Papst Benedikt XVI. zum Abschied – ein persönliches Zeugnis (1/2)

Benedikt XVI - mit Kind

Ein Petrus, der in seiner Schlichtheit überzeugt

Die „Tür des Glaubens“ (vgl. Apg 14,27), die in das Leben der Gemeinschaft mit Gott führt und das Eintreten in seine Kirche erlaubt, steht uns immer offen. Es ist möglich, diese Schwelle zu überschreiten, wenn das Wort Gottes verkündet wird und das Herz sich durch die verwandelnde Gnade formen läßt – so heißt es im Apostolischen Schreiben PORTA FIDEI von Benedikt XVI. zum Jahr des Glaubens.

Beim Lesen dieses Dokumentes denke ich an die selbst erlebte Glaubensgeschichte und ein Vorhaben, das nun endlich umgesetzt ist. Ein persönliches Zeugnis von einer Heiligen Messe mit dem Papst, die mein Glaubensleben verändert hat: Diese Heilige Messe mit Benedikt XVI. bei seinem letzten Besuch des Wallfahrtsortes Mariazell hat eine Tür aufgestoßen, die mir bis heute Wege und Lichtblicke eröffnet!

Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen  […] Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden (Joh 10,7;9).

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Die Basilika von Mariazell rückt langsam näher

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Ein Lehrer der Pilgerschaft

Am Ende werde ich tiefer glauben. Die Treue Gottes, die Wahrheit Christi, und die Rolle Mariens haben mich auf diesem kleinen Weg erfüllt wie selten zuvor.

Aber der Reihe nach. Es ist Samstag, 8. September 2007, etwa 2 Uhr 30 nachts: Warum schaue ich mir den Papstbesuch nicht in aller Ruhe via TV-Übertragungen an, dabei lässt sich doch viel besser beobachten und reflektieren! Will ich wirklich aufstehen und mir die Pilgerfahrt tatsächlich antun?

Alle anderen Familienmitglieder verhalten sich laut Absprache: meine Frau Manuela ist forsch und flott aufgestanden, und auch der 11-jährige Sohn Gregor kommt schon gähnend aus den Federn. Was ist denn das für ein väterliches Vorbild, ausgerechnet jetzt zu kneifen: Steh endlich auf, Papa!

Der Aufbruch zum christlichen Glauben, der Anfang der Kirche Jesu Christi, ist möglich geworden, weil es in Israel Menschen des suchenden Herzens gab – Menschen, die sich nicht in der Gewohnheit einhausten, sondern nach Größerem Ausschau hielten: Zacharias, Elisabeth, Simeon, Anna, Maria und Josef, die Zwölf und viele andere. Weil ihr Herz wartete, konnten sie in Jesus den erkennen, den Gott gesandt hatte, und so zum Anfang seiner weltweiten Familie werden.

[Alle violett zitierten Passagen stammen aus der Predigt von Benedikt XVI. am 8.9.2007 in Mariazell]

Gut, dass man zu dieser Zeit noch wenig vom nasskalten Wetter dieses Wochenendes spürt, aber eine halbe Stunde später stapfen wir mit Regenpelerinen und Rucksäcken bewaffnet zum Bus, der uns in einer etwa 3-stündigen Fahrt zusammen mit Pilgern aus dem Süden Wiens nach Mariazell bringen wird.

Für gute Stimmung sorgen einige Männer und Frauen der Gemeinschaft der Seligpreisungen, und so werde ich langsam aber sicher etwas munter. Meine unruhigen und auch missmutigen Gedanken lösen sich etwas und mit zunehmender Fahrt baut sich ein wenig Spannung für das kommende Ereignis auf.

Dieses unruhige und offene Herz brauchen wir. Es ist der Kern der Pilgerschaft. Auch heute reicht es nicht aus, irgendwie so zu sein und zu denken wie alle anderen. Unser Leben ist weiter angelegt. Wir brauchen Gott, den Gott, der uns sein Gesicht gezeigt und sein Herz geöffnet hat: Jesus Christus.

Wird das erste persönliche Erleben des deutschsprachigen Papstes vielleicht doch Wirkung zeigen? Ist es bei so einem „großen Anlass“ möglich, nach einer langen Zeit der Trockenheit wieder etwas näher zu Gott zu finden? Frauen scheinen das alles weniger kopflastig zu erleben, da wird mehr geredet und gesungen…

Johannes sagt von Jesus Christus zu Recht, dass er der einzige ist, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18); so konnte auch nur er aus dem Innern Gottes selbst uns Kunde bringen von Gott – Kunde auch, wer wir selber sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Es muss wohl gegen halb sieben sein, als der Bus auf einer Zufahrtsstraße irgendwo im Niemandsland hält, vor uns jede Menge weitere Busse. Nun heißt es marschieren! Eine Stunde später befinden wir uns auf einer Mariazeller Wiese, 300m von der Basilika entfernt, und auf einer recht gut sichtbaren Leinwand sind Werbungen und Vorberichte zum Papstbesuch zu sehen.

Jetzt heißt es nicht mit den Zähnen klappern, die Temperatur ist von 9 Grad immerhin auf 13-14° C gestiegen, und es ist wenigstens kein Dauerregen im Gange. Aber unaufhaltsam kriecht sie hoch, die nasse Kälte, und meine Erwartungshaltungen sinken wieder gegen Null. Wäre ich damals schon im Rosenkranzbeten geübt gewesen – so bleibt es bei wenig geordneten Gedanken und Gebeten.

„Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen“ wird der Papst gleich verkünden. Obwohl es sich hier nur um einen – im Grunde genommen gar nicht beschwerlichen – Tagesausflug handelt, versuche ich weiter zu denken: Ist es nicht die Sehnsucht, die aus der Schöpfung kommt, die uns immer wieder neue Impulse zu geben vermag? Wie aber unterscheiden wir dann zwischen den guten und den bösen Richtungen?

Benedikt XVI - Evangelium

Die Treue zu Gott als Ziel

Der Ursprung (aus der Schöpfung) macht den Unterschied. Das Ziel (im wahren Gott) macht den Unterschied. Im Glauben an Anfang und Ende lerne ich das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Was aber treibt mich an? Eine Sehnsucht verspüre ich – auch wenn sie noch unbestimmt und ziellos scheint. Dabei wird Papst Benedikt XVI. genau die Worte finden, die mir wieder Richtung geben, mich auf eine neue Spur führen.

Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen. Dies gibt auch dem Weg und seiner Mühsal seine Schönheit. Unter den Pilgern des Stammbaums Jesu waren manche, die das Ziel vergessen haben und sich selber zum Ziel machen wollten. Aber immer wieder hat der Herr auch Menschen erweckt, die sich von der Sehnsucht nach dem Ziel treiben ließen und danach ihr Leben ausrichteten.

Wo stehe ich eigentlich in meinem Glauben? Jesus, wie erbärmlich sind meine missgelaunten Gedanken, wenn ich an Dein Leben und Leiden für uns denke! Welche Rolle spielt die Gottesmutter Maria eigentlich in meinem Leben? Wie lebe ich mein – und wir als Familie unser – Christentum, im täglichen Kampf der Launen, Zufälle und Schicksale? Gibt es überhaupt Zufälle? Die Gedankenkette in den Stunden des Wartens scheint kein Ende zu nehmen…

Mit einer halbstündigen Verspätung ist es gegen 10 Uhr 30 endlich soweit. Papst Benedikt XVI. zieht ein und wird auf dem Podium vor der Basilika – gerade noch in unserem Blickfeld – die heilige Messe halten. Binnen kurzem ist die Spannung am Höhepunkt, wie gut, dass wir den Weg auf uns genommen haben und hier stehen: Wir dürfen den Papst persönlich erleben!

Von Beginn an beeindruckt Benedikt XVI. mit seinem schlichten Auftreten. Bei Johannes Paul II., den ich in Salzburg aus nächster Nähe predigen hörte, war das Auftreten um einiges herrschaftlicher (das ist keine Wertung – ich liebe beide Päpste!). Die warmherzige Begrüßung des Papstes erzeugt sofort viel Sympathie, plötzlich stehen wir in einem Fahnen- und Fähnchenwald, und unsere Stimmen finden schnell zu einem kraftvollen Singen.

Seit 850 Jahren kommen hierher Beter aus verschiedenen Völkern und Nationen mit den Anliegen ihres Herzens und ihres Landes, mit den Sorgen und den Hoffnungen ihrer Seele. So ist Mariazell für Österreich und weit über Österreich hinaus ein Ort des Friedens und der versöhnten Einheit geworden. Hier erfahren wir die tröstende Güte der Mutter; hier begegnen wir Jesus Christus, in dem Gott mit uns ist, wie heute das Evangelium sagt – Jesus, von dem wir in der Lesung aus dem Propheten Micha gehört haben: Er wird der Friede sein (5, 4). In die große Pilgerschaft vieler Jahrhunderte reihen wir uns heute ein. Wir halten Rast bei der Mutter des Herrn und bitten sie: Zeige uns Jesus. Zeige uns Pilgern ihn, der der Weg und das Ziel zugleich ist: die Wahrheit und das Leben.

Befinde ich mich auf dem Weg? Der Gedanke an das Ziel scheint vermessen – und doch notwendig: Welche Wegweiser kenne ich schon, woran fehlt es im täglichen Leben? Kann der Papst mir – und den unzähligen Pilgern um mich herum – wirklich Hilfe und Wegweiser sein?

Das Evangelium, das wir eben gehört haben, öffnet unseren Blick noch weiter. Es stellt die Geschichte Israels von Abraham an als einen Pilgerweg dar, der in Aufstiegen und Abstiegen, auf Wegen und Umwegen letztlich zu Jesus Christus führt. Der Stammbaum mit seinen hellen und finsteren Gestalten, mit seinem Gelingen und seinem Scheitern zeigt uns, dass Gott auch auf den krummen Linien unserer Geschichte gerade schreiben kann. Gott lässt uns unsere Freiheit und er weiß doch, in unserem Versagen neue Wege seiner Liebe zu finden. Gott scheitert nicht. So ist dieser Stammbaum eine Gewähr für Gottes Treue; eine Gewähr dafür, dass Gott uns nicht fallen lässt, und eine Einladung, unser Leben immer neu nach ihm auszurichten, immer neu auf Jesus Christus zuzugehen.

Gottes Treue, eine Wahrheit, auf die ich immer wieder gestoßen bin – aber heute packt mich dieses Wort: Wie sieht es mit meiner Treue aus? Wenn Er, der Allmächtige, der Vater es von Beginn an so angelegt hat – wird er dann nicht auch unsere Treue erwarten? Wie hoch ist der Anspruch an uns – in der Liebe scheint er oft unendlich hoch – und wie groß ist seine Barmherzigkeit?

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Den zweiten Teil des Zeugnisses >>> findest du hier.

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