Benedikt XVI.: Vor der Regensburger gab es die Kölner Ansprache

Mehr als ein Jahr vor seiner vieldiskutierten Vorlesung in der Aula Magna der Universität Regensburg vom 12. September 2006 hielt Papst Benedikt XVI. eine Ansprache in der Synagoge von Köln. Der nachfolgend zitierte Ausschnitt wird von Evangelium Tag für Tag als Kommentar des heutigen Evangeliums (Mt 5,17-19) verstanden:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Die Überschrift des Textes von Benedikt XVI. zitiert auch gleich das Tagesevangelium:

„Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“

Ebenfalls in diesem Jahr – wir hörten es – sind es vierzig Jahre her, daß das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung Nostra aetate promulgiert und damit neue Perspektiven in den jüdischchristlichen Beziehungen eröffnet hat, die durch Dialog und Partnerschaft gekennzeichnet sind… Diese Erklärung [erinnert] an unsere gemeinsamen Wurzeln und an das äußerst reiche geistliche Erbe, das Juden und Christen miteinander teilen. Sowohl die Juden als auch die Christen erkennen in Abraham ihren Vater im Glauben (vgl. Gal 3,7; Röm 4,11f.) und berufen sich auf die Lehren Moses‘ und der Propheten. Die Spiritualität der Juden wird wie die der Christen aus den Psalmen gespeist. Mit dem Apostel Paulus sind wir Christen überzeugt, daß »Gnade und Berufung, die Gott gewährt, unwiderruflich sind« (Röm 11,29; vgl. 9,6.11; 11,1f.). In Anbetracht der jüdischen Wurzeln des Christentums (vgl. Röm 11,16–24) hat mein verehrter Vorgänger… gesagt: »Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum«…

Deshalb beklagt die Konzilserklärung Nostra aetate »alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von wem auch immer gegen das Judentum gerichtet haben« (Nr. 4). Gott hat uns alle… »als sein Abbild« (Gen 1,27) geschaffen… Vor Gott besitzen alle Menschen die gleiche Würde, unabhängig davon, welchem Volk, welcher Kultur oder Religion sie angehören. Aus diesem Grund spricht die Erklärung Nostra aetate auch mit großer Hochachtung von den Muslimen (vgl. Nr. 3) und den Angehörigen anderer Religionen (vgl. Nr. 2). Aufgrund der allen gemeinsamen Menschenwürde – so heißt es dort – »verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen« als einen Akt, der im Widerspruch zum Willen Christi steht (vgl. ebd., Nr. 5). Die Kirche, so sagt das Dokument weiter, weiß sich verpflichtet, diese Lehre in der Katechese für die jungen Menschen und in jedem Aspekt ihres Lebens an die nachwachsenden Generationen… weiterzugeben. Das ist insofern eine Aufgabe von besonderer Bedeutung, als heute leider erneut Zeichen des Antisemitismus und Formen allgemeiner Fremdenfeindlichkeit auftauchen. Sie müssen uns Grund zur Sorge und zur Wachsamkeit sein. Die katholische Kirche – das möchte ich auch bei dieser Gelegenheit wieder betonen – tritt ein für Toleranz, Respekt, Freundschaft und Frieden unter allen Völkern, Kulturen und Religionen.

(Benedikt XVI. am 19/08/2005 in der Synagoge von Köln © Lib. Editrice Vaticana)

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Nach heutigem Stand der Beurteilung ist die Regensburger Rede nicht als Beleidigung des Islam, sondern als Referenz an die Orthodoxe Kirche zu werten. Manuel II. war als oströmischer Kaiser das damalige weltliche Oberhaupt der orthodoxen Kirche und dem Patriarchen und der orthodoxen Kirche gegenüber weisungsbefugt. Er gilt als einer der gebildetsten Herrscher des Byzantinischen Reiches.

Der Papst als Oberhaupt der Katholiken stellt in seiner Rede mit dem Zitieren eines Oberhauptes der orthodoxen Kirche eben nicht nur erhebliche Unterschiede des katholischen Religionsverständnisses zum protestantischen und islamischen fest, sondern auch eine quasi identische Auffassung über das Wesen Gottes zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, ungeachtet des Schismas von 1054. Es ist dabei unerheblich, dass dieses Zitat schon über 600 Jahre alt ist. Wichtig ist nur, dass es bereits aus der Zeit nach dem Schisma und überdies von einem ausgewiesenen Verfechter griechisch-orthodoxer Eigenständigkeit stammt.

Die Regensburger Rede ist damit, gerade im Vorgriff auf den Besuch beim Ökumenischen Patriarchen Ende 2006, auch ein gewisses Signal des Respekts und der Wertschätzung an die orthodoxen Kirchen. Angesichts des Bestrebens von Benedikt XVI. nach einer Wiederherstellung der Kircheneinheit mit der Orthodoxie ist dieser Aspekt der Rede nicht zu unterschätzen.

Auf der nicht immer kirchenfreundlichen Seite von Wikipedia ist zu lesen:

Der Sprecher des Vatikans Federico Lombardi betonte, dem Papst sei es um eine entschiedene Zurückweisung religiös motivierter Gewalt gegangen, nicht darum, die Gefühle der Muslime zu verletzen. Ganz im Gegenteil habe er die westliche Kultur gewarnt „das Heilige herabzuwürdigen“.

Auch Adel Theodor Khoury, der die Quellenedition herausgab, aus der der Papst zitierte, nahm Benedikt XVI. in Schutz, erklärte aber auch, dass man die Aussage hätte präzisieren können, um Missverständnisse zu vermeiden. Der Philosoph Kurt Flasch warf dem Papst ungenaue Argumentation und ein falsches Kant-Zitat vor. Von protestantischer Seite verwies der Theologieprofessor Rolf Schieder darauf, dass der Papst nicht nur der islamischen, sondern vor allem auch der protestantischen Theologie mangelnde Vernunftbindung unterstellt habe.

Nach der erfolgten Kritik erläuterte der Vatikan die Rede. In einer im Namen des Papstes veröffentlichten Erklärung von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone heißt es unter anderem:

„Im Hinblick auf das Urteil des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos, das von ihm in der Vorlesung von Regensburg angeführt wurde, hatte und hat der Heilige Vater nicht die Absicht, es sich in irgendeiner Weise zu eigen zu machen, sondern er bediente sich dessen, um daraus in einem akademischen Kontext – wie sich bei der aufmerksamen Lektüre des ganzen Textes der Regensburger Rede zeigt – einige Reflexionen zum Verhältnis von Religion und Gewalt im Allgemeinen zu entwickeln. Diese Überlegungen mündeten in eine entschiedene Zurückweisung von religiösen Motivationen von Gewalt, woher auch immer sie kommen.“

Inzwischen bezeichnete Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone gegenüber Radio Vatikan den „Fall Regensburg“ als „archäologisches Relikt“. Der Papst habe bewiesen, dass er für einen wahren Dialog mit dem Islam offen sei, so Kardinal Bertone. Man habe den Eindruck, dass „bereits ein Jahrtausend seit dem Missverständnis“ rund um die fehlinterpretierte Rede vergangenen sei. Die Türkei-Reise sei für das Kirchenoberhaupt sehr anstrengend gewesen, doch habe Papst Benedikt damit gezeigt, dass ihm das Gespräch mit den Muslimen viel bedeute.

Im Kontext der Kölner Ansprache darf die Regensburger Rede auch wegen ihrer Bezüge zu protestantischen und orthodoxen Kirchen in der Kontinuität zum Dokument Nostra Aetate gesehen werden.

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