich bin ziemlich sicher, dass sie den bürgerlichen Rahmen des Familienfestes sprengen werden. Wir werden zu überlegen und zu experimentieren haben, wie und mit wem wir Weihnachten feiern. Wir werden dabei Fehler machen und werden in Konflikte mit kirchlichen und politischen Bürokratien kommen. Wir werden Weihnachten lernen.“

Neue Ansätze für Weihnachten finden

Für meinen Teil danke ich Dorothee Sölle für diese Gedanken – R.I.P.! Dafür lasse ich mich gerne von so manchem katholischen Hardliner steinigen, auch wenn ich mit diesem Wort im Gedenken an meinen Namenspatron Stephanus nicht leichtfertig umgehen sollte. Es hindert uns nichts, wirklich gar nichts daran, Weihnachten neu zu lernen, und wenn es zunächst nur der einfache Beschluss in der Familie ist, dass nicht mehr jeder jeden beschenkt, sondern jeder nur EIN Familienmitglied zugeteilt erhält, das zu beschenken ist: Um wie viel christlicher (menschlich sinnvoller) könnte dieses eine Geschenk ausfallen, und wie viel Budget würde frei, um benachteiligtes Leben in der Nachbarschaft zu beschenken.

*

Quelle: Der Beitrag wurde am 25.12.1970 im Westdeutschen und Norddeutschen Rundfunk gesendet. In „Erfüllte Zeit“ auf Ö1 wurde am 25. 12. 2005 eine Auswahl auf Grundlage einer Zusammenfassung des Buches von Dorothee Sölle „Gewöhnen will ich mich nicht. Engagierte Texte und Gedichte“, herausgegeben von Bärbel Wartenberg-Potter, Herder spektrum Band 5614, gesendet.

***

7 Gedanken zu “Eine andere Weihnachtsgeschichte

  1. Hallo, lieber Stefan.
    Vielen Dank für diesen Text.
    Was mich sehr traurig macht, ist, dass du dich entschuldigen und warnen mußt, dass du diesen Text einer evangelischen Theologin einstellst.
    Nachdem ich meinen Glauben verloren hatte, und 10 Jahre Funkstille zwischen mir und Gott war, las ich in einem katholischen Kloster ein Buch mit Texten von Dorothee Sölle,das in meinem Gästezimmer lag. Und mir gingen tausend Lichter auf, und das war der Anfang meiner Neubekehrung.
    Sie öffnete mir die Augen für genau diese Seite Gottes: Christus im Nächsten.
    Sich barmherzig dem Nächsten zuwenden und nicht mehr über ihn richten.
    Mittlerweile bin ich in der Charles de Foucauld-Gemeinschaft, die die Liebe zum Bruder ebenso betont. Ich bin dort die einzige Evangelische unter lauter Katholiken, aber das stört weder mich noch die katholischen Geschwister.
    Mit jedem hat Gott einen eigenen Weg, sei es in dem katholischen oder evangelischen oder orthodoxen oder freikirchlichen Teil der Christenheit.
    Auch da sollten wir Barmherzigkeit und vor allem Demut unserem Richten entgegensetzen.
    Euch, ihr Lieben, noch ein gesegnetes Weihnachtsfest!
    Nicole-Mathea

    1. Liebe Nicole-Mathea,
      ich danke Dir sehr für Deine Zeilen.

      Es war sowohl meine Entscheidung, diesen Text einzustellen – und andererseits vor der Sprache der Autorin zu warnen.

      Letzteres bereue ich, denn es ist wohl nicht sehr mutig, zwei Schritt nach vorne und einen zurück zu machen…

      Dein Zeugnis bestätigt, was ich selbst beim Lesen des Textes empfunden habe: Hier ist jemand dabei – wenn auch zum Teil mit radikalen Worten, die Wahrheit zu suchen und weiterzugeben. Einen viel größeren Dienst gibt es wohl nicht, außer einer gibt sein Leben für den anderen hin.

      Dir wünsche ich Alles Gute, viele Liebe, und viele Extraportionen Segen auf Deinem Weg.

      Frohe Weihnachten!!!
      Stefan

  2. Ein kommentar wie er typischer nicht sein kann fuer die 70er: alles traditionelle, alles was den menschen praegt u seine wurzeln bildet, wird kritisiert und schlecht gemacht. Revolutionaer muessen sprache u ideen sein. Alles zuvor gedachte ist reaktionaer. Hauptsache man zerstoert. Ein selten entbehrlicher beitrag einer zu recht fast vergessenen dame.

    1. Danke für den Beitrag.
      Kommentare, die sich von der Sprache Dorothee Sölles abschrecken lassen, sind zu erwarten, natürlich.

      40 Jahre nach Erscheinen eines Textes, denke ich, ist es angebracht, mehr auf den Inhalt zu achten.

      Die Seite ZEIT ZU BETEN steht nicht eine Sekunde im Verdacht, Traditionen um ein Hochfest unserer katholischen Kirche in ein schlechtes Licht rücken zu wollen. Worum geht es also?

      Wer in den 7oer Jahren aufgewachsen ist, hat möglicherweise etwas empfindlichere Antennen, wenn gute und wesentliche (!) Traditionen missbraucht werden.

      1. Man muss schon recht dunkle Brillen aufsetzen, um den übertriebenen Weihnachtskonsum nicht funkeln zu sehen – soviel zur Weihnachtsindustrie.

      2. Auch in gläubigen katholischen Familien sind zu Weihnachten Geschenkeberge zu sehen, die vom Sinn des Festes ganz und gar ablenken – soviel zur Gefahr der Sinnentleerung.

      3. Jesus hat die Welt tatsächlich „von unten“, von klein auf mit Freude, mit Liebe und Befreiung belebt – das gottgeschenkte Weihnachten fängt von unten an.

      4. Die Geschichte von der Geburt Christi darf so erzählt werden, dass Jesus immer wieder Mensch wird – nicht nur als historisches Ereignis vor über 2000 Jahren.

      5. Als Betreiber eines Gebetsblogs darf ich die Frage stellen – wie ernst nehmen wir Christen unsere Gebetstraditionen, angefangen beim persönlichen Gebet, über das Stundengebet, auch am heutigen Weihnachtstag? Damit dieser Appell nicht zu unpersönlich wird: Bei meiner Beichte heute habe ich zutiefst bereut, meinen Dialog mit Jesus in letzter Zeit nicht so treu und liebevoll geführt zu haben, wie das zu anderen Zeiten schon möglich war… Oder anders gefragt: Kommt die heutige Gottferne nicht daher, dass viele Menschen (Christen!!) weder die Heilige Schrift noch den Dialog mit GOTT / mit JESUS als die Quellen des Heils schlechthin betrachten?

      Die gute Tat des Polizisten Larry Deprimo ist um die ganze Welt gegangen. Ein Mensch gibt etwa 100 Dollar für einen anderen Menschen aus, das ist an sich nicht die Aufregung wert. Was heißt das also? Wir sind inzwischen soweit, dass eine „weihnachtliche Tat“ wie die des Polizisten Larry Deprimo derart aus dem Rahmen fällt, derart ungewöhnlich ist, dass diese Nachricht den ganzen Erdball umrundet.

      Der Text von Dorothee Sölle legt genau hier den Finger in die Wunde: Solange es nicht mehr Menschen auf unseren Straßen gibt, die anderen Menschen spontan aus der eigenen Tasche helfen, solange es für Familien nicht selbstverständlich ist, die eigenen Familienmitglieder etwas weniger und bedürftige Menschen etwas mehr zu beschenken, mögen wir Weihnachten vielleicht verstanden haben, aber wir leben nicht danach…

      Auf ZEIT ZU BETEN werden Traditionen hoch gehalten, denn sie bilden eine wesentliche Unterstützung unseres katholischen Glaubens. Aber eines wird auf diesem Blog ganz sicher nicht geboten: Gefällige Inhalte für einen Glauben, der an der Oberfläche verharrt und die Augen vor Realitäten verschließt.

      Immer dann, wenn Wahrheiten unseres Glaubens in Gefahr geraten, werden hier auch unangenehme Texte zu lesen sein, als Beitrag zur Neuevangelisation, die nach dem Wunsch von Papst Benedikt XVI. das Gebot der Stunde ist.

      Eine selbst erlebte Weihnachtsgeschichte – ja, auch meine Familie schätzt Traditionen ;-) – ist hier zu finden.

      1. Bitte, nicht boes sein, aber das sind doch binsenweisheiten, die sich jeder glaubende – und das ist ja auch gleichbedeutend mit denkende – mensch denkt. Nur weil sie ein geisteskind der 70er provokant formuliert, werden sie nicht origineller.

        1. Wer wird denn zu Weihnachten bös sein können…

          Danke für den Einwand, der ganz deutlich macht, worum es hier geht:

          Denken kann man viel, aber wie steht’s mit dem Handeln?

          Zur Autorin:
          Ihre Kritik ist weiterhin lesenswert, weil sich die Zeichen der Zeit eher verschärft haben: Mehr Waffen, mehr Abtreibungen, mehr Konsum – alles auch zu Weihnachten.

          Zum barmherzigen Polizisten:
          Er hat sich nicht nur etwas gedacht, er hat gehandelt!

          Frohe und gesegnete Weihnachten wünscht
          Stefan Ehrhardt

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