Gesetz und Gnade (Ev. vom 5.Fastensonntag 2013)

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Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (Johannes 8, 1-11)

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Gesetz und Gnade

Heute ist eine der schönsten Stellen der Bibel dran: Jesus und die Ehebrecherin. Hier wird der biblische Grundsatz, Gottes Gebote in einer bestimmten Weise auszulegen, die Christus uns vorgestellt und vorgelebt hat: in Liebe.

Das bedeutet: in Gnade und Barmherzigkeit. Gnade und Barmherzigkeit richten sich immer auf den Einzelfall. Die Norm selbst bleibt davon unberührt. Das ist die Gerechtigkeit Gottes, ein ganz neuer Zugang zum Gesetz.

1. Jesus lehrt uns diese neue Gerechtigkeit. Er will das mosaische Gesetz nicht abschaffen, sondern erfüllen. Damit gerät Er in den Verdacht, auch nicht besser zu sein als die alttestamentliche Väter-Generation. Schon die Pharisäer sahen hier eine Chance, Jesus in Widersprüche zu verwickeln und zu diskreditieren – entweder als Jude (wenn Er sich nicht an das Gesetz des Mose halten will) oder als Reformator (wenn er sich – ganz traditionell – doch an das Gesetz des Mose halten will). Jesus selbst sagt, Er sei nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben“, sondern „um zu erfüllen“ (Mt 5, 17). Und weiter: „Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.“ (Mt 5, 18-19).

Es ist Ihm wichtig, dass das Gesetz bestehen bleibt. In der Tat: Das Gesetz und die Propheten werden durch Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt. Die Frage ist: Wie erfüllt Christus das Gesetz? Die Antwort lautet: in Liebe. Jesus sagt einem Pharisäer (also einem, der sich mit dem Gesetz gut auskennt), dass „das ganze Gesetz samt den Propheten“ am Doppel-Gebot der Gottes- und Nächstenliebe „hänge“ (vgl. Mt 22, 34-40). Es hängt also ganz von der Liebe ab – darin besteht die Erfüllung. Jesus wünscht sich (im Geist der Liebe) eine Gerechtigkeit, die über die Buchstaben des Gesetzes weit hinausgeht (vgl. Mt 5, 20), ohne dass dadurch der Geist des Gesetzes bedeutungslos würde. Jesus kritisiert nicht die Gesetzestreue der Pharisäer, sondern den inhaltsleeren Formalismus, der ihre Treue bestimmt. Der entscheidende Wendepunkt in der Ethik Jesu ist also nicht die Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern die Auslegung des geltenden Gesetzes in Gerechtigkeit als Liebe (das ist neu).

Jesus kommt daher mit Seiner Ethik zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16). Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder auch hungrige Jünger (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2, 27).

2. Eine besondere Zuspitzung im Streit der beiden Auslegungsschulen findet sich im heutigen Evangelium, in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin. Man muss dazu wissen, dass es Jesus mit dem Verbot des Ehebruchs sehr ernst ist. Es ist auch in Seinen Augen keineswegs eine Bagatelle, die schon wegen Geringfügigkeit straffrei bleiben muss. Vielmehr verschärft Er in gewisser Weise das Gesetz des Mose an diesem Punkt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5, 27-28). Diese Verschärfung ist zugleich eine sehr lebensnahe Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ Jesus betrachtet die Tat auf der voluntaristisch-intentionalistischen Ebene („im Herzen“) und führt sie auf ihren eigentlichen Beginn zurück. In der Tat ist nicht der vollzogene Geschlechtsverkehr das eigentliche Problem, sondern der Wille, die Absicht, die zu ihm führt. Der lüsterne Blick ist der erste Schritt ins Verderben. Hier gilt es anzusetzen, bei der Einstellung, der Haltung. Jesus spricht hier in einer psychologischen Klugheit, die an Klarheit und Wahrheit das mosaische Gesetz weit übertrifft.

Also: Für Jesus ist die Ehe ein hohes, kostbares Gut, so hoch und so kostbar, das nichts sie gefährden soll. Jesus wendet sich denn auch nicht gegen das Gesetz des Mose, das die Ehe ebenfalls schützen will, sondern gegen die Selbstgerechtigkeit derer, die es unbedingt anwenden wollen, die ohne Gnade sind – „hartnäckig“, wie Johannes schreibt (Joh 8, 7). Das Gesetz gilt und Steinigungen fallen auch nicht prima facie aus, doch beides wird in Beziehung gestellt zur Richter-Attitüde der Pharisäer und der Fehlbarkeit („Sündhaftigkeit“) des Menschen. Jesus geht es um die strengen Bedingungen, unter denen überhaupt nur an eine Anwendung des Gesetzes gedacht werden kann: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8, 7). Wir sind alle Sünder, diese Einsicht wächst mit der Lebenserfahrung („Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.“, Joh 8, 8). Wir sollten also nicht in einer absoluten Weise richten – und was könnte absoluter sein als die Todesstrafe. Das ist allein Gottes Sache. Jesus geht mit der menschlichen Hybris ins Gericht, in letztgültiger Weise über Menschen urteilen zu können. Er sprengt die engen Grenzen der Rechtsnorm-Rechtsfolge-Logik, die eine menschliche Denkweise kennzeichnet, in der es nicht mehr um „gut“ und „böse“ geht, sondern nur noch um „strafbar“, die daher nicht auszubrechen imstande ist aus dem Konnex von Schuld und Strafe, von Vergehen und Verurteilen – und in der Vergeben keine Rolle spielt.

Im Ergebnis steht: Das Gesetz bleibt – Ehebruch bleibt Ehebruch –, aber es siegt die Barmherzigkeit. Die Ehebrecherin wird als Sünderin nicht verurteilt (Joh 8, 11), wohl aber der Ehebruch als Sünde. So deutet Christus nach dem Gnadenerweis wieder zurück auf das Vergehen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Damit bestärkt er sogar das Gesetz, das jene Sünde verhindern soll. Die Ehebrecherin erhält ihre Bewährungschance – nicht gegen das Gesetz, sondern mit dem Gesetz. Das Gesetz bleibt (Mt 5, 17), aber es wird um den Aspekt der göttlichen Gerechtigkeit (Mt 5, 20), d. h. um den Aspekt der Liebe erweitert, die sich in der tätigen Barmherzigkeit Jesu gegenüber der Ehebrecherin zeigt.

3. Allgemein zeigt sie sich immer dort, wo unter bestimmten Umständen um Gottes und um des Menschen willen auf die buchstabengetreue Anwendung von Normen verzichtet wird. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Wir alle haben sicher schon mal Situationen erlebt, wo das Gesetz auf unserer Seite war und wir in der Versuchung waren, es für uns zu benutzen, dabei aber spürten, dass es eigentlich nicht richtig ist, in diesem Fall auf unser „gutes“ Recht zu pochen. Selten geht es dabei um Leben und Tod. Es kann sein, dass jemand einen Formfehler gemacht hat, der ihn die Rechtsgrundlage einer eigentlich berechtigten Forderung kostet. Es kann sein, dass sich jemand zu unseren Gunsten irrt und der Irrtum rechtswirksam ist. Es kann sein, dass wir von einem Fall hören, in dem ein Mensch – völlig „zurecht“ – beschuldigt wird etwas Gesetzwidriges getan zu haben; der Sachverhalt ist eine Straftat, ohne jeden Zweifel, das Strafmaß laut Gesetz vorgegeben und die Anwendung des Gesetzes vertretbar – und dennoch spüren wir: eigentlich ist das nicht gerecht! So wie in einem Fall, der mich im Sommer 2011 sehr erregt hat (vgl. Über das Richten).

Wir müssen wohl bei der Anwendung von Normen fragen: Geschieht sie aus Liebe, aus „Hunger und Durst nach Gerechtigkeit“ (Mt 5, 6)? Oder geht es um das Gesetz um des Gesetzes willen? Man muss im Umgang mit dem Nächsten tun, was eingedenk der göttlichen Gerechtigkeit nötig, nicht, was aufgrund des Gesetzes möglich ist. Vor allem dann nicht, wenn es um Leben und Tod geht.

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Josef Bordat betreibt das katholische Weblog Jobo72 (http://jobo72.wordpress.com/)

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