Die eucharistische Liturgie der Orthodoxen Kirche (Orthodoxe Kirche, Teil 8)

orthodoxe Messe - Triumph der Orthodoxie

Die Göttliche Liturgie als Sinn der Kirche

Der Sinn und die wichtigste Tätigkeit der Kirche ist der Hauptgottesdienst, die Göttliche Liturgie. Die Liturgie wird – von geringfügigen Details abgesehen – seit gut 1000 Jahren unverändert in allen orthodoxen Landeskirchen – in die jeweiligen Sprachen (griechisch, slawisch, rumänisch usw.) übersetzt – verwendet; so auch in Russland nach der Bekehrung des Landes.

Byzantinische Liturgie

Im Mittelpunkt der orthodoxen Spiritualität steht die reiche, hauptsächlich gesungene Liturgie voller Symbolik, deren heutige Form größtenteils bis ins 4. Jahrhundert zurückgeht, in ihrer Grundstruktur wohl sogar bis ins 1. und 2. Jahrhundert. Die Form des ersten Teils der Liturgie, die sogenannte Liturgie der Katechumenen mit Lesungen und Gebeten (Ektenien), geht auf den jüdischen Synagogengottesdienst zurück, wie er zur Zeit Jesu üblich war, während der zweite Teil, die Liturgie der Gläubigen (Eucharistiefeier) im Wesentlichen christlichen Ursprungs ist.

Manche wollen hier Anleihen beim jüdischen Tempelgottesdienst sehen; dies ist aber kaum zu beweisen, da viele Details des Tempelgottesdienstes heute nicht mehr bekannt sind. Die Namen beziehen sich darauf, dass früher alle noch nicht getauften Glaubensanwärter nach der Liturgie der Katechumen die Kirche verlassen mussten („Arkandisziplin“). In dem dreigeteilten Kirchenraum – bestehend aus Vorhalle, Kirchenschiff und Altarraum – durften sich Büßer und Katechumen nur in der Vorhalle (Narthex) aufhalten.

Varianten der Liturgie

Dem orthodoxen Kirchenverständnis nach ist Kirche überall dort, wo Eucharistie gefeiert wird. Jede christliche Gemeinde, die sich um ihren Bischof oder den von ihm beauftragten Priester zur Eucharistiefeier versammelt, erfährt die lebendige Gegenwart Jesu Christi und durch ihn die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, mit den Engeln und mit der großen Schar der Heiligen. Die Gemeinde der Gläubigen wird durch den Empfang der eucharistischen Gaben in den Leib Christi verwandelt.

Die ursprüngliche Liturgie dauerte fünf Stunden, die Basilius-Liturgie dauert etwa zweieinhalb, die Chrysostomos-Liturgie ab dem 11. Jahrhundert etwa eineinhalb Stunden. An den meisten Sonntagen wird die Chrysostomos-Liturgie gefeiert, an hohen Feiertagen und am Basiliustag die Basilius-Liturgie. Daneben gibt es noch die „Liturgie der vorgeweihten Gaben“, die an den Werktagen der Fastenzeit gefeiert wird, und die kürzere und einfachere Jakobus-Liturgie, die jedoch nur noch im Patriarchat Jerusalem und nur am Jakobus-Tag verwendet wird.

Alle orthodoxen Liturgien benötigen zur vollen Feier neben dem Priester (oder Bischof) noch einen Diakon. Dieser assistiert dem Priester, und die Struktur des abwechselnden gegenseitigen Ansprechens dient beiden als Gedächtnisstütze. Notfalls kann die Göttliche Liturgie aber auch in einer vereinfachten Form ohne Diakon gefeiert werden.

Mit Orthros (entspricht den Laudes der Katholiken) und weiteren Gebeten ist der Gottesdienst auch an normalen Sonntagen reichlich drei Stunden lang – wobei nicht alle von Anfang bis Ende dabei sind, späteres Erscheinen und früheres Verlassen des Gottesdienstes sind relativ normal. Typisch ist der häufige Anruf Kyrie eleison (Κύριε ἐλέησον, Herr, erbarme dich).

Die Gesänge

Besonderen Stellenwert in griechisch-orthodoxen Liturgie haben die Gesänge. Sie werden als Gebete verstanden und sollen deshalb nur von menschlichen Stimmen „produziert“ werden. Der Gebrauch von Instrumenten ist demzufolge in griechisch-orthodoxen Kirchen nicht gestattet, weil Instrumente nicht beten können. Auch in anderen orthodoxen Kirchen ist Instrumentalmusik unüblich. Im Judentum war religiöse Instrumentalmusik auf den Tempel beschränkt, in der Synagoge wurde nur gesungen, was ebenfalls Spuren in den orthodoxen Bräuchen hinterlassen haben könnte.

Eine andere Theorie für diese Abneigung gegen Instrumentalmusik geht auf die bei den römischen Zirkusspielen üblichen Orchester zurück; die Christen betrachteten die Zirkusspiele, in denen sie teilweise selbst die Opfer waren, als Götzenkult. Diese Anschauungen haben sich historisch verändert, so wurde die weltweit erste Orgel im heutigen Sinne im Spätmittelalter in der Hagia Sophia von Konstantinopel installiert; beim Fall der Stadt wurde sie zerstört.

Das Kreuzzeichen

In der orthodoxen Liturgie bekreuzigt man sich jedes Mal, wenn die Trinität beziehungsweise die drei Personen der Trinität erwähnt werden, wenn das Kreuz oder eine Ikone verehrt wird und bei unzähligen weiteren Gelegenheiten, die aber nicht genau geregelt sind und von den Gläubigen nach eigenem Ermessen gehandhabt werden. Man bekreuzigt von der Stirn bis etwa zur Bauchmitte und anschließend von der rechten zur linken Schulter (im Gegensatz zum Brauch in der katholischen Kirche, wo das Kreuz von der linken zur rechten Schulter gezeichnet wird).

Dies gilt als die ältere Gewohnheit und soll anzeigen, dass das Kreuz aus der Perspektive des eigentlich Segnenden (das ist Christus) „richtig“, das heißt von links nach rechts aufliegt, daher wird die Bewegung spiegelverkehrt ausgeführt. Beim Bekreuzigen werden Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger zusammengehalten (drei Finger – Trinität), während Ringfinger und kleiner Finger an der Handfläche anliegen (als Symbol für die zwei Naturen Christi).

Im Anschluss an das Kreuzzeichen wird von einigen orthodoxen Gläubigen die Handfläche auf das Herz gelegt. Manchmal erfolgt die Bekreuzigung im Zusammenhang mit einer Verbeugung (Kleine Metanie) oder einer Prostration (Große Metanie). Zum Abschluss der Liturgie erteilt der Priester den Segen, indem er das Kreuzzeichen über die Gemeinde zeichnet oder indem er die Gläubigen, wie es in den meisten orientalischen Kirchen Brauch ist, mit einem Hand-Kreuz segnet. Die Gläubigen begeben sich daraufhin zum Priester, um das Segenskreuz durch einen Kuss zu verehren. Zu diesem Zeitpunkt wird auch das gesegnete (aber nicht konsekrierte) Brot (Antidoron), in dem die urchristliche Praxis der Agapefeier fortlebt, an alle Teilnehmer (auch an Gäste) ausgeteilt.

Sonstige Besonderheiten

Gebetet wird prinzipiell stehend, auch in den Gottesdiensten wird meistens gestanden; einige Kirchen haben nur Bestuhlung entlang den Wänden für Alte und Schwache. Knien ist in der sonntäglichen Liturgie unüblich; an anderen Wochentagen gibt es in manchen Kirchen Niederwerfungen (Metanien) ähnlich wie im Islam. Männliche Kirchengänger müssen vor dem Eintritt in die Kirche ihre Kopfbedeckung ablegen, Frauen müssen sie in der Regel aufbehalten, was in stärker traditionellen Gemeinden auch heutzutage erwartet wird. Ebenfalls gilt es als unüblich, dass Frauen mit Hosen bekleidet – statt eines Rockes – die Kirche betreten. Bei einem Besuch einer orthodoxen Kirche sollte man weder die Hände hinter dem Rücken verschränken, noch die Arme ineinander vor der Brust verschränken, was auch in anderen Kulturen als unhöflich empfunden wird. Dieser Gestus ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem demütigen Gestus der vor der Brust gekreuzten Arme, wie er vor dem Kommunionempfang üblich ist.

Die Liturgie im einzelnen

Der nach dem Byzantinischen Ritus gefeierte orthodoxe Gottesdienst besteht aus drei Teilen, der Proskomidie  (Gabenbereitung) hinter der geschlossenen Ikonostase, der Katechumenen-Liturgie und der Liturgie der Gläubigen (Gabenbereitung, Hochgebet, Eucharistie), wobei an der Kommunion nur getaufte orthodoxe Christen teilnehmen dürfen.

Während der Katechumen-Liturgie betritt der Diakon das Kirchenschiff durch die kleinen Türen, die Heilige Tür wird nur vom Priester durchschritten und zwar zweimal während des Gottesdienstes, das erste Mal beim sogenannten Kleinen Einzug mit dem Evangeliar zur Verlesung des Evangeliums vor der Gemeinde. Nach der Entlassung der Katechumenen bleibt die Tür während der Eucharistie geöffnet und der Altar ist somit während der Darbringung der Gaben sichtbar. Nach den Vorbereitungsgebeten findet der Große Einzug mit Brot und Kelch statt und die Gemeinde feiert die Kommunion.

  1. Nach der Ankunft der Zelebranten, nach Vorbereitungsgebeten, darunter der Verehrung der Ikonen, kleiden sich die Liturgen an. Der Priester trägt Sticharion (Albe), Epitrachilion (Stola), Gürtel, Epimanikien (Armstulpen), Phelonion (Kasel), Brustkreuz. Bei Mönchen und Prälaten wird auch die Kopfbedeckung getragen. Ein Diakon trägt Sticharion, Epimanikien und Orarion.*
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  2. Im Altarraum beginnt dann die Bereitung der Opfergaben: dazu werden aus gesäuerten Weizenbroten kleine Stücke geschnitten zu Ehren Christi (das Hl. Lamm), im Gedächtnis der Gottesmutter, der hl. Engel und Propheten sowie der anderen Stände der Heiligen. Darauf folgt die Opferung von Brotstücken für die Lebenden und Verstorbenen, derer bei dieser Eucharistiefeier gedacht werden soll. All diese Stücke werden auf den Diskos (Patene) um das hl. Lamm gelegt.
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  3. In der Liturgie werden das Brot und der Wein zum Opfer dargebracht. Dieses Opfer wird dann zu den Heiligen Gaben geweiht. Solcherart geht die ganze Kirche im Erlösungswerk Christi auf. Im letzten Teil der Liturgie nehmen die Gemeindemitglieder an diesem Opfermahl teil. Der Gottesdienst beginnt mit Gesänge und Gebete: …Um den Frieden von oben und um das Heil unserer Seelen, lasst uns beten zum Herrn. …Um den Frieden der ganzen Welt, um den Wohlstand der heiligen Kirchen Gottes um und die Einheit aller, lasset uns beten zum Herrn… …Auf dass wir errettet werden von aller Trübsal, Zorn und Not, lasset uns beten zum Herrn. …Um uns selbst und für einander… Mit Andacht an hochgelobten und ruhmreichen Gebieterin, der Gottesgebärerin und ewigen Jungfrau Maria, allen Heiligen…
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  4. Es folgen bestimmte, mit dem Tagesgedächtnis wechselnde Hymnen. Vor der Heiligen Türe (die zum Altarraum führt und nur vom Priester durchschritten wird) wird ein Text aus den Apostelbriefen gelesen. Dann liest der Priester oder Diakon das Evangelium und segnet damit anschließend die Gemeinde. Sie wird damit zeichenhaft unter das Wort Gottes gestellt, u.U. folgt an dieser Stelle eine Predigt.
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  5. Es folgen weitere Gebete für die Kirche und das Land, für die lebenden und verstorbenen Gemeindemitglieder, zu den „Engeln des Friedens“, für das Leben und den friedvollen Tod, und für die Vergebung unserer Sünden und Verfehlungen… Anschließend wird das Glaubensbekenntnis gebetet.
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  6. In der nächste Teil der Liturgie werden die Opfergaben Gott dargebracht und anschließend wird der Heilige Geist auf sie herabgerufen mit der Bitte um ihre Wandlung in Christi Leib und Blut. Zur Weihung der Heiligen Gaben, verneigen sich die Gläubigen und knien. Jetzt ist der Herr in den Gaben wahrhaft gegenwärtig, um sich uns zur Speise darzubieten „zur Vergebung der Sünden“!
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  7. Es folgt die Kommunion, wo Geistliche und Gemeindemitglieder die geweihten Heiligen Gaben erhalten. Durch sie bekommt der Mensch die Gottesgnade zur Einigung mit der Kirche, welche durch seine Sünden nicht möglich ist. Die Gläubigen bekommen auch Gottesgnade „zur Vergebung der Sünden“, „zur Freude, zur Gesundheit und zum Frohsinn“, „zum Wohl und Heilung unserer Seelen und Leiber“, „… zur Vertreibung alles Feindlichen, zur Erleuchtung der Augen unserer Herzen, zum Frieden unserer Seelenkräfte, zum untadeligen Glauben, zur ungeheuchelten Liebe, zum Wachstum in der Weisheit, …“.
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  8. Die eucharistische Liturgie nach dem heiligen Kirchenvater Johannes Chrysostomos wird an fast allen Tagen des Jahres gefeiert; lediglich an einigen bestimmten Tagen, vor allem an den Sonntagen der Großen Fastenzeit, wird die „Liturgie des hl. Basileos des Großen“ zelebriert, die in der heutigen Praxis aber fast nur durch längere Stillgebete des Priesters gekennzeichnet ist. Man kann ihr also auch nach dem vorstehenden Schema folgen.

(Quellen: Verschiedene, siehe unter amderem
Russisch-orthodoxe Kirche Deutschland [Liturgie])

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Die Übersicht – RUSSISCH-ORTHODOXE KIRCHE: WIEDERAUFBAU UND WIDERSPRUCH – findest du hier.

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4 Gedanken zu “Die eucharistische Liturgie der Orthodoxen Kirche (Orthodoxe Kirche, Teil 8)

  1. Wir waren im September 2012 in der Ukraine und besuchten in Kiew einen orthodoxen Gottesdienst. Die Messe dauerte fast 3 Stunden, aber wir hätten noch die ganze Nacht hier verbringen können, so gut hat uns diese gefallen. Der wunderbare Gesang, die schönen Gewänder der Zelebranten und die vom Weihrauch geschwängerte Kirche – alles hat uns sehr fasziniert. Fazit: Die Liturgie der Ostkirche ist wunderbar, und wir werden sie sicher wieder einmal besuchen.

    1. Danke, Annemarie, für das nette Feedback!

      Meine Erfahrungen beschränken sich auf Wien, wo vor wenigen Jahren die Kathedrale zum Hl. Nikolaus wiederhergestellt wurde – eine sehr gelungene Renovierung!

      http://www.russischekirche.at/

      Wenn Du diese Zeilen liest, wäre es ganz toll, wenn Du uns verraten könntest, in welcher Kirche Ihr den Gottesdienst besucht habt…

      Nochmals danke für Deinen Kommentar,
      herzliche Grüße und viel Segen aus Wien,
      Stefan

  2. Hallo Stefan,
    Bei dieser Kirche in Kiew handelt es sich um die Wladimirkathedrale. Sie ist die Hauptkirche der grössten Religionsgemeinschaft der Ukraine, nämlich der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Um 16.00 Uhr findet hier täglich die Messe statt. Der Besuch lohnt sich!

    1. Hallo Annemarie,
      herzlichen Dank für Deinen Hinweis…

      …und jetzt liebe Leser, die ihr eine Reise in die Ukraine plant, hält euch wohl nichts mehr davon ab, der Wladimirkathedrale einen Besuch abzustatten!

      Liebe Grüße,
      Stefan

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