Einheit der Kirchen – eine persönliche Betrachtung

Diese Woche beten wir für die Einheit der Christen. Die angestrebte Einheit kann auf verschiedenem Wege entstehen, wobei ich einen eher politischen und einen stärker vom Heiligen Geist getragenen sehe. Ersterer würde bedeuten, dass – unter welchen Umständen auch immer – nichtkatholische Kirchen und Gemeinschaften in die eine große – una sancta ecclesia catholica et apostolica – eingehen. Die andere Möglichkeit ist die durch das Gebet und vom Heiligen Geist getragene – doch über Art und Zeitpunkt so einer Vereinigung zu spekulieren ist wohl müßig: Vor allem das Gebet für die Einheit der Christen ist christliche Pflicht und Herzensangelegenheit.

Taizé Kreuz
Taizé Kreuz

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Wenn die Perspektive von den Kirchen als Ganzes zum Einzelnen wechselt, dann sind wir nicht nur auf der realistischeren sondern auch (im geistlichen Sinn) gesünderen Ebene; man denke nur an die Worte der seligen Teresa von Kalkutta: „Was meinen Sie, Mutter Teresa, was sich in der Kirche ändern sollte?“ Mutter Teresa: „Sie und ich, wir müssen uns ändern.“

Auch hier sind verschiedene Wege möglich. So gibt es zum einen die vielfältigen ökumenischen Bemühungen. Es ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, dass es ökumenische Gottesdienste mit der orthodoxen Schwesterkirche sowie mit der evangelisch-lutherischen Kirche gibt, um die zwei bedeutenden „christlichen Partnerkirchen“ herauszugreifen. Vor allem auf neutralem Boden (man denke nur an die großen „Freiluftmessen“) gelingt dies in gelöster, gemeinschaftlicher und herzlicher Stimmung. Schwieriger wird es, wenn eine Kirche die andere einlädt, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Eine kritische Beobachtung zur ökumenischen Praxis

Bei solchen Gelegenheiten sehe ich oftmals ein nicht ganz aufrichtiges Miteinander. Nehmen wir an, die ökumenische Veranstaltung findet in einer katholischen Kirche statt. Da kommt es (von katholischer Seite) vor, dass beispielsweise marianische Gedanken weder gelesen noch gepredigt werden, denn sie könnten ja „die Gefühle der anderen Seite verletzen“. Das kann man aber auch anders sehen: Wenn in dieser Situation „Rücksicht“ und „Überzeugung“ abzuwägen sind, ist eine Entscheidung für die Glaubensüberzeugung durchaus möglich. Warum sollte dem evangelischen Gegenüber gerade das vorenthalten werden, was ganz wesentlicher Bestandteil des christlichen (katholischen) Glaubens ist; das wäre letztlich nichts anderes als das Vorgaukeln einer nicht vorhandenen Nähe.

Umgekehrt erwarte ich mir beim Besuch eines ökumenischen Gottesdienstes in einer evangelischen Kirche, dass gerade dann eine Pastorin zelebriert, mit allen evangelisch-lutherischen Eigenheiten der Liturgie, die es eben gibt. Mündige Gläubige sollten doch ein praktisches Bewusstsein dafür entwickeln können, was Gemeinsamkeiten betrifft (ja, wir können bis zu einem gewissen Grad gemeinsam feiern), aber auch, was heute die großen Unterschiede der Konfessionen ausmacht (nein, eine Pastorin sollte in einer katholischen Kirche nicht konzelebrieren). Das klingt aufs erste nicht sehr verbindend, ist es aber: Was ist denn das für ein Aufeinanderzugehen, wenn ohnehin nur so gefeiert wird, wie es für beide Seiten weitgehend passt? Ein ehrliches und weiterführendes Miteinandersprechen ensteht doch erst dort, wo auch Unterschiede in Frieden und mit Respekt erlebt werden!

Dass sich in den letzten 20 Jahren nichts Grundlegendes in den ökumenischen Ansätzen geändert hat, zeigt dieses Zitat aus „Stimmen der Zeit“ (Wolfgang Seibel SJ) aus dem Jahr 1993, das nach meinem Dafürhalten weiterhin Gültigkeit hat:

„Daher ist wohl nur das Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ realistisch. Die Verfechter dieses Modells sind der Überzeugung, daß die Unterschiede der Kirchen nicht so schwer wiegen, daß sie noch eine Trennung rechtfertigten. Sie verweisen auf das erste Jahrtausend, in dem sich die Kirche als „Communio ecclesiarum“ verstand, als Gemeinschaft sehr unterschiedlich geprägter eigenständiger Ortskirchen. Sie sehen in diesem vom Konzil erneuerten Kirchenverständnis die Möglichkeit, gerade heute „die von Gott geschenkte Einheit auch auf der Ebene der gesellschaftlichen Vielheit von kirchlichen Gemeinschaften zu realisieren“ (Medard Kehl). Einheit also nicht als uniformierte Einheitskirche, nicht als Absorption einer Kirche durch eine andere oder als Verschmelzung beider zu einer neuen dritten Größe, sondern als gegenseitige Anerkennung auf der Grundlage des gemeinsamen christlichen Glaubens. Die Kirchen sollen ihre Traditionen bewahren und trotzdem zu einer Gemeinschaft finden, sollen „Kirchen bleiben und eine Kirche werden“, wie es Heinrich Fries und Karl Rahner schon im Jahr 1983 formulierten. Die einzelnen Teilkirchen brauchen ihre besonderen Auslegungen und Entfaltungen der christlichen Grundwahrheiten nicht aufzugeben, erkennen diese Besonderheiten aber gegenseitig als legitime Formen des Glaubens an, „auch wenn sie diese nicht für sich selbst als verpflichtend zu übernehmen vermögen“ (Harding Meyer).

Der Weg der Konversion

Mein Vater hat für meine Familie, die aus sowohl katholischen wie protestantischen Teilen besteht, gezeigt, dass es auch den persönlichen und individuellen Weg gibt. Mit etwa 70 Jahren – spät aber doch – konvertierte er vom evangelischen zum römisch-katholischen Glauben, aus gereifter und großer Überzeugung.

Ähnliches gilt für eine Frau, auf die ich heute durch einen Facebook-Eintrag (danke an die unermüdliche Resi Raser!) gestoßen bin: Cordula Wöhler, auch unter dem Pseudonym Cordula Peregrina bekannt. Sie konvertierte 1870 – bereits im Alter von 25 Jahren – zum katholischen Glauben. Im Angesicht dieses Ereignisses verfasste Cordula Wöhler eine Gebetshymne an Maria, zu der sie vertrauensvoll ihre Zuflucht nahm. So entstand am letzten Tag des Monats Mai 1870 ihr berühmtestes Gedicht „Segne Du Maria, segne mich, Dein Kind“:

Cordula Woehler Peregrina

Die folgende Version entstammt der Internetseite des Bistums Mainz,
eingeordnet unter Lourdes-Wallfahrt:

Segne du, Maria,
segne mich, dein Kind,
dass ich hier den Frieden,
dort den Himmel find.
Segne all mein Denken,
segne all mein Tun,
lass in deinem Segen
Tag und Nacht mich ruhn.

Segne du, Maria,
Mutter Gottes mein,
lass mich hier auf Erden
dir befohlen sein.
Führe mich zu Jesus,
deinem Sohne hin,
dass in seiner Liebe
ich geborgen bin.

Segne du, Maria,
alle, die mir lieb,
deinen Muttersegen
ihnen täglich gib.
Deine Mutterhände
breit auf alle aus,
segne alle Herzen,
segne jedes Haus.

Segne du, Maria,
jeden der da ringt,
der in Angst und Schmerzen
dir ein Ave bringt.
Reich ihm deine Hände,
dass er nicht erliegt,
dass er mutig streite,
dass er endlich siegt.

Segne du, Maria,
unsre letzte Stund.
Mach uns armen Sündern
Gottes Gnade kund.
Deine Mutterhände
reiche uns dazu,
bleib in Tod und Leben
unser Segen du.

*

Im Gotteslob, dem Einheitsgesangbuch der Ausgabe 1992, fehlen die Strophen 3, 4 und 5. Es sind einerseits diejenigen Zeilen, die eine besondere persönliche, geistliche Betroffenheit Cordula Wöhlers zum Ausdruck bringen, andererseits aber auch Verse, die am ehesten in Richtung Maria als „Mittlerin der Gnaden“ gedeutet werden können, wenn es heißt: „Jede Gnadengabe wende ihnen zu“ und: „gib am ew’gen Leben einst auch ihnen Teil“.

Mir geht es hier nicht darum, Cordula Wöhler in die eine oder andere Richtung zu interpretieren, dazu weiß ich viel zu wenig über sie. Unbestreitbar ist, dass sie in der Gottesmutter Maria einen entscheidenden Halt für ihre Konversion gefunden hat. Ebenso unbestreitbar ist, dass trotz des Marienverehrers Luther jede allzu marianische Glaubensauffassung ein Dorn im Auge der heutigen evangelisch-lutherischen Kirche ist. In der Frage „Mittlerin – ja oder nein“ ist für mich das Wort des Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn hilfreich:

„Maria hilft uns seit Generation wie auch heute, viele kommen „von Maria zu Jesus“. Sie ist einzigartig in der Heilsgeschichte, sie hat durchaus auch eine mittelnde Funktion in der genannten Weise [indem nun Christus aktuell in die Welt kommt, macht es Sinn anzunehmen, dass Maria analog zu ihrer historischen Rolle aktive Mitwirkerin ist]. Die Kirche nennt sie sehr wohl „Mittlerin“, nicht aber „Mittlerin aller Gnaden“. Keinesfalls wirkt sie als Ursprung und Ziel der Gnade, die durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist und aktuell kommt. Er ist ja „der einzige Mittler“ (1Tim 2,5).“
(Kardinal Christoph Schönborn, Jesus als Christus erkennen, Freiburg 2002)

***

Lebenslauf von Cordula Wöhler (Wiki):

Cordula Wöhler später Cordula Schmid, Pseudonym Cordula Peregrina (* 17. Juni 1845 in Malchin; † 6. Februar 1916 in Schwaz, Tirol), war eine religiöse Schriftstellerin und Dichterin, von der auch der Text des im gesamten deutschen Sprachraum verbreiteten Kirchenliedes „Segne Du Maria“ stammt.

Cordula Wöhler war die Tochter des Theologen Dr. Wilhelm Wöhler (1814-1884), zur Zeit ihrer Geburt Schulrektor in der mecklenburgischen Landtagsstadt Malchin, später evangelisch-lutherischer Pastor von Lichtenhagen bei Rostock. Ihre erste Begegnung mit dem katholischen Glauben hatte die junge Frau über die Bücher der geistlichen Schriftsteller Christoph von Schmid und Alban Stolz.

Im August 1864 bereiste Cordula mit ihrer Familie Thüringen, Bayern, Tirol und die Schweiz. Hier erlebte das Mädchen erstmals selbst den katholischen Gottesdienst, der nach eigenem Bekunden wegen seiner Pracht und Sakralität „großen Eindruck“ auf sie machte. Sie trat daraufhin in einen langen Briefwechsel mit Professor Alban Stolz ein.

Nach einem erneuten Urlaubsaufenthalt mit den Eltern 1868 in Süddeutschland entschloss sich die junge Frau zum katholischen Glauben zu konvertieren. Im März 1869 wurden die Eltern darauf aufmerksam und es kam zu heftigen Kontroversen mit ihnen. Mit 25 Jahren erklärte Cordula Wöhler 1870 ihre Großjährigkeit und teilte den Eltern den definitiven Entschluss zum Glaubenswechsel mit. Diese warfen sie daraufhin aus dem Haus, da sie als Katholikin nicht länger in einem evangelischen Pfarrhaus wohnen könne.

Unter dem Eindruck dieser tragischen, persönlichen Ereignisse reimte Cordula Wöhler damals eine selbstverfasste Gebetshymne an Maria, zu der sie vertrauensvoll ihre Zuflucht nahm. So entstand am letzten Tag des Monats Mai 1870 ihr berühmtestes Gedicht „Segne Du Maria, segne mich, Dein Kind“, das der niederbayerische Kirchenkomponist Karl Kindsmüller (1876 – 1955) später vertonte.

Heute zählt es zu den volkstümlichsten Marienliedern im deutschen Sprachraum, vor allem in Bayern, Österreich und Tirol; dort ist es zum Gemeingut geworden und kann von den meisten Gläubigen auswendig gesungen werden. Vor 1975 war es in fast allen süddeutschen Diözesangesangbüchern enthalten und wurde auch in diverse Regionalteile des seither eingeführten katholischen Einheitsgesangbuches „Gotteslob“ übernommen.

Am 10. Juli 1870 trat Cordula Wöhler zu Freiburg im Breisgau in die katholische Kirche ein. Das Glaubensbekenntnis legte sie vor dem Erzbistumsverweser und Weihbischof Lothar von Kübel ab. Drei Tage später wurde sie gefirmt und am 16. Juli empfing sie erstmals die heilige Kommunion.

Ab März 1871 lebte die Konvertitin in Tirol. Lukas Tolpeit, der Pfarrkurat von Eben am Achensee, hatte ihr eine Stelle im dortigen Pfarr-Widum angeboten. Nebenher schrieb sie Gedichte und verfasste religiöse Schriften. Dann zog sie nach Schwaz und kam schließlich bei einem jungen Paar auf dem Freundsberg bei Schwaz unter.

Hier überarbeitete sie ihr später weit verbreitetes Buch „Was das Ewige Licht erzählt“, das in 25 Auflagen erschien und sie weiter bekannt machte. In dieser Zeit war der Franziskanerpater Arsenius Niedrist ihr Seelenführer. Andere Publikationen folgten, sowohl in Prosa, als auch Werke religiöser Lyrik. Teilweise erschienen sie unter dem Pseudonym „Cordula Peregrina“.

Eine Lebenszäsur trat 1876 ein. Josef Anton Schmid aus Oberstaufen im Allgäu wandte sich an die Dichterin und bat sie um ein „frommes Gedicht“ für eine Gedenktafel, die er dem im Rufe der Heiligkeit stehenden Jesuiten Pater Jakob Rem an seinem Geburtshaus in Bregenz widmen wollte.

Zwischen Josef Anton Schmid und Cordula Wöhler entstand ein intensiver Briefwechsel, der auf Grund ihrer beider Seelenverwandtschaft in eine Verlobung mündete, noch ehe sie sich persönlich kannten. Das Paar heiratete schließlich zu Riezlern im Kleinwalsertal und zog nach Bregenz. Cordula Wöhler hieß amtlicherseits nun Cordula Schmid, blieb aber unter ihrem Geburtsnamen allgemein bekannt. 1881 übersiedelte das Ehepaar nach Schwaz, wo es ein Haus in der Innsbrucker Straße erwarb und später zwei Waisenkinder adoptierte.

Hier lebte und wirkte Cordula Wöhler weiter als religiöse Dichterin bzw. Schriftstellerin und zusammen mit ihrem Mann als Aktivistin in der katholischen Pfarrgemeinde. Sie starb dort am 6. Februar 1916; ihr Mann folgte ihr schon am 25. Mai des gleichen Jahres nach. Beide liegen an der Südwand der Pfarrkirche von Schwaz begraben.

Das Verhältnis zur Familie hatte sich nach und nach verbessert. Schließlich stand sie mit den Eltern und ihrer Schwester wieder in brieflichem Kontakt und wurde auch gelegentlich von ihnen in Schwaz besucht. In ihrer norddeutschen Heimat ist Cordula Wöhler jedoch nie mehr gewesen.

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