Fastenwoche 4 (2013): GRENZEN DER FREIHEIT

Die vierte Fastenwoche steht vor uns, in der wir uns mit den Grenzen der Freiheit auseinandersetzen werden. Letzte Woche ging es um die Bedrohung der Freiheit; geraten wir langsam aber sicher in ein negatives Fahrwasser?

Die Gefahr ist dann nicht gegeben, wenn wir das Ziel – die Erkenntnis, was die gottgeschenkte Freiheit nun eigentlich ist – nicht aus den Augen verlieren.

Diese besondere Freiheit hat offenbar viel mit dem Herzen zu tun, wenn wir das Sonntagsevangelium betrachten. In diesem Gleichnis macht der Vater Gebrauch von dieser Freiheit, in dem er den einen Sohn als „mein Kind, das immer bei mir ist“ anspricht, und sein Herz für die Rückkehr des anderen, des „toten Bruders“ öffnet – ein freudiges Fest soll gefeiert werden!

Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. (Lk 15,31f)

Josef Bordat hat es in seinem Kommentar zum Evangelium das „Gleichnis vom barmherzigen Vater“ genannt. Im Bild des Vaters mit seinen Söhnen sehen und spüren wir, dass christliche Freiheit mit Barmherzigkeit zusammenhängt, und ohne Liebe passiert sowieso gar nichts.

Aber der durchaus mühselige Weg der Erkenntnis soll an dieser Stelle nicht abgekürzt werden, ganz im Gegenteil werden wir uns in den folgenden Impulsen mit den Grenzen der Freiheit auseinandersetzen, und unserem Ziel wieder ein Stück näherkommen.

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Es folgen 6 Gedanken für die Woche

Ob du für jeden Wochentag (Mo-Sa) einen Gedanken
in den Mittelpunkt stellst, oder aus diesen Vorschlägen
ein „Fastenprogramm“ nach eigenen Vorstellungen
zusammenstellst, bleibt dir überlassen.

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homo homini lupus est
„Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“ …siehe dazu den 2. Impuls

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1. LIEBE, UND DANN TUE WAS DU WILLST!

Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Gal 5,13f)

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“, formuliert Martin Luther in einer seiner wichtigsten Thesen. Und fährt dann fort: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (Kirchen-und Theologiegeschichte in Quellen, Bd.3, 1981)

Welcher Freiheitsanspruch aber herrscht in unserer Gesellschaft? Für das Individuum ist zu allererst der Ellbogen gefragt, der die „Freiheit“ und den Freiraum für den Einzelnen gewährleisten soll. In der Gesellschaft steht ein Anspruch an vordester Stelle, der in den letzten Jahrzehnten scheinbar alles rechtfertigt: Gleichheit.

Die „Gleichheit“ von Mann und Frau führt dazu, dass die Stellung und das Ansehen der Familie zweitrangig wird. Die „gleichen gesellschaftsrechtlichen Ansprüche“ für die Lebensumstände von Menschen mit allen nur denkbaren Geschlechtsorientierungen liegen einem zeitgeistigen Irrglauben zu Grunde, weil nicht gleichgesetzt werden kann, was schon an der Wurzel nicht gleich ist. Aber eine Reihe von Organisationen und Rechtsanwälten nehmen sich ungeniert die Freiheit, den Gleichheitsanspruch regelmäßig bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auszujudizieren.

Wie aber befreit Jesus? ER befreit den Menschen zu dem, was er ist, zur Tochter und zum Sohn Gottes. Diese Liebe gibt Mann und Frau eine königliche Würde, ohne irgendetwas oder irgendjemanden auszuschließen. Schließlich sind homosexuelle Veranlagungen nichts anderes als Spielarten (Varianten, Abweichungen) von dem, was ER geschaffen hat: Die Sehnsucht nach dem entgegegesetzten Geschlecht. Alle fallen wir unter die königliche Würde; aber heißt das, dass wir alle „gleich“ sind? Und wo steht geschrieben, dass diejenigen unter uns, die durch ihre Natur keine Kinder haben können, ein Recht auf Kinder haben?

Über all diesen „zeitgeistigen“ Auseinandersetzungen vergessen wir oft, was Jesus uns vorgelebt hat, und wozu wir geschaffen sind. Man nenne mir eine Stelle der Bibel, wo Jesus einen Menschen aufgrund seiner Geschlechtlichkeit ausschließt oder verurteilt. Und erinneren wir uns an den einzig wahren Auftrag, den wir haben: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

In der Überschrift zu diesem Impuls heißt es „Liebe, und dann tue, was du willst!“ Dieses Wort des Heiligen Augustinus ist alles andere als ein Freibrief für Willkür… vielmehr ermuntert es uns, so zu lieben, wie ER liebt: Ist die Liebe erst einmal im Fluss, will sie nur noch eins, noch mehr Liebe!

  • Wie verstehe ich das Wort des Augustinus, oder anders gefragt: wie verstehe ich Jesu Auftrag zur Liebe?
  • Nehme ich mir die Freiheit, andere auf die Irrtümer ihrer Freiheitsansprüche – liebevoll! – hinzuweisen?
  • Fühle ich mich befreit, wenn ich den Menschen meine Liebe zeige?
  • Verstehe ich, dass diese von mir gezeigte Liebe – egal wie sie von den Menschen angenommen wird – mich heiligt und Gott näher bringt?

Wie immer gilt: Bei Widerständen heißt es durchhalten, und bei Niederlagen – neu anfangen! Lieber weniger vornehmen, dafür konsequent bleiben…

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2. DER WOLF IN UNS

Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt Acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt. (Gal 5,15)

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“homo homini lupus (est)“ hat der römische Dicher Plautus etwa 200 vor Christus formuliert. Es passiert immer wieder, dass wir anderen Menschen misstrauisch begegnen und davon ausgehen, dass der andere uns übers Ohr hauen will. Gegen ein gewisses Maß an Vorsicht ist nichts einzuwenden, gewiß nicht, aber wie weit gehen wir in unserem Misstrauen? Und wie sehr gründet dieses Mißtrauen im Bestreben, unserem Gegenüber überlegen zu sein, oder den anderen gar selbst übers Ohr hauen zu wollen?

Wie oft haben wir in den letzten Jahren gedacht, dass Banker und Manager nichts anderes als Wölfe sind, die die Schwächeren ausschlachten? Dass die von uns gewählten Politiker zwar im Schafpelz auftreten, in Wirklichkeit aber unsere Gehälter und Pensionen zugunsten eigener Vorteile schmälern und auffressen?

Im Judentum zur Zeit Jesu bestand ein umfangreiches Regelwerk an Gesetzen. Alles diente dazu, den Menschen in die „gute Richtung“ zu zwingen, ihn vor sich selbst und anderen zu schützen. Paulus war zunächst ein Eiferer, der unter blutiger Ausnutzung dieser Gesetze Christen verfolgte – bis Jesus ihn befreite. Von einem Tag auf den anderen begann Paulus in der Freiheit Christi zu leben. Jetzt tritt an die Stelle der Bindung an das Gesetz die Bindung an Jesus Christus. Paulus hatte verstanden: Mit Christus bin ich auf ganz feste Weise verbunden, aber gerade daurch bin ich ganz frei!

  • Wieweit kann sich das (christliche) Lamm in uns aussöhnen mit dem (menschlichen) Wolf?
  • Wieweit hilft mir die Vision des Propheten Jesaja: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“ (Jes 11,6.9)
  • Schaffe ich es, in so manchem (scheinbaren) Guten auch die Anlage zum Bösen zu erkennen (Erkenntnis und Liebe hängen zusammen)?
  • Schaffe ich es, in allem Bösen auch ein Korn des Guten zu erkennen (Erkenntnis und Liebe hängen zusammen)?

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3. DER GEIST DER FREIHEIT

Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. (Röm 8,15-17).

Das Einzigartige in der christlichen Interpretation der Freiheit liegt vor allem darin, dass sie mit einem geschichtlichen Ereignis in Verbindung zu bringen ist: Jesus Christus begründet die neue, christliche Freiheit. Sie wird zunächst als Befreiung verstanden, die durch Christus erfolgt ist. Zur Freiheit hat uns Christus befreit, lautet der Ausruf des Paulus.

Jesus befreit uns aus der Gottesferne: Der Sohn Gottes steigt herab, ER kommt zu den Menschen. Jesus befreit uns aus der Verlockung des selbstsüchtigen Verhaltens und sinnlosen Lebens: ER befreit zum Vertrauen auf Gott, den Vater, und auf die Liebe, die uns heiligt. Unsere christliche Freiheit verwirklicht sich in der Zugehörigkeit zu Gott, im glaubenden Vertrauen auf IHN, der auf gerechte Weise für uns sorgt.

Viele von uns kennen die Situation, wo Kinder auf ihre Eltern vertrauen, und dabei wie befreit wirken, im Spiel aufblühen und sich entfalten. Nichts anderes will ER von uns. Freiheit ist also nicht so sehr, was der Einzelne besitzt, sondern was in der Beziehung des Glaubens und Vertrauens entsteht. Nur als Glieder des einen Leibes erfahren wir Freiheit, Liebe und die Anwesenheit Gottes. So erschließen wir uns den Beziehungsreichtum des Lebens, und darin verwirklicht sich unsere Freiheit.

  • Kenne ich Menschen, die ich als wirklich frei erlebe, deren Beziehungsreichtum ich wahrnehme?
  • Kenne ich Menschen, die innerlich unfrei sind? Welches Gottesbild – wenn überhaupt – finde ich bei ihnen?
  • Was kann mir helfen, noch freier zu werden – um damit den Menschen und Gott näher zu kommen?

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4. HERRSCHAFTSWECHSEL

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. (Mt 6,24)

Viele nehmen sich heute Freiheiten heraus, und fühlen sich doch nicht befreit. Der Rechtsanwalt, der vor wenigen Wochen das Adoptionsrecht homosexueller Paare auf ihre leiblichen Kinder vor dem EGMR erstritten hat: Wird er sich nun frei oder befreit fühlen? Fühlen sich betroffene homosexuelle Paare nun befreit, oder wird es erst dann so weit sein, wenn ihnen ein allgemeines Adoptionsrecht zugestanden wird? Was aber wird dann der nächste Anspruch sein, den es zu erstreiten gilt?

Oder denken wir an die zahlreichen Manager und Finanzberater. Mit welchen Versprechungen an ihre Unternehmen bzw. Klienten erkaufen sich manche von ihnen ihre Gewinne und ihre finanzielle Unabhängigkeit? Wenn die „materielle Unabhängigkeit“ erreicht ist, mit welchen Mitteln muss dann der Kampf um den Erhalt des Vermögens betrieben werden? – Die Beispiele für menschliche Verhaltensweisen, in denen dem Mammon gedient wird, könnten unendlich fortgesetzt werden…

Viele Ehen scheitern, Menschen nehmen sich die Freiheit, die Ehegemeinschaft aufzulösen und „befreit“ von vorne zu beginnen. Wie viele von ihnen, unter ihnen viele Alleinerzieher, haben Sorge um ihr finanzielle Situation? Wie viele von den Alleinerziehern fragen sich, wie ihre Absicherung im Alter aussieht, oder ob sie unter Einsamkeit leiden werden? Wie steht es um die vielen Singles in unserer Gesellschaft, müssen sie sich diese Fragen nicht noch viel intensiver stellen?

Alle diese angesprochenen Arten der Freiheit und Befreiung führen zu neuen Abhängigkeiten und Zwängen: Wenn es nicht der Kampf um den Mammon (Geld, Rache, Eifersucht, Lüste, Beziehungen) ist, der viele Menschen auslaugt, dann besorgen Vermögenseinbußen oder Krankheit den Rest.

„Wer sich in Liebe bindet, bleibt frei“ lautet ein altes Sprichwort. Man darf sich ernsthaft fragen: Freiheit und Bindung, wie gehören sie zusammen? Braucht es tatsächlich eine Bindung, um frei zu sein? Wenn ja, wie sollte diese Beziehung beschaffen sein? Es braucht keine besondere Fantasie oder Erfahrung, um sagen zu können: Der Schlüssel zur Freiheit ist eine erfüllte Liebesbeziehung. Die entscheidende Frage ist nun: Mit wem aber kann ich eine solche Liebesbeziehung eingehen? Die Antwort ist so einfach, und doch wird sie von immer weniger Menschen gefunden.

Spätestens wenn alle meine Beschäftigungen mit dem Mammon scheitern, stellt sich die Frage: Wenn diese Schöpfung gerecht sein soll, dann muss es doch für alle Menschen eine Möglichkeit geben, in einer erfüllten Liebesbeziehung zu leben. Die einfache Antwort lautet: Gott. Da Gott unendlich ist, ist auch Seine Gerechtigkeit vollkommen; da ER unermeßlich ist, ist es auch Seine Liebe – und genau diese vollkommene, unermeßliche und gerechte Liebe bietet Gott an, jedem einzelnen Menschen gewährt er sie! Was kann es nun für Gründe geben, diese Liebe nicht anzunehmen?

Die Erfahrungen und Möglichkeiten des Menschen, so wie er geschaffen wurde, sind begrenzt, jedenfalls in diesem irdischen Leben. So kann der Mensch sich – bevor er die grenzenlose Liebe Gottes annimmt – gegen eben diese Liebe entscheiden. So viel Freiheit gewährt Gott! Leid, Unglück, Krieg, Krankheit und Elend tun ihr übriges: Der Mensch greift lieber zu dem, was er jetzt und heute in die Finger bekommen kann, bevor er sich darauf einläßt, vielleicht erst aus der Perspektive des ewigen Lebens die vollkommene Gerchtigkeit Gottes zu erkennen und zu preisen.

Wir müssen uns entscheiden, wem wir Macht und Einfluss über uns einräumen und unter welcher Herrschaft wir leben wollen. Wer sich für Gott entscheidet, vollzieht einen Herrschaftswechsel.

  • Welche Götter und Götzen verwirren mein tägliches Leben?
  • Wie viele Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus, die ich nachträglich korrigieren will – hat in diesen Fällen mein Bauchgefühl das Gewissen ausgeblendet?
  • Bin ich bereit, wieder mehr auf mein Herz, auf mein Gewissen, auf die Stimme Gottes zu hören?

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5. GELÜBDE

Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie. (Mt 13,45f)

„Du hast mich betört“ singen Novizinnen eines Orden anlässlich ihrer Professfeier. Darf man seine Freiheit einfach so aufgeben? Darf man nach den evangelischen Räten in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam sich selbst die Hände binden? „Komm, folge mir!“ heisst der Ruf Christi. Die Jünger ließen alles liegen und stehen – und folgten Ihm. Kann der lebendige Gott einen Menschen so in Beschlag nehmen, dass er alles andere „voll Freude verkauft“ und seine Liebe und Freiheit verschenkt?

Heute ist vielen Menschen unverständlich, wie man der Berufung zum Priester oder dem Ruf ins Kloster folgen kann. Und dann noch die Bürde der evangelischen Räte! Wie kann man auf so viel Freiheit und Lebensgenuss verzichten? Dabei sagt schon ein weltliches Sprichwort: Mache einen Geizhals zum Verliebten, und er wird zum Verschwender!

Im Gleichnis mit dem Kaufmann geht es um die Suche nach Perlen. Der Kaufmann sucht kostbare Perlen, also wird er weder besonders arm oder erfolglos sein. Er sucht und hat Sehnsucht im Herzen – es muss Leidenschaft sein: Als er eine besonders wertvolle Perle findet, verkauft er voll Freude alles, was er besitzt, und kauft die Perle. So ist das mit dem Himmelreich: Die Perle geht uns nicht aus dem Sinn.

Die kostbare Perle findest du nicht ohne Einsatz. Selbst wenn es der „Zufall“ gut mir dir meint, ist dir ohne Leidenschaft für diese Perle nicht sehr geholfen; Geldwert ja, Liebe nein. Mit Leidenschaft aber wird es dir nicht schwer fallen, der Perlensuche treu zu bleiben und die Liebe zu finden. „Von nun an gehöre ich Gott“. „Gehören“ heißt nicht besitzen, sondern verbunden sein durch Liebe und Anerkennung. Im verantwortlichen Gehorsam gebe ich meine Freiheit nicht auf. Freiwillig übernehme ich die Werte und Gesetze dessen, den ich als unermesslich größer als mich selbst erkenne.

Auf die innere Beziehung und freiwillige Bindung kommt es an. Soli deo, Gott allein genügt! Das ist das Schlüsselwort. Natürlich ist mein Bemühen halbherzig und oft laufe ich hinter meinen Vorsätzen her. Aber der Ansatz und die Einstellung stimmt: Wer sich in Liebe bindet, ist frei.

  • Kenne ich die Situation, alles für eine Sache einzusetzen, Zeit und Mittel zu investieren, um ein gutes Ziel zu erreichen oder einen Menschen zu lieben?
  • Kann ich die Emmausjünger verstehen, die rückblickend über die Begegnung mit Jesus sagten: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust?“ (Lk 24,28)
  • Wer sich in Liebe bindet, ist frei – wie denke ich nun über diesen Satz?

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6. LIEBE BINDET – LIEBE MACHT FREI

Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch. (Gen 2,18.24)

Aus einem Gespräch der Ehepartner Andrea und Andreas.

Andrea: „Liebe bindet – Liebe macht frei.“ Was fällt uns als Ehepaar dazu ein?

Andreas: Es heißt doch „geteilte Freude ist doppelte Freude – geteiltes Leid ist halbes Leid“. Vielleicht kann man auch sagen: „Geteilte Freiheit ist doppelte Freiheit“.

Andrea: Wie meinst du das?

Andreas: Zu zweit wird der Blick weiter. Durch dich habe ich viel gelernt, z.B. darüber, wie eine Frau empfindet.

Andrea: Und ich finde es spannend, deine Sichtweisen kennen zu lernen.

Andreas: Seitdem ich dich kenne, werden meine Perspektiven durch deine ergänzt. Der Horizont wird weiter. Ich habe mehr Entscheidungsmöglichkeiten und du hilfst mir auch noch, meinen Weg zu gehen. Die Bindung an dich gibt mir mehr Freiheit, klingt paradox, ist aber so.

Andrea: Ich kann meine Freiheiten so genießen, weil du mir eine Heimat schenkst. Dein Vertrauen und deine Ermutigung erweitern meine Möglichkeiten. Und wenn ich unterwegs bin, freue ich mich, dass ich dir anschließend von meinen Erlebnissen erzählen kann.

Andreas: „Heimat“ ist ein wichtiges Stichwort. Ich verbinde damit auch die gesicherte Position, von der aus ich handeln und Neues wagen kann. Ich weiß, dass du mir zuhörst und wir uns immer austauschen können.

Andrea: Ich glaube, dass es eine Freiheit gibt, auf der Suche zu sein, z.B. auf der Suche nach einem Menschen, mit dem man sein Leben teilen möchte. Und dass es auch eine Freiheit gibt, sich für einen ganz konkreten Menschen zu entscheiden. Wenn ich mich nicht entscheide und damit auch nicht die Vielzahl der Möglichkeiten hinter mir lasse, werde ich die Erfahrung nicht machen können, einen konkreten Menschen in der ganzen Tiefe kennenzulernen. Vertrauen und Nähe, wie sie in einer engen Beziehung möglich sind, eröffnen Räume, die sonst verschlossen bleiben.

Andreas: Der Ehering wird mitunter als „goldene Fessel“ bezeichnet. Ich lese da heraus, dass man durch die Bindung an Freiheit verliert, sich aber ganz gern in dieser Weise fesseln lässt. Wahrscheinlich, weil man mehr gewinnt als verliert.

Andrea: Für mich ist Vertrauen und Nähe so wertvoll, dass ich diesen Reichtum nicht gefährden möchte. Ich möchte den Menschen, der mir so tiefes Vertrauen entgegenbringt, nicht enttäuschen. Aber ich tue mir auch einen Gefallen, wenn ich das gewachsene Vertauen nicht gefährde.

Andreas: Eine glückliche Verbindung mit einem Ehepartner ist ohne Vertrauen und Treue nicht zu haben. Der Gewinn ist eine Erweiterung der Perspektive, des persönlichen Wohlbefindens und der Freiheit. Darum bin ich auch den Weg der Bindung und des Vertrauens gegangen, trotz aller Risiken, die auch damit verbunden sein mögen. Für mich ist geteilte Freiheit doppelte Freiheit.

Andrea: Ich empfinde es als großes Geschenk, einen Weg der Liebe und des Vertrauens gehen zu dürfen – das ist nicht selbstverständlich – und ich hoffe, dass wir noch möglichst lange gemeinsam auf dem Weg sein können.

(Quelle: P. Erich Purk, Freiheit, 2011, S.81)

  • Es ist spannend, sich mit dem Partner (oder einem lieben Menschen) über das Thema Freiheit und Bindung zu unterhalten – wann habe ich mich zuletzt darauf eingelassen?
  • Kann ich erkennen, wie Partnerschaft (Freundschaft) ergänzt und neue Perspektiven (Freiheiten…) eröffnet?
  • Sehe ich die Schätze, die das Erlebnis der Nähe und des Vertrauen eröffnen?
  • Wie weit ist für mich „geteilte Freiheit doppelte Freiheit“?

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Fortsetzung am nächsten Fastensonntag ab 06:00 !

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Wir wollen beten:

Jesus Christus, du willst uns zu Gottes Hochzeitsmahl führen,
so bitten wir dich:
Herr, steh uns bei –
Schenke uns Freude an deiner Nähe,
Bereite uns für dein Reich, das du uns schenken willst,
Hilf uns, die Fastenzeit gut zu nutzen.

Jesus, segne uns mit der Sehnsucht nach dir und dem Vater.
Segne uns mit der Freude über das, was du uns schenkst.
Segne uns mit der Kraft, uns darauf vorzubereiten.
Segne uns mit dem Willen, uns von dir führen zu lassen.
Amen.

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Anhang: FASTEN IM JAHR DES GLAUBENS (Benedikt XVI.)

„Caritas Christi urget nos“ (2 Kor 5,14): Die Liebe Christi ist es, die unsere Herzen erfüllt und uns dazu drängt, das Evangelium zu verkünden, formuliert Papst Benedikt XVI. Heute wie damals sendet Christus uns…, um sein Evangelium allen Menschen der Erde bekanntzumachen (vgl. Mt 28,19). Mit seiner Liebe zieht Jesus Christus die Menschen aller Generationen an sich.

Es ist das Anliegen von Benedikt XVI., dass dieses Jahr des Glaubens in jedem Gläubigen das Verlangen wecke, den Glauben vollständig und mit erneuerter Überzeugung, mit Vertrauen und Hoffnung zu bekennen. Diese Zeit verlangt es, dass das Zeugnis des Lebens aller Gläubigen an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wir sind aufgerufen, über den Glaubensakt selbst nachzudenken.

In diesem Zusammenhang ist das Beispiel der Lydia sehr bedeutsam. Der heilige Lukas erzählt, dass Paulus, als er in Philippi war, sich am Sabbat aufmachte, um einigen Frauen das Evangelium zu verkünden; unter ihnen war Lydia, und „der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte“ (Apg 16,14).
Was aber ist der Sinn dieser Worte? Der heilige Lukas lehrt, dass die Kenntnis der zu glaubenden Inhalte nicht genügt, wenn dabei das Herz, das echte „Heiligtum“ des Menschen, nicht durch die Gnade geöffnet wird.
Die Rede ist von jener Gnade, die die Augen öffnet, um in die Tiefe zu sehen und zu verstehen, dass das, was verkündet wurde, das Wort Gottes ist.

Über alle Zeiten haben Brüder und Schwestern aufgrund des Glaubens ihr Leben Christus geweiht und Tätigkeiten zugunsten der Gerechtigkeit gefördert, um das Wort des Herrn, der gekommen ist, konkret werden zu lassen. (vgl. Lk 4,18-19)

Aufgrund des Glaubens haben im Laufe der Jahrhunderte Männer und Frauen jeden Alters, deren Namen im Buch des Lebens verzeichnet sind (vgl. Offb. 7,9; 13,8), die Schönheit bekannt, was es heißt, dem Herrn Jesus dort nachzufolgen, wo sie berufen waren, ihr Christsein zu bezeugen: in der Familie, im Beruf, im öffentlichen Leben, in der Ausübung der Charismen und Dienste, zu denen sie gerufen wurden.

(Benedikt XVI.)

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Die Gedanken für die Woche sind inspiriert von
P. Erich Purk, Freiheit, KBW 2011

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Ein Gedanke zu “Fastenwoche 4 (2013): GRENZEN DER FREIHEIT

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