Papst Benedikt XVI. zum Abschied – ein persönliches Zeugnis (2/2)

Benedikt XVI Gaudete

Mein Papst des Herzens

Die „Tür des Glaubens“ kann dadurch aufgestoßen werden, dass man durch eine Schule der Pilgerschaft geht, und den Weg der Treue zu Gott entdeckt: So beschreibt es der erste Teil dieses Zeugnisses. An großen Themen (Pilgerschaft, Treue, Wahrheit und Jüngerschaft) kann und will ich mich nicht allein mit eigenen Worten messen, weshalb die zitierten Predigtworte von Papst Benedikt XVI. die eigentliche Botschaft darstellen. Diese Worte des Papstes haben schließlich auch mein Herz erreicht, und dafür danke ich „meinem“ Papst des Herzens!

Auch der zweite Teil dieses persönlichen Zeugnisses berichtet von einer Heiligen Messe mit dem Papst, die mein Glaubensleben verändert hat. Die Predigt des Papstes bei seinem letzten Besuch des Wallfahrtsortes  Mariazell (Österreich) eröffnet mir bis heute Wege und Lichtblicke: Für meinen Glauben an die Liebe des dreifaltigen Gottes und die Gnade der Gottesmutter Maria.

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Rufer nach Wahrheit

Die Liebe, die Gott von uns erwartet, spricht die Treue und Beständigkeit in unserem Glauben und Tun an. Das verlangt viel Kraft von uns, so heißt es in den Worten von Schwester Faustyna: „Du Geist Gottes, Geist der Liebe und des Erbarmens / der du in mein Herz den Balsam des Vertrauens eingießt / Deine Gnade erhalte meine Seele im Guten / Und gebe ihr eine unbesiegbare Kraft: die Beständigkeit!“ Der Geist Gottes ist auch jetzt zu spüren, und Papst Benedikt XVI. findet die schlichten, die überzeugenden Worte, die mich an diesem Samstag Vormittag erreichen.

[Alle violett zitierten Passagen stammen aus der Predigt von Benedikt XVI. am 8.9.2007 in Mariazell]

Sicher, es gibt viele große Persönlichkeiten in der Geschichte, die schöne und bewegende Gotteserfahrungen gemacht haben. Aber es bleiben menschliche Erfahrungen mit ihrer menschlichen Begrenztheit. Nur ER ist Gott, und nur ER ist daher die Brücke, die Gott und Mensch wirklich zueinander kommen läßt. Wenn wir Christen ihn daher den einzigen für alle gültigen Heilsmittler nennen, der alle angeht und dessen alle letztlich bedürfen, so ist dies keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens, sondern es ist das Ergriffensein von dem, der uns angerührt und uns beschenkt hat, damit wir auch andere beschenken können. In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn.

Ja, du bist ein heiliger Vater für mich, Papst Benedikt, und du zeigst mir den Weg zum wahren und einzigen Vater. Er ist die Brücke, die ich, die wir alle suchen – die wir immer wieder einmal aus dem Blickfeld verlieren; aber das Geschenk des einen wahren Gottes, die Berührung durch Christus führt uns wieder zurück.

Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig: Sie können bedeutende Möglichkeiten zum Guten, zum Heil des Menschen sein, aber auch – und wir sehen es – zu furchtbaren Bedrohungen, zur Zerstörung des Menschen und der Welt werden. Wir brauchen Wahrheit. Aber freilich, aufgrund unserer Geschichte haben wir Angst davor, dass der Glaube an die Wahrheit Intoleranz mit sich bringe.

Wie viele Diskussionen habe ich mit Atheisten geführt – und am eigenen Leib diese Intoleranz verspürt, wenn der Austausch der Argumente zur Aggression wird, wenn die Liebe zur Ohnmacht wird. Dann muss ich mich immer wieder ermahnen, ruhig zu werden, zum Gewissen zurückzukehren, damit das Böse (in mir) und das Gute (im Gegenüber) wieder erkennbar werden.

Wenn uns diese Furcht überfällt, die ihre guten geschichtlichen Gründe hat, dann wird es Zeit, auf Jesus hinzuschauen, wie wir ihn hier im Heiligtum zu Mariazell sehen. Wir sehen ihn da in zwei Bildern: als Kind auf dem Arm der Mutter und über dem Hochaltar der Basilika als Gekreuzigten. Diese beiden Bilder der Basilika sagen uns: Wahrheit setzt sich nicht mit äußerer Macht durch, sondern sie ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins. Wahrheit weist sich aus in der Liebe. Sie ist nie unser Eigentum, nie unser Produkt, sowie man auch die Liebe nicht machen, sondern nur empfangen und weiterschenken kann. Diese innere Macht der Wahrheit brauchen wir. Dieser Macht der Wahrheit trauen wir als Christen. Für sie sind wir Zeugen. Sie müssen wir weiterschenken in der Weise, wie wir sie empfangen haben, wie sie sich geschenkt hat.

Die Wahrheit kommt „als Kind auf dem Arm der Mutter“ – der große Marienverehrer Joseph Ratzinger kommt zu dem Teil seiner Rede, der mir neue Flügel verleiht. „Wahrheit … ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins.“ Wie wenig demütig lebe ich doch, und der Gedanke, oft ein „nicht-sehr-wahres“ Leben zu führen, bedrückt mich. Der Weg zur Demut ist ein sehr, sehr mühseliger – gilt Jesu Angebot an diejenigen, die mühselig und beladen sind, auch für die Suchenden unter uns? – und das Klein-Werden wie das Klein-Sein beschäftigen mich bis heute. Die Wahrheit bezeugen, die Wahrheit verschenken, was für ein Auftrag!

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Benedikt XVI. kniet vor der Mariazeller Madonna

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Jünger Jesu, Verehrer Mariens

Der Höhepunkt – und Anstoß im Herzen – steht mir noch bevor. Es ist die besondere (katholische) Dramaturgie, die uns in jeder Messer auf’s Neue unbekanntes Land betreten lässt – eine im Wesen immer gleich aufgebaute Liturgie und doch jedes Mal ganz anders, immer besonders, zumeist heilig. Ein guter Teil Unruhe – manchmal auch Zweifel – schadet nicht als Ausgangspunkt. Welcher Heilige hat gesagt „erst am Zweifel erkennst du deine Berufung“?

„Auf Christus schauen“, heißt das Leitwort dieses Tages. Dieser Anruf wird für den suchenden Menschen immer wieder von selbst zur Bitte, zur Bitte besonders an Maria, die ihn uns als ihr Kind geschenkt hat: „Zeige uns Jesus!“ Beten wir heute so von ganzem Herzen; beten wir so auch über diese Stunde hinaus, inwendig auf der Suche nach dem Gesicht des Erlösers. „Zeige uns Jesus!“ Maria antwortet, indem sie uns ihn zunächst als Kind zeigt. Gott hat sich klein gemacht für uns.

Da ist der erste Blitz. Er fährt direkt hinein in meine Fragen zur Rolle Mariens. Kein anderer Mensch kannte den Messias aus derartiger Verbundenheit – wie die gotterwählte Frau aus Nazareth. Wer könnte uns Jesus derart überzeugend zeigen – wenn nicht Maria, voll der Gnade? Wer könnte uns die Kleinheit, mit der Jesus die Welt betritt, besser vor Augen halten – als die Gottesmutter?

Gott kommt nicht mit äußerer Macht, sondern er kommt in der Ohnmacht seiner Liebe, die seine Macht ist. Er gibt sich in unsere Hände. Er bittet um unsere Liebe. Er lädt uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er bietet uns das Du an. Er bittet, daß wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen. Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will. An die Kinder, die in der Armut leben; als Soldaten mißbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder. Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht. Aber zukunftslos wird die Erde erst sein, wenn die Kräfte des menschlichen Herzens und der vom Herzen erleuchteten Vernunft erlöschen – wenn das Antlitz Gottes nicht mehr über der Erde leuchtet. Wo Gott ist, da ist Zukunft.

An anderer Stelle hatte ich es schon erwähnt: Das Motto für den Papstbesuch in Deutschland 2011 wurde bereits vier Jahre zuvor ausgesprochen, „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Zurück nach Mariazell: In den Minuten der Predigt bin ich mehr mit Maria beschäftigt, dieser Leitsatz berührt mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In mir arbeitet es heftig, der Boden meiner Seele wird umgegraben.

„Auf Christus schauen“: Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Gekreuzigten über dem Hochaltar. Gott hat die Welt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz erlöst. Sterbend breitet Jesus die Arme aus. Dies ist zunächst die Gebärde der Passion, in der er sich für uns annageln lässt, um uns sein Leben zu geben. Aber die ausgebreiteten Arme sind zugleich die Haltung des Betenden, die der Priester mit seinen im Gebet ausgebreiteten Armen aufnimmt: Jesus hat die Passion, sein Leiden und seinen Tod in Gebet umgewandelt, und so umgewandelt in einen Akt der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Darum sind die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten endlich auch ein Gestus der Umarmung, mit der er uns an sich zieht, in die Hände seiner Liebe hineinnehmen will. So ist er ein Bild des lebendigen Gottes, Gott selbst, ihm dürfen wir uns anvertrauen.

Liegen in diesen Worten die Anfänge von Zeit zu beten? Diese Behauptung wäre vermessen, dieses Weblog werde ich erst 1 Jahr später beginnen. Kein Zweifel aber besteht, dass die Worte „Jesus hat sein Leben (sein Leiden und seinen Tod) in Gebet umgewandelt“ etwas ausgelöst haben. Merkwürdigerweise bei einem, der in seinem Beten ein so kümmerliches Dasein führt. Doch Seine Wege sind unergründlich, und so sitze ich nun seit einigen Jahren hier, und schreibe ausgerechnet zu diesem Thema.

In diesen Augenblicken der Predigt fühle ich mich umarmt. Es ist schwer – und auch gleichzeitig gar nicht nötig, diese erfahrene Liebe zu beschreiben. Wer sie kennt, weiß, wovon ich spreche, wer sie nicht kennt, dem wünsche ich sie. Jesus Christus, lass die Menschen Deine Liebe erkennen! Ist nicht die Erkenntnis Gottes – schon Teil des ewigen Lebens?

„Zeige uns Jesus!“ Mit dieser Bitte zur Mutter des Herrn haben wir uns hierher auf den Weg gemacht. Diese Bitte begleitet uns zurück in den Alltag hinein. Und wir wissen, dass Maria unsere Bitte erhört: Ja, wann immer wir zu Maria hinschauen, zeigt sie uns Jesus. So können wir den rechten Weg finden, ihn Stück um Stück gehen, der getrosten Freude voll, dass der Weg ins Licht führt – in die Freude der ewigen Liebe hinein. Amen.

Der Besuch dieser Papstmesse hat mich nicht nur berührt, ein neues Tor ist geöffnet worden. Papst Benedikt XVI. hat mit seinem gütigen und demütigen Auftreten den Boden bereitet. Gott hat seinem ganz kleinen Bewunderer eine Gnade zukommen lassen, ganz unerwartet. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, Jesus Christus begegnen zu dürfen. Sicher hatte ich gehofft, mit meiner Familie ein ganz besonderes Ereignis zu teilen. Aber Maria?

Die Gottesmutter wurde mir an diesem Tag neu geschenkt. Als Mensch, der bedingungslos Ja sagt. Als Frau, die in ihrer Treue von Menschen unübertroffen ist. Als Mutter, die uns Jesus Christus so zeigen kann, wie keine andere Heilige und kein anderer Heiliger. Als Gläubige, die uns die Tugenden der Beständigkeit und Demut so vorlebt wie niemand sonst. Maria: zeige mir Jesus. Maria: zeige uns Jesus.

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Benedikt XVI. - Vigil Freiburg

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Vom Besuch einer Messe zu einem vertieften Glaubensleben ist es ein weiter Weg. Vom Übergang zu einem neuen Pontifex bis zu einer Erneuerung der Kirche ist ganz sicher (!) ein langwieriger, aber wichtiger und lohnender Weg. So bete ich in Dankbarkeit und mit Liebe für Benedikt XVI., für einen guten Nachfolger, und für alle, die der Barmherzigkeit Jesu besonders bedürfen.

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